Prey (2022)

18. August 2022 at 19:53

© Hulu/Disney+

 

 

 

This is as far as you go. No more. This is it.

 

So ehrlich muss ich sein: zwar gefiel mir der Trailer zu Prey eher gut, meine Erwartungshaltung jedoch war gering, zumal die Reihe nach Upgrade tot zu sein schien. Um so größer war dann meine Überraschung darüber, dass es Regisseur Dan Trachtenberg (10 Cloverfield Lane) mit Prey gelungen ist, den vielleicht stärksten Beitrag des Franchises seit dessen Ursprung abzuliefern. Indem er erstmal ordentlich Ballast abwirft, sich auf die Wurzeln besinnt und ein entschlacktes Action-Abenteuer im überschaubaren Rahmen inszeniert, welches sich seiner Einfachheit nicht nur vollkommen bewusst ist, sondern diese auch effektiv zu nutzen weiß. Vielleicht genau der Impuls, welchen die Reihe dringend nötig hatte, zumal auf überflüssigen Fanservice überwiegend verzichtet wird.

 

Zugegeben, auf der inhaltlichen Ebene möglicherweise der Weg des geringsten Widerstandes, aber zumindest versucht man nicht, das Franchise neu zu erfinden oder gar die Mythologie auf Gedeih und Verderb aufzubrechen. Die Handlung jedoch rund 300 Jahre in die Vergangenheit zu verlegen ist ein kluger Schachzug, können so doch zwei archaisch geprägte Kulturen aufeinander prallen. Zudem bieten die Northern Great Plains des Jahres 1719 ein angenehm erfrischendes und unverbrauchtes Setting, welches auf der visuellen Ebene durchaus abwechslungsreich präsentiert wird.

 

Überhaupt sehen gerade die Landschaftsaufnahmen von Kameramann Jeff Cutter (Orphan, 10 Cloverfield Lane) toll aus und liefern teils wunderschöne Bilder. Was man von den Effekten leider nicht behaupten kann. Viele Momente wirken durch das CGI zu glatt, sauber und buchstäblich künstlich. Gerade die animierten Tiere können kaum überzeugen und rütteln ordentlich an der Immersion. Und obwohl Prey nicht unbedingt mit Blut geizt und ein paar hübsch kreative Kills für sich verbuchen kann, so hätten mehr praktische Effekte in den Actionszenen vielleicht eine nochmals andere Wirkung entfalten können. Der Predator selbst hingegen hat mir mit seiner wuchtigen Präsenz und dem herrlich fiesen Design ausgesprochen gut gefallen.

 

Der Plot rund um die weibliche Hauptfigur und deren Wunsch sich beweisen zu dürfen, ist smart genug aufgebaut um gerade nicht in die Falle zu tappen, welche bestimmte Kreise versuchen dem Film anzukreiden. Im Gegenteil, wir können dem Predator selbst ebenso bei seinem Lernprozess zuschauen wie Naru, wodurch eine interessante Spiegelung von Protagonistin und Antagonist entsteht. Wobei Prey darüber hinaus auch die Frage andeutet, wer hier eigentlich der wirkliche Bösewicht ist. Letztlich hat Naru einfach nur ein Auge für Details, vermag ihre ganz eigenen Schlüsse aus ihren Beobachtungen zu ziehen und daraus Handlungen abzuleiten. Dazu versteht sie es, das Terrain als Heimvorteil für sich zu nutzen.

 

Unterm Strich hat mir Prey viel Spaß gemacht. Kompakte Laufzeit, ein gutes Auge für Details, tolle Bilder, unverbrauchte Darsteller, ein erfrischend anderes Setting, fiese Gadgets und ein trotz CGI knackiger Härtegrad mit kreativen Kills… mit vor allem Upgrade und in weiten Teilen auch Predators wischt Prey den Boden, mit Predator 2 hingegen liefert man sich ein spannendes Duell auf Augenhöhe.

