The Gray Man (2022)

3. August 2022 at 20:28

© Netflix

 

Nach dem wirklich furchtbaren Red Notice dürfen nun die Russo-Brüder mit ihrer Adaption des gleichnamigen Romans von Mark Greaney die nächste teuerste Netflix-Produktion überhaupt abliefern. Aber anders als Regisseur Rawson Marshall Thurber (We are the Millers, Central Intelligence, Skyscraper), haben die Russos in der Vergangenheit ein starkes Gespür für Actionsequenzen unter Beweis gestellt. Man mag von The Winter Soldier halten was man will, die Actionszenen allerdings waren dynamisch, druckvoll und mit das Beste, was das MCU bis heute zu bieten hatte.

 

Allerdings vermag The Grey Man da nicht mithalten zu können und so stürzt sich das unterkomplexe wie belanglose Drehbuch mit Anlauf und rasantem Tempo in eine Fülle von wechselnden Schauplätzen, bloß um kaum mehr zu sein als der Stichwortgeber für potentiell große Actionsequenzen. Das wäre auch gar nicht weiter schlimm, wüsste die Action doch zu überzeugen. Mehr als solides Mittelmaß in den Kampfszenen macht sich hier jedoch kaum breit und teils befremdlich schwache CGI-Effekte verbessern diesen Eindruck eher weniger. Ein wenig mehr Härte hätte hier vielleicht ganz gut getan.

 

Unterm Strich erfindet The Gray Man sein Genre sicherlich nicht neu, vermag aber dennoch durchaus zu unterhalten. Auch, weil sich Chris Evans offensichtlich vollkommen der Tatsache bewusst ist, in welch Hochglanz-B-Movie er hier mitspielt und seinen psychopathisch veranlagten Bösewicht Lloyd Hansen entsprechend arg überdreht interpretiert. The Gray Man kann sich vielleicht zu keiner Sekunde mit Extraction messen, aber von Red Notice ist das alles immer noch weit entfernt.

 

5,5/10

 

 

Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

La La Land

15. Januar 2017 at 17:45

 

 

  © Summit Entertainment

 

 

 

„They worship everything and they value nothing.“

 

 

 

In Los Angeles begegnen sich die leidenschaftliche Schauspielerin Mia und der Jazzpianist Sebastian. Zwei Träumer, die an ihren Wünschen versuchen festzuhalten. Die eine erträumt sich ihren Durchbruch in Hollywood, der andere will nichts sehnlicher als seinen eigenen Jazzclub eröffnen. Zufällig laufen sie sich über den Weg und verlieben sich nach anfänglichen Schwierigkeiten ineinander, doch es ist nicht leicht, ihre Liebe zwischen erfolglosen Vorsprechen, deprimierenden Gastspielen in Bands und der rauen Atmosphäre generell in der Szene aufstrebender junger Menschen der Stadt zu hegen. Als sich erste Erfolge einstellen, müssen Entscheidungen getroffen werden.

 

