Coen-Retrospektive #13: Burn After Reading (2008)

12. April 2018 at 16:56

 

© Focus Features

 

 

 

CIA Superior: What did we learn, Palmer?

CIA Officer: I don’t know, sir.

CIA Superior: I don’t fuckin‘ know either. I guess we learned not to do it again.

CIA Officer: Yes, sir.

CIA Superior: I’m fucked if I know what we did.

CIA Officer: Yes, sir, it’s, uh, hard to say

CIA Superior: Jesus Fucking Christ.

 

 

 

Als Linda und Chad, beide Mitarbeiter eines Fitness-Centers, in der Umkleide eine mysteriöse CD voller vermeintlichen geheimen CIA-Informationen finden, beschließen sie, den Besitzer dieser Daten zu erpressen. Allerdings haben die beiden nicht den Hauch einer Ahnung, in welch gefährliche Regionen sie damit vordringen und schon bald sind zahlreiche Personen mehr oder weniger unfreiwillig in diese Affäre involviert ohne absehen zu können, welche Folgen ihr jeweiliges Handeln haben könnte.

 

Wenn die Coen-Brüder ihre Filme Intolerable Cruelty und The Ladykillers brauchten, um danach den alles verschlingenden No Country For Old Men verwirklichen zu können, dann bedurfte es vielleicht im Gegenzug Burn After Reading, um nach dem niederschmetternden Neo-Western den Kopf frei zu kriegen für A Serious Man. Wenn nämlich No Country For Old Men finster wie zutiefst ehrlich und A Serious Man voller Aufbruchstimmung und mit neuem Mut auf dieses seltsam eigenwillige Ding namens Leben blickt, da ist Burn After Reading vor allem eines: unangenehm zynisch. Natürlich finden sich hier wieder alle bekannten Elemente aus dem Schaffen der Coens und auch Humor und Slapstick sind wieder zurück, dennoch beschleicht mich nun zum ersten Mal das leise Gefühl, dass die beiden Brüder vielleicht eine Spur zu routiniert ans Werk gehen. Manchmal wirkt Burn After Reading auf mich wie eine Fingerübung ohne Liebe. Jerry Lundegaard, Ed Crane oder auch Llewelyn Moss: immer begegneten die Coens ihren Figuren offen mit Empathie und Verständnis, so dumm, unüberlegt oder verantwortungslos ihre Taten auch waren. Immer waren sie auch so angelegt, dass man als Zuschauer verstehen konnte, was sie zu ihren Taten antrieb.

 

In Burn After Reading jedoch tummeln sich auffallend viele ausgesprochen unsympathische Figuren, deren Gedankenwelt sich meist um nichts weiter dreht als sie selbst. Selbstsucht als Alleinstellungsmerkmal unter vielen. Bis auf den unglücklich verliebten Ted Treffon kann ich niemandem aufrichtige Sympathie entgegen bringen, seine Rolle jedoch fällt denkbar begrenzt aus. Dennoch ist er der einzige im Film, der aufrichtig liebt, dem es tatsächlich um etwas geht, der zwischenmenschlichen Kontakt aufnehmen will. Oder es zumindest versucht, aber meist weder Gehör noch Beachtung findet, denn alle anderen haben nur sich selbst im Kopf ohne auch mal über den Tellerrand blicken zu können. Kann man sich darauf einlassen, dann ist Burn After Reading zweifellos ein unterhaltsamer Film und nicht ohne Witz und Tempo, aber er ist letzten Endes zumindest für mich auch eine sehr ätzende und bittere, eher wenig versöhnliche Betrachtung dieses Ameisenhaufens, den wir Leben nennen. Zwar sind die schauspielerischen Leistungen auf hohem Niveau, so mancher Darsteller ist hübsch gegen den Strich besetzt und über die Auftritte von J.K. Simmons, David Rasche und Richard Jenkins habe ich mich gefreut, aber leider sind die Figuren selbst einfach viel zu unsympathisch geraten, als dass mich irgendjemandes Schicksal im Film ernsthaft berühren würde. Außer Ted. Bei soviel Zynismus mangelt es mir bei Burn After Reading tatsächlich ein wenig an Herz, dennoch ist das nunmehr dreizehnte Werk der Coen-Brüder bei weitem kein schlechter Film. Alle von ihnen über die Jahre hinweg etablierten Trademarks sind vorhanden, aber all das wirkt hier seltsam selbstzweckhaft. Wenn man die Ausrutscher Intolerable Cruelty und The Ladykillers mal ausklammert, dann ist Burn After Reading für mich ihr bisher schwächster Film.