 

7,5/10

 

 

10 Cloverfield Lane

17. August 2016 at 23:58

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„People are strange creatures. You can’t always convince them that safety is in their best interest.“

 

 

 

Nach einem Autounfall wacht die junge Michelle verletzt und angekettet auf einer Matratze in einem kleinen Raum ohne Fenster auf. Ihr Versuch sich befreien wird unterbrochen, als ein Mann namens Howard den Raum betritt und erklärt, sie vor einem chemischen oder nuklearen Angriff gerettet zu haben. Nur in seinem unterirdischen Bunker sei sie sicher, die Außenwelt vergiftet und die Menschheit größtenteils ausgelöscht. Doch sagt Howard wirklich die Wahrheit? Michelle kommen nach und nach immer mehr Zweifel an den Aussagen des eigenartigen Mannes…

 

Wo Matt Reeves in seinem Film Cloverfield vor acht Jahren noch halb New York inklusive der Freiheitsstatue in Schutt und Asche legte, da setzt Dan Trachtenberg mehr auf eine dichte Atmosphäre der Spannung und eine sehr ausgeprägte Charakterzeichnung. Aus dem Nichts wurde Anfang des Jahres sein Film 10 Cloverfield Lane angekündigt und kam bereits kaum zwei Monate später in die Kinos. Das von den Fans erwartete Sequel oder Prequel zu Cloverfield wurde der Film dann aber doch nicht, sondern Trachtenberg geht sehr viel lieber ganz eigene Wege. Letztlich ist 10 Cloverfield Lane dann auch eher als eine Variation des Monster-Themas zu betrachten, als Teil einer Art Anthologie lose verknüpfter, thematisch aber eher unähnlicher Genrefilme zusammengefasst unter dem Stichwort Cloverfield, denen sicherlich noch weitere Einträge folgen werden. Mehr noch als in Cloverfield geht es in 10 Cloverfield Lane nicht um ein oder mehrere Monster als solche, sondern vielmehr darum, wofür diese Monster sinnbildlich stehen, denn sie treten in vielen Formen auf und in seinem Facettenreichtum ist der Verschwörungstheoretiker Howard eine klug geschriebene und geschickt weiter gedachte Betrachtung zum Zustandes eines Landes in Angst. In Anbetracht der Tatsache, dass 10 Cloverfield Lane das Regiedebüt von Trachtenberg ist, überrascht es ein wenig, wie stilsicher und selbstbewusst er sein Kammerspiel rund um Angst, Misstrauen und Paranoia langsam vor dem Zuschauer ausbreitet. Allein die ersten fünfzehn Minuten sind enorm stark inszeniert und auch der Rest (bis auf das Finale, aber dazu kommen wir noch) bewegt sich durchgängig auf sehr hohem Niveau. Das Setting ist zwar naturgemäß sehr begrenzt, aber 10 Cloverfield Lane weiß trotzdem optisch zu überzeugen, erweist sich als visuell sehr vielseitig und ist ein Musterbeispiel für visuelles Storytelling. Nicht alles muss auch ausgesprochen werden, der Zuschauer nicht immer an die Hand genommen werden, denn auch ohne sein Publikum für dumm zu halten, versteht es der Film, sehr genau auszudrücken worum es ihm geht. Obwohl wir die Geschehnisse im Bunker aus der Perspektive von Michelle erleben, ist doch John Goodman als Howard nicht nur darstellerisch, sondern vor allem auch inhaltlich ein zentrales Element der Geschichte, denn ebenso wenig wie Michelle weiß auch der Zuschauer nicht, wie er ihn einordnen soll, pendelt er doch ständig zwischen psychisch labilem Verschwörungstheoretiker und überfürsorglicher Vaterfigur, zwischen verzerrter Familienidylle und plötzlichen Wutausbrüchen. Lügt Howard oder doch nicht? Ist er seiner Paranoia erlegen oder ist die Außenwelt wirklich verseucht? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Sehr geschickt streut das Drehbuch von Josh Campbell und Damien Chazelle immer wieder widersprüchliche Hinweise auf Howards Motive und auch auf dessen Vergangenheit, lange bleibt die tatsächliche Wahrheit unklar und der Zuschauer ebenso im Dunkeln wie Michelle.

