Possession (1981)

17. November 2020 at 20:19

 

 


© Gaumont/Quelle: IMDb

 

 

 

I can’t exist by myself because I’m afraid of myself, because I’m the maker of my own evil.“

 

 

 

West-Berlin, Anfang der 80er Jahre. Als Mark nach einer längeren Geschäftsreise heimkehrt, findet er seine Ehe zerrüttet vor. Seine Frau Anna hat mit dem exzentrischen Heinrich einen Liebhaber und plant mitsamt ihrem Sohn die Familie zu verlassen. Als Mark Heinrich schließlich zur Rede stellen will, muss er herausfinden, dass auch er von Anna betrogen wird.

 

Überall Mauern. Zwischen Menschen, zwischen Staaten, in Köpfen und Herzen. Persönliche wie politische. Szenen einer Ehe und doch so viel mehr. Zweifellos verarbeitet der polnische Regisseur Andrzej Zulawski mit Possession auch seine gescheiterte Ehe, doch darüber hinaus hat sein Film noch so manche Deutungsebene mehr und reichlich Spielraum zur Interpretation zu bieten. Überhaupt erschließt sich in Possession vieles deutlich stärker über die Gefühlsebene als durch die Handlung selbst. Die zerbrechende Ehe von Mark und Anna ist nur vordergründig von Bedeutung, offenbaren sich doch unter der erzählerischen Oberfläche noch ganz andere Themen. Religion, Spiritualität, Sexualität, Entfremdung, Selbstbestimmung, angezweifelte Rollenbilder, angegriffene Männlichkeit, Isolation… all das findet zumindest Anklang und wird vermengt zu einem sich immer weiter zuspitzenden Mahlstrom aus Angst, Wut, Zerrissenheit und Wahn.

 

Die jeweilige Ebene mag sich zwar je nach Verfassung des Zuschauers verschieben und unterschiedlich deuten lassen, in vielerlei Hinsicht stark sexuell konnotiert sind die Bilder von Kameramann Bruno Nuytten jedoch zweifellos. Überhaupt ist die Kamera unglaublich gut, gleitet flüssig durch den Raum, wenn nötig, immer ganz nah am Geschehen, ist gleichermaßen nüchtern dokumentarisch wie wild und dynamisch. Und wie Nuytten immer wieder die buchstäblich von entrückt bis hin zu vollkommen entfesselt ihre ganz eigene Palette des Wahnsinns ausspielende Isabelle Adjani einfängt, das ist schlicht atemberaubend. Das kann einem zuviel des Guten sein und nicht in den Film eintauchen lassen, es kann aber auch die absolut gegensätzliche Wirkung haben und den geneigten Zuschauer vollends in seinen und somit auch ihren Bann ziehen. Possession. Besessenheit. Manchmal gibt es Dinge, an denen können Wörter zerbrechen. Dinge jenseits jeglicher Beschreibung. Unaussprechlich. Dann braucht es Bilder. Und die liefert Zulawski ohne jeden Zweifel.

 

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The House of Horrorctober #6: Daybreakers

14. Oktober 2017 at 12:54

 

 

© Lionsgate

 

 

Im Jahr 2019 haben sich Vampire als neue Spezies an die Spitze der Nahrungskette gesetzt. Die letzten verbliebenen Menschen sind auf der Flucht, im Untergrund abgetaucht oder dienen den Vampiren in riesigen Blutfarmen als Nahrungsquelle. Doch ihr Umgang mit den Ressourcen ist verschwenderisch und ihre Blutreserven werden wie die Rasse Mensch immer kleiner. Der Hämatologe Dr. Edward Dalton soll einen künstlichen Blutersatz finden, der das Nahrungsproblem lösen könnte, denn zu starker Blutentzug lässt die Vampire zu den sogenannten Subsiders degenerieren – fledermausartige Aussätzige mit Hang zum Kannibalismus. Als das Blut von der Regierung immer weiter rationiert wird, macht sich Unruhe in der Vampirbevölkerung breit und für Dalton wird die Zeit immer knapper.

