The Favourite (2019)

5. Februar 2019 at 13:58

 

 

© Fox Searchlight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

There are limits to what one can give.“

 

 

 

Der britische Königshof unter der Regentschaft von Queen Anne: England ist im Krieg mit Frankreich und die Regierung uneins angesichts der Frage ob, Frieden aushandeln oder weiter kämpfen sinnvoller erscheint angesichts leerer Staatskassen. Die Königin selbst ist durch ihre Krankheit gezeichnet und vertraut vollkommen auf ihre engste Beraterin Sarah Churchill. Als jedoch deren Cousine Abigail um Anstellung bittet, da ändert sich die Atmosphäre am Hof, denn zwischen Sarah und Abigail entbrennt ein erbitterter wie hinterhältiger Kampf um die Gunst der wankelmütigen wie launischen Königin.

 

Man muss es sagen: mit The Favourite hat der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos nach sperrigen und unangenehmen Werken wie Dogtooth (2009), The Lobster (2015) und The Killing of a Sacred Deer (2017) seinen bislang zugänglichsten Film gedreht. Wo er sonst einen eher verkopften, unterkühlt distanzierten und sehr nüchternen Stil der Inszenierung pflegte, da wirft The Favourite nun einen deutlich wärmeren, geradezu empathischen Blick auf seine Figuren, entdeckt die Tragik, welche ihnen auch innewohnt, und wirkt insgesamt leichter verträglich und weniger speziell. Das mag vielleicht auch zum Teil mit daran liegen, dass Lanthimos nun erstmals in seiner Karriere nicht auch am Drehbuch beteiligt war und stattdessen Deborah Davis und Tony McNamara ein Feuerwerk an hervorragend pointierten, klugen wie giftigen, oft ungezähmten und doch geschliffenen Dialogen entfachen ließ. So entwickelt sich mit der Ankunft von Abigail am Hof von Queen Anne ein herrlich intrigantes Ränkespiel um die Gunst der Königin, in dem die Frauen zur Abwechslung mal die Männer nach Belieben manipulieren und für ihre ganz eigenen Ziele benutzen.

 

Auch offenbart The Favourite einen garstigen, ätzenden und bitter bösen Blick auf die britische Aristokratie, wenn pompöse Bälle, Entenrennen und hemmungsloses Kuchenessen inklusive Erbrechen im Kontrast stehen zu einem Land, welches sich im Krieg mit Frankreich befindet und dessen Bevölkerung zunehmend aufbegehrt gegen seine Obrigkeit. Getragen wird all das von einem wirklich fantastischen Ensemble rund um Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone, eine besser als die andere, und mit unglaublich starken Leistungen. Besonders Olivia Colman gelingt es herausragend gut das Launenhafte ihrer Figur voller Hingabe und mit genau dem richtigen Gespür für Nuancen herauszuarbeiten, wenn sie Queen Anne als impulsives Kind interpretiert, einsam, ängstlich, verloren. Ein Balanceakt, denn das hätte leicht zur Karikatur verkommen und ins Lächerliche abkippen können, doch Colman entwirft eine sehr ambivalente Figur, die zu gleichen Teilen Opfer wie Bestandteil der Strukturen ist, die jede dieser drei Frauen in ihren Rollen gefangen halten. Visuell ist The Favourite über jeden Zweifel erhaben, ist fantastisch wie opulent ausgestattet, egal, ob Setting oder Kostüme, und wird darüber hinaus von Kameramann Robbie Ryan (Slow West, I Am Not a Serial Killer, I, Daniel Blake) wunderbar in Szene gesetzt.

 

The Favourite ist sowohl schön und witzig wie zugleich auch böse und traurig geraten, ist manchmal schräg und ausufernd, manchmal irre komisch, hat aber immer auch den zutiefst tragischen Kern im Blick. Erstmals begegnet Yorgos Lanthimos seinen Figuren mit Empathie, erweitert seinen sonst eher kühlen Stil um Wärme und gestaltet seinen Film so deutlich zugänglicher. Doch Gewinner kennt Lanthimos auch dieses Mal keine. Some wounds do not close.

 

8 von 10 Mal die schnellste Ente der Stadt spazieren führen

 

 

Into the Night (1985)

23. Dezember 2018 at 19:58

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Let me ask you something. Maybe you can help me. What’s wrong with my life? Why is my wife sleeping with someone else? Why can’t I sleep?“

 

 

 

Ed Okin leidet schon seit geraumer Zeit unter Schlaflosigkeit und muss zu allem Überfluss auch noch herausfinden, dass seine Frau ihn betrügt. Getrieben von seiner Schlaflosigkeit fährt er nachts ziellos durch Los Angeles als ihm eine fremde Frau namens Diana plötzlich ins Auto springt, weil sie sich auf der Flucht vor einem iranischen Killerkommando befindet. Ed fährt los ohne zu wissen, was genau eigentlich los ist, und es beginnt ein wilder Trip durch die Stadt.

