Nightcrawler

3. April 2015 at 16:08

 

 

 

Nightcrawler (2014)
Nightcrawler poster Rating: 8.0/10 (110,486 votes)
Director: Dan Gilroy
Writer: Dan Gilroy
Stars: Jake Gyllenhaal, Michael Papajohn, Marco Rodríguez, Bill Paxton
Runtime: 117 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Thriller
Released: 2014-10-31
Plot: When Lou Bloom, a driven man desperate for work, muscles into the world of L.A. crime journalism, he blurs the line between observer and participant to become the star of his own story. Aiding him in his effort is Nina, a TV-news veteran.

 

 

 

„That’s my job, that’s what I do, I’d like to think if you’re seeing me you’re having the worst day of your life.”

 

 

 

Lou Bloom hat keinen Job, lebt in einem heruntergekommenen Apartment und hält sich mit kleineren Gaunereien und Diebstählen mehr oder weniger über Wasser. Aber er ist von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt und glaubt, für Größeres bestimmt zu sein. Als er bei einem seiner vielen nächtlichen Streifzüge durch L.A. eher zufällig in einen Verkehrsunfall gerät und einem freiberuflich arbeitendem Kamerateam bei der Arbeit zusieht, ist er fasziniert und entdeckt er genau dort seine vermeintliche berufliche Zukunft…

 

Das Regiedebut von Drehbuchautor Dan Gilroy, Bruder von Tony Gilroy, dessen erster Film Michael Clayton ja schon ein beachtliches Erstlingswerk war, funktioniert auf vielen Ebenen: als Charakterstudie eines Soziopathen abseits jeglicher Empathie und Moral, als bitterböse und ausgesprochen zynische Abrechnung mit der Medienlandschaft, die den ganzen Zirkus als genau das entlarvt, was er ist, nämlich ein Sammelbecken qoutengeiler Aasgeier, und letztlich auch als ganz klassisch inszenierter Thriller in elektrisierenden Bildern der nächtlichen Straßenschluchten von L.A. Die Kritik an der Arbeitsweise moderner Medien ist dabei noch der offensichtlichste Part, gibt diese sich doch sehr angriffslustig und plakativ. Lou Bloom ist ein Wolf im Schafspelz, nicht wirklich sehr gebildet, aber doch absolut von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, ebenso rücksichtslos wie durchtrieben, aber auch charmant und smart, wenn es erforderlich ist, der beängstigende Archetyp eines neuen, karriereorientierten Menschen, der zielstrebig auf dem Weg nach oben nur seine eigenen Interessen fest im Blick hat und ohne Rücksicht auf Verluste agiert, vollkommen und ausschließlich auf sich selbst fixiert. Also im Grunde genau so, wie die moderne Leistungsgesellschaft uns alle gerne hätte. Der völlige Mangel an Empathie als herausragendes Alleinstellungsmerkmal und elementarer Bestandteil auf einem steilen Weg die Karriereleiter nach oben, koste es, was es wolle. Lou Bloom ist eine Kreatur, eine moderne Variante von Frankensteins Monster, der fleischgewordene Traum der BILDzeitung, erschaffen durch Sensationsgier und Anspruchsdenken und so artikuliert er sich dann auch, bestimmend, gestochen scharf und überlegt, vermeintlich eloquent, aber eben doch nur mit all diesen leeren Phrasen und Floskeln aus Managementseminaren um sich werfend, irgendwo im Internet aufgeschnappt und angelesen, um über seine mangelnde Bildung hinwegzutäuschen.

 

 

„The best and clearest way that I can phrase it for you, to capture the spirit of what we air, is think of our news cast as a screaming woman running down the street with her throat cut.”

 

 

 

