High-Rise

15. Dezember 2016 at 16:27

 

 

© Studio Canal

 

 

 

„Things would be better if we could afford to move to a higher floor“

 

 

 

London, 1975. Dr. Robert Laing bezieht sein neues Appartement in einem hochmodernen, vollkommen autark konzipierten Hochhaus etwas außerhalb der Stadt. Eigentlich will er nur zurückgezogen und in Ruhe dort leben, aber schnell wird er von der alleinerziehenden Charlotte in seine neue Nachbarschaft eingeführt. Die Gesellschaftsstruktur dort ist streng unterteilt in Ober- Mittel- und Unterschicht, doch während die dekadente Oberschicht ausschweifende Partys feiert, erprobt die Unterschicht mehr und mehr den Aufstand, und als die Lage letztlich vollkommen eskaliert, befindet sich Laing mittendrin.

 

Vielmehr kann über den neuen Film von Ben Wheatley auch kaum verraten werden, denn die Eigendynamik der Ereignisse und folglich auch die von High-Rise selbst sollte man idealerweise möglichst unvorbereitet erleben. So kann sie ihre sogartige Wirkung am besten entfalten. Wheatley fiel mir das erste Mal 2011 mit seinem Film Kill List auf, ein typischer Fall von: klang interessant genug, um ihn spontan in der Videothek auszuleihen ohne irgendetwas über ihn zu wissen. Was soll ich sagen? Kill List war ein sehr eigenwilliger Genre-Bastard, der mich vollkommen unvorbereitet traf, mit sich riss und inzwischen zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Der Nachfolger Sightseers war weniger sperrig, dafür aber typisch britisch voller schwarzem Humor geknüpft an absurde Gewalt. Und auf seinen im Frühjahr erscheinenden Free Fire bin ich jetzt schon gespannt. Alles in allem zählt Wheatley für mich eindeutig zu den aktuell spannendsten und interessantesten „Jung“regisseuren. Und seine Adaption des Romanes High-Rise von J. G. Ballard macht da weiß Gott keine Ausnahme, eine erschreckende Dystopie, eine Meditation über die wahren Seiten der menschlichen Existenz, ein grausames, architektonisches Sozialexperiment im schnellen Vorlauf und gleichzeitig ein Film voller winziger wie brillanter Ideen in der Inszenierung, visuell berauschend umgesetzt und zum Teil mit wahnsinnig guten Bildern versehen. Der Firnis der Zivilisation ist ohnehin schon dünn genug und es braucht nicht viel, um ihn reißen zu lassen, denn hinter jeder Ecke lauern schon die Atavismen. Ähnlich wie der 2013 von Bong Joon-ho realisierte Film Snowpiercer erzählt High-Rise von einer absehbaren Revolution und unterteilt seine Gesellschaftsstruktur in verschiedene Abschnitte. Der Unterschied besteht lediglich in ihrer Ausrichtung: wo Snowpiercer mit einem riesigen Zug als Setting seine Schichten horizontal in eine Vielzahl von Waggons unterteilt, da geht High-Rise den Weg in die Vertikale, wenn Arm und Reich durch die Anzahl der Stockwerke zwischen ihnen separiert sind und Anthony Royal als Architekt, Schöpfer und geistiger Vater des High-Rise im Penthouse mit Garten und Pferd residiert, ganz analog zu dem großen Wilford an der Spitze seines Zuges.

 

Royals architektonischer, künstlich herbeigeführter Lebensraum ist in seiner Konstruktion an sich schon ein Pulverfass mit kurzer Lunte, aber als seine Bewohner beginnen, die Außenwelt und ihre täglichen Beschäftigungen zu ignorieren, greifen zunehmend Chaos, Verrohung und Barbarei um sich, bis die Menschen und auch der so distanziert vernünftige Laing sich in den sozialen Zusammenbrach regelrecht verlieben, ihn geradezu genießen und mehr und mehr zelebrieren als alleinigen Mittelpunkt ihrer Existenz. Verdrängte Wünsche und unterdrückte Verhaltensweisen brechen sich Bahn und werden entfesselt, die oberen Klassen beginnen eine Art Stammesherrschaft zu errichten, drehen sich in ihrer Dekadenz immer mehr im Kreis, während ihnen die Bedürfnisse der unteren Klassen immer egaler werden. Eine buchstäblich mörderische Kombination, wenn dann der vermeintliche Pöbel den Aufstand probt und die doch so viel besseren Eliten sich dagegen wehren, um den Status Quo um jeden Preis zu erhalten. Soziale Regeln und moderner Fortschritt können nicht verhindern, dass sich die Bewohner des High-Rise selbst zurück in die Steinzeit befördern. Beschäftigt man sich mit High-Rise ein wenig intensiver, dann kommt einem auch unweigerlich David Cronenberg in den Sinn. Zu einen natürlich, weil er als Regisseur mit seinem Film Crash bereits 1996 eine Vorlage von J.G. Ballard adaptierte, zum anderen und vor allem aber auch, weil er selbst 1975 – dem Erscheinungsjahr des Romanes High-Rise – mit Shivers einen thematisch ganz ähnlich gelagerten Film in nahezu identischem Setting inszenierte. Zwar handelt Shivers von durch einem Parasiten zu sexbesessenen, mordenden Bestien mutierten Menschen, der zugleich auch so übertragen wird, aber die dystopische Vision eines in Anarchie und Chaos zerbrechenden und versinkenden Hochhauses ist die gleiche. In der Prämisse unterscheiden sich beide Filme, im weiteren Verlauf jedoch zunehmend weniger. Und um den Bogen wieder zurück zu schlagen: wo Snowpiercer am Ende für sich eine verhältnismäßig simple Lösung für seinen Konflikt findet und den Zug als Symbol für den rücksichtslosen wie unterdrückenden Kapitalismus entgleisen lässt, damit etwas neues entstehen kann, da erliegt High-Rise nicht solch romantischen Illusionen und bietet schlicht keine Lösung, wenn sich die Bewohner des Hochhauses hinter dessen Wänden von sozialem Druck, Erwartungen und Anstand befreit einfach weiterhin hemmungslos in ihren Machtkämpfen austoben bis nichts mehr übrig ist.

