Kingsman: The Golden Circle (2017)

13. Mai 2018 at 15:43

 

 

©20th Century Fox

 

 

 

„The only Golden Circle I want vexing me is the one my glass leaves behind on the table.“

 

 

 

Als die regierungsunabhängige Geheimorganisation der Kingsman mit dem von Poppy Adams geführten Drogenkartell The Golden Circle konfrontiert wird, bedarf es auch der Hilfe der Statesman, ihrem amerikanischen Gegenstück. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen Poppy auf und müssen erneut nicht weniger als die Welt retten.

 

Kingsman: The Secret Service kam 2015 für mich aus dem Nichts, schlug voll bei mir ein, wusste mich mit seiner launigen Inszenierung zu unterhalten und hat mir viel Spaß gemacht. Auf rotzfreche und gleichzeitig dennoch ungemein charmante Art und Weise vermischt Kingsman die Gewalt und die Anarchie aus Kick-Ass mit dem Witz und der Eleganz der alten James Bond-Filme und verpasst dem ganzen einen gehörigen Schuss The Avengers (Mit Schirm, Charme und Melone…. nicht der Marvel-Zirkus). Regisseur Matthew Vaughn gelingt hier eine nahezu perfekte Mischung aus Parodie und Hommage an eine Zeit, als Agentenfilme noch lustig und haarsträubend weit hergeholt sein durften und nicht todernst und bedeutungsschwanger sein mussten. Sein Film ist hemmungslos überdreht, aber nie respektlos seinen Vorlagen gegenüber, er ist voller absurder und bizarrer Einfälle, aber gleichzeitig auch herrlich selbstironisch und kommt mit einem fetten Augenzwinkern daher.

 

Kingsman: The Golden Circle kann nun leider nichts mehr von all dem einlösen und ist in allen Belangen deutlich schwächer als sein Vorgänger. Es mangelt an Frische, an Vitalität, an Unberechenbarkeit, an Wucht. Matthew Vaughn hat den erzählerischen Schwung verloren, sein Film ist zu lang geraten, in seiner Inszenierung zu sehr over the top und das Timing stimmt auch oft nicht. Ein klassischer Fall von bigger is better, aber es funktioniert nicht, verliert schnell seinen Reiz und sieht auf der Effekt-Ebene oft wirklich nicht besonders gut aus. Der zweite Film bietet zwar etwa 20 Minuten mehr Laufzeit als noch sein Vorgänger, kann diese aber deutlich weniger gut ausfüllen, leidet vor allem im Mittelteil an Leerlauf und verliert sich etwas zu sehr in schrägen Geschmacklosigkeiten. Wo die Kingsman selbst noch als charmante, leicht parodistische Hommage an den klassischen britischen Agentenfilm durchgehen, da verkommt ihr amerikanisches Pendant, die Statesman, bloß noch zu einer Aneinanderreihung plumper Klischees, welche Schauspieler wie Pedro Pascal, Channing Tatum oder Jeff Bridges unterfordern und sinnlos verpulvern. Auch die von Julianne Moore gespielte Antagonistin Poppy Adams ist zwar reichlich exzentrisch, es fehlt ihr jedoch der durchgeknallte Charme eines Richmond Valentine aus dem Vorgänger. Dafür können immerhin Taron Egerton, Colin Firth und vor allem der von mir sehr geschätzte Mark Strong durchaus wieder überzeugen.

 

Kingsman: The Golden Circle ist letztlich kaum mehr als eine leidlich unterhaltsame und weitestgehend verzichtbare Fortsetzung, welche ihrem gelungenen Vorgänger nichts von Relevanz hinzuzufügen vermag und in nahezu allen Aspekten im direkten Vergleich deutlich unterliegt. Schade, denn das filmische Potential ist in den Comics ja durchaus vorhanden.

 

5 von 10 elektrischen Lassos

 

 

Coen-Retrospektive #13: Burn After Reading (2008)

12. April 2018 at 16:56

 

© Focus Features

 

 

 

CIA Superior: What did we learn, Palmer?

CIA Officer: I don’t know, sir.

CIA Superior: I don’t fuckin‘ know either. I guess we learned not to do it again.

CIA Officer: Yes, sir.

