The Batman (2022)

13. März 2022 at 17:30

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

Fear is a tool. When that light hits the sky, it´s not just a call. It´s a warning.

 

Strömender Regen… tiefschwarze Dunkelheit… das Geräusch schwerer Stiefel im Schatten… Regisseur Matt Reeves hat nicht nur mit Let Me In ein Hollywood-Remake erschaffen, welches besser ist als dessen schwedisches Original, er war auch mit zwei Filmen für die Planet der Affen-Reihe maßgeblich an einer der stärksten wie zugleich unterschätztesten Trilogien der letzten Jahre beteiligt. Nun also versucht er sich mit The Batman an der Frühphase des Dunklen Ritters und kehrt zu dessen Ursprüngen zurück. Die beiden Comics Year One und The Long Halloween bilden da vor allem das erzählerische Grundgerüst, wenn von Frank Miller die Psychologisierung Batmans übernommen wird und von Jeph Loeb der Plot eines Serienkillers, welcher Gothams Unterwelt wie auch die High Society in Angst und Schrecken versetzt.

 

Batman befindet sich in seinem zweiten Jahr im Kampf gegen Verbrechen und Korruption, er ist noch ungestüm, erfüllt von brodelnder Wut und innerlich zerrissen, er ist brutal und kompromisslos, aber ihm unterlaufen auch Fehler und er ist gezeichnet von Unsicherheit. Batman ist ein Produkt seiner Umwelt, ein Produkt der Gewalt. Gewalt mit Gewalt zu begegnen ist immer eine Gratwanderung, das muss er in seinen Anfangsjahren auf schmerzhafte wie bittere Art und Weise erst lernen. Erlösung jedenfalls lässt sich so nicht erfahren. Dieser Batman muss sich erst noch finden. Er ist noch nicht das große Symbol, er steht noch nicht für Hoffnung, für ein besseres Gotham, sondern für Selbstjustiz und Gewalt. The Batman zeigt uns nicht, wie Bruce Wayne zu Batman wird, sondern wie Batman wieder zu Bruce Wayne werden muss. Denn dieser Bruce Wayne ist kaum mehr als eine bloße Hülle, leer, verzehrt von endlos langen Nächten in der Dunkelheit.

 

Was man nun allerdings nicht erwarten sollte, das ist das beinahe schon klassisch anmutende Superheldenkino der heutigen Zeit, denn The Batman geht da viel lieber völlig andere Wege. Allein die Origin auszusparen und durch den Sohn des getöteten Bürgermeisters elegant in die filmische Gegenwart zu verschieben ist ein kleiner Geniestreich. Der bloße Blick von Batman auf den verstörten Jungen sagt uns alles, was wir wissen müssen. Selbst einer klassischen Dramaturgie entzieht sich Reeves und erzählt seine Vision der Fledermaus als antiklimaktischen NeoNoir-Crimethriller. Der Riddler beginnt eine mörderische Schnitzeljagd und Batman muss sich wie ein Detektiv zusammen mit Lieutenant Gordon seinen Rätseln stellen, Spuren suchen und Hinweise verfolgen. Actionsequenzen sind in diesen erdrückend anmutenden drei Stunden Laufzeit eher rar gesät und stehen nicht im Fokus der Inszenierung, sind aber äußerst pointiert eingesetzt und kommen ausgesprochen wuchtig, druckvoll und effektiv daher. Die Kampfszenen sind klein gehalten in der Action, immer dicht am Geschehen und sehr fokussiert, aber auch dynamisch und oft in Totalen ohne viele Schnitte eingefangen.

 

Visuell erinnert The Batman nicht ohne Grund an Seven von David Fincher. Gotham sah nie zuvor so düster, dreckig, heruntergekommen und gefährlich aus. Ein Moloch voller Abgründe, in dem Verbrechen und Gewalt spürbar an jeder Ecke lauern und Korruption die Stadt von den Narrows bis ins Rathaus durchdringt. Die Kamera von Greig Fraser fängt das alles in deprimierend schönen Bildern ein und der Kontrast zu seiner Arbeit bei Dune könnte kaum größer sein. Die Enge der Gosse gegen die Weite der Wüste. Das alles ist mit einem wuchtig drückenden Score aus der Feder von Michael Giacchino (Planet der Affen, Jurassic World, Rogue One) unterlegt und mit einem fabelhaften Sounddesign versehen.

