Coen-Retrospektive #6: Fargo (1996)

8. März 2018 at 12:53

 

 

© Gramercy Pictures

 

 

 

„There’s more to life than a little money, ya know. Don’tcha know that? And here ya are. And it’s a beautiful day. Well. I just don’t understand it.“

 

 

 

Der frustrierte Autoverkäufer Jerry Lundegaard will nichts lieber als aus seinem Leben ausbrechen. Also beauftragt er die beiden Berufsverbrecher Carl Showalter und Gaear Grimsrud mit der vorgetäuschten Entführung seiner Ehefrau in der Hoffnung, sein reicher Schwiegervater würde das Lösegeld bezahlen. Als dieser sich jedoch weigert und auch bei Showalter und Grimsrud mehr und mehr schief läuft, eskaliert die Situation bald vollkommen.

 

Rückblickend ist es schwer zu rekonstruieren, warum es gerade Fargo war, der den Coens erstmals nicht nur Würdigung seitens der Kritik einbrachte, sondern nun auch endlich die Gunst des Publikums. Zweifellos ist der sechste ihrer Filme der erste richtig große Wurf und darf problemlos als vorläufiger Höhepunkt ihres Schaffens angesehen werden. Hier kommt nun endlich alles pointiert zusammen, was das Kino der Coens zuvor auszeichnete, und wird nochmals weiter verdichtet. Thematisch ist Fargo eher eine Rückbesinnung auf die dunklen Motive ihrer Anfangszeit, wird allerdings mit dem bekannten schwarzen Humor und zahlreichen schrägen Figuren angereichert. Zudem scheinen die Coens ein großes Herz für das amerikanische Hinterland und dessen Bewohner zu haben, deren Stimme im Mainstream-Kino eher selten Gehör findet. Das schöne dabei ist, dass sie das keineswegs ironisch meinen und sich nie abschätzig darüber lustig machen. Diesmal kehren sie also zurück zu ihren Wurzeln: in die ländlichen Gegenden von Minnesota. Dort, wo die Zeit etwas langsamer zu vergehen scheint, wo die Menschen eher wortkarg und langweilig sind und wo raue Winter noch an der Tagesordnung stehen, spielt sich ein perfides Verbrechen ab. Die ländliche, winterliche Atmosphäre bietet dabei immer wieder einen herrlichen Kontrast zum oftmals sehr blutigen Geschehen. Schon die ersten Sekunden, wenn sich zum ausladenden wie traurigen Score aus der Feder von Carter Burwell ein Auto aus dem schneeverwehten Bild schält, sich scheinbar unendlich langsam durch das gleißende Weiß schiebt, wird deutlich, wie sehr die Landschaft hier eine ganz besondere Rolle spielen wird. Immer wieder fängt Roger Deakins sie in Aufnahmen leiser, unspektakulärer Tristesse ein und trägt dadurch maßgeblich zu einer in manchen Momenten beinahe schon entrückten Atmosphäre bei.

 

Besonders in den gewalttätigen Szenen ist Fargo geradezu grell brutal und blutig geraten, aber der Film kippt nie ganz in Richtung Farce, sondern ist vielmehr von einer tiefgreifenden, geradezu existenziellen Traurigkeit beseelt und zeigt uns die Absurdität des Lebens. Aber es gibt auch Hoffnung: letztlich ist es das kleine Glück der Gundersons, welches sich als Paradies entpuppt. Ein Ort der Ruhe und Entschleunigung, warm und behütet. Die Vorfreude auf das Baby, das Ei am Morgen und eine Drei-Cent-Briefmarke. Mehr braucht es nicht, man muss es nur auch erkennen. Das ist Jerry nicht gelungen, weil ihm das, was er hat, einfach nicht ausreichen will, und so zerrinnt ihm sein vermeintlich großer Coup – die Aussicht auf ein neues, ein besseres Leben  – wie Sand zwischen den Fingern und seine Verzweiflung wächst und wächst. Am Ende läuft alles furchtbar aus dem Ruder und wenn Jerry letztlich festgenommen wird, in Unterwäsche bei einem mehr als nur dämlichen Fluchtversuch durch ein Toilettenfenster, dann ist das auch mehr als nur erbärmlich. Man vergisst es gern, aber zurück bleibt ein Kind ohne Mutter und Großvater und mit einem Vater im Gefängnis, verantwortlich für all dieses Leid. Vielleicht die wahre Tragödie hinter all dem. Fargo ist ein eigenwilliger, aber eben auch ein wahrhaftiger und deswegen großer Film trotz einer gewissen Intimität, wenn alles durch Schnee und Kälte seltsam gedämpft wirkt. Das ganz große Ding jedoch, das sollte erst noch kommen, aber Fargo verkündet bereits von allem, wozu die Coens fähig zu sein scheinen.

