Suburra (2015)

6. Januar 2019 at 18:44

 

 

© 01 Distribution/Quelle: IMDb

 

 

Der Kollaps beginnt beinahe schon mit einer Kleinigkeit, wenn ein führender Abgeordneter einen Dreier mit zwei Callgirls begeht und eine von ihnen dabei an einer Überdosis stirbt. Das allein setzt vor dem Hintergrund millionenschwerer Immobiliengeschäfte und diversen Interessengruppen eine unfassbare Spirale der Eskalation in Gang, wenn immerzu Aktion auf Reaktion folgt und Rom schließlich in Blut zu versinken droht.

 

Mit Suburra gelingt es Regisseur Stefano Sollima hervorragend ein geradezu klassisch anmutendes Mafia-Epos in die Moderne zu überführen, wenn er die Ewige Stadt schonungslos als sumpfigen Morast zeigt, als Moloch aus Kirche, Politik, Verbrechen, Wirtschaft, Gewalt, Sex, Korruption, Drogen, Dekadenz und Verfall, allen Ortes durchdrungen von den infektiösen Strukturen der Mafia, und all das in ästhetisch makellosen und hochgradig stilisierten Bildern einfängt. Sieben Tage Anfang November 2011 dienen ihm hierzu als klar umrissener Rahmen der Erzählung, wenn Sollima in rund 130 Minuten Laufzeit ein regelrechtes Panoptikum unterschiedlichster krimineller Bereiche Roms offenlegt und kunstvoll miteinander verknüpft. Auf eine eher stringente Erzählstruktur verzichtet Suburra und konfrontiert den Zuschauer zunächst lieber mit Situationen und Figuren, deren zahlreichen Verbindungen, Beziehungen und Abhängigkeiten untereinander sich erst nach und nach herausstellen, bis im Finale ein äußerst pessimistisches wie nihilistisches Gesamtbild entsteht. Mit zunehmender Laufzeit entwickelt der auch am Drehbuch beteiligte Sollima einen durchaus komplexen und relativ verschachtelten Plot mit vielen Figuren und noch mehr Motivationen und Handlungen, droht jedoch niemals vollends auszuufern und in Unübersichtlichkeit abzugleiten.

 

So ist es auch eine ganz besonders große Stärke des Filmes, dass all die rohe Kriminalität auch nur zu keiner einzigen Sekunde verklärt, romantisiert oder gar glorifiziert wird und Sollima stattdessen den oberflächlichen Schein als eben solchen auch immerzu entlarvt. So ästhetisch all die Bilder auch sein mögen, den Schmutz und den Dreck darunter verleugnet Suburra nie. Folglich gibt es auch keinerlei Sympathieträger oder gar Identifikationspotenzial, Freunde und Loyalität spielen keine Rolle mehr, denn hier kocht jeder seine ganz eigene Suppe und es wird betrogen, gelogen, bestochen, gemordet, verraten, gefoltert und entführt, was Rom so alles hergibt, und so etwas wie ein althergebrachter Ehrenkodex existiert schon lange nicht mehr. Am Ende entlässt Sollima mit Suburra in eine unangenehm schonungslose, geradezu bedrückend pessimistische und desillusionierende Grundstimmung und lässt uns allein zurück mit einem grimmigen Blick auf eine hoffnungslos korrumpierte und amoralische Gesellschaft. Suburra verklärt nicht, verweigert sich jeglicher Form von Romantik und Bewunderung und hinterfragt in jedem einzelnen Moment diesen allenfalls oberflächlichen Glanz des Verbrechens. Rückblickend betrachtet verwundert es kaum bis gar nicht mehr, dass Sollima später die Regie zu Sicario: Day of the Soldado angeboten wurde.

