The Cloverfield Paradox (2018)

8. Februar 2018 at 12:58

 

 

© Netflix

 

 

 

„Logic doesn’t apply to any of this.“

 

 

 

In nicht allzu ferner Zukunft steht die Menschheit vor dem Abgrund: eine gigantische Energiekrise führt zu Hunger und Krieg. Die letzte Hoffnung liegt auf dem Shephard-Teilchenbeschleuniger, den die Crew einer Raumstation im Orbit in Betrieb nehmen soll, doch bei dem Versuch geht etwas schrecklich schief.

 

Netflix holt immer mehr zum großen Schlag aus und will dem Kino zusehends Konkurrenz machen. Erst Bright, nun The Cloverfield Paradox, in Kürze dann Annihilation von Regisseur Alex Garland (Ex Machina, 2014): die neue Strategie des Streaming-Dienstes scheint es zu sein, direkt mit den Vertrieben interessanter Filme zu verhandeln, um diese dann exklusiv auswerten zu können, wo ein Kinostart nicht zu lohnen scheint. The Cloverfield Paradox – ursprünglich noch mit einem Kinostart versehen unter dem Titel The God Particle und unabhängig vom Cloverfield-Universum – bildet nun nach Cloverfield und 10 Cloverfield Lane den dritten Beitrag zur inzwischen Anthologie-artigen Filmreihe. War der erste Film noch Found-Footage-Monster-Horror, da war der zweite der Reihe ein oftmals sehr intimer Psycho-Thriller. So entsteht hier nach und nach ein filmisches Universum, welches vollkommen offen gehalten ist und erzählerisch wie inszenatorisch beinahe alles mögliche ausreizen kann. Das finde ich sehr spannend, denn ich habe lieber ein offen gehaltenes Universum, in dem beinahe alles denkbar ist und das sich quasi ständig neu erfinden kann, als eines, welches mit seinen aufgezwungenen Einschränkungen Kreativität unterbindet. Dafür nehme ich dann gern in Kauf, dass diverse Projekte scheitern oder nicht immer den großen Wurf hervorbringen.

 

So ist The Cloverfield Paradox dann letztlich immerhin solides Genre-Kino geworden, welches zwar nicht mit Innovationen um sich wirft, aber durchaus zu unterhalten vermag und auf der technischen Ebene einwandfrei inszeniert ist. Erzählerisch bietet der Film sicherlich nichts neues, kann aber durchaus mit seiner Atmosphäre punkten, vermischt ein wenig Body-Horror mit Angst und Verzweiflung und hat durchaus auch ein oder zwei interessante Bizarro-Momente zu bieten. Unterm Strich sicherlich der bisher schwächste Beitrag zum Cloverfield-Universum, aber dennoch sehenswert, so fern man dem Genre an sich etwas abgewinnen kann. Darüber hinaus beantwortet der Film einige Fragen und wirft neue auf, befeuert Diskussionen und eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Zwar fällt wie bereits beim Vorgänger die schlussendliche Verknüpfung zu Cloverfield etwas ungelenk aus und man merkt deutlich, dass an diesen Stellen das Drehbuch nachträglich angepasst wurde, dennoch ist dieses Franchise in meinen Augen eines der aktuell spannendsten und bietet annähernd unbegrenzte Möglichkeiten auf der inszenatorischen und erzählerischen Ebene. Ähnlich wie bei Bright bleibt nach all den schlechten Kritiken die ganz große Katastrophe aus und der mir bisher unbekannte Regisseur Julius Onah liefert mit The Cloverfield Paradox technisch einwandfreie, solide Genre-Kost ohne nennenswerte Innovationen, welche ihr Universum jedoch durch einige interessante Facetten zu erweitern weiß, zugleich allerdings ihr Potential nicht zu nutzen vermag.

 

6 von 10 eiskalten Ärmchen

 

 

The Villainess (2017)

7. Februar 2018 at 0:08

 

 

© Next Entertainment World

 

 

 

Als die junge Sook-hee quasi im Alleingang den Mörder ihres Gangster-Vaters und dessen gesamte Gang brutal ermordet und anschließend von der Polizei festgenommen wird, lenkt das die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes auf sie. Der Deal: sie soll zehn Jahre ihres Leben widmen, sich zur Killerin ausbilden lassen und alle Aufträge übernehmen, die ihr angeboten werden. Im Gegenzug wäre sie danach frei und hätte für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Sook-hee willigt schließlich ein, doch schon bald zeigt sich, dass das alles nicht ganz so einfach ist wie angenommen.

