The House of Horrorctober #4: Near Dark

10. Oktober 2017 at 11:43

 

 

© DeLaurentiis Entertainment Group

 

 

Wie von Guillermo del Toro bin ich auch ein Fan von Kathryn Bigelow. Filme wie Zero Dark Thirty, The Hurt Locker oder ganz besonders Strange Days stehen sehr hoch bei mir im Kurs, doch thematisch passend zum Horrorctober geht es nun um Near Dark. 1987 beinahe zeitgleich mit The Lost Boys von Joel Schumacher erschienen, stand Near Dark immer im Schatten dessen Erfolges und fristete eher ein Nischendasein. Zu Unrecht, wie ich finde, erschafft Bigelow hier doch einen ganz wunderbaren Hybriden aus Western, Roadmovie, Vampirhorror und Romanze, der niemals aufgesetzt oder künstlich wirkt. Im Gegenteil, die verschiedenen Genre greifen hier vorzüglich ineinander. Eine ausgesprochen tragische Liebesgeschichte steht hier im Mittelpunkt, wenn sich der junge Cowboy Caleb in die Vampirin Mae verliebt, aber zugleich mit sich hadert, wenn er einerseits sein Leben nicht aufgeben will, andererseits die Unsterblichkeit jedoch große Faszination auf ihn ausübt. Bigelow versteht es hervorragend, dieser ungewöhnlichen Lovestory ausreichend Raum zu geben um sich entfalten zu können und die starke Chemie zwischen Adrian Pasdar als Caleb und Jenny Wright als Mae erledigt den Rest, um deren Romanze vollkommen glaubwürdig erscheinen zu lassen. Zudem wird auf sonst meist typische Merkmale des Genre verzichtet, denn Kreuze oder Knoblauch sucht man hier vergeblich, ja sogar das Wort Vampir fällt nicht ein einziges Mal im Film, und auch auf die eher plakativen Erscheinungsmerkmale wie besonders blasse Haut oder lange Fangzähne wird weitestgehend verzichtet. Das bereits verleiht Near Dark ausreichend Originalität, doch darüber hinaus ist der Film sehr stilsicher inszeniert und etabliert eine starke eigene Bildsprache. Der Cast um Pasdar und Wright sowie Lance Henriksen, Bill Paxton, Tim Thomerson und Joshua John Miller rundet dieses spannende wie interessante Erlebnis gelungen ab. Im direkten Vergleich finde ich Near Dark übrigens deutlich stärker als The Lost Boys. Mehr noch: letztlich ist Near Dark für mich einer der interessantesten und gelungensten Beiträge zum Genre Vampirfilm überhaupt.

 

8 von 10 staubigen Straßen im Nirgendwo

 

 

Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

The House of Horrorctober #3: Crimson Peak

7. Oktober 2017 at 13:28

 

 

© Universal Pictures

 

 

Okay, mit Crimson Peak betrete ich nun filmisches Neuland für mich, obwohl ich ein glühender Verehrer von Regisseur Guillermo del Toro und seinen Arbeiten bin und der Film nun schon geraume Zeit bei mir rumliegt. Ich kann selbst nicht genau sagen, warum ich dieses seiner Werke noch nicht gesehen habe, alle anderen aber schon. Also gilt es nun, auch diese Lücke zu schließen. Und nach dem Genuss dieser rund zwei Stunden Film komme ich zu dem Schluss, dass Crimson Peak sich nur schwerlich bloß als Horrorfilm bezeichnen lässt. Vielmehr erschafft Guillermo del Toro hier ein erstklassig ausgestattes und fotografiertes Schauermärchen und bedient sich einer opulent ausladenden Bildsprache, welche mit einem effektvollen Sounddesign Hand in Hand geht. Gerade die zweite Hälfte in England spielt virtuos wie zurückhaltend auf der Klaviatur klassischer Horror-Motive und bietet die volle Bandbreite: mysteriöse wie unheimliche Geräusche im ganzen Haus, blutroter Schnee, finstere Vorfahren, gruselige Portraits, ein Versteckspiel rund um einen geheimnisvollen Schlüssel. Und überhaupt: das Haus. Allerdale Hall ist ganz ohne jeden Zweifel der eigentliche Star des Filmes. Das auf tönernen Boden errichtete alte englische Herrenhaus voller düsterer Geheimnisse und beseelt von Geistern ist ein Meisterwerk der Filmarchitektur und des Setdesigns, stammt es doch keineswegs einfach aus dem Computer, sondern wurde in liebevoller Detailarbeit monatelang von unzähligen Handwerkern und Kulissenbauern zum Leben erweckt. Aber so meisterhaft Crimson Peak auf der inszenatorischen Ebene auch gemacht ist, so wenig gibt der letztlich doch eher dünne Plot her. Die eigentliche Geschichte hinter Allerdale Hall und seinen Bewohnern ist nicht halb so gelungen wie del Toros aufreizend schaurig schöne Inszenierung. Ja, der Film ist ganz eindeutig style-over-substance, aber wenn style so präsentiert wird, fantastisch ausgestattet und umwerfend in Bild und Ton, dann kann ich damit durchaus leben. Crimson Peak ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, der aber auch dazu einlädt in seinen Bildern zu versinken. Thematisch und inhaltlich zwar weniger ambitioniert als Pan´s Labyrinth oder The Devils Backbone, dafür aber bildgewaltig und wunderschön inszeniert und trotzdem in jedem Fall ein Film, den man mal sehen sollte.