Erst vor wenigen Wochen kam ich zum ersten Mal in den Genuss von Whiplash, dem Regiedebüt von Damien Chazelle, ein fiebrig treibendes Drama rund um einen talentierten Musikschüler und seinen enorm fordernden Lehrer. Ich muss gestehen, dass mich der Film sehr beeindruckt hat, angefangen bei seiner enorm rhythmus-orientierten Inszenierung, über seine soghafte Atmosphäre bis hin zum als Naturgewalt aufspielenden J.K.Simmons. Chazelles zweites Werk La La Land hatte ich zwar schon zuvor auf dem Schirm, weil mir die Trailer im Vorfeld sehr gefielen und ich das Genre des Musical-Filmes durchaus mag, aber Whiplash steigerte meine Vorfreude dann doch nochmal gewaltig. Dann jedoch kamen die Golden Globes mit dem triumphalen Siegeszug von La La Land in beinahe allen bedeutenden Kategorien und es wurde ein unfassbarer Hype los getreten, so dass man sich kaum noch retten konnte und an es an jeder Ecke nur noch ein einziges Thema zu geben schien. Solche massiven Hype-Wellen dämpfen in der Regel meine Euphorie immer ein wenig und lassen Skepsis in mir aufkeimen und auch in diesem Fall war das nicht anders. Aber ich kann euch beruhigen: ausnahmsweise mal ist La La Land tatsächlich ein Film, der all seinen Vorschusslorbeeren zur Abwechslung mal wirklich gerecht wird. Nach Whiplash bleibt Damien Chazelle seinem bisherigen Genre des Musikfilms gewissermaßen weiterhin treu, verlagert aber nun den Schwerpunkt weg vom Jazz geprägten Lehrer/Schüler-Drama hin zum knallbunten und farbenfrohen Musical. Dabei ist La La Land zwar verhaftet in der Vergangenheit, aber auch offen für die Moderne, und trotz ganz offensichtlichem Bezugsrahmen immer eigenständig. So schaut Chazelle weder nostalgisch verklärt, noch ironisch distanziert auf jene Filmepoche zurück, die sein Film zum Thema macht, und stürzt sich stattdessen viel lieber Hals über Kopf, angstfrei und frech in eben jene legendäre Szenerie eines längst vergangenen Hollywood. La La Land mag zwar an die klassischen Hollywood-Musicals angelehnt sein, lässt sich aber auch nicht davon abhalten, ständig andere, neue und interessante Wege zu finden, um seiner im Kern doch recht schlichten Liebesgeschichte immer wieder neue Impulse geben zu können. Sicher spickt Chazelle seinen Film mit zahlreichen Verweisen auf Filme wie Singing in the Rain, auf Fred Astaire, Ginger Rogers, Debbie Reynolds oder Gene Kelly ebenso wie auf Jacques Demy und dessen Die Regenschirme von Cherbourg mit Catherine Deneuve, aber La La Land verkommt nie zur bloßen Imitation, sondern nimmt sich vielmehr lauter kleine Elemente dieser Filme und formt daraus etwas neues ganz nach seinen eigenen Vorstellungen.

 

Es ist schon ein wenig erstaunlich, wie leichtfertig und kunstvoll Damien Chazelle mit seiner nicht immer linearen Erzählstruktur spielt, wenn er mit Zeitsprüngen, parallelen Handlungssträngen und sogar dem Erzählen im Konjunktiv jongliert, sich aber niemals verzettelt. Überhaupt ist die ganze Inszenierung von La La Land einfach nur wundervoll und zauberhaft, angefangen bei den Songs und den tollen Choreografien, über die Kostüme und Ausstattungen bis hin zu den traumhaften Setpieces. Schlicht ist all das zwar gehalten, deswegen aber nicht weniger bezaubernd. Immer wieder, besonders in den Tanszenen, gibt es lange one shots ohne Schnitte zu bewundern, wenn die Kamera immer zwischen den verschiedenen Akteuren hin und her gleitet, aber nie die Übersicht verliert. Auch die Chemie zwischen Ryan Gosling und Emma Stone ist einfach umwerfend und zumindest hier kommen die beiden den klassischen, großen und ikonischen Leinwandpaaren vergangener Tage wohl noch am nächsten. Darüber hinaus verhandelt der Film unter seiner funkelnden und glitzernden, irgendwie nostalgischen und doch modernen, bunten und träumerischen Oberfläche doch mehr als nur seine schlichte Liebesgeschichte zwischen Mia und Sebastian. Es geht ebenso auch um den Konflikt zwischen Idealismus und Realität, um die Diskrepanz zwischen dem, was man aus Leidenschaft gespeist tun möchte, und dem, was man gezwungenermaßen im zermürbenden Alltag tun muss. Es geht um Träume und Wünsche und vor allem auch um die Frage, an welchem Punkt man sich der Realität stellen soll oder muss, um diese vielleicht aufzugeben und zu begraben oder eben doch weiterzuverfolgen und sein Leben an ihnen auszurichten. Zudem lassen sich diverse Sätze und Kommentare im Film selbst wie beispielsweise der von John Legend über den Jazz („How are you gonna be a revolutionary if you’re such a traditionalist? You hold onto the past, but jazz is about the future.“) so auch 1:1 auf Film und Kino beziehen. Insofern mag La La Land stellenweise vielleicht ein wenig wehmütig und nostalgisch verklärt wirken, aber letzten Endes ist es der Film nicht, zeigt er doch immer wieder, wie sich Vergangenheit und Moderne zu etwas neuem verschmelzen lassen.

