Coen-Retrospektive #11: The Ladykillers (2004)

20. März 2018 at 12:57

 

© Buena Vista Pictures

 

 

Das kriminelle Genie Professor Goldthwaite Higginson Dorr hat für den Einbruch in den Tresor eines Casinos eine Bande von Spezialisten um sich versammelt und einen ausgefeilten Plan ersonnen. Das einzige Hindernis ist nun die resolute Marva Munson, in deren Haus sich Dorr eingemietet hat, denn von ihrem Keller aus soll ein Tunnel hin zum Casino gegraben werden.

 

Ich habe wirklich absolut keinen blassen Schimmer, was bei The Ladykillers nun letztendlich alles schiefgelaufen ist. Ich kann es mir einfach nicht erklären und der Film lässt mich mit einem riesigen Fragezeichen über dem Kopf zurück. Bei Intolerable Cruelty kann man wenigstens noch als Argument ins Feld führen, dass das Drehbuch nicht von den Brüdern selbst stammt und der Film nur eine Auftragsarbeit war. Sicher, als Remake von The Ladykillers (1955) mit Alec Guiness entspringt auch hier nicht alles ihren Köpfen, dennoch ist es ihr Film, was die Zerfahrenheit dieser rund 100 Minuten nur noch rätselhafter macht. Bereits die Notwendigkeit eines solchen Remakes ist fragwürdig und ich kann nicht erkennen, was die Coens dem Original hätten hinzufügen können und was sie mir überhaupt erzählen wollen. Der Schwarz/Weiß-Film von Alexander Mackendrick war eine dunkel makabre Komödie, die ihre von Gier angetriebenen Schurken an ihrer Missgunst und an einer alten Frau scheitern ließ. Die Coens verlegen nun einfach die Handlung vom düsteren London der 50er Jahre an den Mississippi der Gegenwart, in der Tom Hanks Figur des Professor Goldthwaite Higginson Dorr mit ihren Umgangsformen, ihrer Akademikersprache, ihrer Kleidung und ihrer Vorliebe für Poesie einen gnadenlosen Anachronismus abgibt.

 

Auch weiß The Ladykillers nie so richtig, was der Film nun eigentlich sein will. Märchen, Gegenwartsfilm, Pastiche, Period Piece, Heist-Movie: all das findet sich hier, aber nichts so richtig davon. Obwohl The Ladykillers mehr typische Coen-Elemente vorzuweisen hat als noch Intolerable Cruelty, will hier irgendwie nichts so richtig zusammen passen und beinahe alle Gags können nicht wirklich zünden. Es mangelt an vielem, vor allem aber an Timing, an Rhythmus und erzählerischem Schwung, wenn zu oft Leerlauf dominiert und sich Szenen zu oft wiederholen. Viele Figuren entspringen schlimmsten Klischee-Albträumen aus der Hölle. Prof. G.H. Dorr mit seinem Sprachduktus und seinen anstrengenden Manierismen verkommt schon bald zur nervigen Karikatur und der von Marlon Wayans gespielte Gawain McSam ist ein Stereotyp auf zwei Beinen und wenn er denn Mund aufmacht, dann wird es unangenehm. Das zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Auch der Humor ist weit entfernt von den mal subtil wie pointiert gesetzten schwarzen Spitzen und dann wieder grell platzierten wie cartoonhaften Slapstick-Einlagen sonstiger Coen-Filme: The Ladykillers ist an dieser Stelle durchgehend dominiert von schlechten Witzen über Darmleiden, weggesprengten Finger und allerhand anderen flachen Peinlichkeiten.

 

Ich verstehe diesen Film nicht. Ich kann mir keinen Reim auf ihn machen und es ist mir vollkommen schleierhaft, was die Coen-Brüder hier angetrieben hat. Zwar sehe ich einige der für sie typischen Elemente immer wieder aufblitzen, aber sie fügen sich nicht wie sonst zu einem stimmigen Bild zusammen. Allerdings weiß ich einfach nicht, wieso das so ist. Nun gut, zwei Flecken auf einer bisher ansonsten makellosen weißen Weste und wenn die Coen-Brüder The Ladykillers brauchten, um dann danach mit No Country For Old Men ein solch absolut überwältigendes Glanzstück abzuliefern, dann kann ich sehr gut damit leben.