 

Puh. Also die ersten rund zehn Minuten hauen gleich mal in allerfeinster Action-Manier voll rein und brechen reichlich Knochen was das Zeug hält. Geöffnete Arterien inklusive. Das Tempo in der eröffnenden Actionsequenz ist irre hoch und so manchen feinen technischen Kniff hat dieser Quasi-One-Take zu bieten. Die Kamera ist geradezu entfesselt, scheint sich mehr oder weniger frei und losgelöst beinahe tänzerisch durch den Raum zu bewegen und ist doch immer ganz nah am Geschehen. Das erzeugt eine enorme Dynamik innerhalb dieser Auftaktsequenz, kann allerdings ebenso für Konfusion sorgen. Die teils atemlosen Actionsquenzen sind letztlich auch die wesentliche Stärke von The Villainess, doch unter dieser schlagkräftigen Oberfläche offenbart sich nach und nach ein melodramatisches Herz.

 

Auch wenn die Geschichte selbst recht deutlich Anleihen an Nikita (Luc Besson, 1990) nimmt, gewinnt sie im Verlauf immer mehr an Emotionalität, wenn sich nach und nach ein immer dichter werdendes Netz aus Liebe, Verrat, Betrug, Intrigen und Täuschungen aus dem Dunkeln heraus schält und die erzählerische Dramaturgie mit mehr und mehr Rückblenden die eigentliche Tragik dieser zunächst doch so simpel erscheinenden Story offenbart. Allerdings macht es der Film einem nicht besonders leicht, wenn seine Rückblenden meist recht unvermittelt über den Zuschauer herein brechen und für Desorientierung  und Verwirrung sorgen können. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist das anfangs schon und ich musste den Film dann auch ein zweites Mal schauen, um alles wirklich zu durchschauen. Auf der inhaltlichen Ebene mag das nichts herausragendes sein, mag The Villainess seinem Genre nichts nennenswertes hinzu fügen, doch die virtuose Inszenierung von Jung Byung-Gil glänzt dafür umso mehr.

 

Dramaturgisch ausgewogen ist sein Film dadurch nun nicht unbedingt, seine visuellen Qualitäten und einfallsreichen Ideen sind dafür umso bemerkenswerter und die Action fetzt gewaltig. So bleibt letztlich ein inhaltlich eher konventioneller Actionfilm, welcher stilistisch jedoch erstaunlich originelle Punkte zu setzen vermag, einfallsreiche Szenen zu bieten hat und nach und nach immer mehr Emotionalität aufbaut.

 

7 von 10 entfernten Tätowierungen

 

 

Free Fire (2016)

30. Januar 2018 at 13:00

 

 

© StudioCanal UK

 

 

 

„I’m not talking about your fucking Hollywood. I’m talking about the real Holywood. Holywood, County Down, Northern Ireland.“ – „You guys got a Holywood too?! That’s great. That’s what I like about this business. It could be financially rewarding and you can still learn something new everyday.“

 

 

 

Als ein Deal zwischen einigen IRA-Männern und amerikanischen Waffenhändlern schrecklich schief geht, stehen sich plötzlich ein Dutzend Gangster in einer Lagerhalle randvoll mit Waffen und Munition gegenüber und es dauert nicht mehr lange, bis die ersten Schüsse fallen.

 

In Ben Wheatley setze ich große Hoffnungen für das Genre-Kino: sein Film Kill List hat mir damals komplett den Schalter rausgehauen und mich verstört zurückgelassen. Sightseers war inszenatorisch zugänglicher und lockerer, glänzte dafür durch herrlich schwarzen Humor. Und High-Rise ist eine kongeniale J.G. Ballard-Verfilmung voller zivilisatorischem Wahnsinn und Anleihen bei Cronenberg, eine Art vertikales Gegenstück zu Snowpiercer. Und nun also Free Fire, ein actionlastiges Kammerspiel, ein bleihaltiger Ensemblefilm in fettem wie unironischem 70er Jahre-Anstrich. Ein Waffendeal, der furchtbar schief geht. Ein räumlich begrenzter Schauplatz, zwei Handvoll Personen mit undurchsichtigen Absichten und das Vielfache an geladenen Waffen – nein, es braucht wirklich keine Voraussicht, um dieses Pulverfass als solches zu erkennen. Dass es in der Konstellation zügig knallt, ist somit keineswegs überraschend. Andere Filme machen den großen Shootout zu ihrem Höhepunkt im Finale, Free Fire zelebriert eine geradezu absurde Eskalation der Gewalt über zwei Drittel seiner Laufzeit und erhebt den nicht mehr enden wollenden Schusswechsel zu seinem alleinigen Erzählprinzip.

