Spiritwalker (2020)

2. Juli 2022 at 22:35

 

 

© Avio Entertainment

 

Zurück zum Anfang. Wer bin ich? Was passiert hier? Alles beginnt mit einem Autounfall und einem Mann ohne Erinnerung. Das ist der Auftakt zu einer rasanten wie rätselhaften Odyssee durch Seoul, bei welcher der Zuschauer ebenso verwirrt ist wie der Protagonist selbst. Dabei verschiebt und wechselt Regisseur Yoon Jae-geun immer wieder geschickt Perspektiven und Blickwinkel und lässt das Publikum lange im Ungewissen. Erst nach und nach hebt sich der Schleier, wenn I-an Kang immer mehr Licht ins Dunkel bringt und eine Verschwörung aufdeckt. Die Fragezeichen und Knoten im Kopf lösen sich also mehr oder weniger, auf eine wirklich befriedigende Antwort sollte man jedoch nicht unbedingt hoffen. Zwar serviert das Drehbuch von Spiritwalker eine Erklärung für die mysteriösen Ereignisse, diese jedoch gilt es einfach zu schlucken und nicht zu hinterfragen.

 

Der Aspekt der Seelenwanderung ist definitiv mehr als bloß ein Gimmick und hebt den sonst eher generischen Plot aus der Masse ähnlich gestrickter Thriller hervor, doch was lange wie ein erdrückendes Puzzle anmutet, das verkommt spätestens mit seiner rückblickend erzählten Auflösung im letzten Drittel zu kaum mehr als konventionellem Genrekino. Das ist ein wenig schade, hätten sich an diesem Punkt vielleicht noch ein paar erzählerische Möglichkeiten geboten um den Zuschauer herauszufordern. Die Unzuverlässigkeit subjektiver Erlebnisse und die Brüchigkeit der eigenen Identität beispielsweise, aber leider wählt das Drehbuch ab einem gewissen Punkt den leichten Ausweg aus der Zwickmühle.

 

Auf dem Papier bietet Spiritwalker also viel Potential, dieses wird jedoch nicht vollends genutzt. Handwerklich und technisch hingegen ist der erst zweite Film von Yoon Jae-geun auf hohem Niveau angesiedelt. Die Kamera ist enorm dynamisch, verliert aber nie die Übersicht über das Geschehen, und der Schnitt legt einen guten Rhythmus vor, ohne allzu hektisch zu geraten. Mit zunehmender Laufzeit erhöht sich auch das erzählerische Tempo und damit ebenfalls der Grad der Action, welche absolut sehenswert und abwechslungsreich gestaltet ist. Zweifellos ein überaus interessanter Genrefilm mit einer erfrischend anderen Grundidee, jedoch macht das Drehbuch zu wenig daraus und verirrt sich im letzten Akt in recht konventionellen Erzählstrukturen.

 

6,5/10

 

 

Drive (2011)

11. Juni 2022 at 12:22

 

© FilmDistrict

 

 

There are no clean getaways. Manchmal gibt es Filme, die berühren dich, lösen etwas in dir aus. Die sind irgendwie anders. Unvergleichlich. Unvergesslich. Nicht von dieser Welt. Drive ist für mich ein solcher Film. Ein absoluter Ausnahmefilm. Was Regisseur Nicolas Winding Refn hier zusammen mit Drehbuchautor Hossein Amini aus der Romanvorlage von James Sallis erschafft, das sucht wahrlich seinesgleichen. Pure Magie. Die perfekte Vermählung aus räudigem Genrekino und funkelnder Kunst. Eine zarte Liebesgeschichte und zugleich brettharter Neo Noir mit Hang zum Gewaltrausch in Zeitlupe. Visueller wie narrativer Minimalismus in Reinkultur.

