The Brothers Bloom (2008)

12. August 2018 at 20:39

 

 

© Summit Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

The perfect con is one where everyone involved gets just what they wanted.“

 

 

 

Die Brüder Stephen und Bloom gelten als geradezu legendäre und extrem gerissene Trickbetrüger und arbeiten unter dem Namen The Brothers Bloom. Als Bloom jedoch aussteigen möchte, um fortan ein ehrliches Leben führen zu können, da überredet ihn Stephen zu einem allerletzten Coup. Ziel ist die reiche wie naive Penelope und wie immer ist es Bloom, der als Köder fungieren und den von Stephen penibel erdachten Plan in die Tat umsetzen soll.

 

Diese Worte von Stephen Bloom gilt es im Hinterkopf zu behalten. Trickbetrüger unterscheiden sich im Grunde nur sehr marginal von Geschichtenerzählern und Filmemachern. Beide erschaffen Schein-Realitäten, in denen sich ihre Opfer verlieren sollen und beide müssen dazu Bedürfnisse erkennen und zum Teil auch erfüllen. Ihr Handwerk funktioniert auch eben gerade dann besonders gut, wenn das Opfer ein Stück weit Komplize ist, denn ein guter Trickbetrüger, ein guter Geschichtenerzähler zerrt die Menschen nicht gewaltsam und gegen ihren Willen irgendwohin, er führt sanft, lässt sie in seine Geschichte eintauchen und sich freiwillig auf die von ihm geschriebenen Wege begeben.

 

Rian Johnsons Erstlingswerk Brick (2005) war kühnes Experiment wie seltsamer Genre-Zwitter gleichermaßen, wenn er ausgesprochen konsequent Handlung, Sprache, Motive und Bilder des typischen Hard Boiled-Film Noir in das Setting einer High School der Gegenwart verlegt. Das war erfrischend, das war überraschend, das hat erstaunlich gut funktioniert und das bescherte Johnson einen durchaus eindrucksvollen Achtungserfolg. Und auch für seinen zweiten Film The Brothers Bloom setzt Johnson wieder auf eine ungewöhnliche Mischung unterschiedlichster Genres und Stilrichtungen und kombiniert munter Elemente aus Con Artist-Filmen, klassischen romantischen Komödien, Heist-Movie, Abenteuerfilm und schrägem Kostüm-Drama, abgeschmeckt mit liebevoll skurrilen Figuren wie sie auch in Filmen von Wes Anderson auftauchen könnten. Und auch, wenn zahlreiche seiner erzählerischen Vorbilder recht offensichtlich sein dürften, gelingt es ihm nahezu mühelos, aus all diesen winzigen Puzzlestücken und Mosaiksteinchen einen originellen wie unterhaltsamen Film zu erschaffen, welcher abermals einen ganz eigenen Kosmos zum bunten Leben erweckt und scheinbar widersprüchlichste Einflüsse zu einem runden Ganzen verschmilzt. Und das vollkommen frei von billiger Ironie oder ätzendem Zynismus, sondern zu aller erst bestimmt von der puren Lust am Fabulieren, von der Freude am Erzählen, von reichlich Fantasie und einer angenehm optimistischen Melancholie.

 

Doch unter all dieser wundervollen Unterhaltung versteckt sich auch ein Drama rund um das immer währende Spiel mit der eigenen Identität und vermeintlichen Projektionsflächen, wenn Bloom selbst schon lange nicht mehr weiß, wer genau er denn nun eigentlich ist unter all den Rollen, die sein Bruder immer wieder für ihn schreibt. Es ist der Wunsch und Ausdruck nach Authentizität, nach einem unwritten life, nach Freiheit und Leben. Trying to get something real by telling yourself stories is a trap. Das beste aber: am Ende gelingt Rian Johnson selbst das größte wie schwierigste Kunststück bei einem Trickbetrug. Denn wenn das erzählerische Konstrukt immerzu von doppelten und dreifachen Böden durchzogen ist, wenn Tote selten auch tot bleiben und Liebesschwüre meist nicht echt sind, dann stellt sich ja immer auch die Frage danach, inwieweit man als Zuschauer überhaupt noch dazu bereit ist, emotional mitzugehen. Wie bringt der Erzähler sein Opfer, das Publikum also, dann noch dazu, Emotionen zu investieren, wenn man spürt, dass jedes eingebrachte Gefühl nur Minuten später wertlos sein wird, weil die nächste Wendung ohnehin nur wieder alles auf den Kopf stellt? Zwar zaubert auch Johnson die eine oder andere Wendung aus dem Ärmel wie ein Trickbetrüger eine gezinkte Karte, doch letztlich geht er derart liebevoll und behutsam sowohl mit seinen Figuren als auch dem Zuschauer um, so dass man trotzdem ernsthaft mitfühlen kann ohne Angst haben zu müssen, es am Ende vielleicht zu bereuen.

