Acts of Vengeance (2017)

7. Juni 2018 at 17:34

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

„Within days after I stopped talking, my sense of hearing had drastically improved. You see? Good things do happen when you shut the fuck up for a minute or two.“

 

 

Die Ermordung seiner Frau Susan und seiner Tochter Olivia stürzen den Anwalt Frank Valera nicht nur in ein Loch tiefer Trauer, sondern auch in einen Strudel der Verzweiflung. Weil Polizei und Justiz mit ihren Ermittlungen keinerlei Fortschritte machen, untersucht der redegewandte Strafverteidiger den Fall nun selbst und begibt sich ganz allein auf die Suche nach den Mördern seiner Familie. Mit seiner steigenden Wut wächst auch seine Disziplin: Frank legt ein Schweigegelübde ab und macht aus seinem Körper mit Trainingseinheiten bis zur Erschöpfung eine stahlharte Waffe, um schließlich selbst Rache an den Tätern zu üben.

 

Isaac Florentine ist ein Meister seines Faches. Ein Künstler unter den kinetisch getriebenen B-Movies, ein Virtuose des DTV-Actionfilms. Er wird nicht ganz ohne Grund oftmals als einer der derzeit besten Action-Regisseure angesehen und ist zweifellos einer der aktuell wichtigsten Regisseure in seinem Genre, denn kaum jemand versteht es derart gut, Martial Arts-Kämpfe so physisch wie rasant und vor allem druckvoll zu inszenieren. Sein Gespür für Tempo, Timing und Dynamik ist überragend und seine Filme sind meist sehr schnörkellos, enorm ökonomisch und hochgradig effizient umgesetzt. Actionszenen unter seiner Regie sind selten übermäßig spektakulär, dafür aber wunderbar choreografiert und mit großem Gefühl für Raum, Bewegung und Geschwindigkeit ausgestattet. Und so effektiv Florentine seine Actionszenen gestaltet, so inszeniert er seine Filme gleichermaßen: präzise, voller Klarheit, auf den Punkt genau und ohne ein Gramm Fett auf den erzählerischen Rippen. Meist reichen ihm nur ganz wenige Pinselstriche für die Plotgestaltung, um die Protagonisten und ihren Konflikt erkennbar herauszuarbeiten und so eine Grundlage für das zu schaffen, was bei ihm den Löwenanteil der Erzählung ausmacht: Aktion, Bewegung, Kampf.

 

Auch sein neuester Film Acts of Vengeance beinhaltet wieder seine inzwischen über die Jahre hinweg zu regelrechten Trademarks gewordene Stilistik, vermag sich jedoch nicht ganz oben in seinem Schaffen zu platzieren, sondern eher im gesunden Mittelfeld. Acts of Vengeance ist nicht auf einem Level mit Filmen wie Ninja: Shadow of a Tear, Undisputed II und III oder Close Range, aber ein dennoch solider Thriller unterfüttert mit knackiger Action. Abgegriffen im Thema vielleicht, aber gelungen in seiner Inszenierung. Zwar nerven der ständige Off-Kommentar in Verbindung mit dem selbstauferlegten Stoizismus der Hauptfigur mit der Dauer ein wenig, aber letztlich kann ich darüber hinweg sehen. Zum wohl größeren Nachteil gerät der Umstand, dass Antonio Banderas nicht wie beispielsweise Florentines langjähriger Weggefährte Scott Adkins vom „Fach“ ist, dennoch muss man festhalten, dass er sich durchaus anständig und passabel schlägt. So bleibt letzten Endes ein solider Rachethriller, dessen herausragende Momente die stark choreografierte Action bildet. Und die beherrscht Isaac Florentine blind.

 

6,5 von 10 Lektionen des Stoizismus

 

 

What Happened to Monday? (2017)

18. Mai 2018 at 11:51

 

 

© SND Films/Netflix US

 

 

 

„What happens to one of you, happens to all of you.“

 

 

 

In nicht allzu ferner Zukunft wird Europa von einer strengen Ein-Kind-Politik beherrscht, in der jedes nicht registrierte Geschwisterkind vom Staat in Kryo-Schlaf versetzt wird. In dieser Welt haben die Settman-Siebenlinge dank ihres Großvaters 30 Jahre lang unentdeckt leben können, indem jeder von ihnen nur an einem Wochentag das Haus verlassen darf und alle zusammen einheitlich Karen Settman verkörpern. Als Monday eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, droht alles aufzufliegen.