 

9 von 10 offenen Autotüren

 

 

Spartan

24. September 2017 at 11:54

 

 

© Warner Bros.

 

 

 

„You had your whole life to prepare for this moment. Why aren’t you ready?“

 

 

 

Robert Scott ist der Mann, den die amerikanische Regierung als Problemlöser hinzuzieht, wenn alle anderen Optionen scheitern. Er macht die Schmutzarbeit, auf sich gestellt und weit jenseits legaler Grenzen. Als die Tochter des Präsidenten verschwindet ist er es, der sie wiederfinden soll. Die Spur führt zu einem arabischen Ring von Mädchenhändlern, die scheinbar gar nicht wissen, wer genau ihnen da in Fänge geraten ist. Die Zeit Spiel gegen Scott, er muss schnell und kompromisslos handeln, doch bald wird ihm klar, dass irgendetwas nicht stimmen kann.

 

Über Spartan reden bedeutet auch unweigerlich über seinen Regisseur und Drehbuchautor David Mamet zu sprechen. Mamet ist ohne jeden Zweifel einer der genialsten Köpfe unter den gefühlt unendlich vielen Drehbuchautoren dort draußen und noch vielen mehr, die gern welche sein würden. Als Autor zahlreicher Theaterstücke (von denen American Buffalo und Glengarry Glen Ross später auch verfilmt wurden) und Drehbücher für Filme wie Wenn der Postmann zweimal klingelt, The Verdict, The Untouchables, Auf Messers Schneide, Ronin, Wag the Dog und eben auch Spartan ist er bekannt für einen ganz eigenen sprachlichen Stil voller schneller, kraftvoller Dialoge, die eher selten einfach nur Informationen geben, sondern vielmehr Figuren charakterisieren und Atmosphäre erschaffen. Ausufernde Beschreibungen und ausgedehnte Erklärungen sucht man bei ihm vergeblich, er schreibt wahnsinnig präzise und pointiert und wirft nur zu gern ins kalte Wasser ohne sich groß mit Expositionen aufzuhalten. So beginnt Spartan mehr oder weniger unvermittelt in der Handlung, wenn Robert Scott bereits als Problemlöser hinzugezogen wird, doch was genau zuvor geschah, das muss man sich anhand des weiteren Storyverlaufs schon selbst zusammen reimen. So verschwendet Mamet in seinem Drehbuch nicht eine Sekunde dafür zu erklären, wer genau die entführte Laura Newton eigentlich ist und lässt nie explizit darauf hinweisen, dass sie die Tochter des Präsidenten ist, aber allein die Art, wie andere Figuren agieren und über sie sprechen macht es nur überdeutlich. Das mag ein wenig eigenartig anmuten in Anbetracht des Genres, welchem sich Spartan widmet, spielt dort doch meist eher Bewegung die Hauptrolle und nicht das gesprochene Wort, doch dieser Ansatz funktioniert in seinem speziellen Kontext ganz hervorragend. Bei näherer Betrachtung kommt man dann auch zu dem Schluss, dass gerade Mamets eigenwilliger Stil dazu beiträgt, aus seinem Film einen der ungewöhnlichsten und interessantesten Genrebeiträge der letzten Jahre zu machen, der seinem Genre durchaus sogar neue Impulse verleihen und frische Ideen mit auf den Weg geben kann. Eine besonders große Leistung in seiner Inszenierung ist es, wie geschickt es Mamet versteht dem Zuschauer entscheidende Informationen vorzuenthalten und präzise dosiert im Unklaren zu lassen, ohne dass man sich betrogen fühlt. Im Gegenteil, Spartan ist seinem Zuschauer selbst dann noch immer einen Schritt voraus, wenn man schon längst glaubt, den Plot durchschaut zu haben. Zudem unterscheidet sich Mamets Film wohltuend von so vielen seiner Genre-Brüder, wenn zur Abwechslung mal nicht jedes noch so kleine Detail auserzählt werden muss, Dinge auch mal unausgesprochen in Grauzonen bleiben dürfen und moralische Schattierungen außerhalb der üblichen Klischees zugelassen werden, welche durchaus auch ein wenig Denkvermögen einfordern.

