Tenet (2020)

25. Dezember 2020 at 20:36

 


© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

What´s happened, happened.“

 

 

Im Spätsommer eines in nahezu jeglicher Hinsicht vergessenswerten Jahres sollte Tenet die Kinokultur retten. Eine wahrlich übergroße Bürde und kaum zu stemmen. Vielleicht nicht die besten Voraussetzungen für ein derart ehrgeiziges Projekt. Aber allein der Versuch, ein solches High Concept-Kino auf die Leinwand zu bringen, den kann ich kaum anders als mindestens zu respektieren. Wahnsinnig ambitioniert, vielleicht zu ambitioniert, aber vermutlich niemand sonst hätte Tenet genau so machen können. Immer auch in dem Wissen, damit scheitern zu können.

 

Don´t try to understand. Feel it. Diese recht früh im Film fallenden Worte adressieren nicht einfach nur den namenlosen Protagonisten, sondern vor allem auch den Zuschauer. Bloß nicht zuviel drüber nachdenken, lieber überwältigen lassen. Da fangen die Probleme allerdings schon an, denn auf der reinen Gefühlsebene baut Tenet nur auf Behauptung. Wirklich emotional erreicht hat mich Nolans neuestes Werk zu keiner Sekunde und keines der verhandelten Schicksale vermochte mich zu berühren, so dass ich nicht gerade selten einen eher distanzierten Blick auf das Geschehen hatte.

 

Und doch entfesselt Tenet schnell eine enorm rauschhafte Anziehungskraft und bietet performatives Spektakel voller audiovisueller Wucht. Schon der Einstieg gestaltet sich brachial und legt ein hohes Tempo vor, welches der Film so schnell nicht wieder drosseln wird. Als reine Materialschlacht kann Tenet absolut überzeugen und auch wie Nolan die verschiedenen Zeitebenen geschickt innerhalb der Szenen miteinander verwebt und auflöst, das vermag zu begeistern. Dazu gesellen sich immer wieder zwar winzige, dafür um so genialere Details.

 

Doch so beeindruckend all die technischen Aspekte auch sein mögen, so mäßig gestaltet sich die erzählerische Ebene. Obwohl der Kniff rund um die temporalen Verschiebungen durchaus relevant ist für die Handlung, entpuppt sich Tenet davon abgesehen eher als klassischer Agententhriller und bedient sich mehr an dessen Strukturen, wenn die Protagonisten von einem exotischen Setting zum nächsten reisen und immerzu dem nächsten MacGuffin hinterher jagen.

 

Mein größtes Problem mit der erzählerischen Struktur von Tenet jedoch ist der Umstand, dass die Regeln dieser Welt seltsam diffus umrissen werden, nicht immer richtig greifbar sind und sich nicht selten unstimmig anfühlen. Beinahe so, als würde man während eines Brettspieles mittendrin das Regelwerk ändern. Vielleicht ändert sich das mit weiteren Sichtungen, das vermag ich noch nicht zu beurteilen, im ersten Durchgang jedoch hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass erzählerische Kohärenz nicht immer im Vordergrund steht. Dazu hat das zu Grunde liegende Bedrohungsszenario durch den Waffenhändler Andrei Sator irgendwie nicht so richtig Gewicht, bleibt eher vage und bedeutungslos.

 

Unwissenheit ist unsere Munition. Am Ende macht es mir Tenet wirklich nicht einfach. Fehlende emotionale Bindung, eine zu diffuse Bedrohung und das nicht immer klare Regelwerk gegenüber technischem Muskelspiel und audiovisueller Brillanz. Im Großen vielleicht fehlerhaft, im Detail teilweise herausragend.

 

7 von 10 temporalen Zangenbewegungen.

 

 

 

 

Nine Deaths of the Ninja (1985)

14. Mai 2020 at 23:38

 

 

© Crown International Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Als eine Terror-Gruppe unter der Führung von Alby dem Grausamen einige Touristen entführt um die Freilassung eines seiner Verbündeten zu erzwingen, da rufen die USA eine hoch spezialisierte Anti-Terror-Einheit auf den Plan, die mit Spike Shinoda einen erfahrenen Ninjakämpfer als Anführer hat.

 

Lollipop und Machoman. Filmischer Wahnsinn. Ein Zelluloid gewordener Unfall. Mehr als einmal in diesen rund 90 Minuten Laufzeit war ich fassungslos angesichts des Treibens auf dem Bildschirm. Was, zum Teufel, haben sich alle Beteiligten dabei gedacht? Shō Kosugi war gerade erst von Cannon Films zu Crown International Pictures gewechselt, die sich Cannon nicht unähnlich dem Exploitation-Kino widmeten ohne jedoch deren Budgets zu haben. Das spürt man deutlich, denn obwohl 9 Deaths of the Ninja eine amerikanische Produktion ist, wirkt das alles viel mehr wie ein billig runter gekurbelter Asia-Film.

