Two-Lane Blacktop (1971)

5. Juli 2019 at 21:22

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Performance and image, that’s what it’s all about.“

 

 

 

Zwei namenlose Typen fahren mit ihrem schwer aufgemotzten 55er Chevy quer durchs Land und verdienen sich das nötige Geld fürs Überleben mit Straßenrennen. Als sie mehrfach dem Fahrer eines Pontiac GTO begegnen, fordern sie ihn schließlich zu einem Rennen auf: wer zuerst in Washington ist, der soll den Wagen des Verlierers gewinnen.

 

Mit Two-Lane Blacktop ist Regisseur Monte Hellman einer der vielleicht besten Filme im Fahrwasser von Easy Rider (1969) gelungen und doch hat es rund 30 Jahre gedauert, bis ihm sein Status als großer amerikanischer Klassiker auch endlich zugestanden wurde. Ein Film über Autorennen, der im Grunde nichts mit Autorennen zu tun hat, und diese lediglich als Vehikel für ein geradezu existenzialistisches Drama benutzt. Ein Roadmovie in seiner reinsten Form, ebenso entkernt auf das absolut Nötigste wie der 55er Chevy, mit dem Hellman den Hippie-Glanz eines Easy Rider demontiert und entmystifiziert und stattdessen lieber vom Zerplatzen des viel zitierten American Dream erzählt. Die grenzenlose Freiheit auf endlosen Straßen ist auch nur eine Illusion, sind der Driver und der Mechanic letztlich doch nur Typen, die feststecken: in ihren Autos wie in ihrem Leben. Getriebene, die doch nie ankommen. Two-Lane Blacktop ist ein Film der Einsicht, der Ernüchterung und der Erkenntnis, und doch schwingen da weder Bitterkeit noch Trotz mit, weder Resignation noch Bedauern.

 

Natürlich ist der Film stark geprägt von seiner Zeit und doch ist er irgendwie seltsam zeitlos, vielleicht weil diese Sehnsucht nach Freiheit universell ist, immer aber auch ihre Tücken birgt. Two-Lane Blacktop ist ganz klar ein Stimmungsfilm, ein Mood-Movie, und nur am Rande interessiert an handlungsorientiertem Erzählen. Er ist stark dialogarm und voller wortreichem Schweigen statt leerer Worthülsen, und wenn gesprochen wird, dann meist bloß über technische Details von Autos. Ich habe von Autos keinen blassen Schimmer, nicht mal einen Führerschein besitze ich, und doch übt das alles eine große, fast schon magische Faszination auf mich aus. Dazu kommt eine intuitive Schauspielleistung, denn außer dem wunderbaren Warren Oates als GTO ist keiner der Darsteller auch Schauspieler. James Taylor als Driver und Dennis Wilson als Mechanic (ja, der Drummer der Beach Boys) sind Musiker und haben nur diesen einen Film gedreht und auch Laurie Bird als The Girl hat nur in insgesamt drei Filmen mitgespielt. Auf das Nötigste reduziert ist Two-Lane Blacktop also in jeglicher Hinsicht: die Story ist extrem rudimentär und gerät später ganz aus dem Fokus, die Figuren im Film haben allesamt keinen Namen und einen klassischen Score gibt es auch nicht, sondern nur vereinzelt Songs aus dem Radio und einen Klangteppich aus röhrenden Motorengeräuschen auf der Straße und klapperndem Geschirr in namenlosen Restaurants. Und dann ist der Film zu Ende, plötzlich, einfach so.

 

8 von 10 Mal Anhalten, um den Motor zu checken

 

 

Bring Me the Head of Alfredo Garcia

8. Juni 2016 at 13:18

 

 

© United Artists

 

 

 

„Listen. The church cuts off the feet, fingers, any other goddamn thing from the saints, don’t they? Well, what the hell? Alfredo’s our saint. He’s the saint of our money, and I’m gonna borrow a piece of him.“

 

 

 

Alfredo Garcia hat die falsche Frau geschwängert, nämlich die Tochter des Großgrundbesitzers El Jefe. Also erlässt dieser eine Belohnung in Höhe von 1.000.000 Dollar auf dessen Kopf. Als der abgewrackte Barpianist Bennie eher zufällig erfährt, dass Garcia schon längst tot ist, wittert er die große Chance, endlich seinem trostlosen Leben entkommen zu können, denn scheinbar kaum jemand außer ihm weiß davon. So macht er sich mit seiner Geliebten Elita an seiner Seite und bewaffnet mit einer Machete auf die Suche nach dem Grab des Alfredo Garcia, doch die Konkurrenz schläft nicht…