 

6,5 von 10 selbstgebauten Sex Toys

 

 

 

 

 

 

Okja

2. Juli 2017 at 17:12

 

 

© Netflix

 

 

 

Die kleine Mija lebt mit ihrem Großvater und dem Riesenschwein Okja abgeschieden auf einem kleinen Bauernhof in Korea. Mija und Okja sind unzertrennlich und verbringen den ganzen Tag zusammen. Doch Okja ist Teil eines Zuchtprogrammes der multinationalen Mirando Corporation und soll nun nach zehn Jahren zurück nach New York gebracht werden, um dort die Bestrebungen der Konzernchefin Lucy Mirando auf das nächste Level zu heben. Nun versucht Mija mit allen Mitteln ihren treuen Kameraden Okja aus den Fängen der Mirando Corporation zurück zu gewinnen und ihr Weg führt sie schließlich über Seoul bis nach New York. Unterstützung erhält sie dabei durch eine militante Tierschutzgruppe, welche ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

 

Das jüngste Werk des südkoreansichen Regisseurs Bong Joon-ho, dessen letzte internationale Arbeit Snowpiercer war, sorgte bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes dieses Jahr durchaus für einen Eklat, als bereits noch im Vorspann der Netflix-Schriftzug auf der Leinwand große Teile des Publikums in Buhrufe ausbrechen ließ. Über Netflix und ähnliche Streaming-Dienste und ob sie eher Fluch oder Segen für die moderne Medienlandschaft sind, darüber habe ich mich an anderer Stelle bereits ausführlich ausgelassen, werde also hier nicht näher darauf eingehen. Unumstößliche Tatsache ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es einen Film wie nun Okja ohne Netflix überhaupt nicht geben würde, denn eines ist er sicher nicht: nämlich ein waschechter Familienfilm der Marke Hollywood inklusive Wohlfühl-Zone für Jung und Alt. Bong Joon-ho bedient sich zwar auf den ersten Blick den ganz ähnlichen Mechanismen des fantastischen Kinderfilms, sprengt aber schon sehr bald den gewohnten Rahmen, schlägt lieber andere Wege ein und so manchen jungen Geist könnte Okja überfordern, wenn nicht vielleicht sogar verstören. Allein schon die Verfolgungsjagd in Seoul ist nur halb so witzig, wie man das anfangs vielleicht glauben möchte, von der vielmehr regelrecht bizarren Parade für das Superschwein in New York ganz zu schweigen. Wie schon Snowpiercer ist auch Okja eine stark überspitzte und grellbunte Dystopie, deren Wurzeln in den Krankheiten der modernen Gesellschaft liegen und Bong Joon-ho verknüpft diese mit spektakulär spaßigen Settings, die aber immer noch mit einem kleinen Widerhaken daherkommen, durch welche einem gerne Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Überhaupt nimmt Okja immer wieder unerwartete Schlenker in seiner Inszenierung, beschreitet gern relativ unorthodoxe Wege und erfindet sich immer wieder in seiner grundsätzlichen Ausrichtung neu, wird vom leicht infantilen und albernen Anfang zum dystopischen Film mit Actionelementen wie Verfolgungsjagden und Schießereien, kippt dann in eine überdrehte Mediensatire, nur um letztlich in ein düsteres Melodram abzugleiten. So ist das Finale dann auch eine recht gnadenlose Abrechnung mit der Fleischindustrie. Das darf man gerne für blauäugig und naiv halten, ist mir dann aber doch zu kurz gegriffen und verkennt die eigentlichen Qualitäten des Filmes, zumal Okja deutlich darüber hinaus geht und sich im gleichen Atemzug eingesteht, wie aussichtslos ein solcher Kampf doch ist und das bereits kleine Siege teuer erkauft werden müssen. So wartet Bong Joon-ho dann auch mit einem vermeintlichen Happy End auf, welches sich wie nur ganz wenige für mich überhaupt nicht nach einem solchen anfühlt. Ein toller Cast bestehend aus Tilda Swinton, Jake Gyllenhaal, Paul Dano, Steven Yeun und der absolut herausragend aufspielenden Ahn Seo-hyeon, die mit ihren zwölf Jahren verblüffend gut auch mit dem digitalen Superschwein agiert, runden einen gleichermaßen unterhaltsamen und witzigen wie traurigen und dramatischen  Film ab, den Hollywood in dieser Form und Konsequenz niemals würde hervorbringen können. Letztlich bleibt festzuhalten: in den zwei Stunden Laufzeit habe ich viel gelächelt, ein wenig gelacht und ein wenig geweint. Was will man noch mehr von einem Film?

