The Card Counter (2021)

16. September 2022 at 20:36

 

© Focus Features

 

Bet low, lose low.

 

Gefängnisse können unterschiedlichster Natur sein. Und manchmal sind sie selbst gewählt. Ein Leben voller Struktur und Klarheit, geprägt von Wiederholung und Routine. Immer und immer wieder. Dem Militär nicht unähnlich. William Tell hat ein solches Leben für sich gewählt, immerzu auf der Straße, auf dem Weg von einem Casino zum nächsten, einsame Nächte in kargen Motelzimmern, immerzu auf der Flucht vor den Dämonen seiner Vergangenheit. Unter seiner aufgeräumten, von Regeln bestimmter Oberfläche wird schnell deutlich, dass dort etwas lauert, abgründig, quälend, wartend.

 

Schon mit First Reformed (2017) vermochte Paul Schrader eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, dass er keineswegs zum alten Eisen (New) Hollywoods gehört und nach wie vor ein ausgeprägtes Gespür für seine Figuren und für Stimmungen hat. Für The Card Counter übernimmt er abermals sowohl Regie als auch Drehbuch und versteht es seine Stärken erneut geschickt auszuspielen. Ein psychologisch ausgefeiltes Kammerspiel in großen, weiten Räumen. Die Kamera von Alexander Dynan (First Reformed) folgt Tell präzise, aber distanziert in teils langen Einstellungen auf seinem Weg durch schmucklose Casinos und trostlose Motels und zeichnet ohne allzu viele Worte das Bild eines Mannes, der keine Aufmerksamkeit erregen möchte.

 

So spielt er auch nicht getrieben von Sucht oder wegen des Nervenkitzels, er spielt kontrolliert, analytisch, kennt seine Grenzen, verzichtet auf zu große Gewinne, bleibt unter dem Radar und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Glamourös ist daran jedenfalls nichts. Überhaupt steht das Spiel nicht im Fokus, denn The Card Counter versteht sich vielmehr als Charakterstudie dieses traumatisierten Ex-Soldaten mit dunkler Vergangenheit, welchen Oscar Isaac intensiv und mit präzise kontrollierter Wucht interpretiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn jemals zuvor so stark habe spielen sehen.

 

Den glanzlosen Zocker-Alltag konterkariert Schrader immer wieder mit kurzen, unvermittelt aufblitzenden, verzerrten Rückgriffen in Tells von Folter, Misshandlung und Demütigung bestimmter Zeit in Abu Ghraib. Sein Kontrollverlust, der Spaß, welchen er irgendwann dabei empfand, wie er letztlich auch nur instrumentalisiert wurde und dennoch Erregung und Freude verspürte, diese Stachel sitzen tief. Seine Haftstrafe jedenfalls verhieß keine Läuterung oder gar Erlösung.

 

Aber Paul Schrader wäre nicht Paul Schrader, wenn ihn bestimmte erzählerische Strukturen wenig bis gar nicht interessieren würden und somit nicht unbedingt jeder Handlungsstrang in The Card Counter auch so verläuft wie man es vielleicht erwarten würde. Ohnehin ist hier mehr der Weg das Ziel, eine Katharsis wird uns vorenthalten. Sein Film gewährt Einblicke in traumatisierte Seelen, verspricht aber keine Heilung. Ganz im Gegenteil.

 

8/10