 

Refn legt seinen gestalterischen Fokus ganz bewusst eben nicht auf die erzählerische Ebene, sondern nahezu ausschließlich auf die Inszenierung und die geradezu hypnotisch soghafte Wirkung seiner sorgfältig komponierten Bilder. Selbst die Figuren im Film sind kaum mehr als archaisch stereotype Projektionsflächen. Die Bildgestaltung jedoch ist phänomenal geraten, immer extrem überlegt und vollkommen in ihrer Präzision, denn wirklich nichts ist hier dem Zufall überlassen. Stilistisch blitzen immer wieder filmische Vorbilder wie Michael Mann, William Friedkin oder Walter Hill und deren Werke auf.

 

Schon die Eröffnungssequenz zeigt uns nicht nur alles, was wir über den Driver wissen müssen, sie ist auch bezogen auf Timing und Tempo auf den Punkt genau in Szene gesetzt. Hier sitzt einfach alles, jeder Schnitt von Matthew Newman (Walhalla Rising, Only God Forgives, The Neon Demon) und jede Kamerabewegung von Newton Thomas Sigel (Bohemian Rhapsody, Extraction, X-Men: Days of Future Past), alles ist klar, scharf und bloß auf das Nötigste reduziert. Die Action ist sparsam, bedacht, klug gesetzt und überaus effektiv in ihrer Schlichtheit, vor allem aber auch gespickt mit explosiv eskalierender Gewalt.

 

Kontrolle und Reduktion. Ebenso, wie der Driver hinter seinem Lenkrad genau weiß, was er zu tun hat, so weiß es auch Refn hinter der Kamera. Inszenatorische Klarheit und erzählerische Einfachheit, immerzu angetrieben von unbedingtem Stilwillen, aber nie zum reinen Selbstzweck. Seine Bilder sprechen zum Zuschauer. Show, don´t tell. Ein kaum mehr als angedeutetes Lächeln von Ryan Gosling erzählt mehr als es eine ganze Szene könnte. Gesprochen wird nicht sonderlich viel, stattdessen ist Drive oft subtiler und setzt mehr auf Nuancen im Schauspiel, die auch gelesen werden wollen.

 

Es sind die Details: schüchterne Blicke, zwei Hände, die sich kurz berühren, immerzu Spiegel, die sich schließende Tür eines Aufzuges. Eine aufkeimende Liebe, die nicht sein kann, nicht sein darf. Wenn sich dann zu all dem noch der zärtlich wabernde Electro-Score aus der Feder von Cliff Martinez als krönende Kirsche perfekt anschmiegt, dann ist Drive nicht mehr und nicht weniger als ein formalästhetisches Meisterwerk und sicherlich einer der eindringlichsten und bemerkenswertesten Genrefilme der letzten zwanzig Jahre.

 

10/10. Mit Herz. Und überhaupt.

 

 

Come True (2020)

7. Mai 2022 at 18:47

 

 

© Copperheart Entertainment/Angel Entertainment

 

 

Wie wenig wissen wir doch über Schlaf. Von Träumen ganz zu schweigen. Unzählige Theorien, kaum wissenschaftlicher Konsens. An diesem Punkt setzt Regisseur Andrew Scott Burns mit seinem Film Come True an und schöpft mit vollen Händen aus dem zahllosen Material unserer Albträume, immerzu taumelnd an der Grenze zwischen Wachzustand und Schlaf. Hypnagoge Zuckungen. Düstere Echos aus der REM-Phase, projiziert tief aus dem Unterbewusstsein auf flackernde Bildschirme. Lange als eher vage und vor allem sehr assoziative Aneinanderreihung einzelner surreal gestalteter Traumsequenzen erzählt, wird Come True erst im letzen Akt zunehmend konkreter in seiner Handlungsstruktur.

 

Und das ist ein Problem, sind doch gerade Einstieg und Mittelteil die eigentlichen Stärken des Filmes und atmosphärisch eine Wucht. Diese diffuse, ätherische, irgendwie kaum zu greifende und dennoch furchterregende Anspannung, diese seltsam melancholische, geradezu betörende und gleichermaßen befremdliche Bildsprache innerhalb der Traumszenen, da lässt Come True seine Muskeln spielen. Alles ist in extrem entsättigte Farben getaucht und kalte, sterile Weiß-, Blau– und Grautöne dominieren das Bild. Dazu passt ganz hervorragend der retro-futuristische Look der Schlafklinik und all der Apparaturen dort, der auch in einen Film von David Cronenberg passen könnte.

