Ghost World (2001)

16. Juli 2020 at 18:23

 

 

© United Artists Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

I can’t relate to 99% of humanity.“

 

 

 

Die beiden Teenager Enid und Rebecca sind gerade mit der High School fertig und wissen nicht so recht wohin mit sich und ihrem Leben. Der vorgezeichnete Weg ihrer Mitschüler jedenfalls kommt für die beiden nicht in Frage. Als Enid durch einen Telefonscherz den deutlich älteren Plattensammler Seymour kennenlernt, da eröffnen sich ihr plötzlich neue Perspektiven auf das Leben.

 

Nach den zwei Dokumentarfilmen Louie Bluie (1985) und Crumb (1994) dreht Regisseur Terry Zwigoff mit Ghost World seinen ersten Spielfilm. Hierfür nimmt er sich der Comicvorlage des Autors Daniel Clowes an, schreibt mit ihm zusammen auch das Drehbuch und erschafft eine wundervolle, bitter-süße Liebeserklärung an all die Außenseiter da draußen, all die Randfiguren, die Missverstandenen, die Sonderlinge unter uns. Mit unverstelltem wie präzisem Blick schaut er auf diejenigen, die sich irgendwie nicht im Großteil der Gesellschaft wiederfinden können, sich nicht in auferlegten Erwartungen aufgehen sehen, egal, ob gewollt oder ungewollt. Die eigentliche Kunst dabei ist die Perspektive, denn Zwigoff und Clowes sind zwar schonungslos offen, werten dabei jedoch nie. Sie verstehen ihre Figuren, statt sich über sie zu erheben, und auch, wenn die Dialoge in Ghost World nicht selten bissig und schroff anmuten, wirklich verletzend sind sie nie.

 

Selbst den schrägsten und schrulligsten Typen bleibt ihre Würde erhalten und keiner von ihnen wird für einen plumpen oder gar billigen Gag der Lächerlichkeit preisgegeben. Ghost World beobachtet alltägliche Kleinigkeiten aufmerksam und bildet dabei zutiefst aufrichtig ab, denn das Drehbuch strotzt nur so vor klugem wie hintersinnigem Witz, ist geistreich und scharfzüngig geschrieben, und doch durchzogen von leiser Zärtlichkeit. Der Reifeprozess des Erwachsenwerdens, Abnabelung, das Altern generell, ist ein wichtiges Thema. Die Erkenntnis, dass sich Dinge ändern werden, aber auch, dass das vollkommen normal und okay ist. Zwigoff und Clowes erschaffen zusammen den einen oder anderen Moment, in dem ich bestimmte Phasen meiner Selbst durchaus wiederzuerkennen vermochte, vielleicht fasziniert er mich deswegen so sehr. Ghost World ist schön wie störrisch, authentisch wie unbequem und entwaffnend ehrlich in seinen Beobachtungen, blickt liebevoll auf seine Figuren ohne sie bloßzustellen und hat den Weg direkt in mein nerdiges Filmherz gefunden. Ach, und der Soundtrack, der ist ziemlich toll.

 

8 von 10 Mal auf einen Bus warten, der nicht kommen wird

 

 

Reservoir Dogs (1992)

14. August 2019 at 19:39

 

 

© Miramax Film/Quelle: IMDb

 

 

 

I don’t wanna kill anybody. But if I gotta get out that door, and you’re standing in my way, one way or the other, you’re gettin‘ outta my way.“

 

 

 

Der Überfall auf einen Juwelier geht schrecklich schief und lediglich einige wenige der Gangster schaffen es, sich zu ihrem Treffpunkt durchzuschlagen. Die Männer kennen sich untereinander nicht, doch schnell kommt der Verdacht auf, unter ihnen könnte sich eine verräterische Ratte befinden.

 

Wahrscheinlich ist Pulp Fiction (1994) der Film, der Quentin Tarantino als eine der tonangebenden Stimmen im gegenwärtigen Kino etablierte, der Film, dessen damals unglaubliche Strahlkraft dann einfach nicht mehr ausgeblendet werden konnte und die Tür zu Hollywood sperrangelweit aufstieß. Aber alles, was an Pulp Fiction faszinierte und wie eine völlig neue Perspektive auf das Medium Film erschien, das war zwei Jahre zuvor in seinem Low Budget-Regiedebüt Reservoir Dogs bereits vorhanden. Die Postmoderne, die Ironie, die Selbstreflexion, der Umgang mit Popkultur, die Gewalt, alles da. Und zwar noch ungeschliffen und roh, pur, ungefiltert und vor vitaler Energie nur so strotzend, inszeniert mit einer scharf umrissenen Klarheit, welche er zumindest für mich so nie wieder erreichen sollte. Der Einstieg in dieses Heist-Movie ohne Heist gestaltet sich ungemein direkt und unmittelbar, wenn der geneigte Zuschauer gleich mit einer Vielzahl an Figuren konfrontiert wird, doch wer aufmerksam hinsieht, der kann bereits hier so manchen Ausblick in die Zukunft der Gangster erhaschen.