Das beste und schlagkräftigste Argument des Films: Jake Gyllenhaal. Der kleine Donnie Darko. Zusammen mit End of Watch, Enemy und Prisoners ist Nightcrawler der vierte Volltreffer in Folge, die drei erstgenannten allesamt zweifellos herausragende schauspielerische Leistungen, aber was er hier als Lou Bloom abliefert, ist dann nochmal deutlich intensiver. Er spielt den eiskalt kalkulierenden Soziopathen überragend, Blick, Mimik, Körperhaltung, alles völlig überzeugend glaubwürdig und sowohl atemberaubend faszinierend als auch beängstigend verabscheuungswürdig zu gleich. Folglich ist Nightcrawler eine reine One Man Show, Rene Russo als Chefin der Nachrichtenabteilung eines eher kleinen Fernsehsenders, Bill Paxton als konkurrierender Freelancer und Riz Ahmed als Blooms Assistent und Erfüllungsgehilfe bleiben erstaunlich blaß, was aber kaum verwundern kann angesichts der erdrückenden Leistung von Gyllenhaal, neben seiner enorm einnehmenden Performance bleibt einfach kein Platz mehr. Mit Nightcrawler etabliert er sich endgültig und unwiderruflich unter den besten Schauspielern seiner Generation, vielleicht sogar darüber hinaus, daran besteht überhaupt kein Zweifel mehr.

 

Dem im Vorfeld übrigens oft bemühten Vergleich mit Taxi Driver, diesem monolithischen Abbild einer ganzen verstörten Generation, gegossen in ein Einzelschicksal, kann Nightcrawler dann aber doch nicht standhalten. Zwar sind sowohl Lou Bloom als auch Travis Bickle mehr oder weniger Produkte der Gesellschaft, in der sie leben, überhaupt erst geschaffen durch ihre Umwelt, und beide Filme fangen faszinierende Bilder nächtlicher Großstädte ein, das moderne L.A. hier und das New York der 70er dort, aber das war es dann auch mit den Gemeinsamkeiten. Vor allem erreicht Nightcrawler nie die Tiefe von Taxi Driver, trotz ähnlich beeindruckender schauspielerischer Leistungen der Hauptdarsteller. Es dürfte allerdings spannend sein zu beobachten, wie sich Nightcrawler im Laufe der Jahre in der Wahrnehmung der Konsumenten verändern wird. Vielmehr sehe ich Parallelen zu einem anderen Film als Taxi Driver, nämlich dem in meinen Augen sträflich unterbewerteten und völlig zu Unrecht missachteten Killing Them Softly. Beide zeigen eine ausgesprochen unangenehme Seite des amerikanischen Traums, eine düstere und hässliche Variante des American Way of Life, die nur allzu gern übersehen und ignoriert wird. Der Unterschied besteht nur darin, dass Nightcrawler sich dem medialen Umfeld und der damit eng verknüpften Sensationsgier widmet und Killing Them Softly die wirtschaftliche Seite dieser riesigen Seifenblase ausgiebig beleuchtet und letztlich zum Platzen bringt, in beiden Fällen jedoch ist die Triebfeder die Gier.

 

Zwar weist Nightcrawler kleinere Plotschwächen auf, aber das ist angesichts Gyllenhaals beeindruckender Performance und der wirklich toll eingefangen nächtlichen Atmosphäre zu verschmerzen. So erscheint zum Beispiel das Beziehungsgeflecht um die Nachrichtenchefin Nina in seiner letzten Konsequenz doch arg konstruiert und wenig plausibel, aber letztlich zeigt auch das nur eine weitere Facette des eiskalten Lou Bloom, insofern fügt es sich vielleicht nicht nahtlos ins Gesamtbild ein, es hakelt ein wenig, aber das tut der Stimmung kaum einen Abbruch. Am Ende ist Nightcrawler zweifellos ein sehr guter Film, hauptsächlich ausgestattet mit einem überragend agierenden Jake Gyllenhaal, aber sicher nicht das Meisterwerk, das mancher vielleicht in ihm sehen mag, und ganz sicher kein moderner Taxi Driver.

 

8 von 10 nächtlichen Streifzügen durch L.A.

 

 

 

 

 

 

 

 

Event Horizon

29. März 2015 at 23:38

 

 

Heute mal wieder ein neuer Beitrag in der Kategorie Lieblingsfilme von mir. Der heutige Vertreter macht es einem, hat man ihn einmal gesehen, wirklich sehr schwer, diese Bilder wieder zu vergessen. Er ist sicher kein herausragender Film oder großer Klassiker, eigentlich ist er nicht einmal besonders originell, aber er brennt sich tief ins Gedächtnis ein und hinterlässt zweifellos einen bleibenden Eindruck, ob er einem nun gefallen hat oder nicht.