CIA Superior: I’m fucked if I know what we did.

CIA Officer: Yes, sir, it’s, uh, hard to say

CIA Superior: Jesus Fucking Christ.

 

 

 

Als Linda und Chad, beide Mitarbeiter eines Fitness-Centers, in der Umkleide eine mysteriöse CD voller vermeintlichen geheimen CIA-Informationen finden, beschließen sie, den Besitzer dieser Daten zu erpressen. Allerdings haben die beiden nicht den Hauch einer Ahnung, in welch gefährliche Regionen sie damit vordringen und schon bald sind zahlreiche Personen mehr oder weniger unfreiwillig in diese Affäre involviert ohne absehen zu können, welche Folgen ihr jeweiliges Handeln haben könnte.

 

Wenn die Coen-Brüder ihre Filme Intolerable Cruelty und The Ladykillers brauchten, um danach den alles verschlingenden No Country For Old Men verwirklichen zu können, dann bedurfte es vielleicht im Gegenzug Burn After Reading, um nach dem niederschmetternden Neo-Western den Kopf frei zu kriegen für A Serious Man. Wenn nämlich No Country For Old Men finster wie zutiefst ehrlich und A Serious Man voller Aufbruchstimmung und mit neuem Mut auf dieses seltsam eigenwillige Ding namens Leben blickt, da ist Burn After Reading vor allem eines: unangenehm zynisch. Natürlich finden sich hier wieder alle bekannten Elemente aus dem Schaffen der Coens und auch Humor und Slapstick sind wieder zurück, dennoch beschleicht mich nun zum ersten Mal das leise Gefühl, dass die beiden Brüder vielleicht eine Spur zu routiniert ans Werk gehen. Manchmal wirkt Burn After Reading auf mich wie eine Fingerübung ohne Liebe. Jerry Lundegaard, Ed Crane oder auch Llewelyn Moss: immer begegneten die Coens ihren Figuren offen mit Empathie und Verständnis, so dumm, unüberlegt oder verantwortungslos ihre Taten auch waren. Immer waren sie auch so angelegt, dass man als Zuschauer verstehen konnte, was sie zu ihren Taten antrieb.

 

In Burn After Reading jedoch tummeln sich auffallend viele ausgesprochen unsympathische Figuren, deren Gedankenwelt sich meist um nichts weiter dreht als sie selbst. Selbstsucht als Alleinstellungsmerkmal unter vielen. Bis auf den unglücklich verliebten Ted Treffon kann ich niemandem aufrichtige Sympathie entgegen bringen, seine Rolle jedoch fällt denkbar begrenzt aus. Dennoch ist er der einzige im Film, der aufrichtig liebt, dem es tatsächlich um etwas geht, der zwischenmenschlichen Kontakt aufnehmen will. Oder es zumindest versucht, aber meist weder Gehör noch Beachtung findet, denn alle anderen haben nur sich selbst im Kopf ohne auch mal über den Tellerrand blicken zu können. Kann man sich darauf einlassen, dann ist Burn After Reading zweifellos ein unterhaltsamer Film und nicht ohne Witz und Tempo, aber er ist letzten Endes zumindest für mich auch eine sehr ätzende und bittere, eher wenig versöhnliche Betrachtung dieses Ameisenhaufens, den wir Leben nennen. Zwar sind die schauspielerischen Leistungen auf hohem Niveau, so mancher Darsteller ist hübsch gegen den Strich besetzt und über die Auftritte von J.K. Simmons, David Rasche und Richard Jenkins habe ich mich gefreut, aber leider sind die Figuren selbst einfach viel zu unsympathisch geraten, als dass mich irgendjemandes Schicksal im Film ernsthaft berühren würde. Außer Ted. Bei soviel Zynismus mangelt es mir bei Burn After Reading tatsächlich ein wenig an Herz, dennoch ist das nunmehr dreizehnte Werk der Coen-Brüder bei weitem kein schlechter Film. Alle von ihnen über die Jahre hinweg etablierten Trademarks sind vorhanden, aber all das wirkt hier seltsam selbstzweckhaft. Wenn man die Ausrutscher Intolerable Cruelty und The Ladykillers mal ausklammert, dann ist Burn After Reading für mich ihr bisher schwächster Film.