Und genau da fangen die Probleme von Free Fire an, wenn Ben Wheatley zu Gunsten seiner Inszenierung nahezu gänzlich auf einen Plot verzichtet: erzählerisch ist sein Film buchstäblich nicht mehr als eine einzige große Schießerei. Motivationen einzelner Figuren sind da genauso Nebensache wie die Figuren selbst: ihr einziges Merkmal ist, dass sie Teil dieses Shootouts sind. Dazu gibt es keine nennenswerten Sympathieträger in diesem Haufen von Gangstern und Handlangern. Eines von beiden kann ich in der Regel verschmerzen, aber wenn ich weder eine handfeste Story noch zumindest halbwegs sympathische Figuren habe, dann muss mich ein Film schon irgendwie anders durch Besonderheiten überzeugen. Leider gelingt das Free Fire nicht so richtig, denn die rund einstündige quasi Dauer-Schießerei ermüdet auch irgendwann. Zumindest sind die Dialoge on point und der verbale Schlagabtausch temporeich und mit einer ordentlichen Dosis Zynismus versehen. Letztlich destilliert Wheatley mit Free Fire das Genre des Gangsterfilmes auf seine rudimentärsten Bestandteile und kocht einen zwar interessanten, jedoch nur bedingt schmackhaften Sud aus 70er Jahre-Look, Blei, Blut und Beleidigungen, der phasenweise zwar unterhält, aber auch mangels Abwechslung irgendwann Abnutzungserscheinungen aufweist. Es ist schon etwas schade, aber für mich ist Free Fire der bisher schwächste Film von Wheatley. Meine Hoffnung in ihn als Regisseur schmälert das jedoch kaum und zusammen mit Namen wie Edgar Wright, Jeremy Saulnier und S. Craig Zahler gehört er für mich nach wie vor zur Speerspitze eines neuen Genrekinos.

 

6,5 von 10 abgeprallte Querschläger

 

 

Valerian and the City of a Thousand Planets (2017)

21. Januar 2018 at 15:32

 

 

© EuropaCorp Distribution

 

 

 

„We get on just great. You flirt, I smile.“

 

 

 

Im 28. Jahrhundert werden die Regierungsagenten Valerian und Laureline im Auftrag des Verteidigungsministers auf eine heikle Mission geschickt, im Zuge derer sie auf eine Verschwörung stoßen, die augenscheinlich bis in die höchsten Kreise der gigantischen Raumstation Alpha reicht. Plötzlich sehen sich die beiden Agenten mitten in einem Geflecht verschiedenster Interessen, das die Existenz von Alpha und damit auch die von tausenden verschiedener Alien-Rassen bedroht.

 

Eigentlich hatte ich Luc Besson nach Malavita und Lucy irgendwie für mich bereits abgeschrieben, denn an seine großen Momente mit Nikita, Leon und Das 5. Element konnte er nun wirklich nicht anknüpfen. Und  ich muss ehrlich zugeben: im Falle von Valerian and the City of Thousand Planets wurde ich glatt zum Opfer meiner eigenen Vorurteile, wollte ich den Film nach den ersten Trailern doch lieber gleich ganz meiden. Nun ergab es sich dennoch ihn zu schauen und er hat mir deutlich besser gefallen als ich es im Vorfeld erwartet hatte. Das 137 Minuten lange, grellbunte und hemmungslos überdrehte Weltraum-Spektakel ist eine Verfilmung der 22teiligen Comicreihe Valérian Et Laureline aus der Feder von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin und schon seit vielen Jahren ein absolutes Wunsch -und Herzensprojekt von Luc Besson. Schon sein Film Das 5. Element – wie Star Wars seiner Zeit übrigens auch – war stark davon inspiriert, aber eine direkte Umsetzung des Stoffes war zu der Zeit technisch schlicht und ergreifend nicht möglich. Der Erfolg von Lucy allerdings macht es nun möglich und Besson kann sich mit einem Budget von rund 180 Millionen Dollar austoben. Und das tut er! Valerian ist ein Film geworden, der in Hollywood in dieser Form wohl nie möglich gewesen wäre: zu verrückt, zu bunt, zu überladen, im Grunde einfach zu viel von allem. Besson leert genussvoll ein ganzes Füllhorn an kreativen Ideen und Einfällen auf die Leinwand und vermischt all das zu einer rasanten wie unterhaltsamen Achterbahnfahrt. Ein riesiges wie vielfältiges Universum als Rummelplatz voller unendlicher Möglichkeiten.

