The House of Horrorctober #3: Crimson Peak

7. Oktober 2017 at 13:28

 

 

© Universal Pictures

 

 

Okay, mit Crimson Peak betrete ich nun filmisches Neuland für mich, obwohl ich ein glühender Verehrer von Regisseur Guillermo del Toro und seinen Arbeiten bin und der Film nun schon geraume Zeit bei mir rumliegt. Ich kann selbst nicht genau sagen, warum ich dieses seiner Werke noch nicht gesehen habe, alle anderen aber schon. Also gilt es nun, auch diese Lücke zu schließen. Und nach dem Genuss dieser rund zwei Stunden Film komme ich zu dem Schluss, dass Crimson Peak sich nur schwerlich bloß als Horrorfilm bezeichnen lässt. Vielmehr erschafft Guillermo del Toro hier ein erstklassig ausgestattes und fotografiertes Schauermärchen und bedient sich einer opulent ausladenden Bildsprache, welche mit einem effektvollen Sounddesign Hand in Hand geht. Gerade die zweite Hälfte in England spielt virtuos wie zurückhaltend auf der Klaviatur klassischer Horror-Motive und bietet die volle Bandbreite: mysteriöse wie unheimliche Geräusche im ganzen Haus, blutroter Schnee, finstere Vorfahren, gruselige Portraits, ein Versteckspiel rund um einen geheimnisvollen Schlüssel. Und überhaupt: das Haus. Allerdale Hall ist ganz ohne jeden Zweifel der eigentliche Star des Filmes. Das auf tönernen Boden errichtete alte englische Herrenhaus voller düsterer Geheimnisse und beseelt von Geistern ist ein Meisterwerk der Filmarchitektur und des Setdesigns, stammt es doch keineswegs einfach aus dem Computer, sondern wurde in liebevoller Detailarbeit monatelang von unzähligen Handwerkern und Kulissenbauern zum Leben erweckt. Aber so meisterhaft Crimson Peak auf der inszenatorischen Ebene auch gemacht ist, so wenig gibt der letztlich doch eher dünne Plot her. Die eigentliche Geschichte hinter Allerdale Hall und seinen Bewohnern ist nicht halb so gelungen wie del Toros aufreizend schaurig schöne Inszenierung. Ja, der Film ist ganz eindeutig style-over-substance, aber wenn style so präsentiert wird, fantastisch ausgestattet und umwerfend in Bild und Ton, dann kann ich damit durchaus leben. Crimson Peak ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, der aber auch dazu einlädt in seinen Bildern zu versinken. Thematisch und inhaltlich zwar weniger ambitioniert als Pan´s Labyrinth oder The Devils Backbone, dafür aber bildgewaltig und wunderschön inszeniert und trotzdem in jedem Fall ein Film, den man mal sehen sollte.

 

7,5 von 10 dunklen Geheimnissen in düsteren Gemäuern

 

 

 

Kong: Skull Island

18. März 2017 at 12:27

 

 

  © Warner Bros.

 

 

 

„This planet doesn’t belong to us. Ancient species owned this earth long before mankind. I spent 30 years trying to prove the truth: monsters exist.“

 

 

 

Der Vietnamkrieg ist gerade vorbei, da wittert Bill Randa von der Regierungsorganisation Monarch seine Chance, die sagenumwobene Insel Skull Island einer näheren Untersuchung zu unterziehen und überzeugt einen US-Senator davon, ein Expeditionsteam zu genehmigen. So macht sich eine kleine Gruppe bestehend aus Wissenschaftlern, Militär und Zivilisten und angeführt vom Abenteurer James Conrad auf den Weg durch eine gigantische Sturmfront, die Skull Island permanent im Verborgenen hält. Kaum auf der Insel angekommen, werden sie bereits vom gigantischen Riesenaffen Kong attackiert, dezimiert und quer über die ganze Insel verteilt.