 

The Brothers Bloom ist letztlich ein unglaublich beschwingtes, lockeres, unterhaltsames Stück Film, angenehm zeitlos inszeniert, ungemein stilvoll bebildert, leichtfüßig und doch kunstvoll arrangiert. Der Cast ist formidabel, Adrien Brody übertreibt es mit seiner inneren Zerrissenheit zwar manchmal, erweckt seinen Bloom aber dennoch glaubhaft zum Leben, Mark Ruffalo gibt den Autoren der Geschichte mit ganz viel charmanter Lässigkeit gepaart mit einer Prise mysteriöser Undurchschaubarkeit. Und dann ist da noch das Glanzstück des Filmes, nämlich die WUNDERVOLLE! Rachel Weisz als die exzentrische, von kindlicher Neugierde und Zauber erfüllte und mit großer Naivität ausgestattete Penelope, das von den Bloom Brothers auserkorene Opfer ihres vermeintlich letzten Trickbetrugs. Sie ist das Herz des Filmes, sie ist der Motor der Geschichte, sie begeistert in wirklich JEDER ihrer Szenen. The Brothers Bloom ist wahrlich wundervolles Ezählkino, dem man die Lust am Fabulieren und Fantasieren zu jeder Sekunde ansieht. Und auch, wenn Rian Johnson zweifellos auch mal den einen oder anderen Schlenker zu viel einbaut und sich im Mittelteil auch mal kleinere Längen einschleichen und etwas an Tempo verloren geht, so ist sein zweiter Film einer, der einfach Spaß macht und wahrhaft zu bezaubern weiß. Immer vorausgesetzt, dass man sich grundlegend auf The Brothers Bloom einzulassen vermag.

 

8 von 10 ausgetüftelten Plänen

 

 

Sicario: Day of the Soldado (2018)

11. August 2018 at 14:34

 

 

© Colombia Pictures/Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

Als sich Selbstmordattentäter in einem Supermarkt in die Luft sprengen, da trifft das nicht nur mitten in das amerikanische Herz und schafft neue Ängste, sondern ruft auch den Agenten Matt Graver und dessen kolumbianischen Kettenhund Alejandro Gillick auf den Plan, denn scheinbar sind die Terroristen dank der Hilfe mexikanischer Drogenkartelle über die Grenze in die USA gelangt. Das Ziel ist nun, einen verheerenden Krieg der Kartelle untereinander anzuzetteln, damit diese sich gegenseitig ausschalten und folglich leichter zu bekämpfen sind. Alle Mittel sind in diesem schmutzigen Kampf erlaubt.

 

Nach Denis Villeneuve darf nun der Italiener Stefano Sollima auf dem Regiestuhl Platz nehmen und wer seine Arbeiten wie Suburra und Gomorrha kennt, den wird die dezente Neuausrichtung in Sicario: Day of the Soldado kaum überraschen. Ungeschönte und von hartem Realismus geprägte Studien krimineller Milieus und korrupter Machenschaften sind scheinbar seine Spezialität und diesen Weg schlägt er dann auch mit seinem ersten US-Film ein. So ist Day of the Soldado grimmiger, rauer, dreckiger, härter und insgesamt noch desillusionierender, pessimistischer und deprimierender geraten als damals Sicario. Zumal die Abwesenheit von Emily Blunt als idealistische FBI-Agentin Kate Macer dem Zuschauer nun auch den letzten moralischen Ankerpunkt nimmt und damit auch den leichten Hauch von Hoffnung zwischen all der Gewalt und Skrupellosigkeit verblassen lässt. Was bleibt, das sind Matt Graver und Alejandro Gillick, losgelöst von jeglichen moralischen Instanzen im aussichtslosen und zermürbenden Kampf gegen Drogen und nun auch Terrorismus, wenn sie sich besonders rücksichtslosen Methoden bedienen und auch vor Kindesentführungen nicht mehr zurückgeschreckt wird.

