Fallen Angels (Do lok tin si, 1995)

13. Oktober 2019 at 15:29

 

 

© Jet Tone Productions/Kino International/Quelle: IMDb

 

 

 

We rub shoulders with many people everyday. Some may become close friends, or confidants. That’s why I’m always optimistic. Sometimes it hurts. Not to worry – I try to stay happy.“

 

 

 

Ein junger Auftragskiller streift durch das nächtliche Hongkong und bringt gegen Geld Menschen um. Seine namenlose Partnerin lebt im selben schäbigen Hotel, besorgt und organisiert seine Jobs, beseitigt Spuren und kundschaftet Opfer und Tatorte aus. Ihre heimliche Liebe jedoch stößt nicht auf Erwiderung und als der Killer an seinem Job zu zweifeln beginnt, setzt er eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang.

 

Alles hat ein Verfallsdatum. Was ursprünglich als eine weitere Episode für Chungking Express (1994) gedacht war, wurde letztlich doch noch zu einem eigenständigen Film. Zum Glück, denn der distanziert unterkühlte und zugleich lebendige Fallen Angels entpuppt sich schnell als so viel mehr und funktioniert nicht bloß als B-Seite oder Nachklapp, sondern ist eine noch intensivere Erfahrung. Chungking Express nicht unähnlich ist Fallen Angels nur bedingt erzählerisch getrieben und viel mehr eine offene Ansammlung episodischer Bruchstücke und zufälliger Momentaufnahmen aus dem Leben einer handvoll junger Menschen im nächtlichen Hongkong. So setzt sich Stück für Stück ein zwar fragmentarisches, doch hochgradig ästhetisches und visuell rauschhaftes Erlebniskino zusammen, welches voller kluger und trauriger wie gleichsam tröstender Gedanken steckt.

 

Stilistisch überbordend reizt Wong Kar-Wai zusammen mit seinem Kameramann Christopher Doyle Bildkomposition um Bildkomposition noch mehr als zuvor die ganze Palette der Bildgestaltung aus und nutzt formvollendet die sich ihm bietenden Möglichkeiten. Erneut beweist der chinesische Filmemacher sein ungemein ausgeprägtes Stilbewusstsein und sein Gespür für Ästhetik, und wird kongenial unterstützt von Doyle, dessen dynamische Kamera immerzu in Bewegung ist und doch ein ungemein präzises Auge für Details entwickelt. Fallen Angels ist wahrlich einzigartig, eine Art Neo Noir vermengt mit dem Hongkong-Actionkino und voller Sinnlichkeit, wenn urbane Dramen auf stylische Killer treffen. Ein seltsamer, aber zugleich auch wunderschöner Film, der von unerfüllter Liebe und verlorenen Seelen auf der Suche nach etwas von Bestand handelt. There are some people you can never get close to.

 

9 von 10 nächtlichen Motorradfahrten durch Hongkong

 

 

Midsommar (2019)

6. Oktober 2019 at 13:31

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

I’m sure it was just a miscommunication.“

 

 

 

Eigentlich will Christian die Beziehung zu seiner Freundin Dani schon lange beenden. Doch als sie mit einer schrecklichen Tragödie in ihrer Familie konfrontiert wird, da lädt er sie stattdessen zu einem Trip nach Schweden ein, wo er zusammen mit seinen Freunden Josh und Mark die Familie ihres Komilitonen Pelle besuchen will, denn diese ist Teil einer sehr abgeschieden lebenden Kommune, die zum Midsommar ihr ganz eigenes Fest feiert.

 

Nach seinem Debüt Hereditary (2018) legt Regisseur Ari Aster nun mit Midsommar zügig nach und vermag erneut unter Beweis zu stellen, warum er als großer Hoffnungsträger gehandelt wird. Wo sein Erstling noch visuell eher düster und räumlich begrenzt daherkam, da ist Midsommar nun geradezu von Licht durchflutet und sehr offen gehalten, was der unangenehmen Grundstimmung jedoch keinesfalls schadet. Eher im Gegenteil, geht dadurch jegliches Zeitgefühl verloren, wenn Stunden und Tage zerdehnt regelrecht ineinander zerfließen und zunehmend Drogen induzierte Orientierungslosigkeit um sich greift. Midsommar ist in allen Belangen unfassbar gut inszeniert und handwerklich makellos, wenn Aster neben den offensichtlichen Merkwürdigkeiten immer wieder kleine Verschiebungen im sozialen Miteinander einwebt, auf die es gefühlt keine angemessene Reaktion zu geben scheint. Mitunter wirkt das schreiend komisch, doch das Lachen ist hilflos distanziert und bleibt einem immer auch irgendwie im Halse stecken ohne jemals ins Alberne abzugleiten.