 

 

 

„Crazy is building your ark after the flood has already come.“

 

 

 

Darüber hinaus aber hat 10 Cloverfield Lane noch einige interessante Ebenen mehr zu bieten, denn so selbstbewusst Trachtenberg seinen Erstling inszeniert, so vielschichtig verhandelt er auch seine weiteren psychologischen Aspekte. So mischt sich eine nicht unwesentliche Spur von Melancholie unter die unterschwellige Anspannung, wenn Michelle, Howard und Emmett in dem überraschend wohnlichen Gemeinschaftsraum des Bunkers gemeinsam essen, Monopoly spielen, Puzzle legen und 60er Jahre-Songs aus der Jukebox hören. Die Brettspiele, die Jukebox, VHS-Bänder, alte Zeitschriften, all das steht auch für eine rückwärts gewandte Wahrnehmung der Welt, die vornehmlich Howard zuzuschreiben ist, aber durchaus auch Michelle und Emmet anhaftet, wenn sie vom Bedauern geplagt werden, alte Fehler nicht wieder gut machen zu können. Aber Howard steht klar im Vordergrund als eine Art Bewahrer vergangener Werte und Traditionen. Früher war eben alles besser. Dass früher doch nicht alles besser, sondern vielleicht einfach nur anders war, diese Frage stellt sich für ihn gar nicht erst. Howard erfüllt aber darüber hinaus noch eine weitere Funktion in Trachtenbergs ausgefeiltem Psychogramm dreier Menschen in einer Extremsituation, denn durch seinen Kontrollzwang stellt er zugleich geschickt die Frage wie weit staatliche Überwachung zum Schutz der Bürger gehen darf und auf wieviel Freiheit das Individuum im Gegenzug für Sicherheit verzichten muss. Howard lässt Michelle buchstäblich nicht einmal allein auf die Toilette gehen und wundert sich anschließend, dass das Unverständnis und Ablehnung auslöst, will er doch nur Sicherheit gewährleisten. Obwohl Howard eine viel Raum einnehmende Figur ist, so ist doch letztlich Michelle der Dreh – und Angelpunkt in 10 Cloverfield Lane, denn über weite Strecken ist es ihre Geschichte, die erzählt wird, und es ist ihre Charakterentwicklung, die im Vordergrund steht. Knüpfend an die Erlebnisse aus ihrer Kindheit, von denen sie Emmet berichtet, entwickelt sich ihr Kampf im Bunker nicht nur in den ums Überleben, sondern steht sinnbildlich auch für die Befreiung aus einer missbräuchlichen und zerstörerischen Unterdrückung, beginnt sie doch, die Fesseln ihrer Vergangenheit abzuschütteln und reift mit dem Verlauf des Handlungsbogens zu einer Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit, die sie noch zu Beginn des Filmes nicht ihr eigen nennen konnte. Angesichts dieser Charakterentwicklung von Michelle erscheint das Finale in seiner inszenatorischen Ausprägung im Grunde nur logisch und konsequent, schießt aber dann leider auch sehr über das Ziel hinaus und hätte dem Film in einer etwas subtileren Form deutlich besser gestanden. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht in die Tiefe gehen, ohne zuviel zu verraten, also schaut euch den Film an und bildet euch euer eigenes Urteil.

 

Hut ab! Mit 10 Cloverfield Lane ist Regisseur Dan Trachtenberg ein beachtliches Debüt gelungen. Spannend, mit enorm dichter Atmosphäre und mit gleich mehreren psychologischen Subtexten versehen, präsentiert er sein Kammerspiel um Angst und Paranoia erstaunlich selbstbewusst und zielorientiert und versteht es, den Zuschauer lange über die Wahrheit im Unklaren zu lassen. Leider kann das Finale das hohe Niveau nicht mehr ganz aufrecht halten und hätte ruhig etwas zurückhaltender ausfallen dürfen. Letztlich aber sind das nur Abzüge in der B-Note, denn 10 Cloverfield Lane ist über weiter Strecken so gut geraten, dass es abschließend kaum noch ins Gewicht fällt.

 

7 von 10 unvergesslichen Spaghetti-Soßen