The King of Staten Island (2020)

19. September 2021 at 16:30

 

 

© Universal Pictures

 

 

We´re like the only place that New Jersey looks down on.

 

Wenn der Name Judd Apatow fällt, dann denkt man vielleicht eher an Komödien wie Trainwreck (2015) oder The-40-Year Old Virgin (2005). Sein neuester Film The King of Staten Island beschreitet hingegen andere Wege und gibt sich sowohl inhaltlich wie auch erzählerisch spürbar reifer und gesetzter. Feinfühlig, pointiert und präzise beobachtend widmet sich Apatow einer Coming-of-Age-Story der etwas anderen Art. Eher lose, bruchstückhaft und oftmals improvisiert erleben wir eine Reihe mehr oder weniger zusammenhängender Episoden aus dem Leben von Scott Carlin, ein junger Mann auf der Suche nach seinem Platz in der Welt.

 

Obwohl reale Einflüsse des Hauptdarstellers Pete Davidson ihren Weg in das Drehbuch fanden, so funktioniert The King of Staten Island auch ganz wunderbar, wenn man mit dessen Biografie nicht vertraut ist. Das alles ist weniger oberflächlich und psychologisch nuancierter skizziert als man vielleicht erwarten würde. Man merkt schnell, dass Scott es weder sich noch seiner Umwelt sonderlich leicht macht. Auf den ersten Blick eher wenig sympathisch, träge und ziellos umher streifend, offenbaren sich doch nach und nach seine emotionalen Untiefen. Und Apatow ist klug genug, ihn und damit auch den Zuschauer letztlich Teil einer Entwicklung werden zu lassen, an deren Ende Scott zumindest Teilerfolge erringen darf.

 

Und nebenbei funktioniert The King of Staten Island auch noch als Brennglas fokussiert auf den amerikanischen Mittelstand und dessen Sorgen und Nöte. Stets den sozialen Abstieg vor Augen, zugleich aber ebenso geprägt von der Unfähigkeit, gesellschaftlich aufsteigen zu können. Dazu passt der Bezirk Staten Island als Sinnbild ganz hervorragend: das große New York stets vor Augen ohne New York zu sein, auf der Suche nach einer eigenen Identität, die mehr ausmacht als eine der größten Müllkippen der Welt zu sein.

 

8/10

 

 

Hausu (1977)

9. Mai 2021 at 0:11

 

©Toho

 

 

Mag man den Ausführungen von Regisseur Nobuhiko Ôbayashi Glauben schenken, dann beruht die Idee zu Hausu auf einem Gespräch mit seiner elfjährigen Tochter über deren Ängste. Spukhäuser gibt es ebenso zahllose in der Geschichte des Kinos wie Teenager, welche abseits der schützenden Familie in Gefahr geraten. Und doch ist Hausu so viel mehr als bloß eine weitere Variation bekannter Genre-Mechanismen. Es hilft zu verstehen, woher Ôbayashi ursprünglich kommt, nämlich aus der Werbung. So erklärt sich dann auch sein durch und durch unkonventioneller Anspruch an die Inszenierung und seine offenbar unbändige Lust an filmischen Experimenten. Hausu versucht, die Möglichkeiten seines Mediums nicht einfach nur auszuloten oder auszudehnen, sondern lieber gleich zu zerstören. Buchstäblich.

 

Ôbayashi arbeitet sich direkt und unmittelbar an der Substanz des Mediums selbst ab, wenn Hausu nie auch nur versucht, seine Spezialeffekte zu kaschieren, und diese viel lieber ganz bewusst ausstellt und als Möglichkeit begreift, das filmische Bild in seine Bestandteile zu zerlegen. Hierfür nutzt er eine breite Palette der verschiedensten Tricktechniken und nichts davon wird als stumpfe Prothese genutzt um Illusionen zu erzeugen, sondern ganz gezielt als absichtliche Dekonstruktion. Inhaltlich macht Hausu das kaum anders und schert sich auch wenig um erzählerische Konventionen. Allein die Namen der Freundinnen sprechen da für sich, wenn jede von ihnen ganz bewusst nach einfachsten Charakterzügen oder Lastern benannt ist. Kung Fu, Fantasy, Prof, Mac, Melody und Sweet.

 

Hausu erhebt eben zu keiner Sekunde Anspruch auf Authentizität, sondern sieht sich ganz klar als Kunstprodukt und pendelt dabei immerzu zwischen groteskem Horror, schrägem Coming of Age und japanischen Mythen. Mit Hausu ist Ôbayashi seiner Zeit wahrlich voraus und bietet ein regelrechtes Füllhorn an audiovisuellen Ideen, eine mitunter geradezu sinnliche Erfahrung und visionäres Filmemachen.