 

Dazu scheint Regisseur und Drehbuchautor Emmett Alston ein ziemlich großer James Bond-Fan zu sein, denn anders lässt sich kaum erklären, dass sein Film über weite Strecken wie eine kraftlose Parodie wirkt. Bereits die auf eine ebenfalls Bond-typische Auftaktszene folgende Titelsequenz lässt mich an allem zweifeln, wenn Shō Kosugi und eine handvoll Aerobic-Damen zu einem maximal drittklassigen Bond-Song-Klon eine befremdliche Performance darbieten. Und in dem Stil geht das weiter: Kosugi im Kampf gegen vier Kleinwüchsige, Namen wie Spike Shinobi oder Honey Hump, eine merkwürdige Sequenz mit einem Münchener Oktoberfest-Verschnitt samt Volksmusik im Terroristenlager, ein Affe mit Windeln.

 

Doch mein persönliches Highlight ist zweifellos eine Verfolgungsjagd unter Wasser, in der unser Held seinen weiblichen Verfolgern nicht die Tauchmasken vom Gesicht reißt, sondern lieber die Bikini-Oberteile. Und dann noch der komplett durchgeknallte Oberbösewicht: Alby der Grausame. Ernsthaft. Als Karikatur selbst für Austin Powers viel, viel, viel zu drüber gezeichnet, im Rollstuhl sitzend und mit einem wirklich weirden Kleidungsstil und merkwürdig schrägem Akzent/Sprachfehler ausgestattet. Kleiner Fun Fact: Alby den Grausamen spielt ein gewisser Blackie Dammett, der im bürgerlichen Leben John Michael Kiedis heißt und der Vater von Anthony Kiedis ist, dem Sänger der Red Hot Chili Peppers ist.

 

All das wirkt wie eine handfest in die Hose gegangene Parodie auf Bond, doch da schwingt auch immer wieder eine irritierende Ernsthaftigkeit mit, die ich mir einfach nicht erklären kann. So wie ich mir den ganzen Film nicht erklären kann. Objektiv ein Totalausfall, eine filmische Bankrotterklärung. Subjektiv mit der passenden Einstellung durchaus unterhaltsam.

 

Irgendwas zwischen 2 und 6. Also 4… glaube ich… irgendwie…

 

 

Time to Hunt (Sanyangeui sigan, 2020)

5. Mai 2020 at 17:53

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Sometimes you need to lie to yourself. Or you can´t endure it.“

 

 

 

Korea in nicht allzu ferner Zukunft. Die drei Freunde Jun Seok, Jang Ho und Ki Hoon sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage als ein illegales Casino zu überfallen um ein neues Leben beginnen zu können. Der Coup gelingt und all drei wähnen sich in Sicherheit, ahnen jedoch nicht, dass ihnen ein sadistischer Killer auf den Fersen ist, der große Freude an der Jagd auf sie hat.

 

Träume. Die Welt in Time to Hunt mag vielleicht gekippt sein, ihren Horizont überschritten haben, die Träume jedoch bleiben die gleichen: raus hier, weg von hier, auf in ein neues, ein besseres Leben. Doch Regisseur Yoon Sung-hyun (Bleak Night, 2010) sieht diese Träume von einer besseren Welt viel lieber Kugel um Kugel in Stücke geschossen und elendig verbluten. Time to Hunt zeigt ein Korea im Verfall begriffen, wenn Armut, Hoffnungslosigkeit, Obdachlosigkeit, Elend und verwaiste Ladenzeilen an jeder Ecke vom Niedergang künden.

 

In diesem dystopischen Szenario treffen wir auf drei verzweifelte Freunde mit dem Rücken zur Wand und einem gemeinsamen Traum, dessen Erfüllung vermeintlich im schnellen Geld zu liegen scheint. Ein letztes großes Ding, dann der Absprung. Das ist der Plan, die Realität jedoch sieht anders aus. Immer wieder fühlte ich mich vor allem an Bullet in the Head (1990) von John Woo oder Söldner kennen keine Gnade (1980) von Tsui Hark erinnert. Ist der Überfall erst einmal mehr glücklich als gekonnt geschafft, da gibt es eine trügerische Atempause, eine kleine Insel der Ruhe für die drei Freunde, doch spätestens, wenn der mysteriöse, in seiner Zeichnung beinahe schon mythisch überhöhte Killer Han auf den Plan tritt, dann beginnt ein genüsslich ausgedehntes und doch nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel. Die Jagd ist eröffnet und der Jäger verspürt immer mehr Freude an ihr, kostet sie aus, genießt sie regelrecht.