 

Ich hätte es nicht einmal zu träumen gewagt, dass ein solcher Film wie La La Land in heutigen Zeiten überhaupt noch gemacht wird. Und dass er dann auch noch große Teile der breiten Masse erreicht und nicht einfach nur ein tristes Nischendasein fristet, macht das ganze nur noch eindrucksvoller. Hut ab, Damien Chazelle, allein für den Mut, diesen Weg so konsequent zu beschreiten. La La Land ist im wahrsten Sinne des Wortes einfach zauberhaft. Ein vielmals überstrapaziertes Wort, welches hier jedoch einfach mal zutreffend ist. Eskapismus in Reinkultur, eine knallbunte Liebeserklärung an das Kino, an Los Angeles und eine längst vergangene Zeit voller wunderbarer und schöner Ideen und Einfälle und zugleich ein warmherziges Plädoyer an unsere Träume, welches unbedingt darin bestärken will, diese nicht nur festzuhalten, sondern auch zu verfolgen. Einfach nur schön.

 

9 von 10 grandios choreografierten Tanzszenen

 

 

The Nice Guys

23. Oktober 2016 at 16:47

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„You’re the world’s worst detective.“

 

 

 

Das Los Angeles im Jahre 1977. Vor diesem Hintergrund kreuzen sich die Wege von Jackson Healy und Holland March. Healy ist ein bezahlter Knochenbrecher und der Mann für Grobe, Holland March ein eher weniger erfolgreicher Privatdetektiv mit Alkoholproblem und alleinerziehender Vater. Der eine soll das Verschwinden einer jungen Frau aufklären, der andere ihn davon abbringen. Doch der Fall scheint größer zu sein als gedacht und schnell gerät Healy ins Visier von Killern. Letztlich tun sich die beiden zusammen um gemeinsam einer Spur zu folgen, die tief in die Porno-Industrie zu führen scheint…

 