 

Die Ausgangslage ist schnell klar, die Handlung relativ offensichtlich und groß verheimlicht wird hier gar nicht erst, so dass es eher die Psychen der Figuren und ihre sozialen Dynamiken sind, welche Aster auszuloten und zu sezieren gedenkt. Überhaupt kommt der wahre Horror hier erneut von Innen heraus: toxische Beziehungen, zerstörte Familien, emotionale Schieflagen und die Unfähigkeit zur Kommunikation rückt Aster immer wieder in den Fokus. Ihr Alltag ist bereits heillos aus den Fugen geraten und die Gefühlswelt von Dani – überragend glaubwürdig gespielt von Florence Pugh – ist ein absoluter Ausnahmezustand, den er auch ohne Einflüsse von Außen nahezu perfekt zu übertragen versteht und erfahrbar macht. Obwohl aufreizend ausschweifend und ganz bewusst langsam erzählt, entwickelt Midsommar eine enorme, beinahe schon rauschhafte und unterschwellig immerzu unheimlich bedrohliche Sogkraft und ungemein fesselnde Bilder zwischen Ekstase, Mystizismus und lädierten Psychen. All das und allem voran die fabelhafte, bildgewaltige und ausgesprochen präzise Inszenierung von Ari Aster macht Midsommar wie bereits Hereditary zu einer regelrechten Wohltat zwischen all dem Konserven-Horror dieser Zeit.

 

8,5 von 10 schrägen Ritualen im tiefsten Schweden

 

 

Once Upon a Time… in Hollywood (2019)

26. September 2019 at 18:05

 

 

© Sony Pictures Releasing/Quelle: IMDb

 

 

 

Hey! You’re Rick fucking Dalton. Don’t you forget it.“

 

 

 

Rick Dalton ist zwar Schauspieler der alten Garde, befindet sich Ende der 60er allerdings auf dem absteigendem Ast und bekommt vermehrt nur noch Angebote als Bösewicht für das Fernsehen und kaum noch als Held für das große Kino. Nur widerwillig nimmt er zusammen mit seinem Freund und Stuntman Cliff Booth ein Angebot für einige italienische Exploitation-Filme an, doch nach ihrer Rückkehr aus Rom kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung mit einigen Mitgliedern der Manson Family.

 

Once upon a time… Hitler, die Sklaverei und jetzt Charles Manson: History revisited by Quentin Tarantino. In seinem nun mehr neunten Film nimmt er sich gleich dem Ende zweier Ären an, wenn er das Hollywood Ende der 60er Jahre in all seiner Aufbruchstimmung auf der Leinwand aufblühen lässt. Zum einen ist da das New Hollywood auf dem Vormarsch und im Begriff, die alten Strukturen aufzubrechen: Easy Rider erobert die Leinwände und die jungen, wilden Filmemacher nehmen das Kino für sich ein. Zum anderen sind da die schrecklichen Manson-Morde, das Ende der Unschuld und des Summer of Love. Doch Tarantino interessiert sich viel mehr für die erzählerische Kraft des Kinos als für historische Fakten, und so nutzt er abermals das Medium Film, um diesen furchtbaren Momenten zumindest für einen winzigen Augenblick ihre Macht zu nehmen. Nicht Charles Manson gibt er die Bühne, sondern Sharon Tate. Das ist seine Liebeserklärung nicht nur an diese Zeit und deren Filme, sondern auch an das Kino im Allgemeinen und die Möglichkeiten des Filmemachens.

 

Once Upon a Time… in Hollywood wandelt gleichermaßen ziellos wie verträumt durch die Straßen von Los Angeles und will gar nicht erst eine klar umrissene Geschichte erzählen, sondern viel lieber über Stimmung und Bildsprache als über Handlung und Dialog wirken. Lakonisch mäandernd verweigert sich der Film einem klassischen Plot nahezu vollkommen und setzt mehr auf einen beinahe schon episodenhaften Erzählfluss. Das erinnert mich an Filme wie Inherent Vice (Paul Thomas Anderson, 2014) oder Under the Silver Lake (David Robert Mitchell, 2018). Einem sanften Tagtraum gleich streifen wir zusammen mit Rick Dalton und Cliff Booth umher. Die Perspektive mag nostalgisch sein, doch keineswegs verklärt. Tarantinos Hollywood 1969 ist vielleicht idealisiert, aber weder Parodie noch Kitsch, und wirkt ein wenig wie aus den Augen eines staunenden Kindes betrachtet, ohne jedoch anzuhimmeln. Eine angenehme Ziellosigkeit gibt hier den Rhythmus vor und bestimmt das schwelgerische Tempo, und doch unterläuft Tarantino immer wieder nur zu gern Erwartungshaltungen, gibt sich unerwartet melancholisch und zum Teil geradezu wehmütig ohne jammernd längst vergangenen Zeiten nachzuhängen, nur um in einem slapstickhaft brutalem Finale zu münden.