 

Yoon lässt sich viel Zeit und baut behutsam auf, bevor er die Spannungsschraube anzieht, verliert dabei aber nie die Freundschaft der drei Protagonisten aus den Augen. Er arbeitet lieber mit dem Wechsel aus Anspannung und Entspannung statt bloß auf Tempo und Druck zu setzen. Überhaupt hat er verstanden, dass Hektik, Unübersichtlichkeit und Exzess nur bedingt taugen, und baut stattdessen auf Klarheit und Struktur. Time to Hunt ist enorm geradlinig, sparsam und ungemein fokussiert in seiner Inszenierung, sieht trotz seines visuellen Minimalismus verdammt gut aus und vermag immer wieder treibende Spannung aufzubauen. Das wahrlich brachiale Sounddesign ist da noch hübsche Zugabe: selten habe ich solch krachende Schüsse gehört. Sicher, kleinere inhaltliche Schwächen und Momente der erzählerischen Redundanz lassen sich nicht leugnen, und dennoch konnten mich diese atemlosen Sequenzen voller Anspannung immer wieder fesseln.

 

7,5 von 10 krachende Salven aus dem Sturmgewehr

 

 

T-Force (1994)

30. April 2020 at 20:11

 

 

© PM Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Has the sweet taste of blood found its way to your lips?“

 

 

 

Die erste vollständig kybernetische Einsatztruppe der Welt soll Geiseln aus der Hand brutaler Terroristen befreien, doch der Auftrag endet in einem furchtbaren Blutbad. Das T-Force-Programm soll nun eingestellt und die Cyborgs vernichtet werden, doch die künstlichen Wesen wenden sich gegen ihren Schöpfer, entkommen und eliminieren alles, was sie als Bedrohung für ihre Existenz einstufen.

 

PM Entertainment. Die Gründer, Produzenten und Viel-Dreher Richard Pepin und Joseph Merhi haben vor allem in den 90ern einen nicht unbeträchtlichen Teil dazu beigetragen, den Direct-to-Video-Markt konstant mit neuem Material zu versorgen. Solch illustre Titel wie Cyber Tracker, Dark Breed, Final Impact, Beyond Justice, Hologram Man, Maximum Force, Out for Blood oder Firepower und noch viele andere stammen aus ihrer Schmiede. Zudem finden sich vor der Kamera oft und gern Wiederholungstäter wie Don Wilson, Wings Hauser, Cynthia Rothrock, Jeff Fahey, Lorenzo Lamas, Gary Daniels, Olivier Gruner oder eben Jack Scalia ein.

 

Gerade dessen Debüt bei PM Entertainment in Form von T-Force ist eines ihrer vielleicht besten Werke geworden. Warum noch Die Hard, Terminator, Robocop und Universal Soldier anschauen, wenn T-Force alle in sich komprimiert auf knapp 100 Minuten Laufzeit vereint? Pepin klaut sich dreist wie wild durch das Genrekino der 80er bis frühen 90er und bedient sich an vielerlei Stellen, doch wirklich böse kann man T-Force irgendwie auch wieder nicht sein. Denn Pepin weiß, was ein guter B-Actioner Mitte der 90er braucht: massenhaft blutige Shootouts, einen immens hohen Bodycount, fette Explosionen und reichlich dumme Sprüche. Die Action lässt es ordentlich krachen und allein die ersten 20 Minuten gehen gleich in die Vollen und holzen ordentlich was weg. Dazu gibt es im Mittelteil eine mega weirde Sexszene zu bestaunen, welche ich in solcher Form weder davor noch danach jemals wieder zu sehen bekam. Wahnsinn.

 

Pepin weiß sehr genau, was er tut und welche Knöpfchen er zu drücken hat. T-Force ist ein hübsch gradliniger, schnörkelloser und vor allem kurzweiliger B-Movie-Actioner, der gleich voll einsteigt, keinen Leerlauf bietet und mit einem gut aufgelegten Jack Scalia Punkte sammeln kann. An allen Ecken und Enden kracht es ordentlich, ständig explodiert irgendwas und die Action ist für damalige Verhältnisse und ein solches Budget hochwertig und druckvoll. Das man sich hier sowohl inhaltlich wie auch inszenatorisch an zahlreichen Klassikern des Genre schamlos bedient: geschenkt. Dafür macht T-Force zu viel Spaß.

 

6,5 von 10 Mal Geiseln aus dem Fenster werfen