Chungking Express (Chung Hing sam lam, 1994)

17. September 2019 at 12:18

 

 

© Ocean Shores Video/Miramax/Quelle: IMDb

 

 

 

Actually, really knowing someone doesn’t mean anything. People change. A person may like pineapple today and something else tomorrow.“

 

 

 

Zwei junge Polizisten stehen im Mittelpunkt: Nr. 223, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde und sich in eine flüchtige Drogendealerin verliebt, und Nr. 663, auch frisch verlassen, auf den die neue Bedienung in seinem Stammimbiss ein Auge geworfen hat. Dort kreuzen sich die Schicksale vierer Menschen mit unterschiedlichstem Ausgang.

 

California dreamin`.Was ursprünglich während des Schnittes von Ashes of Time (Dung che sai duk, 1994) als kleine Fingerübung gedacht war um den Kopf wieder frei zu kriegen, das sollte sich als lebendiges, vibrierendes Kino voller Energie entpuppen, welches spürbar mehr über Stimmung und Atmosphäre wirkt als über den Inhalt. Wo die narrative Ebene eher wenig hergibt, da ist der außergewöhnliche Stil der Inszenierung das, was am meisten zu fesseln weiß. Visuell zeigt Regisseur Wong Kar-Wai all sein Können und bricht mit seinem Kameramann Christopher Doyle an seiner Seite nur zu gern Konventionen, ist dynamisch wie abwechslungsreich und immerzu in Bewegung. Chungking Express bietet wirklich ein paar grandios inszenierte Momente, eine kunstvolle Bildsprache und einige raffiniert arrangierte Szenen auf handwerklich hohem Niveau.

 

Dazu sagt der Film oft sehr viel mehr durch winzige Details als durch große Gesten und gewichtet die kleinen Momente des Alltags deutlich stärker als Pathos und Kitsch. Alles hat ein Verfallsdatum: die Figuren erscheinen oftmals allein unter Menschen, einsam in den überfüllten und wuseligen Gassen von Hongkong. Unerfüllte Sehnsüchte, geplatzte Träume und die Suche nach Liebe sind hier Thema, und doch wird all das beschwingt, locker, leicht und geprägt von Improvisation erzählt. Zwei Geschichten werden dem geneigten Zuschauer präsentiert, aber allenfalls lose miteinander verknüpft und gerade noch durch ihr Setting zusammen gehalten. Das macht nichts, denn visuell ist das alles berauschend, wenn sich diese Figuren im hektisch pulsierenden Treiben dieser Großstadt finden und verlieren, annähern und auseinander leben. Do you like pineapple?

 

8 von 10 Dosen abgelaufener Ananas

 

 

Green Book (2018)

3. September 2019 at 12:11

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You never win with violence. You only win when you maintain your dignity.“

 

 

 

Eigentlich arbeitet Tony Vallelonga als Türsteher und Rausschmeißer in einem Nachtclub, doch als dieser aufgrund einer Renovierung für zwei Monate schließen muss, da kommt ihm ein gut bezahlter Job nicht ungelegen. Er soll den begnadeten Pianisten Don Shirley auf einer Tournee durch die Südstaaten begleiten und als Fahrer für ihn arbeiten. Doch die beiden Männer könnten unterschiedlicher kaum sein und so gestaltet sich eine erste Annäherung als nicht sonderlich leicht.

 

Manchmal ist das Gegenteil von gut eben doch gut gemeint. Green Book von Regisseur Peter Farrelly gerät mit seinem Anspruch auf Versöhnung recht schnell an seine Grenzen, bleibt vieles doch bloß oberflächlich. Der Film ist so sehr darauf bedacht, nirgendwo anzuecken, dass er geradezu konturlos daherkommt. Ein vermeintliches Feel Good-Movie über den strukturellen Rassismus der frühen 60er, hübsch familienfreundlich verpackt und sehr gefällig in seiner Inszenierung, dafür aber auch bieder, seicht und zahm. Bloß nicht positionieren und es stattdessen lieber allen recht machen. Sicherlich hat das mitunter durchaus seine Momente, doch immer wenn der Blick in den Zwiespalt aus Rassismus und persönlicher Entfremdung ernsthaft zu fordern droht, eilt man schnell weiter zu nächsten Episode, zur nächsten Station auf dem Roadtrip durch die Südstaaten.