 

5 von 10 Gedichten von Edgar Allan Poe

 

 

Captain Phillips

27. September 2015 at 14:41

 

 

 

Captain Phillips (2013)
Captain Phillips poster Rating: 7.9/10 (295,735 votes)
Director: Paul Greengrass
Writer: Billy Ray (screenplay), Richard Phillips (based upon the book "A Captain's Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea" by), Stephan Talty (based upon the book "A Captain's Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea" by)
Stars: Tom Hanks, Catherine Keener, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman
Runtime: 134 min
Rated: PG-13
Genre: Biography, Drama, Thriller
Released: 11 Oct 2013
Plot: The true story of Captain Richard Phillips and the 2009 hijacking by Somali pirates of the US-flagged MV Maersk Alabama, the first American cargo ship to be hijacked in two hundred years.

 

 

 

„You said you were a business man! Is this how you do business?“

 

 

 

Richard Phillips ist der Kapitän des amerikanischen Containerschiffes Maersk Alabama, das sich auf dem Weg vom Oman nach Mombasa befindet. Vor der somalischen Küste kommt es zu einem Zwischenfall und das Schiff wird von Piraten verfolgt und letztlich auch geentert. Die Crew versteckt sich tief im Bauch des Schiffes während Captain Phillips verzweifelt versucht, die somalischen Piraten zu beruhigen und sie zum Aufgeben zu bewegen. Diese sind allerdings nicht gewillt ihre Beute wieder herzugeben und durchkämmen Stück für Stück das Schiff auf der Suche nach der Besatzung…

 

Ich glaube, der letzte wirklich gute Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle, den ich gesehen habe, war Road to Perdition von Sam Mendes. Das war 2002. Catch Me If You Can und Terminal waren zwar gute Filme, aber auch sehr seicht, mit Ladykillers, obwohl von den Coen-Brüdern, konnte ich so gar nichts anfangen, die beiden DaVinci-Code Filme empfand ich eher als ärgerlich und enervierend, Der Krieg des Charlie Wilson blieb auch hinter seinen Möglichkeiten ebenso zurück wie Hanks zweite Spielfilmregie Larry Crowne. Selbst der damals so gehypte Extrem laut & und unglaublich nah konnte nicht immer völlig überzeugen und Cloud Atlas… vielleicht lag es ja an mir, aber zu Cloud Atlas fand ich einfach keinen Zugang. Jetzt mag ich Tom Hanks als Schauspieler aber sehr und schätze ihn über alle Maßen, seine Leistungen in den oben aufgezählten Filmen waren ja auch meist toll, aber vieles andere an ihnen leider nicht. Das Gesamtpaket stimmte nicht, wie man so schön sagt. Gute Filme, aber eben auch nicht von der Qualität eines Philadelphia, Forrest Gump (den ich eigentlich gar nicht so sehr mag, handwerklich und erzählerisch ist er aber auf aller höchstem Niveau), Cast Away, Road to Perdition oder The Green Mile. Es dauerte bis 2013 und brauchte den Regisseur Paul Greengrass, damit einfach mal wieder alles passte. Greengrass, überwiegend bekannt für Die Bourne-Verschwörung und Das Bourne-Ultimatum sowie für Green Zone, versteht es meist, fiebrig inszenierte Action mit politischen Elementen zu packenden Thrillern zu verschmelzen und diese mehr oder weniger gelungen zu inszenieren. Captain Phillips ist zweifellos sein bisher bester Film geworden, sein Meisterstück, intelligentes Hochspannungskino der Extraklasse, das man in dieser Form wirklich nicht oft findet.