 

Vorhang auf für…

 

 

 

 

Event Horizon (1997)
Event Horizon poster Rating: 6.7/10 (101,078 votes)
Director: Paul W.S. Anderson
Writer: Philip Eisner
Stars: Laurence Fishburne, Sam Neill, Kathleen Quinlan, Joely Richardson
Runtime: 96 min
Rated: R
Genre: Horror, Sci-Fi
Released: 1997-08-15
Plot: A rescue crew investigates a spaceship that disappeared into a black hole and has now returned...with someone or something new on-board.

 

 

 

„Liberate tutemet ex inferis.“

 

 

 

Sieben Jahre ist es her, seit das Raumschiff Event Horizon bei einem Testlauf für einen neuartigen Antrieb zur Überbrückung gigantischer Entfernungen einfach verschwand. Als sie plötzlich und unerwartet in der Nähe des Neptun wieder auftaucht und ein kryptischer Funkspruch aufgefangen wird, macht sich ein Rettungstrupp auf den Weg, um die Geschehnisse an Bord zu untersuchen. Niemand weiß, was passiert ist, als die Crew der Rettungsmission ihr Ziel erreicht und das scheinbar leere Schiff betritt, niemand weiß, wo die Event Horizon in den letzten sieben Jahren war und was der ursprünglichen Besatzung zugestoßen sein könnte…

 

Zugegeben, Paul W.S. Anderson ist nun wahrlich kein sonderlich begnadeter Regisseur. Seine Verfilmung des Videospielklassikers Mortal Kombat geht noch als trashige B-Movie Hommage durch und auch Soldier mit Kurt Russel in der Hauptrolle entwickelt unter trashigen Gesichtspunkten irgendwie sowas wie seinen ganz eigenen Charme, aber leider ist der Mann sonst eher für die Resident Evil – Filmreihe und Machwerke wie Alien Vs. Predator, Die drei Musketiere oder Pompeii bekannt sowie für seine Ehe mit Milla Jovovich. Event Horizon jedoch ragt aus seiner Filmografie heraus, ist es doch sein mit Abstand bester Film.

 

Im Grunde ist Event Horizon ein Flickenteppich aus Anspielungen, Zitaten und Querverweisen, er bedient sich quer durch die Filmgeschichte, nimmt sich hier ein bisschen, dort ein bisschen, und vermischt das alles zu einem ganz eigenen Gesamtwerk. Als wesentliche Referenzpunkte sind hier Sciene Fiction – Klassiker wie Alien und Solaris zu nennen, aber auch Hellraiser spielt hier eine nicht zu vernachlässigende Rolle sowie klassische Haunted House – Streifen wie The Haunting oder Shining. Natürlich könnte man das dem Film jetzt vorwerfen, was zahlreiche Kritiker auch tun, aber am Ende ist er erstaunlich homogen geraten und kommt eigenständig genug daher, um müde Plagiatsvorwürfe nicht fürchten zu müssen, denn Regisseur Anderson gelingt es, diesem auf dem Papier recht wilden Genremix seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Die Story selbst ist eigentlich relativ dünn und simpel gehalten, handelt es sich doch im tiefsten Kern des Films um eine ganz klassische Spukgeschichte, ein Geisterhaus im Weltall, wenn man so will, Robert Wise´s The Haunting in den eisigen Weiten, in denen dich niemand schreien hört. Hauptsächlich besticht Event Horizon durch seine unfassbar dichte, oft sehr befremdliche und zuweilen furchterregende Atmosphäre von der ersten bis zur letzten Sekunde und einen kontinuierlich ansteigenden Spannungsbogen, der gelegentlich auch mal an den Nerven zerren kann. Je mehr dieses furchteinflößende Schiff seine Geheimnisse Stück für Stück preisgibt, umso unruhiger wird der Zuschauer.

 

 

 

„I have such wonderful, wonderful things… to show you…”

 

 

 

Ein weiterer ungemein wichtiger und vor allem ausgesprochen stimmiger Aspekt bei Event Horizon ist das atemberaubend gute Setdesign. Die Kulissen sind einfach wahnsinnig detailliert und tragen viel zu Stimmung und Atmosphäre bei, alles ist voller Symbolik und religiöser Bezüge. Das ist vielleicht seine größte Stärke und hier hebt sich der Film deutlich von ähnlichen Vertretern des Genre ab, denn Vergleichbares findet sich schlicht und ergreifend nicht. Allein das Design der Event Horizon selbst ist einzigartig mit all seinen gotischen Einflüssen, düster und befremdlich, eigentlich viel zu groß für seinen Zweck, aber dadurch nur noch beeindruckender. Tatsächlich stand die Pariser Kathedrale Notre – Dame Pate für das architektonische Gerüst des Schiffs, es gibt zahlreiche Strukturen, die an Kirchen erinnern, verschiedene fensterartige Gebilde lehnen sich dort an und die Brücke der Event Horizon wirkt wie ein gigantisches Kirchenschiff. Auch das äußere Design weist deutliche Bezüge zur Gotik auf und ist inspiriert durch die eindrucksvolle Bauweise von Notre – Dame. Wie gesagt, diese Art des Setdesigns ist buchstäblich einzigartig.