 

Nach einer kleinen Schaffenspause, bedingt aus den verschiedensten Gründen, melde ich mich nach einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Liste nun auch endlich wieder mit einer Rezension zurück. Einer Rezension zu einem der Filme aus eben jener Liste, ein Film, dessen Bekanntheitsgrad ungerechtfertigter Weise bei weitem nicht so hoch ist, wie es verdient wäre, ein Film, der trotzdem zu meinen Lieblingen gehört. Die Rede ist von Sam Peckinpahs nihilistischem Spätwerk, von seiner Abkehr vom ihn anwidernden Zirkus namens Hollywood, von Bring Me the Head of Alfredo Garcia (dessen Titel ich der Einfachheit halber fortan mit Alfredo Garcia abkürzen werde). Denn obwohl Peckinpah zuvor mit The Wild Bunch, Straw Dogs, Junior Bonner, Getaway und Pat Garrett & Billy the Kid (alle übrigens sehr zu Empfehlen) fünf erfolgreiche Filme hatte, fühlte er sich nie wirklich wohl in Hollywood und hatte bei beinahe allen seiner Filme immer Probleme mit Produzenten und Filmstudios. Selbst sein größter Erfolg The Wild Bunch entsprach so nie ganz seinen Vorstellungen und nach den aus seiner Sicht desaströsen Dreharbeiten zu Pat Garrett & Billy the Kid, an deren Ende der Film massiv umgeschnitten und Peckinpahs künstlerische Vision in seinen Augen verstümmelt wurde, beschloss er, fortan kein solches Risiko mehr einzugehen und nur noch allein und so unabhängig wie möglich  zu arbeiten, um nie wieder die vollständige künstlerische Kontrolle abgeben zu müssen. Die Idee zu Alfredo Garcia war schnell geboren und um sie zu finanzieren, wandte sich Peckinpah an seinen Freund Martin Baum, der zuvor eine eigene kleine Produktionsfirma gegründet und einen Verleih-Deal mit United Artists abgeschlossen hatte. Das Projekt bekam grünes Licht und so wurde Alfredo Garcia als Low-Budget-Produktion mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar vollständig in Mexiko realisiert, stellte also ein überschaubares Risiko für alle Beteiligten dar. So wurde Alfredo Garcia der nach eigenen Angaben einzige Film, den Peckinpah so drehen und schneiden konnte, wie er es wünschte, kommerziell jedoch der vielleicht größte Flop seiner Karriere und fast die gesamte US-Filmkritik nannte den Film eine Katastrophe. Diverse ausgesprochen schädliche, öffentliche Eskapaden des zu dem Zeitpunkt schweren Alkoholikers Peckinpah führten dann dazu, dass United Artists das Interesse an dem Film verlor und ihn recht schnell wieder aus den Kinos zurückzog. Seinen heutigen Liebhaberstatus unter Filmfreunden wie mir sollte Alfredo Garcia erst viel später erlangen. Oder um den Filmkritiker Roger Ebert zu zitieren: „Ein Meisterwerk – ein seltsam eigenartiges, bizarres Meisterwerk, welches einige Zuschauer wohl abstoßen wird, aber auch ein sehr langes Leben haben wird.“ Er sollte Recht behalten.

 

 

 

„There ain’t nothing sacred about a hole in the ground or the man that’s in it. Or you. Or me.“

 

 

 