 

9 von 10 krummen Deals in Ostia

 

 

Sicario: Day of the Soldado (2018)

11. August 2018 at 14:34

 

 

© Colombia Pictures/Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

Als sich Selbstmordattentäter in einem Supermarkt in die Luft sprengen, da trifft das nicht nur mitten in das amerikanische Herz und schafft neue Ängste, sondern ruft auch den Agenten Matt Graver und dessen kolumbianischen Kettenhund Alejandro Gillick auf den Plan, denn scheinbar sind die Terroristen dank der Hilfe mexikanischer Drogenkartelle über die Grenze in die USA gelangt. Das Ziel ist nun, einen verheerenden Krieg der Kartelle untereinander anzuzetteln, damit diese sich gegenseitig ausschalten und folglich leichter zu bekämpfen sind. Alle Mittel sind in diesem schmutzigen Kampf erlaubt.

 

Nach Denis Villeneuve darf nun der Italiener Stefano Sollima auf dem Regiestuhl Platz nehmen und wer seine Arbeiten wie Suburra und Gomorrha kennt, den wird die dezente Neuausrichtung in Sicario: Day of the Soldado kaum überraschen. Ungeschönte und von hartem Realismus geprägte Studien krimineller Milieus und korrupter Machenschaften sind scheinbar seine Spezialität und diesen Weg schlägt er dann auch mit seinem ersten US-Film ein. So ist Day of the Soldado grimmiger, rauer, dreckiger, härter und insgesamt noch desillusionierender, pessimistischer und deprimierender geraten als damals Sicario. Zumal die Abwesenheit von Emily Blunt als idealistische FBI-Agentin Kate Macer dem Zuschauer nun auch den letzten moralischen Ankerpunkt nimmt und damit auch den leichten Hauch von Hoffnung zwischen all der Gewalt und Skrupellosigkeit verblassen lässt. Was bleibt, das sind Matt Graver und Alejandro Gillick, losgelöst von jeglichen moralischen Instanzen im aussichtslosen und zermürbenden Kampf gegen Drogen und nun auch Terrorismus, wenn sie sich besonders rücksichtslosen Methoden bedienen und auch vor Kindesentführungen nicht mehr zurückgeschreckt wird.

 

Zwar erreicht Day of the Soldado nie die enorme Dringlichkeit und Intensität seines Vorgängers, kann sich als harter Thriller jedoch durchaus sehen lassen. Sollima setzt mehr auf Gewalt und Eskalation, verteilt diese aber über die gesamte Laufzeit von rund 120 Minuten in Form von immer wieder aufblitzenden Nadelstichen. Visuell ist sein Film weniger von der stilisierten Bildsprache eines Roger Deakins dominiert wie noch Sicario, sondern vielmehr von stark ungeschönt realistischen Bildern, die zwar gekonnt das schmutzige Treiben unterstreichen, aber auch weniger erinnerungswürdig sind. Sollima wirft einen noch zynischeren Blick auf den Kampf der Geheimdienste gegen die Drogenkartelle, wenn inzwischen nahezu alles erlaubt ist und Grenzen schlicht und ergreifend nicht mehr existent sind. Wachsende Gewalt als das Ergebnis wachsender Hilflosigkeit.

 

Die Interessenlage dahinter ist so komplex, dass sie auch für Insider kaum noch zu durchschauen ist, und ständig ändern sich Pläne, Pakte und Fronten in diesem Wechselspiel unterschiedlichster Interessen. Besonders zynisch: wenn sich herausstellt, dass die Selbstmordattentäter von Kansas gar nicht mit Hilfe von Schleusern über die Grenze kamen, sondern sogar amerikanische Staatsbürger waren, dann wird das mehr oder weniger als Nebensatz abgetan und geht im bereits angezettelten Krieg beinahe unter. Überhaupt verliert das Motiv des Terrorismus mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Bedeutung, wenn sich nach und nach noch reichlich andere Motivationen verschiedenster Parteien abzeichnen. Day of the Soldado endet recht offen und gibt sich relativ klar als eine Art Brückenfilm zu erkennen, der die Weichen stellt für den Abschluss der geplanten Trilogie, dennoch würde ich nicht sagen, dass der Film dadurch weniger sehenswert ist. Im Endeffekt zieht Sollima weiterhin sein Ding inhaltlich wie stilistisch durch und als eine weitere Facette der von Sicario etablierten Welt passt das gut.

 

7 von 10 gut geplanten Entführungen