 

Nicht weniger beeindruckend ist Andersons Inszenierung. Im Verlaufe des Films werden die einzelnen Crewmitglieder teils auf sehr bizarre Art und Weise mit ihren ganz eigenen Urängsten konfrontiert, mit den dunklen und vielleicht auch bösen Teilen unseres Unterbewusstseins, die wir als vermeintlich zivilisierte Wesen mehr oder weniger erfolgreich verbannt haben aus unseren Köpfen. Die Idee ist, dass die Event Horizon an einem Ort war weit außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, jenseits all unserer Erfahrungswerte und fernab aller kartographierten Zivilisation. Der Film bezeichnet diesen Ort als Hölle, wobei das nicht im religiösen Sinne wörtlich zu nehmen ist, vielmehr ist es dem Mangel an Beschreibungen zu schulden, dass dieses Konzept herhalten muss, es ist eher eine Art Sammelbecken für unsere schlimmsten und ureigensten Ängste in all ihren Ausprägungen. Diese Form der Bedrohung ist weit weniger spezifisch als eine schon dutzende Male wiederholte Geschichte über Aliens und das macht sie so viel befremdlicher, unheimlicher und beängstigender, der Terror ist nicht physischer Natur, er entspringt unseren Köpfen. Hier arbeitet Anderson ungemein effektiv mit winzigen, nur wenige Sekunden langen, fragmentarisch eingeworfenen Bildschnipseln, die zum Teil extrem verstörend wirken. Bilder von unvorstellbarer Gewalt und Grausamkeit, allesamt Ausprägungen eben dieser „Hölle“, ungemein einprägsame Szenen, die man so schnell nicht wieder los wird, fast schon malerisch umgesetzt wie bei Gemälden von Hieronysmus Bosch oder Pieter Breughel. Diese Szenen sind sehr detalliert ausgearbeitet, obwohl sie nur für Sekundenbruchteile aufflackern, und genau das macht sie so unfassbar einprägsam, sie brennen sich regelrecht in die Netzhaut. Sind sie einmal im Kopf des Zuschauers, dann wollen sie so schnell auch nicht wieder gehen.

 

Wie bereits erwähnt, Event Horizon ist bei weitem kein herausragender Film, den Anspruch hat er auch gar nicht, er ist aber vor allem eines, er ist ungemein effektiv. Drehbuch, Handlung und die Dialoge fallen eher schwach aus, aber die guten schauspielerischen Leistungen, allen voran die von Laurence Fishburne und Sam Neill, die ungemein dichte und hervorragend bebilderte Atmosphäre, so furchteinflößend wie befremdlich, und das atemberaubende Setdesign machen das mehr als wett. Da fällt selbst das zum Rest des Films vergleichsweise schwache Ende kaum noch ins Gewicht. Kein Meilenstein der Filmgeschichte, aber definitiv ein Meilenstein seines Genre und einer, den ich immer wieder gerne sehe, der mich nach all den Jahren immer noch nicht langweilt und der mir immer wieder feuchte Hände beschert.

 

7 von 10 herausgerissenen Augäpfeln

 

 

 

 

 

Cruising

21. März 2015 at 16:27

 

 

Cruising (1980)
Cruising poster Rating: 6.3/10 (11,235 votes)
Director: William Friedkin
Writer: William Friedkin, Gerald Walker (novel)
Stars: Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox
Runtime: 102 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 1980-02-15
Plot: A police detective goes undercover in the underground S&M gay subculture of New York City to catch a serial killer who is preying on gay men.

 

 

 

„What I’m doing is affecting me.”