 

Zwar erreicht Day of the Soldado nie die enorme Dringlichkeit und Intensität seines Vorgängers, kann sich als harter Thriller jedoch durchaus sehen lassen. Sollima setzt mehr auf Gewalt und Eskalation, verteilt diese aber über die gesamte Laufzeit von rund 120 Minuten in Form von immer wieder aufblitzenden Nadelstichen. Visuell ist sein Film weniger von der stilisierten Bildsprache eines Roger Deakins dominiert wie noch Sicario, sondern vielmehr von stark ungeschönt realistischen Bildern, die zwar gekonnt das schmutzige Treiben unterstreichen, aber auch weniger erinnerungswürdig sind. Sollima wirft einen noch zynischeren Blick auf den Kampf der Geheimdienste gegen die Drogenkartelle, wenn inzwischen nahezu alles erlaubt ist und Grenzen schlicht und ergreifend nicht mehr existent sind. Wachsende Gewalt als das Ergebnis wachsender Hilflosigkeit.

 

Die Interessenlage dahinter ist so komplex, dass sie auch für Insider kaum noch zu durchschauen ist, und ständig ändern sich Pläne, Pakte und Fronten in diesem Wechselspiel unterschiedlichster Interessen. Besonders zynisch: wenn sich herausstellt, dass die Selbstmordattentäter von Kansas gar nicht mit Hilfe von Schleusern über die Grenze kamen, sondern sogar amerikanische Staatsbürger waren, dann wird das mehr oder weniger als Nebensatz abgetan und geht im bereits angezettelten Krieg beinahe unter. Überhaupt verliert das Motiv des Terrorismus mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Bedeutung, wenn sich nach und nach noch reichlich andere Motivationen verschiedenster Parteien abzeichnen. Day of the Soldado endet recht offen und gibt sich relativ klar als eine Art Brückenfilm zu erkennen, der die Weichen stellt für den Abschluss der geplanten Trilogie, dennoch würde ich nicht sagen, dass der Film dadurch weniger sehenswert ist. Im Endeffekt zieht Sollima weiterhin sein Ding inhaltlich wie stilistisch durch und als eine weitere Facette der von Sicario etablierten Welt passt das gut.

 

7 von 10 gut geplanten Entführungen

 

 

Blade of the Immortal (2017)

9. August 2018 at 23:37

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Als seine kleine Schwester ermordet wird, richtet der Samurai Manji auf Rache sinnend ein gewaltiges Blutbad an, wird jedoch von einem alten Geist mit dem schrecklichen Fluch der Unsterblichkeit gestraft. Jahrzehnte später ist Manji die unzähligen Kämpfe überdrüssig und sehnt sich nach dem Ende seiner Existenz. Die Unsterblichkeit lastet wie ein Fluch auf ihm, allein das Mädchen Rin hält ihn davon ab, sich seinen morbiden Sehnsüchten vollständig hinzugeben, aber es fällt ihm zunehmend schwer, sein schützendes Schwert über sie zu halten.

 

Das also ist Film Nummer 100 im Schaffen von Takashi Miike – in rund 26 Jahren, wohl gemerkt. Der japanische Vielfilmer und Genre-Afficionado ist nicht nur für seinen immensen kreativen Output berühmt wie berüchtigt, sondern oft auch für ein Strukturen aufbrechendes Kino ohne feste Grenzen. Alles kann bei Miike, nichts muss, und oft sind seine Filme Wundertüten der Absurdität, Füllhörner voller Gattungen und Stimmungen. Kaum ein Genre lässt sich finden, welches er noch nicht in Angriff genommen und im Vorbeigehen auf links gedreht hätte. Umso überraschender ist es, wie ungewöhnlich konventionell Blade of the Immortal letztlich ausgefallen ist. Ich hätte mir wirklich ein radikaleres Werk von Miike gewünscht, eine subversive Unterwanderung des Genres, doch stattdessen liefert er einen mehr oder weniger ganz gewöhnlichen Jidai-geki. Dabei beginnt der Film furios: bereits in den ersten paar Minuten, im hübschen Schwarz-Weiß als Rückblende inszeniert, häuft Manji mehr Tote an als so manch anderer Film in seiner ganzen Laufzeit und hinterlässt einen Berg an Leichen.

