Toro (2016)

29. Juli 2018 at 17:02

 

 

© Apaches Entertainment/Atresmedia Cine/Meastranza Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Ein letzter Job für den brutalen Paten Romano sollte es sein, dann wollte der junge Toro endgültig aussteigen und alles hinter sich lassen. Doch der Job geht schief, einer seiner zwei Brüder kommt ums Leben und Toro muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Auch nach seiner Freilassung hält er weiter an seinem Traum vom legalen Leben fest, bis plötzlich sein Bruder López vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, denn Romano fühlt sich von ihm betrogen und seine Tochter entführt.

 

Es ist schon ein wenig unglücklich, dass der spanische Gangsterthriller Toro mit den Worten „Europas Antwort auf Drive“ etwas irreführend beworben wird, denn letztlich haben beide Filme so gut wie gar nichts miteinander gemein. So wird der Film von Regisseur Kike Maíllo (Eva, 2011) und Drehbuchautor Rafael Cobos (La isla mínima, 2014) in ein falsches Licht gerückt, wo er doch ganz andere Qualitäten für sich zu beanspruchen vermag. Zwar lässt Toro Innovationen größtenteils vermissen und seine erzählerischen Vorbilder aus dem US-Kino sind recht offensichtlich zu erkennen, doch Maíllo bettet seine bereits zuvor vielfach bewanderten Genrepfade in ein angenehm unverbrauchtes Setting, wenn er Andalusien und damit Städte wie Málaga, Almeria oder Torremolinos als Ort des Geschehens in den Fokus rückt.

 

Dadurch bekommt sein Film eine ganz eigene Note, welche dann auch stilistisch und visuell ihre Entsprechung findet, wenn Maíllo auf ausgewaschene Farben setzt, mitunter clevere Kameraperspektiven findet und immer wieder ansprechende Bildkompositionen zu einer recht speziellen Gesamtästhetik verquirlt. Und auch sonst ist Toro gelungen inszeniert: die Action kann sich sehen lassen und bietet das volle Programm aus Shoot Outs, Verfolgungsjagden und Zweikämpfen, trotz eines etwas redseligen Mittelteils kommt genügend Spannung auf und das nötige Drama wird auch bedient. Letztlich ist Toro ein solider Genrestreifen voller altmodischer Bilder und Motiven rund um Familie, Glauben und Männlichkeit, der zwar nicht sonderlich innovativ ist, dafür aber sehr genau weiß, wo er herkommt und was er erzählen möchte. Eine gewisse Demut dem Genre selbst gegenüber, welche ich immer mal wieder bei so manchem ambitionierteren Vertreter vermisse.

 

6,5 von 10 versteckten Klingen am Unterarm

 

 

Contratiempo – Der unsichtbare Gast (2016)

27. Juli 2018 at 23:26

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

Your testimony has holes, and I need details. Plausibility is based on details. I can use them to convince the world that you’re innocent. I assure you, I can do it.“

 

 

 

Der sehr erfolgreiche spanische Geschäftsmann Adrián Doria steht unter dem dringenden Verdacht, seine Geliebte Laura ermordet zu haben. Die Umstände ihres Todes scheinen auf keinen anderen als Täter hinzuweisen und dennoch beteuert er seine Unschuld. Als ein geheimnisvoller Zeuge von der Gegenseite befragt werden soll, da bleiben Doria und seiner neuen Anwältin Virginia Goodman nur noch drei Stunden, um plausibel seine Unschuld zu beweisen.

 

Schon seit geraumer Zeit bringt das spanische Kino immer wieder starke Filme hervor, die sich weder vor dem restlichen Europa noch vor Hollywood verstecken müssen, und kann sich an einem sehr vitalen Genrekosmos erfreuen. Und auch Contratiempo (Der unsichtbare Gast) vermag sich da einzureihen, wenn der Film von Autor und Regisseur Oriol Paulo auf Pfaden wandelt, die so wohl auch Hitchcock gefallen hätten und ein lupenreines Krimirätsel rund um einen vermeintlich offensichtlichen Mord zu stricken beginnt. Paulo erschafft hier scheinbar mühelos ein sehr verschachteltes Verwirrspiel aus Rückblenden, einem mehr als nur unzuverlässigem Erzähler und diversen Wendungen und Finten, spielt jedoch zugleich auch mit der Erwartungshaltung und den Sympathien des Zuschauers. Eine objektive Perspektive gibt es beinahe gar nicht und alles andere sind subjektiv gefärbte Sichtweisen entsprechend der jeweils handelnden Personen, gepaart mit den unterschiedlichsten Motivationen.

 

Ein komplexes Puzzle aus Irrungen und Wirrungen, aus Geschichten, aus Versionen von Geschichten und Geschichten über Geschichten sowie zahlreichen Perspektivwechseln. Vielleicht ein wenig zu komplex. Nicht im Sinne des verständlichen Zugangs, aber es beschlich mich mit zunehmender Laufzeit das Gefühl, dass Contratiempo letzten Endes vielleicht einfach zu viel will. Zwar ist die Prämisse stark und baut sofort Spannung und Druck auf, wenn schnell klar wird, dass die Uhr tickt und nur drei Stunden Zeit bleiben, und Paulo versteht es glänzend eine dichte Atmosphäre zu erschaffen, doch leider wirkt vor allem das letzte Drittel des Filmes auf mich viel zu glatt, zu selbstgefällig, ja, geradezu selbstverliebt, wenn offensichtlich wird, wie sehr das Drehbuch geradezu penibel sorgsam und künstlich glatt seine Plotelemente positioniert. Paulo weiß genau, was er da tut, und lässt Contratiempo reichlich Haken und Kapriolen schlagen, Nebelkerzen werfen und falsche Fährten auslegen, nutzt jede nur erdenkliche Gelegenheit, um Verwirrung zu stiften, und doch ist mir das alles letztlich einfach zu perfekt konstruiert und steuert zu sehr auf eine glanzvolle Auflösung hin, welche mich am Ende seltsam unbefriedigt zurücklässt.

 

6,5 von 10 mysteriösen Zeugen