 

Keine Frage, allzu leicht macht es David Mamet mit Spartan seinen Zuschauern nicht. Auch die Action selbst im Film ist zwar zweifellos ungemein effizient, zugleich aber auch angenehm zurückhaltend und hübsch geerdet im Vergleich zu manch anderem Actionthriller, kompetent inszeniert, spürbar druckvoll und trotzdem bodenständig. Robert Scott ist durch und durch Profi auf seinem Gebiet, aber er ist kein großer Denker und Entscheider, der strategische Pläne entwirft, er ist vielmehr ein Macher, der dorthin geht, wohin man ihn schickt, kaum mehr als eine weitere Schachfigur im Spiel viel mächtigerer Männer im Hintergrund. Sich selbst bezeichnet er mehrfach im Film als working bee, er sieht sich als Drohne, die präzise ihre Aufträge erfüllt. Ein Job, auf den er nicht stolz ist, aber einer, der erledigt werden muss und in dem er verdammt gut ist. Scott ist kein Held und erst recht kein Sympathieträger: er tut was nötig ist, wendet Gewalt an um Geständnisse aus Kollegen zu pressen, einem Verdächtigen bricht er ohne mit der Wimper zu zucken erstmal den Arm und befragt ihn erst dann, einen Mord nimmt er eiskalt in Kauf, um sich das Vertrauen eines weiteren Verdächtigen zu erschleichen. Was er tut zu hinterfragen, das beginnt er erst, als er sich plötzlich inmitten eines Netzes aus Lügen und Intrigen wiederfindet und auf der falschen Seite steht. Spartan wirft einen durchaus unangenehmen Blick auf die Arbeit diverser Geheimdienste und deren Akteure, denn glorifiziert wird hier gar nichts und es wird auch mehr als nur deutlich, welchen Wert selbst die besten unter ihnen noch haben, wenn sie den Strippenziehern im Weg stehen.

 

Viel zu oft kommt Spartan einfach völlig zu Unrecht sehr schlecht weg, egal, ob auf Seiten der Kritiker oder des Publikums. Es ist wahnsinnig schade, dass David Mamets Film so sträflich unterbewertet wird, hat er doch so manches zu bieten, was ihn erfrischend abhebt vom sonst so oft üblichen Genre-Einerlei. Das Drehbuch ist intelligenter geschrieben, als man auf den ersten Blick vermuten würde und serviert dem Zuschauer nicht jedes kleine Fitzelchen mundgerecht auf dem Silbertablett, behält aber gleichzeitig wichtige Informationen so geschickt für sich, dass man sich nicht beleidigt fühlt, und platziert seine Wendungen im Storyverlauf sehr punktgenau. Spartan ist einer der vielleicht maßlos unterschätztesten und verkanntesten Filme überhaupt und das ist verdammt schade. Wenn man einen geradlinigen wie schnörkellosen Actionkracher sucht, dann ist man mit Spartan sicherlich falsch beraten, denn dem üblichen Genre-Größenwahn verweigert sich der Film und punktet lieber an anderen Stellen. Und Robert Scott würde mit Jack Reacher und Konsorten den Boden wischen.

 

8 von 10 bewusst in Kauf genommenen Kollateralschäden

 

 

 

 

Blood Father

15. Februar 2017 at 13:49

 

 

  © SND Films

 

 

 

„You sure are a good girl. You sure are. You sure… are.“

 

 

 

John Link ist ein in die Jahre gekommener Ex-Sträfling und trockener Alkoholiker, der sein altes Leben hinter sich gelassen hat und nun zurückgezogen in einem Trailerpark lebt und seinen Lebensunterhalt als Tätowierer verdient. Als plötzlich seine Tochter, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, wird Link doch nochmal mit seiner eigentlich längst abgelegten Vergangenheit konfrontiert.