 

Das alles ist Autorenkino par excellence, übernimmt Burns doch neben der Regie sowohl das Drehbuch, als auch die Kamera, den Schnitt und am fiebrig wabernden Synthie-Score ist er auch beteiligt. Idee und Exposition von Come True sind wahrlich grandios und Burns weiß seine Traumwelten düster und unheimlich zu gestalteten, doch spätesten im letzten Akt wird deutlich, dass das Drehbuch über diese Prämisse hinaus damit eher wenig anfangen kann. Und die finale Auflösung macht es sich dann leider zu einfach und lässt mit fadem Beigeschmack unbefriedigt zurück.

 

7/10

 

 

Universal Soldier: Day of Reckoning (2012)

9. April 2022 at 19:23

 

 

© Foresight Unlimited/Magnet Releasing

 

 

Daddy… there´s monsters in the house…

 

Allein der Einstieg… verstörender könnte man kaum starten. Noch schlaftrunken, geweckt vom Weinen der kleinen Tochter, stolpert der Zuschauer gezwungen durch die maximal subjektive Kamera von Yaron Levy (El Gringo, Falcon Rising) in kürzester Zeit vom Halbdunkel direkt in die ganz persönliche Hölle einer grell erleuchteten Küche. Day of Reckoning macht sofort vollkommen und unmissverständlich klar, dass hier absolut nichts heilig ist. Nicht einmal der innerste Kreis der eigenen Familie, denn dort, wo man sich am geborgensten fühlt, da ist man auch am verwundbarsten.

 

Wo Regisseur John Hyams noch mit dem schon starken Vorgänger Regeneration die Universal Soldier-Filme erfolgreich wiederbeleben konnte, da transzendiert er die Reihe nun mit Day of Reckoning in gänzlich andere Sphären und das moderne Actionkino gleich mit dazu. Hyams inszeniert diese albtraumhafte Reise auf der Suche nach Erkenntnis und Rache als psychedelisch surrealen Fiebertraum irgendwo zwischen Delirium und Blutrausch. Day of Reckoning und seine Bilder brennen sich auf die Netzhaut und ins Gehirn. Wer ihm mit offenem Geiste begegnet, der wird diesen hässlichen Bastard aus ultra brutaler Action, philosophischer Meditation und künstlerischem Anspruch nicht so schnell wieder aus seinem Kopf verbannen können.

 

Hyams hat hier bloß noch die Hälfte des Budgets von Regeneration zur Verfügung und dennoch sieht Day of Reckoning in jeglicher Hinsicht und zu jeder Sekunde deutlich besser aus. Die Actionsequenzen sind allesamt fantastisch inszeniert und gefilmt und der extrem hohe Grad der Gewalt sucht zumindest im westlichen Kino für einen Actionfilm auch heute noch seinesgleichen. Hyams spielt all seine bereits bewiesenen Stärken nur noch besser und effektiver aus. Höhepunkt ist zweifellos eine Kampfszene zwischen Hauptdarsteller Scott Adkins und dem schon aus Regeneration bekannten Andrei Arlovski in einem Sportgeschäft, während der auch zahlreiche Sportgeräte zum knochenbrechenden Einsatz kommen. Vom sich stetig steigernden letzten Akt ganz zu schweigen.

 

Im Grunde ist Day of Reckoning eine rund zweistündige Lektion in filmischer Gewalt, physisch wie psychisch nur schwer zu ertragen und gleichermaßen schmerzhaft. Ein Film, der nicht genossen werden will, sondern ausgehalten. Abstoßend und wunderschön zugleich, brachial und zärtlich. Eine Herausforderung. Eben jenes Monster in der Küche, von welchem man sich wünscht ihm niemals begegnen zu müssen. Ein mutiges Experiment, welches Genre-Konventionen gnadenlos pulverisiert und zugleich aufzeigt, dass die Grenzen des Nischenkinos noch lange nicht ausgelotet sind.

 

9/10