 

 

 

Ein Serienmörder geht in der Homosexuellenszene des New York der 80er Jahre um, immer wieder werden Leichen oder Leichenteile gefunden. Der Polizist Steve Burns wird als Undercover – Cop in die Szene eingeschleust, weil er äußerlich in das offensichtliche Beuteschema des Killers passt und den Opfern sehr ähnlich sieht. Einmal tief genug in diese ihm so fremde Welt vorgedrungen, verliert er sich mehr und mehr in ihr und wird letztlich mit seinen ganz eigenen Dämonen konfrontiert, während seine Beziehung daran zu zerbrechen droht…

 

William Friedkin war noch nie ein Regisseur, der auf Nummer sicher ging, Filme wie French Connection, Der Exorzist, Leben und Sterben in L.A. oder zuletzt Killer Joe sind provokant und innovativ, sie polarisieren und verstören zum Teil sogar. Cruising bildet da absolut keine Ausnahme, ist er doch vielleicht sogar sein gewagtester Film. Sowohl die Dreharbeiten selbst, die sogar sabotiert werden sollten und auch wurden, als auch die Veröffentlichung von Cruising wurden überschattet von Protesten aus allen möglichen Lagern, von der homosexuellen Community, die sich falsch dargestellt sah und dem Film Homophobie unterstellte, von der Politik, von den Kritikern und vom Publikum, die sich vor den Kopf gestoßen fühlten, von rückwärts gewandten Hardlinern. Zudem musste Friedkin seinen fertigen Film mehrfach umschneiden und nicht gerade wenige Minuten des Materials fielen der Schere zum Opfer, anderenfalls wäre Cruising nicht veröffentlicht worden. Was auch erklärt, warum der Film stellenweise oft so fragmentarisch und zerrissen wirkt und die Deutungsebenen zahlreich sind.

 

Cruising hinterlässt sehr ambivalente Gefühle bei mir, denn das Drehbuch pendelt zwischen Thriller und Milieustudie hin und her. Als Thriller ist der Film jedoch erstaunlich konventionell und mittelmäßig geraten, die Story vom Undercover – Cop, der sich zusehends mehr und mehr in der von ihm infiltrierten Welt verliert, ist auch 1980 keine neue Idee und schon vielfach in den unterschiedlichsten Facetten da gewesen. Diese Story dann einzubetten in eine sehr spezielle Szene, die damals sicherlich fremd und schockierend, möglicherweise gar verstörend wirkte, macht das Ganze auch nicht innovativer. Zudem gerät die eigentliche Jagd nach dem Killer immer mehr in den Hintergrund, ab ungefähr der Hälfte der Laufzeit spielt sie kaum noch eine Rolle und der Film konzentriert sich mehr auf Pacino und das Milieu, in welchem er sich bewegt, wie es beginnt, ihn immer stärker anzuziehen, ihn zu verändern. Zum Ende hin wirkt Cruising zunehmend wirr und konfus und verliert immer mehr seinen roten Faden. Hier merkt man dann doch sehr stark, dass der Film mehrfach umgeschnitten werden musste, um eine Freigabe zu bekommen, und in seiner ursprünglichen Fassung deutlich länger war. Als Milieustudie und Abbild einer pulsierenden und schillernden Szene jedoch ist Cruising seltsam faszinierend und ausgesprochen gelungen. Friedkins Blick auf diese Subkultur ist auffällig düster und fatalistisch, dennoch wirkt der Vorwurf der Homophobie heute fehl am Platze. Seine Inszenierung ist oft sehr explizit, detailgetreu und angenehm differenziert und dadurch alles andere als homophob. Der Film zeigt eine verschworene Gemeinde mit all ihren Codes und Ausprägungen, eine Welt für Hartgesottene, voller Leder und SM, er schert sich wenig um bürgerlich lebende Homosexuelle, sondern wirft vielmehr ein Licht auf ein ausschweifendes Nachtleben abseits biederer Fassaden. Gerade in diesen Szenen, wenn die Kamera durch die New Yorker Nacht mit all ihren Clubs und Parties streift wie Pacinos Undercover – Cop durch diese ihm so fremde Welt, ist Cruising atmosphärisch ungemein dicht.

 

 

 

„There’s a lot you don’t know about me.”

