Wenn der Kinobesuch zur Qual wird

3. April 2017 at 19:14

 

 

 

Es ist mal an der Zeit, sich ein oder zwei Dinge von der Seele zu reden. Mittlerweile hasse ich Kino. Harter Satz, ich weiß, und vielleicht missverständlich dazu. Nur um das klar zustellen: damit meine ich den Akt des Kinoganges selbst, nicht, wofür es steht, was es bedeutet, oder gar die Filme, die ich so sehr liebe. Aber es widert mich mehr und mehr an, was daraus geworden ist, aus diesem Ort des Staunens und des Eskapismus. Der konkrete Anlass für diese Worte war ein erneuter, katastrophaler und nur schwer zu ertragender Kinobesuch von Logan, der lediglich einer in einer ganzen Kette von überwiegend unerfreulichen Abenden war. Gemeinsam mit einem guten Freund, den ich zuletzt sehr lange nicht gesehen habe, in der samstäglichen Spätvorstellung eines kaum erwähnenswerten Multiplex-Kinos einer eigentlich noch viel weniger erwähnenswerten Kette. Ich versuche schon seit geraumer Zeit derartige Kinos zu meiden, wo ich nur kann, aber manchmal führen bestimmte Gründe eben dazu, dass ein dortiger Besuch unvermeidlich wird. Zu meinem Glück gibt es hier in gut zu erreichender Nähe zwei kleinere Kinos, aber auch dort kann man unter diversen Aspekten ganz viel Pech haben und einige davon gilt es nun in diesem Text kurz aufzuarbeiten.

 

 

1.  Die Preise

Zu Schulzeiten und mit Abstrichen auch noch im Studium war ich annähernd jede Woche zweimal im Kino, denn die günstigen Kinotage Dienstag und Donnerstag machten es möglich. Heute bin ich aufgrund diverser Verpflichtungen sowohl beruflicher wie auch privater Natur schon froh, wenn ich es zehn Mal im Jahr ins Kino schaffe. Das ist dann nämlich sehr viel. Was wiederum meinen Geldbeutel schont. Wie eingangs erwähnt gibt es hier in der Nähe zwei kleinere Kinos, die glücklicherweise stabil niedrige Preise haben, aber wenn es dann aus welchen Gründen auch immer doch ein Besuch in einem Multiplex-Kino wird, dann verdoppeln sich die Preise gern mal. Wenn ich dann mal nach Düsseldorf schaue, weil dort ein sehr guter Freund von mir lebt, dann kann einem an der Ticketkasse schon mal schwindelig werden. Und da sind Anfahrt und Parkgebühren noch nicht mit eingerechnet. Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht, aber einen Kinobesuch mit der ganzen Familie an einem Sonntag, vielleicht inklusive Popcorn und Getränke? Mit dem Geld könnte ich einen Besuch auf der Filmbörse bestreiten. Und wenn ich mir dann überlege, dass ich mir für das Geld des Kinotickets vier, fünf Monate später den Film auch auf Bluray kaufen und in Ruhe daheim anschauen kann (was uns dann direkt zu Punkt 2 führen wird)? Da werden die Filme, für die ein Besuch im Kino in Frage kommt, sehr sorgsam ausgewählt.

 

 

2. Andere Menschen

In meiner nun rund 25 Jahre andauernden Kino-Historie habe ich schon so manchen Störenfried erlebt und vielleicht täuscht mich ja meine Wahrnehmung, aber gefühlt sind Verrohung und Respektlosigkeit im Kinosaal neuerdings stark angestiegen. Alle nur erdenklichen Essgeräusche sind ja nun schon sehr lange etabliert, auch wenn ich das Prinzip an sich nie so ganz verstanden habe, wenn ich viel Geld für schlechtes Essen ausgebe und mich dann noch weniger auf den Film konzentrieren kann. Und wer kennt ihn nicht, den Typ Mensch, der einfach alles, was er sieht, lautstark kommentieren muss, weil ja niemand außer ihm all die komplexen Zusammenhänge auf der Leinwand verstehen kann. Oder die Generation Smartphone, deren Existenz sich einfach aufzulösen scheint, wenn sie nicht alle zehn Minuten auf ihr Display starren, sind sie doch der zumindest gefühlte Nabel der Welt und dürfen nichts verpassen. Oder einfach Menschen, die 15 – 20 Euro für eine Kinokarte ausgeben nur um  sich dann zwei Stunden lang zu unterhalten. Über Telefonate im Kino fange ich gar nicht erst an. Oder betrunkene Kinobesucher inklusive Kontrollverlust. Höfliche Nachfragen enden nicht selten persönlich und unter der Gürtellinie. Was stimmt da eigentlich nicht, dass die Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind, mal für nur zwei lumpige Stunden die Klappe zu halten und sich wirklich auf etwas einzulassen? Unterhalten kann ich mich daheim, gemütlich auf der Couch, vielleicht bei Pizza und Bier, und das deutlich günstiger als im Kinosaal.