 

 

 

„There’s got to be something other than being a fisherman or kidnapping people.“

 

 

 

Captain Phillips entwirft ein enorm beklemmendes Szenario auf engstem Raum, das sehr eindringlich und spannend daherkommt, ohne dabei auf großen Aufwand zurückgreifen zu müssen. Greengrass benötigt keinen inszenatorischen Firlefanz, keine Augenwischerei, verweigert sich den allzu plumpen Griffen in die Trickkiste und lässt lieber seine einnehmenden Bilder sprechen. Gerade auch der starke Kontrast zwischen der oft erdrückenden Enge der Maersk Alabama und der offenen Weite des Meeres unterstreicht die fiebrige Anspannung und die dichte Atmosphäre an Bord. Dazu sorgen die dezent eingebrachten, leicht dokumentarischen Anleihen in der Inszenierung für ein gewisses Mittendrin-Gefühl, der Zuschauer wird sogartig in die Ereignisse hineingezogen. Zwar greift Greengrass auch in Captain Phillips erneut auf sein liebstes Stilmittel, die Shaky-Cam, zurück, macht aber zum einen nicht übermäßigen Gebrauch von ihr und verfällt zum anderen nicht der Versuchung, diese mit schnellen Schnittfrequenzen zu versehen, wie er es in seinen Bourne-Filmen gerne getan hat. Ein simpler Kniff, um Bewegung zu erzeugen, so plakativ wie nervig. Captain Phillips dagegen zeigt wunderbar, wie die Shaky-Cam in Maßen als Stilmittel ganz hervorragend funktionieren kann, längere Einstellungen bestimmen die zermürbende und durch totale Ausweglosigkeit geprägte Geiselsituation, die nicht dauernd hektisch unterbrochen, sondern erstaunlich nachfühlbar gestaltet wird. Das Drehbuch von Billy Ray ist sehr pointiert, erliegt zum Glück nicht dem einfachen Weg der Schwarz/Weiß-Malerei und zwängt seine Akteure nicht vorschnell in allzu simple Strukturen von Gut und Böse. Sie werden weder glorifiziert und zu Helden verklärt, noch verurteilt oder dämonisiert. Vielmehr kommen beide Seiten der Medaille zur Geltung, die somalischen Piraten verkommen nicht zu eindimensionalen Klischee-Bösewichten, ihnen wird Raum gegeben und eine Geschichte spendiert. Die von erschreckend guten Laiendarsteller verkörperten Geiselnehmer erhalten ein Gesicht und nachvollziehbare Motivationen und sind am Ende auch nicht viel mehr als einfache Erfüllungsgehilfen, als winzige Zahnräder in der großen Maschine Piraterie, ein zumindest damals noch enorm einträgliches Geschäft mit der Angst. Dass die somalischen Piraten selbst nicht zu den Profiteuren dieser Strukturen zählen, ist offensichtlich. Am Ende wollen beide Seiten, Piraten wie Geiseln, im Grunde das gleiche, nämlich einfach nur Überleben. Um den Kreis zum Beginn meiner Rezension zu schließen: Tom Hanks in seiner Rolle als Richard Phillips ist einfach unfassbar stark. So gut habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr, vielleicht sogar noch nie erlebt. Seine Figur durchlebt extrem glaubhaft die ganze Palette von Sorge um seine Crew, Überforderung, Entschlossenheit, Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und letztlich sogar Hysterie. Allein die letzten zehn Minuten sind so stark und unglaublich intensiv, dass sie allein bereits das Ansehen lohnen. Zweifellos einer der am eindrucksvollsten gespielten Momente überhaupt, da gibt es kaum vergleichbares.

 

Captain Phillips ist trotz seiner Laufzeit von 134 Minuten zu jedem Moment unglaublich spannend inszeniert, ohne dabei viel Aufwand betreiben zu müssen. Intensives, dramatisches, den Herzschlag beschleunigendes Spannungskino auf engstem Raum, das den Zuschauer mit auf eine unter die Haut gehende Tour de Force nimmt, welcher man sich kaum entziehen kann, und das einen wahrlich entfesselt aufspielenden Tom Hanks zeigt. Zweifellos der bisher beste Film von Regisseur Paul Greengrass und der beste seit langem von Tom Hanks. Vielleicht sogar sein bester überhaupt.

 

8 von 10 Scherben im Fuß