 

Weder Vorbereitung noch Durchführung des Überfalls stehen hier im Vordergrund, sondern vor allem die Folgen des Scheiterns sind es, welchen sich Tarantino widmet. The Killing (1956) von Stanley Kubrick und ganz besonders City on Fire (1987) von Ringo Lam kommen mir da immer wieder in den Sinn. Stellenweise gar an ein Kammerspiel erinnernd, orientiert sich Reservoir Dogs vielleicht auch aufgrund budgetärer Einschränkungen noch sichtlich eher am Theater, vermag das aber in eine seiner Stärken umzuwandeln. Unmittelbarkeit durch Reduktion. Die Gewalt ist zweifellos neben vielen anderen ein prägendes Merkmal von Tarantinos Arbeit, doch keiner seiner späteren Exzesse sollte derart unangenehm auf mich wirken wie das gefühlt eine Ewigkeit andauernde, qualvolle Ausbluten von Mr. Orange. Die Gewalt ist hier noch nicht überstilisiert, macht keinen Spaß und ist sichtlich schmerzhaft. Auch die ihre Chronologie ignorierende Erzählstruktur eines Pulp Fiction findet sich bereits hier, erscheint mir persönlich jedoch immer etwas komplexer und feinsinniger als beim Folgefilm: allein die Szene in der Mr. Orange seine Story erst einübt und dann nach und nach geradezu zu leben beginnt, ist perfekt strukturiert und komponiert. Als Regiedebüt ist Reservoir Dogs ähnlich stilsicher und selbstbewusst inszeniert wie seiner Zeit Bood Simple von den Coen-Brüdern. Sicherlich nicht Tarantinos bester Film, mir jedoch sein liebster.

 

9 von 10 zu den Klängen von Stealers Wheel abgeschnittene Ohren

 

 

Coen-Retrospektive #7: The Big Lebowski (1998)

10. März 2018 at 15:06

 

 

© Gramercy Pictures/PolyGram Filmed Entertainment

 

 

 

„Let me explain something to you. Um, I am not „Mr. Lebowski“. You’re Mr. Lebowski. I’m the Dude. So that’s what you call me. You know, that or, uh, His Dudeness, or uh, Duder, or El Duderino if you’re not into the whole brevity thing.“

 

 

 

Alles beginnt mit einer Verwechslung, wenn zwei Schlägertypen dem Dude die Tür eintreten und nach irgendwelchem Geld fragen. Nur: dieser Lebowski ist eben nicht DER Lebowski und so endet dieser Gewaltakt mit einem bepinkelten Teppich. Das ist der Auftakt zu einer nur schwerlich zu beschreibenden Odyssee, die hier vielleicht auch gar nicht unbedingt groß umrissen werden muss, ist sie doch schön längst ein fester Bestandteil der Popkultur geworden.

 

Eigentlich mag ich das Wörtchen „Kult“ nicht sonderlich, wird es doch nur allzu oft leidlich bemüht wie inflationär gebraucht, allem halbwegs „kultverdächtigem“ vorschnell wie ein vermeintlich bedeutsamer Stempel aufgedrückt und ist letztlich kaum mehr als eine leere Phrase. Aber ob nun Kult hin oder her, zweifellos ist der Dude inzwischen zu einer Ikone der Popkultur geworden, die Film gewordene Alternative für all diejenigen, welche sich den Anforderungen des modernen Lebens nur bedingt gewachsen fühlen. Oder sich ihnen einfach nicht anpassen wollen. Dem Dude jedoch wäre diese Form der Verehrung und Anerkennung wohl eher unangenehm, denn er macht ja nichts, ist einfach so wie er ist, lebt sein kleines Leben so vor sich hin… Bowling, White Russians, ein bisschen Gras, ein heißes Bad und Walgesänge. Und doch: vielleicht sollte jeder von uns hin und wieder mal den ganz persönlichen Dude in sich entdecken. Wir können nämlich viel von ihm lernen. Nach ihrem Debüt Blood Simple ist The Big Lebowski wieder so sehr ein Film Noir, wie es die Coens eben können und einzig The Man Who Wasn´t There wird das später nochmal toppen, aber dazu dann mehr, wenn es soweit ist. The Big Lebowski jedenfalls ist durch und durch Noir, aber dennoch nicht wirklich dunkel und fühlt sich insgesamt viel leichter an als ihr bisheriges Schaffen, episodischer, bunter, musikalischer.