 

© EuropaCorp Distribution

 

Wie auch seine gezeichnete Vorlage bietet Valerian reichlich turbulente Abenteuer, aufregende Alien-Rassen, atemberaubende Welten, eine Prise Humor und einen Hauch unschuldiger Erotik: von der frechen wie selbstbestimmten Laureline sagte Besson selbst einmal, dass sie in jungen Jahren seine erste große Liebe war. Und es fällt auch nicht allzu schwer, diese als Blaupause für all die starken Frauenfiguren zu erkennen, welche seine Filme gern mal bevölkern. So weiß zu meiner Überraschung – in Suicide Squad konnte ich so gar nichts mit ihr anfangen – auch Cara Delevingne als Laureline zu überzeugen und spielt die tollkühne wie sarkastische Weltraum-Agentin mit einer Mischung aus Stärke und Sanftmut. Eine Heldin, die im Zweifel den empathischen Weg abseits der Vorschriften wählt und dazu noch ihrem eigentlich Vorgesetzten Valerian eine Lektion in Sachen Liebe und Humanismus erteilen darf. Im Gegenzug dazu gibt Dane DeHaan eben jenen Valerian als wunderbar selbstverliebten und herrlich arroganten Frauenhelden. Die Chemie zwischen den beiden stimmt auch und der verbale Schlagabtausch untereinander versprüht seinen ganz eigenen Charme zwischen Neckereien und duellartigen Wortgefechten. Das findet man nicht allzu oft: im Gegensatz zu vielen ernsteren Science Fiction-Blockbustern heutzutage ist Bessons Film humorvoll, aber nicht zynisch, ein wenig erotisch, aber nicht schmierig, und zeugt von einem geradezu entwaffnend naiven Charme und der offensichtlich immens großen Verspieltheit seines Regisseurs.

 

© EuropaCorp Distribution

 

Natürlich ist Valerian auch der ehrgeizige wie riskante Versuch, der beinahe erdrückenden Dominanz amerikanischer Comic-Blockbuster eine opulente und visuell kraftvolle Alternative entgegenzusetzen – immerhin ist es der teuerste europäische Film aller Zeiten. Dabei wird aber auch eines der Probleme von Valerian recht schnell offensichtlich, wenn bereits früh deutlich wird, dass Besson eindeutig mehr Wert legt auf die visuelle Überwältigung als auf eine ausgearbeitete Story oder durchdachte Figuren. Ihm geht es eher um das Mitreißen seines Publikums, um die Möglichkeiten, welche ihm das moderne Filmemachen bietet und das Ausloten technischer Grenzen. Der Film beginnt mit einer stimmungsvollen Montage, wunderbar unterlegt mit dem Song Space Oddity von David Bowie, zeigt uns danach das tragische Schicksal einer uns noch unbekannten Alien-Rasse in betörend schönem Setting und setzt dann zu seiner ersten wahnwitzig inszenierten Actionsequenz an, welche krachend die beiden Protagonisten einführt. Danach jedoch beginnt der Plot zu zerfasern, bekommt einen eher episodischen Charakter und wird von Besson genutzt, um diverse Gastauftritte von Ethan Hawke, Herbie Hancock oder Rihanna unterzubringen.

 

Ich muss es zugeben: Valerian and the City of a Thousand Planets hat mir deutlich besser gefallen als erwartet. Sicherlich ist hier nicht alles perfekt, aber ich möchte diesen Film einfach gern haben, appelliert er doch so sehr an unsere nahezu grenzenlose Imagination wie kaum ein anderer in letzter Zeit. Luc Besson tobt sich hier buchstäblich vollkommen aus, lässt seiner Kreativität freien Lauf und inszeniert einen visuellen Rausch aus grellen Farben, fantastischen Settings, exotischen Aliens und beeindruckenden Effekten. Zudem gibt mir der Film ein Gefühl, welches ich schon lange nicht mehr hatte im modernen SF-Blockbuster-Kino: er deutet eine Welt hinter der Leinwand an, ganz so, als wäre in diesem Universum noch unendlich viel Stoff für unzählige fantastische Geschichten. Bessons jugendlicher Elan ist kaum zu übersehen und jederzeit ebenso spürbar wie seine riesige Liebe zur Vorlage und so erschafft er einen geradezu unwiderstehlichen Spielplatz voller großer Ideen, eine ganze Welt voller Abenteuer und Entdeckungen, in der einfach alles möglich scheint, und reißt mich zu einer eigentlich eher abgedroschenen Formulierung hin: das ist Eskapismus in Reinkultur. Denn genau das ist es. Die erzählerischen Schwächen und offensichtlichen Mängel werden übertönt vom Spektakel auf der Leinwand: das kann man nun alles schrecklich albern finden, man kann sich aber auch vom Enthusiasmus seines Regisseurs einfach anstecken lassen.

 

7,5 von 10 exotischen Tänzen an der Stange