 

High-Rise ist ein etwas eigenartiges Zwitterwesen, ist der neue Film von Ben Wheatley doch irgendwie weder Independent, noch Mainstream-Kino, platziert sich zielstrebig genau zwischen diesen beiden Polen und fühlt sich sichtlich wohl in diesem Spagat. Visuell weiß der Film auf allen Ebenen zu überzeugen, erfreut zugleich mit einem gelungenen und starken 70er Jahre Kolorit und einigen wirklich cleveren Einfällen in der Inszenierung. Mit einer sogartigen, dichten Atmosphäre zwischen Faszination und Abscheu und schauspielerisch durchgängig stark und ohne nennenswerte Ausfälle, gewährt High-Rise dem geneigten Zuschauer einen tiefen und zuweilen verstörenden Blick in menschliche Abgründe und offenbart eine Gesellschaft, deren Fassade nach und nach weg bricht. Mit Glanz, Gloria und Exzess fährt hier einfach alles vor die Wand und man wird mitgerissen, ob man nun will oder nicht.

 

8 von 10 Dosen Hundefutter

 

 

American Sniper

18. August 2015 at 0:36

 

 

 

American Sniper (2014)
American Sniper poster Rating: 7.4/10 (237128 votes)
Director: Clint Eastwood
Writer: Jason Hall, Chris Kyle (book), Scott McEwen (book), Jim DeFelice (book)
Stars: Bradley Cooper, Kyle Gallner, Cole Konis, Ben Reed
Runtime: 133 min
Rated: R
Genre: Action, Biography, Drama
Released: 16 Jan 2015
Plot: Navy SEAL sniper Chris Kyle's pinpoint accuracy saves countless lives on the battlefield and turns him into a legend. Back home to his wife and kids after four tours of duty, however, Chris finds that it is the war he can't leave behind.

 

 

 

„I’m willing to meet my creator and answer for every shot that I took…”

 

 

 

Über den Inhalt von American Sniper ist nicht viel zu sagen. Chris Kyle ist nach Angaben des Verteidigungsministeriums mit rund 160 bestätigten Abschüssen der effektivste und tödlichste Scharfschütze der US-Militärhistorie. Clint Eastwood versucht nun mit seinem Film das Seelenleben dieses Menschen zu beleuchten, seine Beweggründe und Motivationen zu erforschen und der Frage auf die Spur zu kommen, wie sehr die Erlebnisse und Erfahrungen im Krieg einen Menschen belasten und verändern. Man muss Eastwood auf jeden Fall zu gute halten, dass er zumindest bemüht ist, einen kritischen Ansatz zu verfolgen. American Sniper ist bei weitem nicht der verachtenswerte, reaktionäre Propagandafilm voller Patriotismus geworden, den seine vielen Kritiker in ihm sehen wollen, aber er ist genauso wenig das emotional tiefgründige Meisterwerk, das andere dort erkennen wollen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Eines ist American Sniper aber in jedem Fall, er ist kontrovers. Kontrovers wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre und er spaltet die Lager in vehemente Verfechter und glühende Verehrer, Stimmen dazwischen sind da eher die Seltenheit.