 

Die Geschichte rund um die Scheinentführung einer untreuen Ehefrau und dem nicht weniger vorgetäuschten Versuch des Ehemannes, sie mit Hilfe eines scheinbar völlig Ahnungslosen aus den Fängen ihrer Entführer wieder zu befreien, ist letztlich eigentlich (wie oft im Film Noir) kaum mehr als Nebensache und weniger von Bedeutung, wird aber dennoch von den Coens kunstvoll ausufernd, mit zahlreichen Wendungen und einem kaum zu überschauenden Figureninventar erzählt, nur um sich am Ende einfach in Luft aufzulösen. Es erfordert großes erzählerisches Können, eine solch komplexe Story zu entwickeln, dabei aber zugleich etwas völlig anderes zu erzählen und am Ende den Zuschauer trotz eines geradezu aufreizend kurzen wie knappen Finales nicht zu verlieren. Und als würde das nicht schon reichen, schöpfen die Coens aus ihrem scheinbar unendlich großen Fundus an Ideen und reichern all das mit musicalartigen Traumsequenzen an, etablieren mit Sam Elliot (ganz wunderbar!) einen Cowboy als geisterhaften Erzähler und zelebrieren ganz viel Bowlingromantik. Überhaupt ist die Bowlingbahn ein ganz zentraler Ort für The Big Lebowski und wie die Coens das ganze dortige Treiben einfangen, wie Roger Deakins und seine Kamera all diese großen kleinen Leute einfangen, sie beinahe schon stilisiert, wie sie an ihren Gesichtern vorbei fährt, das ist ganz großes Kino und in der Winzigkeit all dieser Details annähernd perfekt. Hier kommen dann auch wieder die Faszination und Liebe der Coens für den amerikanischen Durchschnittstypen zum Tragen, welche sich als Motiv immer wieder durch ihre Filme zieht, aber nie zu einem zynischen Herabblicken verkommt. Und dann sind da noch all diese wundervollen, erinnerungswürdigen und sich immer wieder im Kreis drehenden und dennoch nicht weniger brillanten Dialoge: zum Niederknien. Beinahe jeder Satz ist zitierfähig und in der Popkultur aufgegangen. Das liest jetzt vielleicht nicht jeder gern, aber ich frage mich schon länger, warum ein Quentin Tarantino immerzu für seine Dialoge so verehrt wird, wo doch die Coens diese Disziplin perfektioniert haben. 

 

Der Dude, Walter und Donny sind die drei vielleicht schönsten Figuren, welche die Coens jemals entwickelt haben. Jeff Bridges hält als ruhender Pol alles zusammen und John Goodman poltert von einem Ausbruch zum nächsten, wirkt aber dennoch mehr wie liebenswerter Elefant, der seine Kraft nicht einzuschätzen weiß.Und dann ist da noch Donny: wir wissen so gut wie nichts über ihn – wo er herkommt, was ihn antreibt, woher er den Dude und Walter kennt und was ihn bei ihnen bleiben lässt – und dennoch gelingt es Steve Buscemi mit lauter Kleinigkeiten und ganz wenigen Blicken und Gesten in seinem Schauspiel diese tragische Figur mit Leben zu füllen. Ein seltsam eigenschaftsloser Mitläufer, der dennoch ein wichtiger Teil dieses schrägen Trios ist, obwohl niemand so recht weiß, warum eigentlich. Er wirkt etwa dümmlich, hat nicht wirklich etwas zu erzählen oder gar beizutragen, gibt insgesamt eine eher traurige Gestalt ab und schaut oft etwas ziellos ins Nichts, als könne er dem Geschehen gerade nicht so recht folgen. Gewalt und deren Ausübung sind oftmals integrale Bestandteile ihrer Filme, doch in The Big Lebowski gibt es oft nur die bloße Androhung von Gewalt und tatsächlich nicht einen einzigen Mord. Dennoch gibt es einen Tod, einen besonders unglücklichen wie tragischen, auf einem Parkplatz vor einem Bowlingcenter, ohne Fremdeinwirkung durch einen Herzanfall. Donny ist weg, einfach so. Das ist bitter und macht einem bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht so viel Glück im Leben haben wie manch andere, Menschen die einfach nur da sind, auch wenn sich nicht immer ganz erschließt, warum. All die Donnies dieser Welt: erst, wenn sie nicht mehr da sind, dann fällt auf, dass sie da waren, wenn sie plötzlich schmerzhaft fehlen.