 

8 von 10 Superschweinen in der U-Bahn

 

 

Doctor Strange

2. November 2016 at 13:42

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„This doesn’t make any sense. – Not everything does. Not everything has to.“

 

 

 

Dr. Stephen Strange ist ein brillanter wie arroganter und überheblicher Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall irreparable Nervenschäden an seinen Händen davon trägt und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Nachdem er jede noch so experimentelle Behandlungsform traditioneller, westlicher Medizin ausgeschöpft hat und ihm keine helfen konnte, sucht er verzweifelt sein Heil in fernöstlichen Praktiken und reist nach Nepal. Dort wird er nicht nur geheilt, sondern auch eingeweiht in die Geheimnisse uralter magischer Künste, denn was er anfangs noch herablassend als Humbug abtut, dient einem erlesenen Kreis mächtiger Magier zur Verteidigung der Menschheit….

 

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk produziert Disney Film um Film für sein Megaprojekt MCU, erweitert eifrig seinen filmischen Kosmos und beginnt nun langsam aber sicher Phase 3 seines Masterplans auszubauen. Abermals muss mit Doctor Strange nach den Guardians of the Galaxy und Ant-Man nun eine weitere Figur aus der zweiten, nicht ganz so bekannten Reihe herhalten, und erstaunlicherweise kann auch diese deutlich besser überzeugen als viele der bereits etablierten Figuren. Überraschend dabei ist neben der mit Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton wohl hochkarätigsten Besetzung bisher im MCU überhaupt vor allem auch die Wahl von Scott Derrickson als Regisseur, der zumindest mir vorher kein Begriff war. Eine kurze Recherche ergab mit Hellraiser: Inferno, The Exorcism of Emily Rose, Sinister und Deliver Us from Evil eine handvoll überwiegend aus dem Horror stammende, allenfalls mittelmäßige Filme, zu denen sich dann noch das vergessenswerte Remake von The Day the Earth Stood Still gesellt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, wer vermag das schon so genau zu beurteilen, ist Doctor Strange als inzwischen bereits vierzehnter Beitrag im MCU und zweiter in dessen Phase 3 erfrischend genug anders geraten als die meisten übrigen Filme des Universums, bedient sich dabei aber immer noch dessen typischen erzählerischen Duktus, der ihn ganz klar als Marvelfilm kennzeichnet. Allerdings sollte man auf der erzählerischen Charakterebene keine Innovationen erwarten, denn hier bedient Doctor Strange die klassischste von allen nur denkbaren Origin Stories und deckt sich überwiegend mit der von Tony Stark/Iron Man, wenn das arrogante und überhebliche Genie durch ein einschneidendes Ereignis seine Läuterung erfährt und fortan seine eigentliche Bestimmung findet. Nennenswerte erzählerische Neuerungen oder Risiken, die eingegangen werden, gibt es nicht, und der Rhythmus ist klar vorgegeben und beschreitet gewohnte Wege. Mit dem Einführen der Magie und dem damit verknüpften Konzept der multiplen Universen und Dimensionen jedoch stößt Marvel die Tür zu ungeahnten Möglichkeiten weit auf und fügt seinem Kosmos einige ganz wunderbare Ideen hinzu, mit denen nicht nur Doctor Strange auf faszinierende Art und Weise umzugehen weiß, sondern die darüber hinaus noch spannende Gedankenspiele für die Zukunft implizieren. So ist Doctor Strange dann auch visuell buchstäblich atemberaubend und zelebriert ein überwältigendes Feuerwerk an Effekten, erschafft einen regelrecht psychedelischen und rauschhaften Wirbelsturm von Bildern und Eindrücken, von denen ich einige in solcher Form noch nie zuvor gesehen habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als ein Freund des 3D bin, aber ich muss zugeben: für diesen Film lohnt sich das wirklich sehr, zumal es Regisseur Derrickson hin und wieder sogar gelingt, dieser eigentlich nur als Gimmick dienenden technischen Spielerei einen erzählerischen Mehrwert abzuringen. Dazu gesellt sich der bereits erwähnte starke Cast rund um Benedict Cumberbatch, der seinen Dr. Stephen Strange zwar nicht so herausragend spielt wie seinen Sherlock, aber dennoch eindrucksvoll genug auftritt, um der Mischung aus Tony Stark und Dr. House charismatisch Ausdruck zu verleihen und eine glaubwürdige, leicht gebrochene Heldenwerdung zu zeigen. Tilda Swinton fängt mit einer geradezu androgynen Vorstellung ganz hervorragend den mystisch-rätselhaften Geist von Strange´s Lehrmeister The Ancient One ein und die ganze Diskussion um das leidige Thema white washing hab ich sowieso nie verstanden. Die geradezu sklavische Ergebenheit gegenüber den Comicvorlagen vieler Hardcorefans und Liebhaber der bunten Seiten empfinde ich in Bezug auf die filmischen Umsetzungen doch eher als störend und limitierend, sind Film und Comic letztlich doch verschiedene Medien, die sich nicht 1:1 aufeinander übertragen lassen. Aber wieder zurück zum Film: auch Chwitel Ejiofor (einigen vielleicht eher bekannt als „der Typ aus 12 Years a Slave„) als Baron Mordo weiß mit seiner ruhig zurückhaltenden Art, unter deren Oberfläche es allerdings zunehmend brodelt, zu überzeugen, und inhaltlich löst der Film seine Entwicklung sehr schön auf und deutet schon auf Zukünftiges hin. Dem tollen Mads Mikkelsen kommt dann der Part des Bösewichts Kaecilius zu als ehemaliger brillanter wie arroganter Schüler von The Ancient One, der ihre Lehren nicht länger anerkennen, sich ihren Regeln nicht länger unterwerfen wollte und ihr letztlich mit seinen Jüngern den Rücken kehrte. Zwar lässt sich seine Motivation durchaus verstehen und beschränkt sich nicht einfach nur auf stumpfe Allmachtsfantasien und Weltzerstörungspläne, dennoch bleibt die Figur erstaunlich eindimensional und blaß. Und der B-Movie Action-Mime Scott Adkins ist leider Gottes in seiner Funktion als eine Art Henchman von Kaecilius vollkommen verschenkt und bekommt kaum Gelegenheit seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ein inzwischen alt bekanntes Problem des MCU, dass die Bösewichte meist nichts taugen. Kurioserweise gelingt es den Marvel-Serien wie Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage um Längen besser glaubwürdige und vielschichtige Bösewichte zu erschaffen.