 

Ganz ähnlich wie Miracle Mile drei Jahre später ist auch Into the Night ein Film über Los Angeles als Stadt selbst und Regisseur John Landis (Blues Brothers, American Werewolf, Trading Places) liefert eine filmische Liebeserklärung an die Stadt der Engel, wenn er sie quasi als dritten Hauptdarsteller neben Jeff Goldblum und Michelle Pfeifer inszeniert. Allein der Einstieg in den Film gestaltet sich als lose Collage aus Impressionen eines nächtlichen Los Angeles, eine Art Streifzug durch die Nacht wie ihn auch unser schlafloser Protagonist erleben soll, ist Ed Okin – noch unwissentlich und unterbewusst – doch auf der Suche nach einem anderen Leben wie auch gleichermaßen auf der Flucht vor seinem eigenen Leben, welches in einer einengenden Sackgasse steckt. Doch in dem Moment, in welchem Diana so dramatisch in sein Leben tritt, da bietet sich ihm eine Möglichkeit, eine Chance, ein Wagnis, auf welches es sich einzulassen gilt. Insofern bietet Into the Night nicht nur rund zwei Stunden Eskapismus für den Zuschauer, sondern gerade auch für seinen Protagonisten.

 

Und trifft Ed nun also auf Diana, dann entspinnt Landis eine bunte wie turbulente Odyssee durch die Nacht mit immer irgendwie leicht verschobenem Rhythmus, leicht neben der Spur wie Ed selbst auch, traumwandlerisch, und immerzu pendelnd zwischen Slapstick und Ernsthaftigkeit, aber auch nicht immer ganz sauber ausbalanciert. Alles beginnt am LAX (wo auch Collateral beginnt und Heat endet) und der geradezu irrwitzige Trip durch die Nacht führt das unfreiwillige Duo schließlich von der Marina Del Rey über Hollywood hin zu den Paramount Studios, weiter nach Beverly Hills und Century City und schließlich über den Pacific Coast-Highway zurück zum LAX, wo sich dann der erzählerische Kreis schließt. Dazu gesellen sich in Nebenrollen und Gastauftritten zahlreiche Freunde und Weggefährten von Landis wie Dan Aykrod, David Bowie, Jack Arnold, Lawrence Kasdan, David Cronenberg, Rick Baker, Don Siegel, Roger Vadim, Clu Gulager, Jim Henson, Richard Farnsworth und Jonathan Demme, ja sogar Landis selbst ist Teil des iranischen Killerkommandos.

 

Jeff Goldblum ist mit seinem etwas verschleppten, immer leicht entrückten und von seiner Übermüdung geprägten Schauspiel nahezu perfekt für die Rolle des Ed Okin und dennoch stiehlt die noch junge Michelle Pfeiffer in ihrer roten Lederjacke ihm in beinahe jeder Szene gnadenlos die Show. Into the Night bewegt sich irgendwo zwischen romantischer Komödie, liebevoller und hübsch inszenierter Hommage an den Film Noir und roher Gewalt, die nie wirklich humorvoll gebrochen wird, sondern immer auch hässlich bleibt. An dem Punkt jedoch wirkt Landis Film auf mich ein wenig orientierungslos, wenn er nicht so recht zu wissen scheint, wohin die Reise nun gehen soll. Dennoch ein wunderbarer Film über eine verrückte Reise durch ein schön bebildertes Los Angeles, der immer wieder mit herrlichen Ideen und Einfällen zu glänzen vermag und vollkommen zu Unrecht immer ein klein wenig in Vergessenheit gerät.

 

7,5 von 10 Fahrten im weißen Elvis-Cabrio

 

 

Army of Darkness (1992)

15. Dezember 2018 at 14:57

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Groovy.“

 

 

 

Nach den Ereignissen in Evil Dead 2 und seinem Sturz durch die Zeit landet Asg im finsteren Mittelalter und wird sogleich von den Schergen des Lord Arthur gefangen genommen. Diesen verweist er jedoch mit Hilfe seiner Schrotflinte schnell in seine Grenzen und als Ash erfährt, dass allein das Necronomicon die Macht hat, ihn wieder zurück in die Gegenwart zu schicken, da macht er sich auf die Suche nach dem Buch des Bösen. Doch Ash wäre nicht Ash, wenn er das nicht gegen die Wand fahren würde und so entfesselt er eine Armee von Untoten, die nun die Burg von Lord Arthur belagert.

