Hard Eight (1996)

27. Juni 2020 at 20:26

 

 

© The Samuel Goldwyn Company/Quelle: IMDb

 

 

 

Never ignore a man’s courtesy.“

 

 

Vollkommen pleite und am Tiefpunkt in Reno angekommen wird der junge John vom älteren Sydney von der Straße aufgelesen und unter die Fittiche genommen. Der professionelle Spieler bringt John seine Tricks bei und entwickelt im Laufe der Zeit eine väterliche Beziehung zu ihm. Doch als sich John in die Kellnerin Clementine verliebt, beginnen die Dinge schief zu laufen.

 

Ein solch selbstbewusst inszeniertes Regiedebüt wie Hard Eight gibt es nicht oft zu bestaunen. Blood Simple von den Coens, Reservoir Dogs, Bound von den Wachowskis vielleicht. Paul Thomas Anderson scheint mit seinen damals erst 26 Jahren schon mehr gewusst zu haben als viele andere, nämlich ganz genau, was er will. Sein ausgeprägtes Stilbewusstsein jedenfalls lässt sich bereits hier kaum leugnen. Hard Eight ist inhaltlich eher schlicht gehalten, aber zugleich von großer Klarheit und Präzision geprägt und klug und bedächtig erzählt. Das große Spektakel sucht man hier vergeblich, findet stattdessen aber viel Feingefühl, aufrichtiges Verständnis für die Figuren und die dichte Atmosphäre einer lakonischen, aber nie zynischen Geschichte voller zärtlicher Melancholie.

 

Zweifellos gibt es Parallelen zum alternativen US-Kino jener Zeit, da ist diese ausgestellte Coolness, die Liebe zum klassischen amerikanischen aber auch europäischen Gangsterfilm und natürlich die Einflüsse des Film Noir, doch Paul Thomas Anderson findet dennoch seinen ganz eigenen Weg. Die elegant geführte Kamera von Robert Elswit harmoniert hervorragend mit der Bildsprache von Anderson und gemeinsam fangen sie die unglaublich starke und würdevolle Präsenz von Philip Baker Hall ein. Allein die Eröffnungssequenz, in der sein Sydney kaum mehr tut als eine Straße zu überqueren, sagt durch ihre Art der Inszenierung bereits alles, was wir wissen müssen. Oder die wunderbar anzusehenden, regelrecht schwebenden Kamerafahrten durch die Casinos.

 

Überhaupt setzt Anderson mit seinem klugen Drehbuch weniger auf Exposition und mehr auf Dialoge und vor allem Schauspiel. Wie Hall in der Szene im Motel reagiert, ruhig, besonnen, abgeklärt, wie er beruhigend einwirkt, versucht, die Situation zu lösen, das verrät sehr viel über seine Figur und deren Hintergründe. Dazu ist der Cast rund um Hall, John C. Reilly, Gwyneth Paltrow, Samuel L. Jackson und in einer Nebenrolle Philip Seymour Hoffman hervorragend besetzt und weiß zu glänzen. Reilly halte ich in ernsteren Rollen ohnehin für unterschätzt und sein Spiel in Hard Eight beweist eindrucksvoll, dass er mehr kann als nur die platte Comedy-Schiene rund um Will Ferrell und Adam McKay.

 

Am Ende erweist sich Hard Eight mehr als Drama denn als Thriller, beeindruckt durch die selbstbewusste, ruhige Inszenierung seines Regisseurs, eine dichte Atmosphäre und starkem Schauspiel. Sicherlich gerade an noch folgenden Großtaten von Paul Thomas Anderson gemessen noch nicht der ganz große Wurf, doch dieser Vergleich ist ohnehin unfair. Ein verdammt starkes Regiedebüt ist Hard Eight allerdings ohne jeden Zweifel.

 

8 von 10 Mal zwei Vierer in Craps würfeln

 

 

 

The Peanut Butter Falcon (2019)

18. Juni 2020 at 17:42

 

 

© Roadside Attractions/Quelle: IMDb

 

 

 

Zak ist 22 Jahre alt, hat das Down-Syndrom, keine Familie mehr und wurde daher vom Staat in einem Altenheim untergebracht. Sein größter Traum ist es, ein Wrestler zu werden, und so beschließt er abzuhauen und sich auf die Suche nach seinem großen Vorbild zu machen, dem Wrestler Salt Walter Redneck. Unterwegs trifft er auf den vor seiner Vergangenheit fliehenden Tyler, welcher Zak zunächst widerwillig dabei hilft, sein Ziel zu erreichen.