 

6,5 von 10 selbstgebauten Sex Toys

 

 

 

 

 

 

Coen-Retrospektive #11: The Ladykillers (2004)

20. März 2018 at 12:57

 

© Buena Vista Pictures

 

 

Das kriminelle Genie Professor Goldthwaite Higginson Dorr hat für den Einbruch in den Tresor eines Casinos eine Bande von Spezialisten um sich versammelt und einen ausgefeilten Plan ersonnen. Das einzige Hindernis ist nun die resolute Marva Munson, in deren Haus sich Dorr eingemietet hat, denn von ihrem Keller aus soll ein Tunnel hin zum Casino gegraben werden.

 

Ich habe wirklich absolut keinen blassen Schimmer, was bei The Ladykillers nun letztendlich alles schiefgelaufen ist. Ich kann es mir einfach nicht erklären und der Film lässt mich mit einem riesigen Fragezeichen über dem Kopf zurück. Bei Intolerable Cruelty kann man wenigstens noch als Argument ins Feld führen, dass das Drehbuch nicht von den Brüdern selbst stammt und der Film nur eine Auftragsarbeit war. Sicher, als Remake von The Ladykillers (1955) mit Alec Guiness entspringt auch hier nicht alles ihren Köpfen, dennoch ist es ihr Film, was die Zerfahrenheit dieser rund 100 Minuten nur noch rätselhafter macht. Bereits die Notwendigkeit eines solchen Remakes ist fragwürdig und ich kann nicht erkennen, was die Coens dem Original hätten hinzufügen können und was sie mir überhaupt erzählen wollen. Der Schwarz/Weiß-Film von Alexander Mackendrick war eine dunkel makabre Komödie, die ihre von Gier angetriebenen Schurken an ihrer Missgunst und an einer alten Frau scheitern ließ. Die Coens verlegen nun einfach die Handlung vom düsteren London der 50er Jahre an den Mississippi der Gegenwart, in der Tom Hanks Figur des Professor Goldthwaite Higginson Dorr mit ihren Umgangsformen, ihrer Akademikersprache, ihrer Kleidung und ihrer Vorliebe für Poesie einen gnadenlosen Anachronismus abgibt.

 

Auch weiß The Ladykillers nie so richtig, was der Film nun eigentlich sein will. Märchen, Gegenwartsfilm, Pastiche, Period Piece, Heist-Movie: all das findet sich hier, aber nichts so richtig davon. Obwohl The Ladykillers mehr typische Coen-Elemente vorzuweisen hat als noch Intolerable Cruelty, will hier irgendwie nichts so richtig zusammen passen und beinahe alle Gags können nicht wirklich zünden. Es mangelt an vielem, vor allem aber an Timing, an Rhythmus und erzählerischem Schwung, wenn zu oft Leerlauf dominiert und sich Szenen zu oft wiederholen. Viele Figuren entspringen schlimmsten Klischee-Albträumen aus der Hölle. Prof. G.H. Dorr mit seinem Sprachduktus und seinen anstrengenden Manierismen verkommt schon bald zur nervigen Karikatur und der von Marlon Wayans gespielte Gawain McSam ist ein Stereotyp auf zwei Beinen und wenn er denn Mund aufmacht, dann wird es unangenehm. Das zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Auch der Humor ist weit entfernt von den mal subtil wie pointiert gesetzten schwarzen Spitzen und dann wieder grell platzierten wie cartoonhaften Slapstick-Einlagen sonstiger Coen-Filme: The Ladykillers ist an dieser Stelle durchgehend dominiert von schlechten Witzen über Darmleiden, weggesprengten Finger und allerhand anderen flachen Peinlichkeiten.

 

Ich verstehe diesen Film nicht. Ich kann mir keinen Reim auf ihn machen und es ist mir vollkommen schleierhaft, was die Coen-Brüder hier angetrieben hat. Zwar sehe ich einige der für sie typischen Elemente immer wieder aufblitzen, aber sie fügen sich nicht wie sonst zu einem stimmigen Bild zusammen. Allerdings weiß ich einfach nicht, wieso das so ist. Nun gut, zwei Flecken auf einer bisher ansonsten makellosen weißen Weste und wenn die Coen-Brüder The Ladykillers brauchten, um dann danach mit No Country For Old Men ein solch absolut überwältigendes Glanzstück abzuliefern, dann kann ich sehr gut damit leben.