 

 

 

Wie bereits erwähnt fällt Cruising als Thriller sehr konventionell und eher mittelmäßig aus, was gerade bei Friedkin doch sehr überrascht, ist man von ihm als Regisseur doch ganz andere Filme gewohnt. Die Handlung lebt größtenteils von der bizarr anmutenden Szenerie, in die sie eingebettet wurde, von den vermeintlichen Tabubrüchen, die sie 1980 sicherlich auch waren. Klammert man diese jedoch aus, und das muss man, nach 35 Jahren haben sich unsere Sehgewohnheiten deutlich verändert und in unserem heutigen Kontext schockiert die Thematik einfach nicht mehr so sehr, bleibt lediglich ein 08/15 – Thriller mit einer zu Grunde liegenden Story, die man so schon dutzend Mal gesehen hat. Immer dann, wenn Friedkin das gewohnte Thriller – Terrain verlässt, wenn die Jagd nach dem Killer in den Hintergrund und beinahe sogar in Vergessenheit gerät, wenn der Film wieder mehr in Richtung Milieustudie ausschlägt, dann wird Cruising richtig gut. Pacino ist wie beinahe immer zu der Zeit grandios, sein unterkühltes und zurückhaltendes Schauspiel passt perfekt in den Kontext des Films, die Identitätskrise seiner Figur lässt sich oft nur erahnen als offen erkennen, er wirkt sehr kontrolliert und nur ein oder zwei Mal hat man kurz das Gefühl, er könnte die Fassung verlieren, dass da doch mehr unter der Oberfläche brodelt. Interessant ist auch, dass Burns für diesen Auftrag nur aufgrund seiner Ähnlichkeiten mit den bisherigen Opfern ausgewählt wird und nicht wegen seiner Fähigkeiten als Polizist, vielleicht auch ein Fingerzeig auf eine Welt, die ausgesprochen oberflächlich ist. Die Zerrissenheit des Films lässt letztlich auch viele Deutungsebenen zu. Gibt es möglicherweise mehr als nur einen Killer? Sollte es vielleicht niemals nur ein Killer sein? Ist es sogar Burns selbst? Wenn ja, war er es schon immer, oder wurde er erst im Zuge seiner Ermittlungen dazu? Alles mögliche Lesarten des Subtexts, aber nichts davon wird konkret beantwortet.  Wer will kann sogar den scheinbar willkürlich mordenden Serienkiller innerhalb einer sexuell hemmungslos agierenden Welt als Vorboten von AIDS sehen. Friedkin schweigt sich im Nachhinein zu all den Theorien und Deutungsversuchen aus, der Zuschauer muss da schon selbst versuchen, sich ein Bild zu machen. Angeblich sollen die fehlenden Filmminuten mehr Licht ins Dunkel bringen, aber wer weiß das schon. Am Ende bleibt ein seltsam faszinierendes Filmerlebnis, das immer dann besonders stark ist, wenn die Thriller – Handlung in den Hintergrund rückt und sich die Story auf das Milieu selbst beschränkt.

 

7 von 10 Lederjacken auf nackter Haut

 

 

 

Predestination

17. Februar 2015 at 12:31

 

 

 

Predestination (2014)
Predestination poster Rating: 7.5/10 (81,129 votes)
Director: Michael Spierig, Peter Spierig
Writer: Michael Spierig, Peter Spierig, Robert A. Heinlein (story)
Stars: Ethan Hawke, Sarah Snook, Christopher Kirby, Christopher Sommers
Runtime: 97 min
Rated: R
Genre: Action, Drama, Mystery
Released: 09 Jan 2015
Plot: The life of a time-traveling Temporal Agent. On his final assignment, he must pursue the one criminal that has eluded him throughout time.

 

 

 

„What if I could put him in front of you? The man that ruined your life? If I could guarantee that you’d get away with it, would you kill him?“

 

 

 

Ein Zeitagent reist zurück in die siebziger Jahre, um den größten Anschlag des sogenannten Fizzle-Bombers zu verhindern, der tausende von Menschen das Leben kosten soll und ein Mann erzählt einem Barkeeper die unglaubliche Geschichte seines Lebens. Mehr lässt sich dann tatsächlich auch nicht über die Handlung von Predestination verraten ohne davon zuviel preiszugeben.