 

Hail to the king, baby! Regisseur Sam Raimi verbindet etwas mit den Coen-Brüdern: seine leidenschaftliche Vorliebe für derben Slapstick in der Tradition der Three Stooges und Cartoons wie die von Tex Avery. So ist dann auch Army of Darkness eine vollkommen logisch konsequente Weiterführung von Evil Dead 2, wenn die im Mittelalter angesiedelte Fantasy-Horror-Slapstick-Kömodie von Beginn an ein enorm hohes Tempo geht, grell überdreht und sich für keine noch so grobe Pointe zu schade ist. Wie schon bei The Evil Dead und dessen mehr Quasi-Remake als Fortsetzung tritt auch hier die klassisch lineare Erzählstruktur zugunsten einer stark episodisch geprägten Narration deutlich in den Hintergrund, wenn ganze Sequenzen oft nur auf einer einzigen visuellen Idee basieren. Die traditionellen Regeln einer herkömmlichen Dramaturgie interessieren Raimi eindeutig ebenso wenig wie die Erschaffung eines gleichmäßigen Spannungsbogens und Army of Darkness ist ein Schelm von Film, schwankt immerzu freudig zwischen toll inszenierten Momenten und geradezu amateurhaften Szenen mit betont schlechten Effekten und spielt ganz bewusst und selbstsicher mit seinen Wurzeln.

 

Beinahe alles schreit regelrecht danach, so wenig ernst wie nur möglich genommen werden zu wollen und Army of Darkness macht sich besonders dann gnadenlos über sich selbst lustig, wenn man sich viel Mühe gibt, das damals eigentlich recht üppige Budget von rund 11 Millionen Dollar zu verschleiern. Ein Wolf im Schafspelz, der immer wieder vorgibt billiger zu sein als er es tatsächlich ist. Das schlagende Herz des ganzen Budenzaubers ist zweifellos die grandiose, zwischen irrem Slapstick, derbem Humor und reichlich Körpereinsatz pendelnde Performance von Bruce Campbell, der nun endgültig zu der B-Movie Ikone werden sollte, welche er ist, und dank ihm wird Army of Darkness zum regelrecht hysterischen Spektakel, wenn sein Ash uns immer tiefer in den chaotischen Einfallsreichtum von Raimi führt und all die losen Ideen und Versatzstücke zusammenhält. Dazu der tolle Score von Raimis Haus- und Hofkomponist Joseph LoDuca sowie die starke Kamera von Bill Pope und fertig ist der für mich stärkste Beitrag der Reihe und zugleich der Beweis dafür, was für ein einzigartiger Filmemacher Sam Raimi einst war.

 

8 von 10 Ray Harryhausen-Gedächtnis-Skeletten

 

 

The Ballad of Buster Scruggs (2018)

18. November 2018 at 16:31

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Wer hier öfter mal reinschaut, dem dürfte eigentlich kaum entgangen sein, dass die Coen-Brüder zum engen Kreis von mir hoch geschätzter Regisseure zählen. The Ballad of Buster Scruggs ist die nun mehr achtzehnte Regiearbeit des Brüderpaares und angeblich doch nicht ursprünglich als Netflix Mini-Serie geplant, sondern vielmehr über Jahrzehnte hinweg immer mal wieder als Sammelbecken für Ideen genutzt, aus denen nun ein sechsteiliger Episodenfilm rund um den Mythos Wilder Westen entstanden ist. Wo bereits Hail, Ceasar einen eher episodenhaften Charakter hatte und lediglich durch ein Mindestmaß an rotem Faden mühsam zusammen gehalten wurde, da verzichtet The Ballad of Buster Scruggs gleich vollkommen auf erzählerische Kontinuität und fasst seine sechs Episoden lediglich als lose Sammlung von Kurzgeschichten in einem Buch zusammen.

 

Unterschiedlich in Tonalität und vor allem auch in Qualität reicht hierbei die Ausrichtung von vertraut schwarzhumorig über absurd und morbide bis hin zu ausnehmend tragisch, wenn jede Folge einen bestimmten Aspekt der Coen-Handschrift besonders herausarbeitet. Allerdings schwankt The Ballad of Buster Scruggs gerade in puncto Qualität der einzelnen Episoden mitunter gewaltig, nicht jede vermag auch vollends zu überzeugen und mindestens eine verpufft für mich im erzählerischen Nichts, so ganz ohne schelmisch böse Pointe oder überhaupt irgendeiner narrativen Auflösung mit Mehrwert. Das alles ist zwar überwiegend wunderbar gefilmt und voller liebevoller Details, der Cast ist stark und namhaft besetzt, es gibt die eine oder andere tolle Idee zu bewundern und auch der Score von Carter Burwell erfüllt seinen Zweck, und dennoch will der Funke nicht so recht überspringen. So bleibt letztlich eine lose Sammlung diverser Kurzgeschichten mit unterschiedlichem Anspruch, wenn zwar immer mal wieder die filmische Brillanz der Coen-Brüder aufblitzt, das Gesamtergebnis jedoch eher unrund wirkt und The Ballad of Buster Scruggs als Ganzes nicht stärker ist als einzelne Episoden.

 

6,5 von 10 rechnenden Hühnern