 

Clint Eastwood ging es definitiv nicht darum, einen Krieg zu rechtfertigen oder zu verurteilen, denn vielmehr konzentriert er sich auf den emotionalen Tribut, welchen Chris Kyle zahlen muss und auf die Konsequenzen seiner Handlungen. Im Grunde ein durchaus interessanter Ansatz, die Perspektive einzig und allein auf diese eine Person und deren Wahrnehmung zu beschränken, den Blickwinkel zu verengen, denn dadurch erscheint das enorm eindimensionale Gut/Böse-Schema des Films nur konsequent, aber es greift dann eben leider doch viel zu oft viel zu kurz. Natürlich ist jeder Einheimische („Wilde“ wie Kyle sie immer wieder nennt) zunächst als potentielle Bedrohung einzustufen, das ist nur logisch angesichts Kyle´s Ausbildung und Denkweise. Aber wenn der Film Figuren wie den „Schlächter“ einführt, die mutmaßlich rechte Hand des hohen Al-Qaida-Mitglieds Abu Mussab al-Sarkawi, der auch nicht davor zurückschreckt, Kinder mit Bohrmaschinen zu töten, um ein Exempel zu statuieren, oder den syrischen Olympioniken Mustafa, seines Zeichens der beste Scharfschütze der irakischen Aufständischen, zu einem direkten Kontrahenten von Kyle aufbaut und eine Art von Duell heraufbeschwört, dann sind das sehr plumpe und tiefe Griffe in die Klischee-Kiste. In diesen Momenten versucht American Sniper dem Zuschauer zu diktieren, was er empfinden soll, versucht, Sympathie für Chris Kyle und stellvertretend auch für seine Kameraden einzufordern, indem er ein allzu einfach gestricktes Feindbild heraufbeschwört. Auch der Iraker, der bereitwillig gegen eine Zahlung von 100.000 Dollar terroristische Mittelsmänner preisgibt und zu verrät, schlägt in eine ähnliche Kerbe. Es ist ein wenig schade, dass Eastwood sich solch simpler Reizpunkte bedienen muss, hat er doch beispielsweise sowohl in Flags of Our Fathers als auch in dessen Gegenstück Letters from Iwo Jima mehr als eindrucksvoll bewiesen, dass er auch ohne diese Taschenspielertricks auskommen kann.

 

 

 

„I’m better when it’s breathing.”

 

 

 

Aber das sind Dinge, die sich verschmerzen lassen, denn solch undifferenzierte Sichtweisen sind in American Sniper zum Glück nicht an der Tagesordnung. Mich persönlich hat ein ganz anderes Problem des Films vielmehr gestört: er erreicht mich einfach nicht. Er berührt mich in keinster Weise, weder löst er Sympathie für die Hauptfigur aus noch Ablehnung, er erzeugt keine Abscheu und kein Mitleid und als besonders spannend empfand ich ihn auch nicht. Irgendwie war mir der Film seltsam egal. Die Szenen, wenn Kyle zu Hause bei seiner Familie ist, wissen nicht zu überzeugen, sie wirken bemüht und aufgesetzt, eigenartig alibimäßig und oberflächlich, fast so, als hätte Eastwood sie anhand einer Liste nacheinander abgehakt. Die Auswirkungen seiner Taten auf sein Leben und seine Psyche erscheinen mir zu skizzenhaft, nur umrissen, aber nicht wirklich ausgearbeitet. Es ist nicht so, dass Bradley Cooper das nicht überzeugend spielen würde, überhaupt ist American Sniper ein erneuter Beweis für seine schauspielerischen Qualitäten, es ist vielmehr so, dass diese Szenen nicht genügend Raum bekommen, um ihre Wirkung auch wirklich entfalten zu können. So sehr Cooper sich auch bemüht, der posttraumatische Stress seiner Figur kommt nicht ausreichend zur Geltung. Spannend fand ich American Sniper auch kaum. Der Konflikt mit dem syrischen Scharfschützen Mustafa auf der Gegenseite ist zwar einer der Höhepunkte des Films, aber wie er letztlich in einer Art Mann gegen Mann-Duell mündet, wirkt seltsam deplatziert und geradezu westernartig. Zu allem Überfluss ist der finale Schuss in Zeitlupe gefilmt, die stilisiert dargestellte Flugbahn der tödlichen Kugel der Gipfel der Glorifizierung, eine Form der Inszenierung, die so gar nicht zu Eastwoods Versuch der kritischen Aufarbeitung passen will.

 

Insgesamt ist American Sniper handwerklich routiniert und solide umgesetzt, aber oft auch formelhaft und überraschungsarm inszeniert. Vieles hat man bereits an anderer Stelle besser gesehen. The Deerhunter oder The Hurt Locker beispielsweise gelingt es deutlich intensiver den posttraumatischen Stress zu zeigen, die Veränderungen, die mit der Heimkehr aus dem Krieg einhergehen, sowohl für die Betroffenen als auch deren Umwelt. Duell-Enemy at the Gates wiederum bietet den deutlich besser inszenierten Zweikampf Scharfschütze gegen Scharfschütze und auch die übrigen Actionszenen in American Sniper haben andere Filme schon besser gestalten können. Es ist Eastwood allerdings anzurechnen, dass er zumindest um einen kritischen Ansatz in seiner Erzählweise bemüht ist, auch wenn dieser immer wieder in Klischees und ideologischen Allgemeinplätzen versandet. American Sniper ist bei weitem nicht sein bester Film, aber er ist auch kein schlechter und schon gar kein Propagandamonster für die amerikanische Regierung. Vielmehr ist er in beinahe jeglicher Hinsicht einfach nur Mittelmaß.

 

6 von 10 tödlichen Schüssen