 

Predestination von den Spierig-Brüdern ist eine lose Adaption der Kurzgeschichte All You Zombies! vom amerikanischen Science Fiction-Autor Robert A. Heinlein, die 1959 erstmalig veröffentlicht wurde. Das Grundgerüst der Kurzgeschichte bleibt im Film glücklicherweise erhalten, es wird lediglich durch die omnipräsente Bedrohung in Gestalt des mysteriösen Fizzle-Bomber ergänzt. Die Spierig-Brüder wussten schon 2009 mit dem meiner Meinung gnadenlos unterschätzten Daybreakers dem Genre der Vampirfilme frisches Blut zuzuführen, ist der Film zwar sicher keine Innovation, aber er macht doch genug anders und unterläuft gängige Konventionen, um sich wohltuend vom üblichen Einheitsbrei abzuheben. Jetzt also ein Film mit Zeitreisethematik.

 

Mir ist absolut schleierhaft, wie es dieser Film ebenso wie damals Daybreakers nicht ins deutsche Kino geschafft hat und direkt auf dem Heimkinomarkt veröffentlicht wurde. Predestination gehört auf die große Leinwand, scheuen muss er Konkurrenz nicht, ganz im Gegenteil, und die Spierig-Brüder empfehlen sich eindrucksvoll für größere Produktionen. Glaubt man anfangs noch, einer zwar sehr seltsamen, insgesamt aber doch recht einfach strukturierten Geschichte zu folgen, wird die Handlung von Minute zu Minute zusehends komplexer und verschachtelter, jede vermeintliche Handlungsauflösung erzeugt nur neue Ebenen und Fragezeichen. Ausgehend von dem Gespräch in der Kneipe als erzählerischem Rahmen entspinnt sich eine wendungsreiche Jagd durch die Jahrzehnte, die in einem faszinierenden Verwirrspiel mündet, so springt die Geschichte bald häufig zwischen den einzelnen Zeitebenen hin und her und führt tief in ein als Paradoxon angelegtes Netz aus Frustration, Wut und Rache. Trotz gerade in der ersten Hälfte langer Dialoge und nur zurückhaltender Action fesselt der Film von der ersten bis zur letzten Minute, will man doch endlich diesen seltsamen Reigen entschlüsseln. Zudem besticht Predestination durch eine tolle Inszenierung und einem recht eigenwilligen Look, irgendwo zwischen Film Noir und dem Flair der 70er Jahre, kombiniert mit zahlreichen geschickt platzierten, futuristisch anmutenden Elementen. Auch die beiden Hauptdarsteller, Ethan Hawke und Sarah Snook, machen ihre Sache gut bis sehr gut, nicht überragend, aber überzeugend genug, um den verschachtelten Plot glaubwürdig rüberzubringen. Vor allem die bis dato nahezu unbekannte Sarah Snook weiß zu überzeugen, ist ihre Figur doch besonders komplex angelegt.

 

 

 

„Time catches up with us all.”

 

 

 

Predestination  entpuppt sich als anspruchsvolles, aber nie zu verkopftes Gedankenspiel, das die inhärenten Probleme von Zeitreisen eigenwillig durchexerziert und mit jedem neuen Sprung eine weitere Wendung nimmt, der Handlung weitere Facetten hinzufügt, und dem Zuschauer immer mehr den Boden unter den Füßen wegzieht. Natürlich ist hier von außen betrachtet nichts logisch. Wie könnte es? Das liegt zum einen an dem Genre und der Thematik Zeitreisen selbst, zum anderen aber auch daran, dass das Drehbuch auf äußerst erfrischende Art und Weise sämtliche gängigen Zeitparadoxon-Theorien der Filmwelt frech unterläuft und ihnen kaum bis gar keine Beachtung schenkt. Trotzdem gelingt es, innerhalb der vom Film postulierten Welt mit all ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten geradezu zwingend logisch und bis auf die Spitze getrieben konsequent zu sein. Die üblichen und nicht zu vermeidenden logischen Fallstricke darf man dem Film aber keineswegs vorwerfen, geht es den Spierig-Brüdern insgesamt weniger um das Erzählen einer absolut schlüssigen und wasserdichten Geschichte, sondern vielmehr um das Ausloten der Grenzen menschlicher Vorstellungskraft. Sie nehmen den Zuschauer mit auf eine fantastische und faszinierende Reise an deren Ende nur noch ungläubiges Staunen über soviel Mut und Frechheit wartet, den Plot so sehr zu zuspitzen. Abschließend kann ich nur anmerken, dass jeder, der geneigt ist, sich Predestination anzuschauen, sich so wenig wie möglich vorher mit dem Film beschäftigen sollte, damit das Drehbuch seine volle Wirkung entfalten kann.

 

8 von 10 ledigen Müttern