 

7,5 von 10 dunklen Geheimnissen in düsteren Gemäuern

 

 

 

Scott Pilgrim vs. the World

28. September 2017 at 23:43

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„An epic of epic epicness.“

 

 

 

Scott Pilgrim ist ein mustergültiger Slacker. Anfang 20, ohne Job, gammelt er sich Tag für Tag durch sein Leben in Toronto, datet ein Schulmädchen und probt immerzu mit seiner Band Sex Bob-omb für den großen Durchbruch, als plötzlich die geheimnisvolle Schönheit Ramona Flowers in sein Leben platzt. Sie ist buchstäblich das Mädchen seiner Träume, doch bevor er mit ihr zusammen sein kann, muss er sich noch mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern rumschlagen.

 

Ich platze mit meiner Meinung gleich einfach mal so heraus: Edgar Wright ist ein meisterhafter Regisseur, Scott Pilgrim vs. the World ist der Beweis und dieser Text eine Liebeserklärung an sein zweifellos stärkstes Werk. Seine Verfilmung des sechsteiligen Comics von Bryan Lee O´Malley ist ein permanent Popkultur referenzierendes Monster, ein visuell einzigartiges Feuerwerk der Ideen, ein Wanderer zwischen den unterschiedlichsten medialen Kunstformen, dem es mühelos gelingt all seine Einflüsse zu bündeln und ein vollkommen für sich stehendes Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Und wie Wright die Geschichte erzählt, wie er die Gedanken – und Gefühlswelt seines Protagonisten direkt und ungefiltert auf die Leinwand überträgt und den Zuschauer daran teilhaben lässt, das zeugt von unglaublich profunder Kenntnis der letzten vierzig Jahre Popkultur – von Pac Man über Mangas bis hin zu zeitgenössischem Indierock – sowie einer schier immensen Lust daran, mit dieser Kenntnis zu spielen und einem unglaublich guten Gespür für Tempo und Timing. Visuell ist das alles unfassbar eindrucksvoll und geradezu überbordend kreativ umgesetzt, wenn sich die verschiedensten Erzählformen munter vermischen, wenn 80er Jahre Videospiel-Ästhetik auf Comicwelten trifft, wenn sich der Film frech und schamlos Dinge erlaubt, vor denen auf Filmhochschulen stets gewarnt wird, dann bricht Scott Pilgrim vs. the World buchstäblich den filmischen Horizont auf. Was mich aber abseits all dieser audiovisuellen Pracht, all der wundervollen Ideen und Einfällen auf der erzählerischen Ebene und all dieser nerdigen Detailverliebtheit noch am allermeisten fasziniert und begeistert, das ist der so schlichte wie zu gleich schöne Kern der Geschichte. Wenn man nämlich all diesen Popkultur-Wahnsinn, die inszenatorischen Tricks und Kniffe und den visuellen Budenzauber einfach mal außen vor lässt und beiseite wischt, dann offenbart sich tief im Innern von Scott Pilgrim vs. the World ein roter Faden, welcher zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen wird. Denn letztlich erzählt Edgar Wright mit seinem Film nicht mehr und nicht weniger als die vielleicht älteste Geschichte der Menschheit: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen. So einfach, so universell. Und bei all dem kreativen Feuerwerk, welches er nahezu permanent entfacht, verliert er nie das Gespür für seine Figuren und drosselt gezielt das erzählerische Tempo um der Romanze zwischen Scott und Ramona genügend Freiraum und Luft zum atmen zu geben. Der Cast erledigt dann den Rest und füllt den Film mit Leben und lässt seine Liebesgeschichte erst richtig glaubwürdig erscheinen. Und auch bis in kleinere Nebenrollen ist der Film wahnsinnig gut besetzt und kann mit Namen wie Chris Evans, Anna Kendrick, Brie Larson, Jason Schwartman, Brandon Routh oder Kieran Culkin um sich werfen. Sogar Thomas Jane und Clifton Collins, jr. dürfen kurz für einen ausgesprochen witzigen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Aber das Herz von Scott Pilgrim vs. the World sind Michael Cera und die wundervolle Mary Elizabeth Winstead. Und seien wir doch mal ehrlich: wie könnte man sich nicht in Ramona Flowers verlieben?

 

Natürlich ist sich Edgar Wright vollkommen im klaren darüber, dass er allein aufgrund der Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, große Teile des Publikums nicht erreichen wird. Dafür ist vieles an Scott Pilgrim vs. the World einfach zu weit weg vom Mainstream, vieles einfach zu sehr auf bestimmte Nischen der Popkultur fixiert. Das schöne aber ist: es ist ihm egal. Wright zelebriert das alles so voller Enthusiasmus, dass man das Gefühl bekommt, er hätte den Film auch nur für sich allein gemacht. Schon die Cornetto-Trilogie (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, The World´s End) war sehr gut und zeugte vom scheinbar grenzenlosen Genre-Wissen ihres Regisseurs, aber Scott Pilgrim vs. the World treibt das alles frech wie versiert auf die Spitze und katapultiert den Film damit tief in mein Nerd-Herz. Baby Driver habe ich leider noch nicht sehen können, bin aber sehr, sehr gespannt darauf, was sich Mr. Wright hier wieder alles hat einfallen lassen. Seine Vision von Ant-Man hätte ich übrigens auch nur allzu gern gesehen.

 

9 von 10 Extraleben