 

Wenn sich riesige Monster auf der großen Leinwand gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hat das Kind in mir seine helle Freude an dem dargebotenem Spektakel. Egal, ob Filme wie Godzilla, Pacific Rim oder eben jetzt die neueste Inkarnation des King Kong, da fühle ich mich beinahe immer bestens aufgehoben. Und auch Kong: Skull Island konnte mich in Aufregung versetzen, wurde mir doch so ziemlich alles geboten, was mein Herz begehrte. Ich habe fette und spektakuläre Monsteraction erwartet und fette und spektakuläre Monsteraction bekommen. Mehr braucht es in diesem Kontext für mich dann auch gar nicht mehr um mich zu unterhalten. Umso angenehmer empfand ich es, dass der mir bisher unbekannte Regisseur Jordan Vogt-Roberts gar nicht erst zu vertuschen versucht, welchen Geistes Kind sein Film ist, und von der ersten Minute an vollkommen dazu steht, nicht mehr zu sein als bloßes Effektspektakel. Das versprüht auf jeden Fall seinen ganz eigenen Charme, zeugt von der reinen Lust am Fabulieren und zelebriert einen scheinbar grenzenlosen Gigantismus, ganz unkompliziert und ohne unnötige Umwege über story telling. Die Geschichte selbst von Kong: Skull Island ist schlicht und leicht zu überschauen und auch die Charaktere sind nicht viel mehr als bloße Stereotypen und klischeehafte Abziehbilder, bei denen meist völlig egal ist, wer überlebt oder stirbt, doch das alles ist mehr oder weniger egal, wenn Kong seinen Pfad der Verwüstung schneisenartig über die Insel zieht. In dem Kontext mutet es ein wenig eigenartig an, einen solch starbesetzten Cast einfach so zu verschleudern, denn Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman und John C. Reilly werden zu Gunsten der Monsteraction mehr oder weniger verheizt, aber dafür gibt es viel Spektakel zu bestaunen. Das Drehbuch verzichtet sogar auf den sonst oftmals üblichen Vorlauf (welchen Peter Jackson einst ein wenig übertrieben hat in meinen Augen – ich mag seinen King Kong gern, aber die ersten anderthalb Stunden haben durchaus ihre Längen, wie ich finde) und präsentiert seinen haarigen Star dem Publikum sehr schnell und ohne größere Einführung.

 

Und ist Kong erst einmal auf der Bildfläche erschienen, dann geht es auch schon Schlag auf Schlag zur Sache, denn er ist bei weitem nicht das einzige Monster auf Skull Island. Visuell sieht das alles dann auch fantastisch aus und kann punktuell sogar durch die eine oder andere ausgesprochen kreative Kameraperspektive überzeugen. Der 70er Jahre Soundtrack weiß zu gefallen, auch wenn klar ist, dass es sich dabei schon auch um einen Griff in die Trickkiste handelt, doch er lädt zum dezenten Mitwippen ein und täuscht über die eine oder andere erzählerische Schwäche hinweg. Auch der Humor, überwiegend transportiert durch John C. Reilly als Hank Marlow, weiß meist zu überzeugen und bildet einen angenehmen Gegenpol zu der Ernsthaftigkeit eines Samuel L. Jackson, der in bester Apocalypse Now – Manier Colonel Kurtz nachahmt und langsam dem Wahnsinn anheim fällt, besessen von der Idee, Kong zu töten. Überhaupt taucht Apocalypse Now recht häufig als Referenz in Kong: Skull Island auf: Look und vor allem die Farbgebung erinnern an Francis Ford Coppolas Meisterwerk, das Setting ist durchaus ähnlich, es gibt eine Bootsfahrt auf einem Fluss sowie Helikopterangriffe und Napalm, und auch einige Namen der Figuren lassen sich als Anspielungen lesen. Als sonderlich tiefschürfend erweisen sich all diese Verweise nicht wirklich, aber Apocalypse Now scheint ganz offensichtlich die größte Inspirationsquelle gewesen zu sein. Sogar dem großen Klassiker des italienischen Mondo-Genre Cannibal Holocaust wird in einer kurzen Szene Tribut gezollt und wer beide Filme kennt, der weiß ganz genau, was ich meine. Übrigens lässt sich anhand von Kong: Skull Island und Peter Jacksons King Kong sehr gut begrifflich differenzieren, wo der Unterschied zwischen einem Remake und einem Reboot liegt, denn Jackson nimmt ein in sich geschlossenes Werk und passt es erzählerisch und visuell moderneren Zeiten an, Jordan Vogt-Roberts hingegen nimmt die Figur an sich samt ihrer Heimat aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und erzählt eine völlig neue Geschichte. Die zudem im gleichen filmischen Universum spielt wie Gareth Edwards Godzilla und in einem gemeinsamen Zusammentreffen gipfeln soll.