 

Daybreakers war eigentlich gar nicht geplant für meinen Horrorctober, funkte mir quasi dazwischen und brachte meine angedachte Liste durcheinander. Schon oft gesehen und immer gemocht, lief er mir nun mal wieder eher zufällig über den Weg und da ich den Film schon immer mal besprechen wollte, warum also nicht jetzt? Daybreakers ist einer dieser Filme, die immer sehr stark unterschätzt werden und deren Qualitäten nur zu gern zu Unrecht verlacht werden. Dabei kann sich die zweite größere Regiearbeit der in Deutschland geborenen und in Australien aufgewachsenen Brüder Michael und Peter Spierig (The Spierig Brothers) mehr als nur sehen lassen und zählt in meinen Augen zu den besseren Vertretern des Vampirgenres. Und angesichts des Budgets von lediglich 20 Millionen Dollar ist ihr Film auch erstaunlich hochwertig geraten und muss den Vergleich mit deutlich teureren Produktionen des Genres nicht scheuen. Dass Daybreakers hierzulande keine Kinoauswertung erfuhr, sondern direkt in die Videothekenregale wanderte, verwundert mich bei so manchem aktuellen Kinofilm bis heute, hätte der Film auch auf der großen Leinwand eine gute Figur abgegeben. Auf der dramaturgischen Ebene weiß der Film nicht immer zu überzeugen, auf der inszenatorischen allerdings dann umso mehr und die Spierig Brothers verstehen es sehr gut auf eine recht clevere Art und Weise zahlreiche gesellschaftlich sehr aktuelle Themen der Menschheit in die Vampir-Thematik zu übertragen. So erschaffen sie eine umfassende Allegorie auf die Spezies Mensch und halten uns gnadenlos einen Spiegel vor.

 

Die Vampire gehen ähnlich verschwenderisch mit den Ressourcen ihrer Umwelt um wie der Mensch es auch tut und drängen sich selbst nach und nach an den Abgrund ihrer Auslöschung. Auch Rassismus ist ein Thema sowohl gegenüber den wenigen noch verbliebenen Menschen als auch gegen die aus Sicht der Blutsauger minderwertigen und abscheulichen Subsider. Konsumkritik, mangelnde Weitsicht oder der Turbokapitalismus werden ebenfalls mal mehr mal weniger subtil angeschnitten, aber zugleich von zum Teil herrlich kreativen Ideen und kleinen Einfällen flankiert. Das reicht von TV-Werbespots für unnütze Vampir-Gimmicks, Kaffee mit Blut statt mit Milch, über Autos mit Tageslicht-Modus bis hin zu unterirdischen Fußwegen zwischen U-Bahn-Stationen oder einer Vampir-Version von Uncle Sam auf der Suche nach neuen Rekruten fürs Militär. Man spürt deutlich, dass sich die Spierig Brothers sichtlich Gedanken darüber gemacht haben, wie sie ihre quasi verkehrte Welt sinnvoll ausbauen und erweitern könne, auch wenn Teile der Grundidee der von Matrix nicht unähnlich sind, wenn Menschen in den Blutbanken von riesigen Maschinen „gemolken“ werden. Visuell sieht das alles sehr gut aus und muss sich wie bereits erwähnt wirklich nicht vor größeren Produktionen verstecken und das World Building ist sehr gelungen, denn die Spierig Brothers beschränken sich beim Erschaffen ihrer düster verkehrten Vampirwelt nicht einfach nur auf dunkle Bilder und ein paar Vampirzähne, sondern haben das gründlich durchdacht und ihren Hauptaugenmerk auf all die Details gelegt, welche diese Welt letztlich zum Leben erwecken. Daybreakers ist mit Ethan Hawke (ein Schauspieler, den ich wahnsinnig gern sehe und für total unterschätzt halte), Willem Dafoe und Sam Neill hervorragend besetzt, doch agieren alle drei eher mit angezogener Handbremse und unter ihrem Niveau. Ein kleiner Wehmutstropfen, der allerdings angesichts der wirklich tollen Inszenierung und all der hübschen kreativen Ideen dem Filmvergnügen kaum Abbruch tut. Daybreakers ist deutlich besser als sein Ruf, vielerorts schwer unterschätzt und zweifellos einer der besseren Filme im Genre der Vampirfilme.

 

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