 

Der französische Regisseur Jean-François Richet ist mir bisher nur durch sein eher mäßiges und vor allem unnötiges Remake von John Carpenters Assault on Precinct 13 und durch die beiden Filme L’instinct de mort und L’ennemi public n°1 mit Vincent Cassel als französische Gangster-Ikone Jacques Mesrine aufgefallen. An manchen Stellen war zu lesen, Blood Father würde im Schaffen von Mel Gibson einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie Taken in dem von Liam Neeson, ihm also als gealterten Actionhelden einen zweiten Karrierefrühling bescheren. Damit lässt man allerdings Get the Gringo außer Acht, der bereits 2012 ganz ähnlich angelegt war. Aber gut, sei´s drum. Richet hat mit Blood Father einen ziemlich guten, stimmungsvollen Genrefilm abgeliefert, der anfangs sehr gut und bedächtig seine beiden Hauptfiguren einführt und sich ausreichend Zeit nimmt, um seine offensichtliche B-Movie-Handlung sorgfältig vorzubereiten. Stilistisch vermengt Richet einige Elemente aus Western, Roadmovie und Drama, abgeschmeckt mit einer Prise Sons of Anarchy, zu einem zwar überraschungsarmen, aber dafür enorm kurzweiligen und straff wie schnörkellos inszenierten Thriller, dessen Schwerpunkt keineswegs auf seiner Action liegt. Wer hier ein temporeiches Spektakel erwartet, welches Actionszene an Actionszene reiht, der ist mit Blood Father falsch beraten. Sicher kracht und knallt oft genug in den angenehm kurzen 88 Minuten Laufzeit, aber der Film bietet auch immer wieder ruhige Momente zum Durchatmen und kann durch einen hervorragenden Rhythmus glänzen ohne jemals künstlich aufgeblasen zu werden. Auch auf überflüssigen Schnickschnack in der Inszenierung wird hier weitestgehend verzichtet, die Action ist überwiegend herrlich altmodisch handgemacht und auf CGI wird glücklicherweise verzichtet. Die Actionszenen sind allesamt kurz und knapp gehalten und bodenständig umgesetzt, wodurch sie eine deutliche Intensität entwickeln können, die Blood Father sehr gut zu Gesicht steht und sich angenehm vom üblichen Action-Einerlei abzuheben weiß.

 

John Link ist der Inbegriff eines Antihelden – trockener Alkoholiker und Ex-Sträfling mit bewegter Vergangenheit in einer Bikergang auf der Suche nach Absolution für früherer Verfehlungen. Eine Rolle, die Mel Gibson wie auf den Leib geschneidert ist und die er glaubhaft und so sehr voller Inbrunst verkörpert, dass sein geerdetes Schauspiel verhindert, dass Blood Father in die typischen Klischeefallen tappt. So ist Mel Gibson dann wohl auch die größte Stärke des Filmes, aber zugleich auch ein Schwachpunkt, denn er gefällt sich selbst ein wenig zu sehr in seiner Rolle des auf den rechten Pfad zurückgekehrten Saulus voller biblischem Zorn. Ansonsten gibt es an Blood Father nicht viel zu mäkeln. Der Film ist angenehm knackig kurz, entfaltet einen guten Rhythmus zwischen Drama getriebenen und Action getriebenen Szenen und hat eine starke Hauptfigur. Die Action selbst ist bodenständig, altmodisch und gekonnt inszeniert. Kurzum: ein guter und stimmungsvoller Actionthriller, der seinem Genre zwar nichts neues hinzufügen kann, aber zu jeder Zeit zu unterhalten weiß. Nur eines hat mich ein wenig irritiert: warum musste sich Richet in einer Szene in einem Kino selbst referenzieren, indem sein Assault on Precinct 13 dort auf der Leinwand zu sehen ist? Kein richtiger Kritikpunkt, merkwürdig fand ich es dennoch. Aber gut, sei´s drum.

 

7 von 10 kunstvollen Tätowierungen