 

Doctor Strange ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Beitrag zum MCU geworden, der auf erfrischende Art und Weise durchaus auch vom üblichen erzählerischen Korsett abweicht, dieser stetig wachsenden Welt neue, spannende Facetten verleihen kann und auch mühelos als Film für sich allein stehen kann. In Bezug auf die Origin Story des Helden gibt es zwar keine nennenswerten Neuerungen, aber die elegante Inszenierung, die überwältigenden visuellen Schauwerte, der angenehm auflockernde Humor und starke Darsteller wissen das mühelos zu kompensieren. Es ist bezeichnend, dass mit den Guardians of the Galaxy, Ant-Man und jetzt auch Doctor Strange die Figuren aus der zweiten Reihe des MCU mir dann doch meist besser gefallen als die der ersten Reihe rund um Captain America und Iron Man. So darf das gerne weitergehen.

 

8 von 10 flatterhaften Umhängen

 

 

Hail, Caesar!

15. März 2016 at 22:39

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„Would that it were so simple?“

 

 

 

Eddie Mannix ist Problemlöser im Dienste der Capitol Studios im Hollywood der 50er Jahre. Ein sogenannter Fixer, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Fehltritte eines der Stars des Studios vertuscht und aus der Öffentlichkeit heraus gehalten werden sollen. Uneheliche Schwangerschaften, tagelange Sauftouren, arrangierte Hochzeiten, unschöne Angewohnheiten, Schauspieler, die einen Imagewechsel wollen, alles kein Problem für Eddie Mannix. Als jedoch der große Star Baird Whitlock mitten in den Dreharbeiten zum neuesten Monumentalfilm Hail, Ceasar! entführt wird, stehen Mannix turbulente Zeiten bevor, denn jeder Tag an dem nicht weiter gedreht werden kann, kostet das Studio Unsummen….

 