 

 

3. Die Werbung

Ich frage mich mittlerweile allen ernstes, wann der Zeitpunkt erreicht sein wird, an dem der Werbeblock vor dem Film länger sein wird als der Film selbst. Mein diesbezügliches Highlight durfte ich beim Kinobesuch von Rogue One: A Star Wars Story erleben. Natürlich ein Multiplex-Kino, natürlich überteuert und mit zweifelhaften Preisaufschlägen (empfinde nur ich die Grenzen für Überlängen als ausgesprochen willkürlich?) versehen, musste ich geschlagene 45 Minuten Werbung überstehen, bevor es endlich losging. Hätte ich den Film nicht so unbedingt sehen wollen und so viel Geld dafür ausgegeben, dann wäre ich vermutlich einfach gegangen. Und dann die Trailer für andere Filme. Ich habe kein Problem mit Trailern und sehe sie sogar gern, vorausgesetzt, ich kann selektieren. Wenn mich etwas nicht interessiert, dann schaue ich auch nicht den Trailer an. Ganz einfach. Im Kino aber werde ich scheinbar willkürlich bombardiert mit generischen Bildern zu Filmen, die sich immer ähnlicher werden, sich zu einem faden Brei vermischen und in meinem Kopf zu einem ausdruckslosen wie austauschbarem Etwas verschwimmen. Und dann die berühmte Eispause vor dem Hauptfilm, die schlichtere Geister gern nutzen, um dumme Bemerkungen über den Eisverkäufer zu machen, die auch beim x-ten Mal einfach nicht lustiger oder gar geistreich werden wollen. Dieser Mensch macht auch nur seinen Job und kann sich sicher angenehmeres Vorstellen, als jeden Abend wer weiß wie oft die gleichen dummen Sprüche hören zu müssen.

 

 

4. Ich schränke mich selbst ein

Im Zeitalter von Netflix und Co. habe ich einen deutlich größeren Zugriff auf Inhalte, die mich interessieren. Früher gab es das Kino, später die Videothek, heute habe ich viel mehr Möglichkeiten, mir einen schönen Abend zu gestalten. Daheim auf der Couch, was ich will, wie ich will, wann ich will. Streamingdiensten und einer umfangreichen, recht abwechslungsreichen und vor allem stetig wachsenden Filmsammlung sei Dank. Meine diversen Watchlisten abzuarbeiten würde wohl vier Wochen Urlaub beanspruchen und es wird eher mehr als weniger, was sich dort anhäuft. Warum also sollte ich Zeit damit verbringen, den Weg ins Kino auf mich zu nehmen, nur um mich dort dann mit den immer gleichen Nervensägen herum zu ärgern und all die Werbung für Dinge, die mich ohnehin nicht interessieren, über mich ergehen zu lassen? Wenn doch allein mein Netflix-Abo weniger kostet als ein Kinoticket? Zudem dauert es inzwischen kein halbes Jahr mehr, bis ein Film in die Phase der Zweitverwertung eintritt und ich ihn für oftmals weniger Geld auch kaufen kann. Glück oder Pech kann ich daheim mit einem Blindkauf ebenso wie im Kino haben.

 

 

 

5. Und nun?

Bevor das alles falsch verstanden wird, als bittere Tirade eines in die Jahre gekommenen Kulturpessimisten, muss ich nach wie vor festhalten: ICH LIEBE KINO! Nur die Umstände, mit denen es sich wohl oder übel zu arrangieren gilt, das ganze Drumherum, das wird mir mehr und mehr zuwider und führt dazu, dass ich mir dreimal überlege, ob ich einen Film wirklich so dringend sehen will. Und der Rahmen will geplant sein: kleines Kino, gerne spät, wenn möglich, dann in 2D und nicht in 3D. Für mich als Brillenträger gleich ein doppeltes Ärgernis, muss ich doch eine schlecht sitzende 3D-Brille über meiner eigentlichen Brille tragen, den Film dunkler und verschwommener sehen als in 2D und zu allem Überfluß hat dieses leidliche Gimmick noch keinen Film ernsthaft aufgewertet. Insgesamt sind meine Kinobesuche aus all diesen Gründen deutlich weniger geworden, auch wenn dieses Jahr überproportional viel Filme laufen, die ich auch gern auf der großen Leinwand sehen würde. Und so mancher davon wurde mir schon verleidet. Dennoch werde ich den Kinobesuch nicht aufgeben, denn er bedeutet für mich auch, einen Film zu zelebrieren und mich dem Eskapismus hinzugeben. Wenn man mich denn lässt. Auch wenn mich das scheinbar zu einer aussterbenden Art macht.