 

Friends are the family you choose. Mag abgedroschen klingen, lässt sich aber kaum leugnen. Was die beiden Regisseure Tyler Nilson und Michael Schwartz mit ihrem Debütfilm auf die Beine stellen, das ist durchaus bemerkenswert. Sicher, The Peanut Butter Falcon ist formelhaft erzählt und zu jedem Moment vorhersehbar, bedient er sich doch klar an den gängigen Strukturen eines Road-Movies mit ungleichem Paar. In den Details allerdings vermag diese warmherzige Südstaaten-Odyssee punktuell starke Akzente zu setzen. Da wären zum Beispiel die pointiert geschriebenen Dialoge. Der tolle Score und das wundervoll eingefangene Setting. Oder der entwaffnende Charme des unbekümmert und authentisch aufspielenden Zack Gottsagen, der von Nilson und Schwartz erstaunlich gut in Szene gesetzt wird, so dass sich der Film zu keiner Sekunde vorwerfen lassen muss, ihn als bloßes Gimmick zu nutzen oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein wirklich schmaler Grat, den die beiden Regisseure gefühlvoll meistern.

 

Dazu ist die Chemie zwischen Gottsagen und Shia Labeouf unglaublich stark. Die beiden harmonieren fantastisch miteinander, wirken vollkommen unverkrampft im Umgang und glücklicher Weise nimmt sich Labeouf angenehm zurück in seinem Spiel. The Peanut Butter Falcon ist ein Film über Freundschaft, über Familie, das Leben, aber auch über das Loslassen. Zak und Tyler haben mehr gemein als sie denken. Beide wurden ein Stück weit ihres Lebens beraubt und müssen sich nun erstmals ihrer gewählten und ungewollten Unabhängigkeit stellen. Da ist Zak, der das Abenteuer geradezu sucht und in seiner neu erworbenen Freiheit aufgeht, neue Eindrücke und Gefühle aufsaugt wie ein Schwamm und seinen Ballast abgeworfen hat. Und da ist Tyler, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpfen muss und ein gewaltiges Päckchen zu tragen hat. Mit dem fein austarierten Innenleben der beiden Männer kann die im letzten Drittel dazustoßende Eleanor leider nicht mithalten, ist ihre Figur doch spürbar eindimensionaler angelegt.

 

Im Schlussakt nimmt The Peanut Butter Falcon sogar leicht märchenhafte Züge an und vielleicht entlassen Nilson und Schwartz etwas zu einfach aus dem zuvor aufgebauten Dilemma, doch letztlich fällt das kaum ins Gewicht. Ihr Film ist eine liebevolle Ode an die Freundschaft, ist voller Wärme, aufrichtiger Empathie, und lebt durch das ungemein starke Spiel von Gottsagen und Labeouf.

 

7,5 von 10 weggeworfenen Autoschlüssel

 

 

The Incredible Shrinking Man (1957)

24. Mai 2020 at 14:41

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

To God, there is no zero. I still exist!“

 

 

 

Eine unglückliche Kombination aus radioaktiver Strahlung und Insektiziden führt dazu, dass Scott Carey zu schrumpfen beginnt. Was zuerst nur wenige Zentimeter sind, das führt schon bald dazu, dass der nur noch einen Meter große Mann zu einer landesweiten Sensation wird. Doch sein Martyrium soll noch lange nicht zu Ende sein.

 

Dass Regisseur Jack Arnold für seine Verfilmung des Romanes The Shrinking Man dessen Autor Richard Matheson auch für das Drehbuch gewinnen konnte, das erweist sich als kleiner Glücksgriff. Denn so stehen nicht nur die ohne Frage überragenden Effekte im Vordergrund, sondern ebenso das tragische Drama der Story selbst. Tricktechnisch ist das alles von den ausgefeilten Perspektiven über die tollen Kulissen bis hin zu den spannenden Kämpfen gegen Katze und Spinne zum Teil auch heute noch unglaublich beeindruckend. Arnold und Matheson nehmen ihren Helden wider Willen und dessen Lage darüber hinaus jedoch empathisch genug ernst ohne in unfreiwillige Komik abzugleiten und ihn der Lächerlichkeit preiszugeben.