Nach Inside Llewyn Davis ist Hail, Ceasar! nun der bereits siebzehnte Film der Coen-Brüder und wie sonst auch bei ihren Werken kann man sich nie völlig sicher sein, was genau sie einem auftischen. Nahm Inside Llewyn Davis noch die Folk-Szene im New York der 60er Jahre aufs Korn, ist es nun bei Hail, Ceasar! das Studiosystem im Hollywood der 50er Jahre, als Schauspieler noch bei den Studios exklusiv unter Vertrag standen und deren Karrieren bis ins aller kleinste Detail diktiert und gelenkt wurden. Rollenauswahl, Image, Ehepartner, einfach alles wurde von den großen Filmstudios gesteuert. Erstaunlicherweise fällt der Film angesichts seiner Thematik für die Verhältnisse der Coen-Brüder überraschend wenig zynisch und beinahe schon harmlos aus, ist dafür aber auf sehr angenehme Art und Weise humorvoll und unterhaltsam, nie allzu plakativ und meist eher hintergründig und subtil. Hail, Ceasar! ist nicht die Art von Komödie, die einem im Minutentakt große Lacher vorsetzt, vieles ist auch Situationskomik und speist sich überwiegend aus der manchmal schon grotesken Überspitzung der Ereignisse. Die Erzählstruktur ist deutlich weniger stringent als bei anderen ihrer Filme, für Hail, Ceasar! bedienen sich die Coen-Brüder vielmehr dem episodenhaften Erzählen. Obwohl die Entführung des Baird Whitlock die rahmengebende Handlung zu sein scheint, ist auch sie nur ein Bruchstück vieler kleiner Ereignisse, die nicht unbedingt alle auch miteinander zusammen hängen. Einen erzählerischen roten Faden im klassischen Sinne gibt es nicht, aber Eddie Mannix jedoch funktioniert als Ankerpunkt für all diese kleinen Episoden ganz hervorragend und hält irgendwie alles zusammen und auf Kurs. Und indem Hail, Ceasar! zahlreiche Bereiche des Holywoods der 50er Jahre sanft parodiert, bekommt man auch Einblicke in zahlreiche Filmgenres, die allesamt ausgesprochen stimmig von den Coen-Brüdern aufgearbeitet werden. Egal, ob Western, Monumentalfilm, Wasserballet, Tanzfilm, Drama oder Musical, sie alle finden ihre Würdigung in mehr oder weniger großen Szenen. In diesem Momenten lädt Hail, Ceasar! dann auch sehr zum Staunen ein, so präzise und voller Liebe zum Detail sind diese Szenen ausgearbeitet, voller Ehrfurcht dem Medium Film gegenüber und doch immer leicht überhöht in ihrem Kern. Es macht einfach Spaß, für vier oder fünf Minuten in diese unterschiedlichen Welten einzutauchen, die der Film mühelos und harmonisch unter einen Hut bringt. Egal, ob Alden Ehrenreich als wortkarger Cowboy mit verrückten Tricks an Pferd und Lasso, Scarlett Johansson als mürrische Wasserballett-Meerjungfrau, Channing Tatum als singender und steppender Matrose, kommunistische Drehbuchautoren, die sich unter Wert verkauft fühlen oder eben George Clooney als alles überstrahlender Filmstar Baird Whitlock im neuen Monumentalfilm Hail, Ceasar!, immer ist es äußerst unterhaltsam und nie werden das jeweils parodierte Genre und die meist mehr als nur offensichtlichen Vorbilder der Lächerlichkeit preisgegeben oder gar in den Dreck gezogen. Die Coen-Brüder kennen nicht nur diese Filme und deren Stars, sie mögen sie auch, lieben sie vielleicht sogar und sind in jedem Fall große Kenner der Materie, das ist deutlich zu spüren in dieser humorvollen Hommage. Zudem versammeln sie erneut einen bombastischen Cast rund um Josh Brolin und George Clooney, auch wenn es für viele nur zu Gastauftritten reicht, die auch vielleicht nicht immer vollends funktionieren. So verpuffen die Szenen von Jonah Hill, Clancy Brown und Christopher Lambert (genau, Connor McLeod und Kurgan wiedervereint 😀 ) ein bisschen im leeren Raum, dafür aber haben Channing Tatum, Tilda Swinton, Scarlett Johansson und vor allem und allen voran Ralph Fiennes als Regisseur Lawrence Laurentz (!) wahrlich denkwürdige Momente.

 

Letztlich ist Hail, Ceasar! ein wirklich guter und unterhaltsamer Film der Coen-Brüder geworden, aber einen neuen The Big Lebowski, Fargo oder No Country for Old Men sollte man nicht erwarten. Ihr jüngstes Werk wirkt eher wie Burn After Reading: episodenhaft und eher ohne roten Faden erzählt und mit mehr oder weniger gelungene Einzelszenen versehen. Vermutlich werden in ein paar Jahren eher einige herausragende Szenen in Erinnerung bleiben als der ganze Film, nichtsdestotrotz ist auch das siebzehnte Werk der Coen-Brüder durchweg gelungen und ein gutes geworden, das ich nur empfehlen kann. Wie jeden ihrer Filme.

 

7,5 von 10 Lassos aus Spaghettti