 

Letztlich gibt es gar nicht so wahnsinnig viel über Kong: Skull Island zu sagen: er hat meine Erwartungen an ihn erfüllt, mir jede Menge fette Monsteraction geboten und das Kind in mir glücklich gemacht. Dass Handlung und Figuren flach und austauschbar bleiben, habe ich so im Vorfeld erwartet und in meinen Augen kann und darf man das einem solchen Film auch nicht ankreiden. Kong kommt schnell zur Sache, das macht Spaß und sieht toll aus. Was will man denn mehr in einem solchen Film? Ich wurde zwei Stunden lang gut unterhalten, hatte keine Langeweile und wurde in eine fantastische Welt entführt. Dafür sind Abenteuerfilme doch eigentlich gemacht, oder nicht?

 

7 von 10 zweckentfremdeten Bäumen im Kampf gegen Hubschrauber

 

 

 

 

High-Rise

15. Dezember 2016 at 16:27

 

 

© Studio Canal

 

 

 

„Things would be better if we could afford to move to a higher floor“

 

 

 

London, 1975. Dr. Robert Laing bezieht sein neues Appartement in einem hochmodernen, vollkommen autark konzipierten Hochhaus etwas außerhalb der Stadt. Eigentlich will er nur zurückgezogen und in Ruhe dort leben, aber schnell wird er von der alleinerziehenden Charlotte in seine neue Nachbarschaft eingeführt. Die Gesellschaftsstruktur dort ist streng unterteilt in Ober- Mittel- und Unterschicht, doch während die dekadente Oberschicht ausschweifende Partys feiert, erprobt die Unterschicht mehr und mehr den Aufstand, und als die Lage letztlich vollkommen eskaliert, befindet sich Laing mittendrin.

 

Vielmehr kann über den neuen Film von Ben Wheatley auch kaum verraten werden, denn die Eigendynamik der Ereignisse und folglich auch die von High-Rise selbst sollte man idealerweise möglichst unvorbereitet erleben. So kann sie ihre sogartige Wirkung am besten entfalten. Wheatley fiel mir das erste Mal 2011 mit seinem Film Kill List auf, ein typischer Fall von: klang interessant genug, um ihn spontan in der Videothek auszuleihen ohne irgendetwas über ihn zu wissen. Was soll ich sagen? Kill List war ein sehr eigenwilliger Genre-Bastard, der mich vollkommen unvorbereitet traf, mit sich riss und inzwischen zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Der Nachfolger Sightseers war weniger sperrig, dafür aber typisch britisch voller schwarzem Humor geknüpft an absurde Gewalt. Und auf seinen im Frühjahr erscheinenden Free Fire bin ich jetzt schon gespannt. Alles in allem zählt Wheatley für mich eindeutig zu den aktuell spannendsten und interessantesten „Jung“regisseuren. Und seine Adaption des Romanes High-Rise von J. G. Ballard macht da weiß Gott keine Ausnahme, eine erschreckende Dystopie, eine Meditation über die wahren Seiten der menschlichen Existenz, ein grausames, architektonisches Sozialexperiment im schnellen Vorlauf und gleichzeitig ein Film voller winziger wie brillanter Ideen in der Inszenierung, visuell berauschend umgesetzt und zum Teil mit wahnsinnig guten Bildern versehen. Der Firnis der Zivilisation ist ohnehin schon dünn genug und es braucht nicht viel, um ihn reißen zu lassen, denn hinter jeder Ecke lauern schon die Atavismen. Ähnlich wie der 2013 von Bong Joon-ho realisierte Film Snowpiercer erzählt High-Rise von einer absehbaren Revolution und unterteilt seine Gesellschaftsstruktur in verschiedene Abschnitte. Der Unterschied besteht lediglich in ihrer Ausrichtung: wo Snowpiercer mit einem riesigen Zug als Setting seine Schichten horizontal in eine Vielzahl von Waggons unterteilt, da geht High-Rise den Weg in die Vertikale, wenn Arm und Reich durch die Anzahl der Stockwerke zwischen ihnen separiert sind und Anthony Royal als Architekt, Schöpfer und geistiger Vater des High-Rise im Penthouse mit Garten und Pferd residiert, ganz analog zu dem großen Wilford an der Spitze seines Zuges.