 

The Incredible Shrinking Man lässt sich Zeit in seinem sorgfältigen Aufbau und nimmt auch das Innenleben seines Protagonisten angemessen unter die Lupe, so dass dessen Wut, Angst und Verzweiflung spürbar werden. Es sind eben nicht nur die äußeren Probleme und Hindernisse, mit denen sich Scott Carey zunehmend konfrontiert sieht, sondern gerade auch die inneren Konflikte, welche verhandelt werden. Sicher nimmt sein Kampf ums Überleben viel Raum ein, doch auch sein Hadern mit sich selbst wird thematisiert. Wenn auch nur oberflächlich, so werden dennoch stereotype Rollenbilder der 50er Jahre hinterfragt. Zudem ist für Matheson und Arnold ihre Hauptfigur eine Art Jedermann des Atomzeitalters: sein Abenteuer ist eine Lehrstunde über die Feindlichkeit einer vom Menschen geschaffenen Umwelt und dessen zerstörerischen Drang, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen.

 

8 von 10 garstigen Hauskatzen

 

 

 

 

Pit and the Pendulum (1961)

14. April 2020 at 19:09

 

 

© American International Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Weil dem jungen Briten Francis Barnard der plötzliche Tod seiner Schwester Elizabeth ausgesprochen merkwürdig erscheint, reist er zu ihrem Ehemann nach Spanien um Genaueres zu erfahren. Im Schloss des Don Nicholas Medina allerdings angekommen, werden seine Bedenken allenfalls halbgar beiseite gewischt. Doch als er beginnt Nachforschungen anzustellen, da kommt er einer schrecklichen wie grausamen Familiengeschichte auf die Spur.

 

Die Idee von Roger Corman, das Drehbuch zu Pit and the Pendulum in die Hände des Schriftstellers Richard Matheson zu geben, sollte sich als Geniestreich entpuppen. Denn dem Autor von Romanen wie I Am Legend oder The Shrinking Man gelingt mit seinem Skript wahrlich meisterhaftes: Obwohl er sich an der zugrunde liegenden Kurzgeschichte nur vage orientiert und diese maximal lose adaptiert, so trifft er doch den Kern des Schaffens von Edgar Allen Poe wie kaum ein anderer. Corman ist ein Meister der Vorbereitung, der seine Produktionen en Detail im Vorfeld durchplant, und vermag auch ohne großes Budget Pit and the Pendulum ausgesprochen effektiv zu gestalten, wenn er spürbar mehr auf eindringliche Stimmung setzt als auf plumpe Schockmomente. Es gelingt ihm, die europäische Gothic Horror-Ästhetik in das amerikanische Kino zu übertragen und verleiht dem ganzen so eine seltsam entrückte, zuweilen regelrecht psychedelische Atmosphäre. Bereits der farbenfroh mäandernde Vorspann kündet ebenso davon, wie es die visuell verzerrten und subjektiv gefärbten Rückblenden im Film selbst immer wieder unterstreichen.

 

Liebe, Verrat, Wahnsinn. Subtil und doch suggestiv in Bildsprache und Inszenierung leiten Corman und Matheson den Betrachter geschickt durch ein narratives Labyrinth voller Wendungen und Trugschlüssen. Sorgfältig aufgebaut, im letzten Akt eskalierend und mit einer hübsch fiesen letzten Szene garniert. Man mag ahnen, dass etwas nicht stimmt, doch man kann es nicht genau benennen. Sicherlich vermag das alles in Anbetracht des Alters von Pit and the Pendelum heutzutage kaum zu überraschen, sauber ausgeführt ist das dennoch. Das gilt dann auch für die Topografie des Schlosses von Don Medina, welche sich dem Zuschauer gemeinsam mit der Figur des Barnard Stück für Stück erschließt, sich nach und nach öffnet, größer und immer verwinkelter wird wie die eigentliche Geschichte dieser uralten Mauern selbst auch. Dazu dann noch das ausgesprochen theaterhafte, exaltierte Spiel von Vincent Price, der seine Texte vielmehr zu rezitieren als mit Leben zu füllen scheint, und ein entrücktes Spiel mit der Übertreibung darbietet.

 

Roger Corman kann hier seine Stärken gut ausspielen und versteht es obendrein, Leute wie beispielsweise Matheson mit ins Boot zu holen, die ihr Fach besser verstehen als er, und erschafft so eine Poe-Verfilmung, die ihm auf der narrativen Ebene kaum gerecht werden kann, und sich doch mehr nach Poe anfühlt als viele andere.

 

7 von 10 grausige Foltermethoden im Keller des Don Medina