 

Was in anderen Filmen das große Finale wäre, das ist in Blade of the Immortal nur der Prolog und der Bodycount ist insgesamt geradezu unverschämt hoch. Der rote Lebenssaft spritzt reichlich und auch so manches Körperteil geht im Eifer des Gefechts verloren, dennoch bleibt der Film gerade für Miike überraschend zahm. Leider funktioniert der erzählerische Rhythmus nicht allzu gut: zwar sind die Kampfszenen allesamt recht aufwendig choreografiert, durchaus abwechslungsreich in Szene gesetzt und voller herrlich verrückter Ideen, doch dazwischen gibt es zu viele zähe Phasen des Leerlaufs und repetitive Erzählmuster. So entsteht eine eher holprige Narrative, welche zuweilen die Geduld des Zuschauers auf die Probe stellt. Letztlich bleibt mit Blade of the Immortal ein etwas enttäuschender und mit einer Laufzeit von rund 140 Minuten vor allem zu langer Film, von dem ich mir angesichts seines Regisseurs etwas mehr Radikalität und Subversion versprochen hatte, der als reiner Vertreter seines Genres trotz erzählerischer Mängel aber immer noch durchaus sehenswert ist. Und die Frage, wie viele Hieb – und Stichwaffen in einen menschlichen Oberkörper passen, die klärt Blade of the Immortal dann auch: verdammt viele.

 

6 von 10 abgetrennten Körperteilen

 

 

Toro (2016)

29. Juli 2018 at 17:02

 

 

© Apaches Entertainment/Atresmedia Cine/Meastranza Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Ein letzter Job für den brutalen Paten Romano sollte es sein, dann wollte der junge Toro endgültig aussteigen und alles hinter sich lassen. Doch der Job geht schief, einer seiner zwei Brüder kommt ums Leben und Toro muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Auch nach seiner Freilassung hält er weiter an seinem Traum vom legalen Leben fest, bis plötzlich sein Bruder López vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, denn Romano fühlt sich von ihm betrogen und seine Tochter entführt.

 

Es ist schon ein wenig unglücklich, dass der spanische Gangsterthriller Toro mit den Worten „Europas Antwort auf Drive“ etwas irreführend beworben wird, denn letztlich haben beide Filme so gut wie gar nichts miteinander gemein. So wird der Film von Regisseur Kike Maíllo (Eva, 2011) und Drehbuchautor Rafael Cobos (La isla mínima, 2014) in ein falsches Licht gerückt, wo er doch ganz andere Qualitäten für sich zu beanspruchen vermag. Zwar lässt Toro Innovationen größtenteils vermissen und seine erzählerischen Vorbilder aus dem US-Kino sind recht offensichtlich zu erkennen, doch Maíllo bettet seine bereits zuvor vielfach bewanderten Genrepfade in ein angenehm unverbrauchtes Setting, wenn er Andalusien und damit Städte wie Málaga, Almeria oder Torremolinos als Ort des Geschehens in den Fokus rückt.

 

Dadurch bekommt sein Film eine ganz eigene Note, welche dann auch stilistisch und visuell ihre Entsprechung findet, wenn Maíllo auf ausgewaschene Farben setzt, mitunter clevere Kameraperspektiven findet und immer wieder ansprechende Bildkompositionen zu einer recht speziellen Gesamtästhetik verquirlt. Und auch sonst ist Toro gelungen inszeniert: die Action kann sich sehen lassen und bietet das volle Programm aus Shoot Outs, Verfolgungsjagden und Zweikämpfen, trotz eines etwas redseligen Mittelteils kommt genügend Spannung auf und das nötige Drama wird auch bedient. Letztlich ist Toro ein solider Genrestreifen voller altmodischer Bilder und Motiven rund um Familie, Glauben und Männlichkeit, der zwar nicht sonderlich innovativ ist, dafür aber sehr genau weiß, wo er herkommt und was er erzählen möchte. Eine gewisse Demut dem Genre selbst gegenüber, welche ich immer mal wieder bei so manchem ambitionierteren Vertreter vermisse.

 

6,5 von 10 versteckten Klingen am Unterarm