 

Dazu ist der Film von der ersten Minute an komplett vorhersehbar in seiner ganzen erzählerischen Struktur, wenn vieles an Filme wie Plaines, Traines & Automobiles oder Driving Miss Daisy angelehnt ist. Einzig die wahrlich herausragende darstellerische Leistung von Viggo Mortensen (A History of Violence, The Road, Lord of the Rings) und Mahershala Ali (Moonlight, True Detective, Hidden Figures) bewahrt Green Book vor dem Abgleiten in die vollkommene Belanglosigkeit. Die Chemie zwischen den beiden ist fantastisch und wie sich diese zarte Freundschaft langsam entwickelt, das ist schon toll zu sehen. Auf der schauspielerischen Ebene hervorragend, handwerklich okay, inhaltlich und inszenatorisch vor allem in seiner grundlegenden Botschaft erstaunlich naiv.

 

5 von 10 überwiegend dank Viggo Mortensen und Mahershala Ali, ohne diese beiden spürbar weniger.

 

 

Peppermint (2018)

1. September 2019 at 18:31

 

 

© STXfilms/Quelle: IMDb

 

 

 

You didn’t serve the justice. I will.“

 

 

 

Als Riley North bei einem Drive-By-Shooting Ehemann und Tochter verliert und die von ihr identifizierten Täter dennoch vor Gericht freikommen, da taucht sie unter, nur um fünf Jahre später als durchtrainierte Killermaschine voller Spezialfähigkeiten wieder aufzutauchen. Die Rache an den Mördern ihrer Familie ist alles, was sie jetzt noch antreibt.

 

Rache als Motiv ist wohl eine der ältesten und auch simpelsten Triebfedern, für die es im Grunde wenig braucht. Doch Regisseur Pierre Morel (Taken, From Paris with Love, The Gunman) vermag es mit Peppermint nicht so recht, selbst solch einfachen Anforderungen zu genügen. Auch wenn nicht wenig im Off passiert, ist die Action zumindest halbwegs solide inszeniert und auch Jennifer Garner bietet eine durchaus schwungvolle Performance, aber das war es dann im Grunde auch schon, wenn weder Plot noch Dramaturgie überzeugen können und kaum Spannung aufkommt. Erzählerisch wenig überraschend hakt Peppermint Klischee um Klischee brav ab und kommt äußerst konventionell daher, nimmt sich selbst dabei aber viel zu ernst. Dazu gerät die Legitimierung vom Rachefeldzug der Riley North denkbar plump und manipulativ.

 

Auch die allenfalls angedeutete Entwicklung von der braven Bankangestellten und liebenden Mutter hin zu einer skrupellosen Killermaschine funktioniert nur sehr bedingt. Und das gar nicht mal, weil Jennifer Garner das Ganze körperlich nicht darstellen könnte, sondern weil Morel und sein Drehbuchautor Chad St. John ihren fünf jährigen Werdegang seltsam nebulös halten und dadurch unglaubwürdig umsetzen. Ein YouTube-Video reicht mir da nicht. Selbst ein Ärgernis wie seiner Zeit American Assassin (2017) von Michael Cuesta hat sich in diesem Aspekt mehr Mühe gegeben. Abgerundet wird das alles von einem seltsam abfallendem Finale und einem Ende ohne den nötigen Mut. Schade, das Potential für einen geradlinigen, schnörkellosen Rache-Actioner ist ja durchaus vorhanden, doch Peppermint ist dramaturgisch seltsam akzentuiert und bietet keinerlei Alleinstellungsmerkmale im Genre. Umgekehrte Rollenbilder allein machen noch keinen spannenden Film.