Ohne jeden Zweifel kann man Alfredo Garcia als Peckinpahs Herzens – und Lieblingsprojekt bezeichnen, lässt es doch sogar autobiografische Tendenzen in seiner Lesart zu. So kämpft Bennie doch ebenso wie Peckinpah gegen ein verkrustetes System, rebelliert gegen fragwürdige Obrigkeiten, und beide sollten letztlich an diesem Kampf zu Grunde gehen. Überhaupt erfährt die Figur des Bennie eine interessante wie ungewöhnliche Charakterentwicklung im Verlauf seiner Odyssee quer durch Mexiko. Anfangs noch eher als einer dieser geradezu klassischen, sympathischen Verlierertypen gezeichnet, einer, der zwar ständig strauchelt und fällt, aber auch immer wieder aufsteht und es erneut versucht, einer, der dennoch an sein Glück glaubt („Nobody loses all the time.“) und selbst im Niedergang noch seine Würde zu bewahren versucht, wird Bennie mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend unsympathischer. Er wird zu einem Getriebenen, zunächst von Gier, später dann von Rache, einer, der irgendwann an den Punkt kommen wird, an dem er seinen eigenen Anblick im Spiegel nicht mehr wird ertragen können, zerfressen von Schuld, doch zu diesem Zeitpunkt ist längst jegliches Mitleid für ihn beim Zuschauer verflogen. Das Geld wird zum einzig Heiligen, alles andere ist nichts mehr wert. Wenn Bennie und Elita in einer der vielleicht berührendsten und ganz seltenen zarten Szenen unter einem Baum sitzen auf dem Weg zu Alfredos Grab, dann werden ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und Vorstellungen so deutlich, wie sie kaum deutlicher werden könnten. Es ist die einzige Szene im Film, die von etwas anderem, vielleicht von Hoffnung künden könnte. Elita will singen, eine Bar eröffnen, sich langsam, aber sicher und allen Risiken und Problemen trotzend eine Existenz aufbauen. Bennie will den Kopf und das Geld – koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Später dann, wenn Bennie Alfredos Grab ausheben wird um sich dessen Kopf zu holen, dann ist das der Moment, in dem dieses sehr zarte und fragile Geflecht zwischen ihm und Elita vollends zerbrechen wird, und das einzige, was vielleicht jemals eine Chance gehabt hätte, kaputt gehen wird, unwiderruflich, unwiederbringlich. Danach wird es nur noch immer bizarrer, Bennie immer verzweifelter. Unterwegs quer durch Mexiko, auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort, um seine Belohnung zu kassieren, mit welcher alles gut werden soll, was schon lange nicht mehr gut werden kann, beginnt er, sich mit Alfredos Kopf, den er in einem Sack auf dem Beifahrersitz transportiert, zu unterhalten, später gar regelrecht anzufreunden. Der Tod wird zum Sinnbild allen Daseins. Mit dem Tod kann man reden, mit den Lebenden nicht. Nicht mit den Verwandten Alfredos, die den Kopf wieder haben wollen, um ihn zu begraben, nicht mit den amerikanischen Kopfgeldjägern, die nur die eine Million Dollar wollen und sonst nichts. Nicht mit Elita, die ein anderes Leben wollte. Bennie bleibt letztlich nur noch Alfredo.

 

Selbst im ohnehin schon starken Schaffen eines Sam Peckinpah nimmt Alfredo Garcia eine Ausnahmestellung ein. Neben Elementen des klassischen Road-Movie verbindet er ebenso gekonnt Action- und Thrillerbestandteile mit denen des Western, erschafft dramatische Momente und erzählt eine melancholische Liebesgeschichte. All das verschmilzt Peckinpah zu einem schmutzigen Film voller Blut, Schweiß und Tränen, desillusionierend und nihilistisch, geradezu verstörend zynisch und dennoch seltsam hoffnungsvoll, denn selbst in den schlimmsten Momenten findet Peckinpah immer wieder Platz für Wehmut und Schönheit. Alfredo Garcia ist weniger spektakulär und zeigefreudig inszeniert als beispielsweise noch The Wild Bunch, dafür aber auch deutlich düsterer und atmosphärischer. Die raue Gewalt entsteht hier nicht durch balletartig inszenierte Zeitlupenaufnahmen von Schusswunden und Sterbenden, nicht durch Peckinpahs so gern benutzte und perfektionierte Schnitt/Gegenschnitt-Technik, sondern vielmehr allein durch die bleischwere Verzweiflung der Geschichte selbst. In meinen Augen ist Alfredo Garcia der stärkste Film im Schaffen von Sam Peckinpah, sein Abgesang auf und gleichzeitig seine Abkehr von Amerika im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen und zweifellos ein Fingerzeig dessen, wozu Peckinpah fähig gewesen wäre, hätte man ihn nach seinen Vorstellungen arbeiten lassen. Ein raues, düsteres und erstaunlich nihilistisches Meisterwerk, welches völlig zu Unrecht bereits zur Stunde seiner Geburt viel zu schnell in Vergessenheit geriet und auch heute leider noch immer nicht die Anerkennung erfährt, welche es verdient hat.

 

9 von 10 ausgesetzten Kopfgeldern