 

Nach blutrünstigen Nazi-Zombies und dem Hexen jagenden Geschwisterpaar Hänsel und Gretel präsentiert uns nun Norwegens heißester Genre-Import Tommy Wirkola mit What Happened to Monday? eine zumindest auf dem Papier sehr interessante Dystopie. Eine rigide Ein-Kind-Politik ist da der Dreh und Angelpunkt in einem Europa nicht allzu ferner Zukunft und der verzweifelte Versuch, den Bevölkerungsdruck zu mindern, und kombiniert mit dem Schicksal der Settman-Siebenlinge birgt das viel Potential. Das fragmentierte Ich. Individualität des Einzelnen versus Anpassung an gesellschaftliche Konventionen. Das Auflehnen gegen diese mehr oder weniger selbst auferlegte, innere Diktatur als fragiler Schutz vor der umfassenden äußeren Diktatur. Jede der sieben Schwestern will nicht immer nur Teil einer Fassade, ein Puzzlestück im Konglomerat der Karen Settman sein, sondern sich auch ausleben dürfen, ihre eigenen Erfahrungen machen und ihren eigenen Weg finden, weiß aber zugleich, dass darauf keine Hoffnung besteht.

 

Leider reißt der Film diesen durchaus spannenden Konflikt lediglich oberflächlich an, statt sich tiefer gehend mit dessen Implikationen zu befassen, und stellt relativ zügig lieber diverse altbekannte Genre-Mechanismen in den erzählerischen Vordergrund. Die interessante Prämisse dieser Dystopie dahinter dient Wirkola bloß als Vehikel, um kaum mehr als einen handelsüblichen Actionthriller zu inszenieren. Technisch ist das alles dann nicht nur einwandfrei umgesetzt, sondern gewinnt dazu einen ganz besonderen Reiz nicht nur durch den visuellen Aspekt, wenn Noomi Rapace das auf der darstellerischen Ebene wirklich richtig gut macht und es schafft, jeder der sieben Settman-Schwestern punktuell und durchaus nuanciert in ihrem Spiel eigene Seiten zu zugestehen. Naturgemäß fallen diese Charakterisierungen eher flach aus, dennoch ist das beeindruckend zu sehen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich mich schnell mehr damit beschäftigt habe, wie Szene XY inszeniert worden sein könnte, als dass mich die eigentliche Story interessiert hätte.

 

Insofern ist die Prämisse von What Happened to Monday? sehr interessant und voller erzählerischem Potential, welches der Film letztlich leider kaum zu nutzen weiß, wenn er stattdessen lieber schnell in altbekannte Plotmuster abgleitet und sich Genre-Strukturen hingibt. Ein wenig schade ist das schon, weil immer mal wieder aufblitzt, was für ein großartiger Film sich hier zwischen handelsüblichen Actionsequenzen versteckt. Und so bleibt am Ende für mich nur noch eine Frage: What happened to Glenn Close?

 

6 von 10 gemeinschaftlich abgetrennten Fingern

 

 

Kingsman: The Golden Circle (2017)

13. Mai 2018 at 15:43

 

 

©20th Century Fox

 

 

 

„The only Golden Circle I want vexing me is the one my glass leaves behind on the table.“

 

 

 

Als die regierungsunabhängige Geheimorganisation der Kingsman mit dem von Poppy Adams geführten Drogenkartell The Golden Circle konfrontiert wird, bedarf es auch der Hilfe der Statesman, ihrem amerikanischen Gegenstück. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen Poppy auf und müssen erneut nicht weniger als die Welt retten.

 

Kingsman: The Secret Service kam 2015 für mich aus dem Nichts, schlug voll bei mir ein, wusste mich mit seiner launigen Inszenierung zu unterhalten und hat mir viel Spaß gemacht. Auf rotzfreche und gleichzeitig dennoch ungemein charmante Art und Weise vermischt Kingsman die Gewalt und die Anarchie aus Kick-Ass mit dem Witz und der Eleganz der alten James Bond-Filme und verpasst dem ganzen einen gehörigen Schuss The Avengers (Mit Schirm, Charme und Melone…. nicht der Marvel-Zirkus). Regisseur Matthew Vaughn gelingt hier eine nahezu perfekte Mischung aus Parodie und Hommage an eine Zeit, als Agentenfilme noch lustig und haarsträubend weit hergeholt sein durften und nicht todernst und bedeutungsschwanger sein mussten. Sein Film ist hemmungslos überdreht, aber nie respektlos seinen Vorlagen gegenüber, er ist voller absurder und bizarrer Einfälle, aber gleichzeitig auch herrlich selbstironisch und kommt mit einem fetten Augenzwinkern daher.