 

4,5 von 10 durchlöcherten Piñatas

 

 

Dragged Across Concrete (2018)

26. August 2019 at 19:08

 

 

© Summit Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

I’m not racist. Every Martin Luther King Day, I order a cup of dark roast.“

 

 

 

Weil die Detectives Brett Ridgeman und Anthony Lurasetti einen hispanisch stämmigen Dealer bei der Verhaftung zu hart anfassen und dabei gefilmt werden, bleibt ihrem Vorgesetzten nur ihre Suspendierung ohne Gehalt. Doch die beiden brauchen das Geld dringend, weshalb sich Ridgeman über Kontakte nach einem Job jenseits der Legalität umsieht. Aber wohin sich der gegebene Tipp letztlich entwickelt, das hätte keiner der beiden Cops ahnen können.

 

Zuckerwatte und Anchovis. Nach seinen beiden Filmen Bone Tomahawk (2015) und Brawl in Cell Block 99 (2017) bleibt Regisseur und Autor S. Craig Zahler seiner bisherigen Linie konsequent treu und liefert mit seinem jüngsten Werk Dragged Across Concrete erneut knüppelhartes wie wuchtiges, geradezu nihilistisches Genre-Kino. Gewiss, Zahler polarisiert, und sicherlich provoziert er auch ganz bewusst, aber er sprengt auch Grenzen, wenn ihn herkömmliche Genre-Mechanismen schlicht nicht interessieren. Er pumpt frisches Blut in eine festgefahrene Kinolandschaft, vermag als einer der wenigen noch wirklich zu überraschen und stößt einen kontroversen Diskurs an. Seinen Hang zu einer entschleunigten und bedächtigen Erzählweise hat Zahler ja bereits zweimal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, doch Dragged Across Concrete hebt das mit einer Laufzeit von rund 160 Minuten auf ein geradezu behutsames Level, wenn er seine Szenen und Einstellungen ganz bewusst regelrecht zerdehnt. Zelebrierte Langsamkeit. Dabei verzahnt Zahler mit viel erzählerischem Geschick und einem erstaunlichen Gespür für seine Figuren die verschiedenen Handlungsstränge, bis sie in einem knallhart gnadenlosen Finale konsequent aufgelöst werden. Es mag dauern und Geduld erfordern, doch ist der Siedepunkt erst erreicht, dann eskalieren die Ereignisse derart schnell, dass nicht alle Beteiligten so ganz genau überblicken, in was sie da eigentlich hinein geraten sind.

 

Die Ambivalenz der Figurenzeichnung bringt Zahler an äußerster Front in Stellung, dreht den Provokations-Regler ganz bewusst auf Maximum und unterstreicht all das nochmals durch die Wahl seiner Hauptdarsteller. Sind die Motive von Ridgeman und Lurasetti noch weitest gehend verständlich bis nachvollziehbar, so sind ihre Methoden weit mehr als nur fragwürdig, was zu einer spannenden Wechselwirkung führt, welche den Zuschauer durchaus fordern kann. Zugleich lässt er es sich nicht nehmen, eben jene vermeintlich gefeierten und doch überkommenen Männlichkeitsideale zu dekonstruieren und zu karikieren. Vince Vaughn erreicht zwar nicht ganz seine stoische Präzision aus Brawl in Cell Block 99, macht seine Sache aber immer noch stark, doch Mel Gibson ist hier das klare Highlight. Ihn habe ich lange nicht so gut gesehen wie hier, vielleicht auch, weil ihm die Rolle des Ridgeman wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Dragged Across Concrete mag moralisch fragwürdig anmuten und lässt eine solche Auslegung durchaus zu, denn Zahler will bewusst provozieren, doch sein Film ist in vielen Aspekten ziemlich clever geraten, pointiert geschrieben und vor allem unglaublich präzise inszeniert in seiner grundlegenden Ambivalenz. Let´s hunt some lions.

 

85 von 100 Prozent