Shane Black, die geistige Triebfeder des Buddy-Humors. Sicher, schon 1982 verfilmte Walter Hill mit 48 Hrs. ein Skript von Roger Spottiswoode, schickte Eddie Murphy und Nick Nolte auf eine witzige wie actionreiche Hatz durch San Francisco und erschuf so etwas wie den Prototypen des Buddy-Movie. Aber Shane Black schrieb die Drehbücher zu allen vier Filmen der unsterblichen Lethal Weapon-Reihe, dem grandiosen Last Boy Scout, zu  Last Action Hero und Tödliche Weihnachten, und drehte den tollen Kiss Kiss Bang Bang. Iron Man 3 mochte ich auch eben für diese Art von Humor, kann man aber auch durchaus vernachlässigen. Und nun liefert er mit The Nice Guys seine dritte Regiearbeit ab, bleibt seiner bisherigen Rezeptur treu und verlässt sich nach wie vor auf seine gewohnten Trademarks. Zum Glück, kann man da nur sagen, zum Glück. Wie schon in Kiss Kiss Bang Bang ist die Mischung aus zum Teil brutaler Action, schwarzem Humor und gelegentlichem Slapstick nahezu perfekt ausbalanciert und baut vielmehr auf unfreiwillige und spontane Komik als auf aufgesetzte Gags und Oneliner aus dem Lehrbuch. Die Chemie zwischen den beiden Protagonisten funktioniert ganz hervorragend und in diesem Aspekt muss sich The Nice Guys kein bisschen hinter so tollen Duos wie Gibson/Glover (Lethal Weapon), Downey, jr./Kilmer (Kiss Kiss Bang Bang), Willis/Wayans (Last Boy Scout), Stallone/Russell (Tango & Cash), De Niro/Grodin (Midnight Run) oder Nolte/Murphy (48 hrs.) verstecken. Russell Crowe als herrlich schmieriger Berufsschläger mit Herz erinnert an eine leicht verlotterte, in die Jahre gekommene Version seiner Figur aus L.A. Confidential, und harmoniert ganz wunderbar mit Ryan Gosling als im Grunde ständig betrunkener, abgezockter, aber eher unfähiger Privatschnüffler. In Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Status unterscheiden sich die beiden nicht, das für Buddy-Movies so typische Gefälle zwischen den beiden Protagonisten entsteht in The Nice Guys eher durch Kompetenz und Arbeitsethos. Die Vorgehensweise von Holland March grenzt oft beinahe schon an Betrug, er kassiert Honorare gern doppelt von ahnungslosen Rentnern und überlegt ständig, wie sich noch mehr Geld aus seinen Klienten herausholen lässt, immer auf der Suche nach dem nächsten Drink. Da muss auch schon mal seine kleine Tochter Holly das Auto fahren, weil Holland nicht mehr dazu in der Lage ist. Dagegen wirkt Jackson Healy nur oberflächlich brutal, hat sein Herz aber am rechten Fleck und versucht trotz seiner Profession als Knochenbrecher Gutes zu tun und aus diesem Zusammenspiel entwickeln sich herrliche Dialoge, pointierter Witz und absurder Slapstick. Die Story selbst ist noir-typisch verschachtelt erzählt und verknüpft extrem viele Fäden, von denen einige auch einfach ins Leere laufen und vollkommen bedeutungslos sind für den weiteren Verlauf. Überhaupt ist die eigentliche Story eher weniger von Bedeutung und in diesem übersteigerten Gestus gibt sich The Nice Guys auch als leicht parodistische Verbeugung vor dem klassischen Film Noir, dessen Inhalte auch oft weniger im Vordergrund stehen. So taumeln Holland March und Jackson Healy auch mehr oder weniger ahnungslos durch die Ereignisse, haben meist keinen Schimmer was läuft, reagieren nur statt zu agieren und oftmals ist es allein der Zufall, der ihnen hilft, denn nennenswerte Ermittlungsergebnisse erzielen die beiden eher selten. Auch optisch ist der Film ein Vergnügen mit einem herrlich bunten und abgedrehten Setdesign, welches ein authentisches 70er Jahre-Feeling aufkommen lässt. Funky und dreckig zugleich, auf der einen Seite abgedrehte Parties, exzentrisch und grell, auf der anderen Seite das L.A. der späten 70er, im Film ein schmutziger, verkommener Moloch, dessen Strassen von Korruption, Gewalt und Pornografie geprägt sind. Die Action ist kompetent und druckvoll genug inszeniert und wirkt mit all ihren Schießereien, Autostunts, Explosionen und old school-Schlägereien erfrischend bodenständig und geerdet in ihrem rohen Charme. Lediglich die eine oder andere digital bearbeitete Szene sticht ein klein wenig unangenehm hervor, aber das fällt auf die gesamte Laufzeit von rund zwei Stunden kaum ins Gewicht.

 

Mit The Nice Guys bleibt Shane Black seiner über die Jahre hinweg immer mehr verfeinerten Rezeptur für Buddy-Movies treu und kennt man seine Drehbücher oder seinen Film Kiss Kiss Bang Bang, dann weiß man, was man kriegt mit seinem neuesten Streich. Abermals ist die Balance aus Action, Gewalt, schwarzem Humor, Slapstick und pointierten Wortgefechten annähernd perfekt und die beiden Protagonisten harmonieren ganz hervorragend miteinander. The Nice Guys ist wunderbares, leicht schmieriges und irre unterhaltsames Genre-Kino und bildet den idealen Gegenpart zu Kiss Kiss Bang Bang für ein abendfüllendes Double Feature.

 

8 von 10 Typen namens Chet