 

10 von 10 White Russians in der Badewanne

 

 

Coen-Retrospektive #6: Fargo (1996)

8. März 2018 at 12:53

 

 

© Gramercy Pictures

 

 

 

„There’s more to life than a little money, ya know. Don’tcha know that? And here ya are. And it’s a beautiful day. Well. I just don’t understand it.“

 

 

 

Der frustrierte Autoverkäufer Jerry Lundegaard will nichts lieber als aus seinem Leben ausbrechen. Also beauftragt er die beiden Berufsverbrecher Carl Showalter und Gaear Grimsrud mit der vorgetäuschten Entführung seiner Ehefrau in der Hoffnung, sein reicher Schwiegervater würde das Lösegeld bezahlen. Als dieser sich jedoch weigert und auch bei Showalter und Grimsrud mehr und mehr schief läuft, eskaliert die Situation bald vollkommen.

 

Rückblickend ist es schwer zu rekonstruieren, warum es gerade Fargo war, der den Coens erstmals nicht nur Würdigung seitens der Kritik einbrachte, sondern nun auch endlich die Gunst des Publikums. Zweifellos ist der sechste ihrer Filme der erste richtig große Wurf und darf problemlos als vorläufiger Höhepunkt ihres Schaffens angesehen werden. Hier kommt nun endlich alles pointiert zusammen, was das Kino der Coens zuvor auszeichnete, und wird nochmals weiter verdichtet. Thematisch ist Fargo eher eine Rückbesinnung auf die dunklen Motive ihrer Anfangszeit, wird allerdings mit dem bekannten schwarzen Humor und zahlreichen schrägen Figuren angereichert. Zudem scheinen die Coens ein großes Herz für das amerikanische Hinterland und dessen Bewohner zu haben, deren Stimme im Mainstream-Kino eher selten Gehör findet. Das schöne dabei ist, dass sie das keineswegs ironisch meinen und sich nie abschätzig darüber lustig machen. Diesmal kehren sie also zurück zu ihren Wurzeln: in die ländlichen Gegenden von Minnesota. Dort, wo die Zeit etwas langsamer zu vergehen scheint, wo die Menschen eher wortkarg und langweilig sind und wo raue Winter noch an der Tagesordnung stehen, spielt sich ein perfides Verbrechen ab. Die ländliche, winterliche Atmosphäre bietet dabei immer wieder einen herrlichen Kontrast zum oftmals sehr blutigen Geschehen. Schon die ersten Sekunden, wenn sich zum ausladenden wie traurigen Score aus der Feder von Carter Burwell ein Auto aus dem schneeverwehten Bild schält, sich scheinbar unendlich langsam durch das gleißende Weiß schiebt, wird deutlich, wie sehr die Landschaft hier eine ganz besondere Rolle spielen wird. Immer wieder fängt Roger Deakins sie in Aufnahmen leiser, unspektakulärer Tristesse ein und trägt dadurch maßgeblich zu einer in manchen Momenten beinahe schon entrückten Atmosphäre bei.

 

Besonders in den gewalttätigen Szenen ist Fargo geradezu grell brutal und blutig geraten, aber der Film kippt nie ganz in Richtung Farce, sondern ist vielmehr von einer tiefgreifenden, geradezu existenziellen Traurigkeit beseelt und zeigt uns die Absurdität des Lebens. Aber es gibt auch Hoffnung: letztlich ist es das kleine Glück der Gundersons, welches sich als Paradies entpuppt. Ein Ort der Ruhe und Entschleunigung, warm und behütet. Die Vorfreude auf das Baby, das Ei am Morgen und eine Drei-Cent-Briefmarke. Mehr braucht es nicht, man muss es nur auch erkennen. Das ist Jerry nicht gelungen, weil ihm das, was er hat, einfach nicht ausreichen will, und so zerrinnt ihm sein vermeintlich großer Coup – die Aussicht auf ein neues, ein besseres Leben  – wie Sand zwischen den Fingern und seine Verzweiflung wächst und wächst. Am Ende läuft alles furchtbar aus dem Ruder und wenn Jerry letztlich festgenommen wird, in Unterwäsche bei einem mehr als nur dämlichen Fluchtversuch durch ein Toilettenfenster, dann ist das auch mehr als nur erbärmlich. Man vergisst es gern, aber zurück bleibt ein Kind ohne Mutter und Großvater und mit einem Vater im Gefängnis, verantwortlich für all dieses Leid. Vielleicht die wahre Tragödie hinter all dem. Fargo ist ein eigenwilliger, aber eben auch ein wahrhaftiger und deswegen großer Film trotz einer gewissen Intimität, wenn alles durch Schnee und Kälte seltsam gedämpft wirkt. Das ganz große Ding jedoch, das sollte erst noch kommen, aber Fargo verkündet bereits von allem, wozu die Coens fähig zu sein scheinen.

 

9 von 10 offenen Autotüren