 

Ambivalenz und Dualität. Batman und Riddler. Zwei Seiten einer Medaille. Die Idee ist dieselbe, den Filz der Korruption in Gotham zu durchdringen und aufzubrechen, Gerechtigkeit wieder herzustellen, doch die Methoden sind es, welche Batman und den Riddler voneinander unterscheiden. Und am Ende erscheint der Riddler mit seinem Plan, seiner Idee, seinem Ansinnen, erschreckend gegenwärtig. Während Joker von Todd Phillips vor allem budgetär eher experimentell konzipiert war, da traut sich Warner nun mit The Batman radikal neue Wege zu beschreiten und bringt die bisher vielleicht stärkste und eindrücklichste Interpretation des Dunklen Ritters auf die große Leinwand. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die Figur des Batman in den kommenden Jahren noch weiter ausformen wird.

 

9/10

 

 

Tenet (2020)

25. Dezember 2020 at 20:36

 


© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

What´s happened, happened.“

 

 

Im Spätsommer eines in nahezu jeglicher Hinsicht vergessenswerten Jahres sollte Tenet die Kinokultur retten. Eine wahrlich übergroße Bürde und kaum zu stemmen. Vielleicht nicht die besten Voraussetzungen für ein derart ehrgeiziges Projekt. Aber allein der Versuch, ein solches High Concept-Kino auf die Leinwand zu bringen, den kann ich kaum anders als mindestens zu respektieren. Wahnsinnig ambitioniert, vielleicht zu ambitioniert, aber vermutlich niemand sonst hätte Tenet genau so machen können. Immer auch in dem Wissen, damit scheitern zu können.

 

Don´t try to understand. Feel it. Diese recht früh im Film fallenden Worte adressieren nicht einfach nur den namenlosen Protagonisten, sondern vor allem auch den Zuschauer. Bloß nicht zuviel drüber nachdenken, lieber überwältigen lassen. Da fangen die Probleme allerdings schon an, denn auf der reinen Gefühlsebene baut Tenet nur auf Behauptung. Wirklich emotional erreicht hat mich Nolans neuestes Werk zu keiner Sekunde und keines der verhandelten Schicksale vermochte mich zu berühren, so dass ich nicht gerade selten einen eher distanzierten Blick auf das Geschehen hatte.

 

Und doch entfesselt Tenet schnell eine enorm rauschhafte Anziehungskraft und bietet performatives Spektakel voller audiovisueller Wucht. Schon der Einstieg gestaltet sich brachial und legt ein hohes Tempo vor, welches der Film so schnell nicht wieder drosseln wird. Als reine Materialschlacht kann Tenet absolut überzeugen und auch wie Nolan die verschiedenen Zeitebenen geschickt innerhalb der Szenen miteinander verwebt und auflöst, das vermag zu begeistern. Dazu gesellen sich immer wieder zwar winzige, dafür um so genialere Details.

 

Doch so beeindruckend all die technischen Aspekte auch sein mögen, so mäßig gestaltet sich die erzählerische Ebene. Obwohl der Kniff rund um die temporalen Verschiebungen durchaus relevant ist für die Handlung, entpuppt sich Tenet davon abgesehen eher als klassischer Agententhriller und bedient sich mehr an dessen Strukturen, wenn die Protagonisten von einem exotischen Setting zum nächsten reisen und immerzu dem nächsten MacGuffin hinterher jagen.

 

Mein größtes Problem mit der erzählerischen Struktur von Tenet jedoch ist der Umstand, dass die Regeln dieser Welt seltsam diffus umrissen werden, nicht immer richtig greifbar sind und sich nicht selten unstimmig anfühlen. Beinahe so, als würde man während eines Brettspieles mittendrin das Regelwerk ändern. Vielleicht ändert sich das mit weiteren Sichtungen, das vermag ich noch nicht zu beurteilen, im ersten Durchgang jedoch hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass erzählerische Kohärenz nicht immer im Vordergrund steht. Dazu hat das zu Grunde liegende Bedrohungsszenario durch den Waffenhändler Andrei Sator irgendwie nicht so richtig Gewicht, bleibt eher vage und bedeutungslos.

 

Unwissenheit ist unsere Munition. Am Ende macht es mir Tenet wirklich nicht einfach. Fehlende emotionale Bindung, eine zu diffuse Bedrohung und das nicht immer klare Regelwerk gegenüber technischem Muskelspiel und audiovisueller Brillanz. Im Großen vielleicht fehlerhaft, im Detail teilweise herausragend.

 

7 von 10 temporalen Zangenbewegungen.