 

5 von 10 Gedichten von Edgar Allan Poe

 

 

Coen-Retrospektive #10: Intolerable Cruelty (2003)

18. März 2018 at 15:10

 

© Universal Studios

 

 

 

„I saw an ad in the paper. „No-fault divorce. Two week divorce without a lawyer“. Made me sick to my stomach. No-fault divorce.“

 

 

 

Miles Massey ist einer der besten Scheidungsanwälte weit und breit und sein legendärer Massey-Ehevertrag gilt als absolut unanfechtbar.  Als eines Tages der Immobilien-Mogul Rex Rexroth seine Dienste bei der Scheidung von Noch-Ehefrau Marylin in Anspruch nehmen möchte, wird sein Leben kompliziert, denn obwohl Marylin ganz offensichtlich eine professionelle Heiratsschwindlerin ist, beginnt Massey sich in sie zu verlieben.

 

Der Coens nun mehr zehnter Streich erweist sich als romantische Komödie mit deutlichen Screwball-Anleihen. Man kann durchaus die Handschrift der beiden Brüder erkennen und vor allem in den rasanten Dialogschlachten zwischen George Clooney und Catherine Zeta-Jones zeigen sich einige ihrer Trademarks, aber der Funke will bei mir nie so recht überspringen. Intolerable Cruelty sieht aus wie ein Coen-Film und klingt wie ein Coen-Film, fühlt sich aber nie als solcher an. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass sie das Drehbuch nur zu Ende brachten, es ursprünglich aber nicht ihren Köpfen entsprungen ist. Das würde auch erklären, warum gerade die letzten 15 Minuten des Filmes wieder sehr ihrem bisherigen Schaffen entsprechen, der Rest größtenteils jedoch meist eine Nummer flacher und platter ausfällt als man es bisher gewohnt ist. Dabei ist die Idee, einen zynischen wie selbstverliebten Scheidungsanwalt die große Liebe finden und eine notorische Heiratsschwindlerin ehelichen zu lassen, eigentlich ganz hübsch und bietet zumindest auf dem Papier reichlich Konfliktpotential, doch es gelingt irgendwie nicht so recht, die bissigen Impulse der Coens mit der romantischen Botschaft des Filmes zu vermählen. Und dann gibt es immer mal wieder schrecklich klischeebehaftete wie kitschige Szenen: etwa, wenn Miles Massey auf einem Kongress von Scheidungsanwälten ein flammendes Plädoyer auf die Kraft der Liebe hält und letztlich der ganze Saal in stehenden Ovationen ausbricht. In diesen Momenten kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass diese aus der Vorstellungskraft der Coen-Brüder stammen. Auch die Auftritte von Geoffrey Rush und Cedric The Entertainer wollen da nicht so recht passen, einige Szenen mit Edward Herrmann ebenso. Allerdings erweist sich George Clooney als die perfekte Wahl für den arroganten, eitlen und zynischen Scheidungsanwalt, Catherine Zeta-Jones als kalt berechnende und voraus planende Heiratsschwindlerin kann da nicht wirklich mithalten.

 

Machen wir es kurz: Intolerable Cruelty ist in meinen Augen zweifellos der bisher schwächste Film im Werk der Coen-Brüder und kann mit vielen ihrer vorherigen Streifen kaum mithalten. Zu gefällig und für ihre Verhältnisse zu harmlos erscheint mir die Inszenierung ihres wohl „mainstreamigsten“ Filmes. Dennoch muss man an der Stelle festhalten, dass selbst eine mäßige romantische Komödie von ihnen immer noch besser ist als 95% aller RomComs da draußen und allein die abermals fantastische Fotografie von Roger Deakins hebt den Film über den Durchschnitt, aber leider treten auch angesichts ihrer bisherigen Filmografie bei Intolerable Cruelty die Mängel ganz besonders hervor. Das ist ein wenig schade, denn da wäre sicher mehr drin gewesen und so bleibt der Film letztlich kaum mehr als eine mäßige Auftragsarbeit.

 

6 von 10 tödlichen Asthmasprays