 

Jeder Moment ist bis ins aller letzte noch so kleine Detail durchdacht und voller Hingabe inszeniert und bietet eine enorm hohe Wertigkeit in jeglicher Hinsicht. Auf der schauspielerischen Ebene überzeugt hier beinahe jede noch so kleine Nebenfigur, doch besonders Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen nicht nur herausragend, sondern harmonieren zusammen auch ganz wunderbar. Aber vor allem Pitt wusste mich zu begeistern mit seiner unfassbar abgeklärten Coolness, so gar nicht aufgesetzt und vollkommen aus sich heraus wirkend. Und doch schwebt über all dem wunderbar unbekümmert Sharon Tate. Trotz der überraschend gering ausfallenden Leinwandzeit strahlt Margot Robbie eine wundervolle Präsenz voller Leichtigkeit aus, vielleicht etwas naiv, aber durch und durch unschuldig, liebenswert und rein. Ihr gehört dann auch meine absolute Lieblingsszene im Film. Once Upon a Time… in Hollywood ist vermutlich nicht Tarantinos stärkster Film, vielleicht aber sein schönster bisher. Irgendwie beginnt das eigentliche Märchen dann auch erst mit der letzten Szene. Der Abspann läuft und alles wird gut, wenn auch nur für einen winzig kleinen Moment in einem dunklen Kinosaal.

 

8 von 10 nackten, dreckigen Füßen

 

 

Chungking Express (Chung Hing sam lam, 1994)

17. September 2019 at 12:18

 

 

© Ocean Shores Video/Miramax/Quelle: IMDb

 

 

 

Actually, really knowing someone doesn’t mean anything. People change. A person may like pineapple today and something else tomorrow.“

 

 

 

Zwei junge Polizisten stehen im Mittelpunkt: Nr. 223, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde und sich in eine flüchtige Drogendealerin verliebt, und Nr. 663, auch frisch verlassen, auf den die neue Bedienung in seinem Stammimbiss ein Auge geworfen hat. Dort kreuzen sich die Schicksale vierer Menschen mit unterschiedlichstem Ausgang.

 

California dreamin`.Was ursprünglich während des Schnittes von Ashes of Time (Dung che sai duk, 1994) als kleine Fingerübung gedacht war um den Kopf wieder frei zu kriegen, das sollte sich als lebendiges, vibrierendes Kino voller Energie entpuppen, welches spürbar mehr über Stimmung und Atmosphäre wirkt als über den Inhalt. Wo die narrative Ebene eher wenig hergibt, da ist der außergewöhnliche Stil der Inszenierung das, was am meisten zu fesseln weiß. Visuell zeigt Regisseur Wong Kar-Wai all sein Können und bricht mit seinem Kameramann Christopher Doyle an seiner Seite nur zu gern Konventionen, ist dynamisch wie abwechslungsreich und immerzu in Bewegung. Chungking Express bietet wirklich ein paar grandios inszenierte Momente, eine kunstvolle Bildsprache und einige raffiniert arrangierte Szenen auf handwerklich hohem Niveau.

 

Dazu sagt der Film oft sehr viel mehr durch winzige Details als durch große Gesten und gewichtet die kleinen Momente des Alltags deutlich stärker als Pathos und Kitsch. Alles hat ein Verfallsdatum: die Figuren erscheinen oftmals allein unter Menschen, einsam in den überfüllten und wuseligen Gassen von Hongkong. Unerfüllte Sehnsüchte, geplatzte Träume und die Suche nach Liebe sind hier Thema, und doch wird all das beschwingt, locker, leicht und geprägt von Improvisation erzählt. Zwei Geschichten werden dem geneigten Zuschauer präsentiert, aber allenfalls lose miteinander verknüpft und gerade noch durch ihr Setting zusammen gehalten. Das macht nichts, denn visuell ist das alles berauschend, wenn sich diese Figuren im hektisch pulsierenden Treiben dieser Großstadt finden und verlieren, annähern und auseinander leben. Do you like pineapple?

 

8 von 10 Dosen abgelaufener Ananas