 

Royals architektonischer, künstlich herbeigeführter Lebensraum ist in seiner Konstruktion an sich schon ein Pulverfass mit kurzer Lunte, aber als seine Bewohner beginnen, die Außenwelt und ihre täglichen Beschäftigungen zu ignorieren, greifen zunehmend Chaos, Verrohung und Barbarei um sich, bis die Menschen und auch der so distanziert vernünftige Laing sich in den sozialen Zusammenbrach regelrecht verlieben, ihn geradezu genießen und mehr und mehr zelebrieren als alleinigen Mittelpunkt ihrer Existenz. Verdrängte Wünsche und unterdrückte Verhaltensweisen brechen sich Bahn und werden entfesselt, die oberen Klassen beginnen eine Art Stammesherrschaft zu errichten, drehen sich in ihrer Dekadenz immer mehr im Kreis, während ihnen die Bedürfnisse der unteren Klassen immer egaler werden. Eine buchstäblich mörderische Kombination, wenn dann der vermeintliche Pöbel den Aufstand probt und die doch so viel besseren Eliten sich dagegen wehren, um den Status Quo um jeden Preis zu erhalten. Soziale Regeln und moderner Fortschritt können nicht verhindern, dass sich die Bewohner des High-Rise selbst zurück in die Steinzeit befördern. Beschäftigt man sich mit High-Rise ein wenig intensiver, dann kommt einem auch unweigerlich David Cronenberg in den Sinn. Zu einen natürlich, weil er als Regisseur mit seinem Film Crash bereits 1996 eine Vorlage von J.G. Ballard adaptierte, zum anderen und vor allem aber auch, weil er selbst 1975 – dem Erscheinungsjahr des Romanes High-Rise – mit Shivers einen thematisch ganz ähnlich gelagerten Film in nahezu identischem Setting inszenierte. Zwar handelt Shivers von durch einem Parasiten zu sexbesessenen, mordenden Bestien mutierten Menschen, der zugleich auch so übertragen wird, aber die dystopische Vision eines in Anarchie und Chaos zerbrechenden und versinkenden Hochhauses ist die gleiche. In der Prämisse unterscheiden sich beide Filme, im weiteren Verlauf jedoch zunehmend weniger. Und um den Bogen wieder zurück zu schlagen: wo Snowpiercer am Ende für sich eine verhältnismäßig simple Lösung für seinen Konflikt findet und den Zug als Symbol für den rücksichtslosen wie unterdrückenden Kapitalismus entgleisen lässt, damit etwas neues entstehen kann, da erliegt High-Rise nicht solch romantischen Illusionen und bietet schlicht keine Lösung, wenn sich die Bewohner des Hochhauses hinter dessen Wänden von sozialem Druck, Erwartungen und Anstand befreit einfach weiterhin hemmungslos in ihren Machtkämpfen austoben bis nichts mehr übrig ist.

 

High-Rise ist ein etwas eigenartiges Zwitterwesen, ist der neue Film von Ben Wheatley doch irgendwie weder Independent, noch Mainstream-Kino, platziert sich zielstrebig genau zwischen diesen beiden Polen und fühlt sich sichtlich wohl in diesem Spagat. Visuell weiß der Film auf allen Ebenen zu überzeugen, erfreut zugleich mit einem gelungenen und starken 70er Jahre Kolorit und einigen wirklich cleveren Einfällen in der Inszenierung. Mit einer sogartigen, dichten Atmosphäre zwischen Faszination und Abscheu und schauspielerisch durchgängig stark und ohne nennenswerte Ausfälle, gewährt High-Rise dem geneigten Zuschauer einen tiefen und zuweilen verstörenden Blick in menschliche Abgründe und offenbart eine Gesellschaft, deren Fassade nach und nach weg bricht. Mit Glanz, Gloria und Exzess fährt hier einfach alles vor die Wand und man wird mitgerissen, ob man nun will oder nicht.

 

8 von 10 Dosen Hundefutter