Prisoners of the Ghostland (2021)

3. Januar 2022 at 20:23

 

 

© RLJE Films

 

 

Nicolas Cage selbst sagte über Prisoners of the Ghostland, dies wäre sein wildester Film. Nun ja, das trifft nicht so recht zu und der ganz große Wahnsinn bleibt aus, aber die erste englischsprachige Regiearbeit von Vielfilmer Sion Sono ist schon ein ziemlich bizarrer Ritt durch das Genrekino. Samuraifilm und Nō-Theater, Italowestern und Geistergeschichten, Postapokalypse-Kino und atomares Ödland, Geishas und Cowboys… und mittendrin Nicolas Cage als Hero mit Sprengsätzen an den Hoden.

 

Die Nichte des berüchtigten wie gefürchteten Gouverneurs von Samurai Town wurde entführt, doch Hero soll sie unfreiwillig zurück bringen und so sein eigenes Leben retten. Allein diese Stadt: Samurai Town und ihre Bewohner. Eine seltsame Zwischenwelt, gleichsam Moderne wie Vergangenheit, besiedelt von allerhand schrägen Gestalten, entsprungen aus den verschiedensten Zeitaltern. Doch erst im außerhalb der Stadt liegenden Ghostland offenbaren sich die wahren Dimensionen dieser verfallenen Welt, geboren aus der nuklearen Asche einer großen Katastrophe.

 

Eine Katastrophe, deren Aufarbeitung buchstäblich durch pure Manneskraft geschehen soll. Die mechanischen Zeiger einer alten Rathausuhr. Die vielleicht schönste Metapher in diesem Film, welche Sono für ein Thema findet, welches ihn schon länger in seinen Werken beschäftigt: das tiefsitzende nationale Trauma Japans, ausgelöst durch das atomare Zeitalter. Eine solch gewisse Ernsthaftigkeit blitzt in all diesem bunten Treiben immer mal wieder auf und Sono und sein Kameramann Sohei Tanigawa finden durchaus starke Bilder und Momente, von reichlich kruden Szenen ganz zu schweigen, und doch lassen sich diverse Längen und Schwächen in der Handlung kaum leugnen.

 

Prisoners of the Ghostland hat viele Facetten, schlägt mit teils guten Ideen und Ansätzen in vielerlei Richtung aus, erforscht diese allerdings auch nicht allzu tiefgreifend. Da bleibt vielleicht einiges an Potential liegen, Spass macht der Film dennoch. Und er passt ganz gut in eine Reihe von Filmen von überaus ambitionierten und spannenden Regisseuren, in welchen Cage über die Jahre mitgewirkt hat: Werner Herzog, Panos Cosmatos, Richard Stanley, Sion Sono. Hat jetzt nicht unbedingt jeder so in seiner Filmografie stehen.

7/10

 

 

 

 

 

 

 

Cowboy Bebop (1998-1999)

10. Dezember 2021 at 17:10

 

 

© Sunrise

 

 

 

Everything has a beginning and an end. Life is just a cycle of starts and stops. There are ends we don’t desire, but they’re inevitable, we have to face them. It’s what being human is all about – Jet Black

 

Besser kann man die emotionale Wucht von Cowboy Bebop eigentlich kaum in Worte fassen. Ends we don´t desire, but they´re inevitable, we have to face them. So oft ich diese Serie nun schon gesehen habe, das etwa letzte Drittel nimmt mich immer und immer wieder auf ganz besondere Art und Weise mit. Jedesmal. Obwohl ich haargenau weiß, was mich erwartet. Da ist dieses Gefühl von zärtlicher Melancholie, welches sich durch diese 26 Episoden zieht. Diese tragische Schönheit, bittersüß, roh und doch poetisch. Oft sind trotz all der vordergründigen Action und dem Humor doch ganz besonders die leisen Töne das eigentliche Gold, sind es die stillen Momente, welche diese Serie so herausragend machen.

 

You´re gonna carry that weight. Wenn man den großen erzählerischen Bogen rund um Spike, Vicious und Julia mal kurz ausklammert, dann sind es nicht selten die kleinen Geschichten, unter deren Oberflächen sich tragische Schicksale offenbaren. Asimov und Katrina, Roco und seine Schwester Stella, Gren oder V.T. und noch viele andere: sie mögen vielleicht noch so kurz auftauchen, sie alle haben jedoch eine Geschichte, die zu berühren vermag. Was Regisseur Shin’ichirô Watanabe hier mit seinem Team erschaffen hat, das hat Gewicht. Bestand. Bedeutung. Zumindest für mich auf jeden Fall, aber vermutlich nicht nur. Das world building ist famos geraten, visuelles Erzählen par excellence. Ganz gemäß dem Motto: Show, don´t tell. Cowboy Bebop traut seinem Zuschauer erstaunlich viel zu und verzichtet auf übermäßig erklärenden Dialog. Whatever happens, happens.