 

Kingsman: The Golden Circle kann nun leider nichts mehr von all dem einlösen und ist in allen Belangen deutlich schwächer als sein Vorgänger. Es mangelt an Frische, an Vitalität, an Unberechenbarkeit, an Wucht. Matthew Vaughn hat den erzählerischen Schwung verloren, sein Film ist zu lang geraten, in seiner Inszenierung zu sehr over the top und das Timing stimmt auch oft nicht. Ein klassischer Fall von bigger is better, aber es funktioniert nicht, verliert schnell seinen Reiz und sieht auf der Effekt-Ebene oft wirklich nicht besonders gut aus. Der zweite Film bietet zwar etwa 20 Minuten mehr Laufzeit als noch sein Vorgänger, kann diese aber deutlich weniger gut ausfüllen, leidet vor allem im Mittelteil an Leerlauf und verliert sich etwas zu sehr in schrägen Geschmacklosigkeiten. Wo die Kingsman selbst noch als charmante, leicht parodistische Hommage an den klassischen britischen Agentenfilm durchgehen, da verkommt ihr amerikanisches Pendant, die Statesman, bloß noch zu einer Aneinanderreihung plumper Klischees, welche Schauspieler wie Pedro Pascal, Channing Tatum oder Jeff Bridges unterfordern und sinnlos verpulvern. Auch die von Julianne Moore gespielte Antagonistin Poppy Adams ist zwar reichlich exzentrisch, es fehlt ihr jedoch der durchgeknallte Charme eines Richmond Valentine aus dem Vorgänger. Dafür können immerhin Taron Egerton, Colin Firth und vor allem der von mir sehr geschätzte Mark Strong durchaus wieder überzeugen.

 

Kingsman: The Golden Circle ist letztlich kaum mehr als eine leidlich unterhaltsame und weitestgehend verzichtbare Fortsetzung, welche ihrem gelungenen Vorgänger nichts von Relevanz hinzuzufügen vermag und in nahezu allen Aspekten im direkten Vergleich deutlich unterliegt. Schade, denn das filmische Potential ist in den Comics ja durchaus vorhanden.

 

5 von 10 elektrischen Lassos

 

 

American Assassin (2017)

10. Mai 2018 at 18:34

 

 

© Lionsgate Films

 

 

 

Bei einem Terroranschlag auf Ibiza kommt die Verlobte von Mitch Rapp ums Leben, woraufhin er beschließt, die Verantwortlichen dafür auf eigene Faust zur Strecke zu bringen. Das wiederum rückt Rapp in den Fokus des FBI, welches ihn rekrutieren und zum Mitglied einer streng geheimen Eliteeinheit im Kampf gegen den internationalen Terror machen will.

 

Ich gebe zu, dass ich im Vorfeld schon eine eher geringe Erwartungshaltung gegenüber American Assassin hatte, aber wie sehr der Film dann letztlich seine Zuschauer für dumm verkauft, dass erlebe ich in solcher Form besonders im wirklichkeitsfernen Genre der Actionfilme dann doch eher selten. Ich bin grundsätzlich offen für ziemlich viel Quatsch, aber nichts, wirklich absolut rein gar nichts kaufe ich auch nur irgendeiner Figur zu irgendeinem Moment dieser rund 110 Minuten ab. Vor allem die Entwicklung des Mitch Rapp vom trauernden Verlobten hin zum nur 18 Monate später auf eigene Faust Terror-Zellen infiltrierenden Bad Ass ist dermaßen arg haarsträubend konstruiert, da kann ich beim besten Willen und mit zwei zugedrückten Augen nicht mehr mitgehen. Vermutlich hat er bereits auf der Beerdigung seiner Verlobten das Messerwerfen angefangen zu trainieren.

 

Wie ein trotziges Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wurde, stapft Dylan O´Brien beleidigt mit den Füßen stampfend durch diverse eher unspektakuläre Settings in Europa wie ein drittklassiger Pseudo-Jack Ryan oder Jason Bourne, ignoriert beinahe jede Regel oder Anweisung von oben und agiert über alle Maßen egoistisch und zu keinem Punkt nachvollziehbar, nur um immer wieder in Anfälle maßloser Arroganz zu kippen und beinahe jeden Auftrag damit unweigerlich zu sabotieren. Auch die vom Film implizierte physische Präsenz und seine selbst antrainierten Fähigkeiten nehme ich Dylan O´Brien einfach nicht ab.

 

Grundsätzlich ist die Action in American Assassin zwar solide inszeniert, sticht aber kaum aus ähnlich angelegten Genre-Vertretern heraus, setzt sie zwar recht viel auf Faustkämpfe und weniger auf Shootouts, bleibt in ihrer Choreografie jedoch meist eher unspektakulär. Dazu trifft der Film von Michael Cuesta sogar für einen Actionfilm erstaunlich dumme Entscheidungen, dennoch war American Assassin bei mir bis zum Schlussakt auf einem 4,5 vielleicht 5/10-Kurs, doch dann hat sich der Film doch noch seine 3/10 bei mir verdient. Das Finale verkommt nur noch zu einem schlechten Witz, dessen Pointe nicht zündet, wenn ich mich plötzlich in Battleship wähne statt noch eben in American Assassin. Ich habe schon viele schlechte Filme gesehen und oft auch eine gewisse Freude an ihnen entwickelt, aber nochmals: wie sehr American Assassin den Zuschauer für dumm verkauft, das sucht selbst in solchen Genre-Kreisen seines Gleichen.

 

3 von 10 Ausrastern auf dem Schießplatz