 

Im Gegenteil sogar, die Serie traut sich, auch mal ein Bild für zehn Sekunden einfach still stehen zu lassen. Wirken zu lassen. Ein lakonisch rauchender Spike, der grüblerisch ins All blickt, das erzählt mir mehr als es eine ganze Szene könnte. Und solche Momente hat jeder der Bebop-Besatzung mehrfach zu bieten. Überhaupt diese Crew… Jet, Spike, Faye, Ed, ja, sogar Ein, bekommen ihre Hintergründe. Ihre kleinen Geschichten. So unterschiedlich sie auch sein mögen, sie alle vereint die Unfähigkeit ihrer Vergangenheit entfliehen zu können. Ist eine Zukunft überhaupt möglich, wenn die eigene Geschichte nicht akzeptiert werden kann? Sie sind Getriebene ihrer eigenen inneren Dämonen. So mündet Cowboy Bebop schlussendlich in einem an Dramatik kaum zu übertreffenden Finale verteilt über die letzten beiden Folgen und findet einen in jeglicher Hinsicht perfekt getroffenen Schlusspunkt. Ends we don´t desire, but they´re inevitable, we have to face them.

 

Ich kann mir gut vorstellen, dass Joss Whedon Cowboy Bebop sehr aufmerksam gesehen hat, findet sich doch vieles davon in dessen ebenfalls großartiger Serie Firefly. Watanabe kreiert einen großen Melting Pot der Popkultur, bestehend aus Science Fiction, Western, Film Noir und Kung Fu-Flicks, abgeschmeckt mit einem wundervollen Score aus Jazz und Blues aus der Feder von Yoko Kanno und ihrer eigens für die Serie gegründeten Band Seatbelts. BANG… See you Space Cowboy… ganz bestimmt sogar.

 

10/10

 

 

Red Notice (2021)

28. November 2021 at 19:25

 

 

© Netflix

 

 

 

Das ist kein Film, das ist ein Produkt. Am Reißbrett kalkuliert, designt und konzipiert von Datenanalysten. Ohne Seele, ohne Herz, ohne Sinn. Nichts ist hier originär, alles, wirklich alles hat man anderswo schon mal gesehen. Besser. Der Humor ist unglaublich flach angelegt, nicht ein einziger Witz vermag zu zünden, alles ist platt. Dazu dann diese ätzenden Meta-Gags. Dieses ironische Augenzwinkern. Frei nach dem Motto: ha ha, wir wissen, dass das alles Käse ist, aber guck mal, wir haben Indiana Jones gesehen. Und Uncharted gespielt. Wir sind ja so cool ironisch.

 

Johnson und Reynolds sind inzwischen zu kaum mehr als bloße Abziehbilder ihrer eigenen Figurenklischees verkommen und einfach nur noch Opfer ihrer Rollen. Da kann selbst Gal Gadot nichts mehr ausrichten, versucht diese wenigstens noch zu spielen. Die Action ist erstaunlich wenig kreativ und vor allem unspektakulär, lustlos und kraftlos in Szene gesetzt und so manche CGI-Sequenz wirkt geradezu absurd schwach und billig. Und zum krönenden Abschluss gibt es dann noch den wohl peinlichsten Cameo-Auftritt seit sehr langer Zeit. Ne, das war nix. Red Notice ist vollkommen beliebig, austauschbar, redundant und nichts von alldem bleibt ernsthaft in Erinnerung.

 

3 von 10 Falten im Nacken von The Rock

 

 

Darling (2015)

6. November 2021 at 17:17

 

 

© Screen Media Films

 

 

Abyssus abyssum invocat. Manchmal gibt es sie noch: diese kleinen Filme, die einen hinterrücks so richtig überrumpeln. Darling von Regisseur und Drehbuchautor Mickey Keating ist ein solcher. Offensichtlich stark von Roman Polanskis Werken Ekel (1965) und Der Mieter (1976) inspiriert, vermochte mich sein vierter Film wirklich zu überraschen. Erstaunlich stilsicher komponiert er zusammen mit der Kamera von Mac Fisken betörend schöne Bilder in kunstvollem Schwarzweiß. Gleichzeitig aber arbeitet Keating mit inszenatorischen Techniken wie schnellen Schnitten, pointierter Lichtsetzung, Stroboskopeffekten und Störgeräuschen auf der Tonspur gegen etablierte Sehgewohnheiten an. Der so entstehende tonale Bruch verleiht Darling eine gewisse dunkle, pulsierende Lebendigkeit.

 

Gesprochen wir nicht viel und Dialogszenen sind eher spärlich gesät, setzt Keating doch viel lieber auf die suggestive Kraft seiner Bildsprache. Diese dann in Kombination mit einem messerscharfen Sounddesign und dem kontrastreichen Score erschaffen eine unglaublich hypnotische Wirkung, soghaft, einnehmend und unterschwellig beunruhigend. Die Handlung unterteilt sich in sechs Kapitel und Darling ist mit einer Laufzeit von rund 78 Minuten überschaubar geraten, hätte aber auch kaum länger ausfallen dürfen. Über all dem schwebt die unheilvolle Performance der fantastischen Lauren Ashley Carter als titelgebende Darling, die ihren Abstieg in den Wahnsinn als kraftvolle Tour de Force ausspielt. Diese Augen. Ihre großen dunklen Augen fesseln, zunächst noch niedlich schüchtern, später dann weit aufgerissen und erfüllt vom Irrsinn wie eine psychopathische Version von Audrey Hepburn.

 

Darling hat mich überrascht. Darling hat mich fasziniert, mich angezogen, mich verstört. Darling ist ein filmisches Experiment, mutig und gewagt, so sehr entgegen üblichen Sehgewohnheiten inszeniert. Nicht perfekt, nicht makellos, aber wuchtig, kantig, sperrig, unangenehm.

 

7,5/10