 

8 von 10 abgebissenen Fingern

 

 

Knives Out (2019)

5. August 2020 at 18:33

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s a weird case from the start. A case with a hole in the center. A doughnut.“

 

 

 

Der reiche Krimiautor Harlan Thrombey wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag in seinem Arbeitszimmer tot aufgefunden. Nicht nur die Polizei, sondern vor allem auch der renommierte Privatdetektiv Benoit Blanc ermitteln in dem Fall und versuchen, die Wahrheit zu enthüllen.

 

Mit Knives Out beweist Rian Johnson eindrucksvoll, dass sein Ausflug in das Star Wars-Universum mit Episode VIII (2017) nach seinem hervorragendem Debüt Brick (2005), dem tollen Nachfolger Brothers Bloom (2008) und dem zumindest gelungenem Looper (2012) kaum mehr als ein Ausrutscher im Schaffen eines interessanten und spannenden Regisseurs war. Einem Befreiungsschlag gleichkommend widmet sich Johnson nun wieder einem originären Stoff aus seiner Feder und liefert zugleich die beste Antwort auf all den Unmut, der ihm einst aus der Star Wars-Fanbase entgegen schlug.

 

Sicherlich sind die Vorbilder für Knives Out mehr als nur offensichtlich, und doch gelingt es ihm mit seinem Drehbuch, immer wieder eigenständige und frische Ansätze zu finden. Was sich anfangs noch als eher klassisch gehaltenes Whodunnit gestaltet, das wird schon bald mit seiner ersten Enthüllung eine erzählerische Vollbremsung hinlegen und völlig andere Richtungen einschlagen. Johnson gelingt das Kunststück, dem Zuschauer geschickt Wissen vorzugaukeln, wo eigentlich gar keines ist, und ihn so glauben zu lassen, vordergründig Erwartungshaltungen zu erfüllen, obwohl er diese im Grunde immer wieder bricht. Dazu entwirft er ein komplexes Netz aus Personen, Beziehungen, Nöten, Bedürfnissen, Motiven, Eitelkeiten und ganz viel verletztem Stolz. Jeder hier hat irgendein Geheimnis im Gepäck, irgendeine Leiche im Keller, ein mögliches Motiv, überall lauern Schein und Sein, Lug und Betrug und alle sind immer nur Versionen von Versionen von Versionen. Knives Out ist bei weitem nicht nur sein vermeintlicher Krimiplot, sondern auch das Abbild einer zutiefst dysfunktionalen Familie und zugleich eine Art Querschnitt der modernen Gesellschaft. Allein das allerletzte Bild spricht da Bände, wenn bestehende Verhältnisse kurzer Hand umgekehrt werden.

 

Überhaupt ist das Drehbuch wahnsinnig gut geschrieben, enorm detailversessen, es sprüht nur so vor Charme und Witz und glänzt mit seiner elegant ausformulierten Sprache voller messerscharfer, pointierter Dialoge. Es ist oftmals eine helle Freude, den flinken Wortwechseln zu lauschen. Vor allem aber auch, weil ein exzellenter Cast mit ihnen arbeiten darf. Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Toni Colette, Don Johnson, Christopher Plummer, Chris Evans, Ana de Armas, LaKeith Stanfield oder Rian Johnson-Langzeitwegbegleiter Noah Segan, ja, sogar Joseph Gordon-Levitt in einer winzigen Sprechrolle und M. Emmet Walsh hat auch eine kleine Szene… ein grandioses Ensemble, das zweifellos und ohne Ausnahme aufzeigt, wozu jeder einzelne von ihnen fähig ist. Mein einziger Kritikpunkt an der Stelle wäre auch bloß, dass ich mir von so mancher tollen Figur etwas mehr Screen time gewünscht hätte. Ansonsten ein Genuss. Und erst die Inszenierung. Allein, wie Rian Johnson die ersten Verhörszenen durch Detektiv Benoit Blanc ausgestaltet, das ist wirklich toll. Wenn Schnitt und Montage virtuos verschmelzen, bloß um immer wieder den Blickwinkel zu verschieben und so quasi im Schnelldurchlauf Konflikte innerhalb der Familie aufzuzeigen. Oder das Familienanwesen selbst, mit seinen Gängen, Winkeln und Hallen, vollgestopft mit lauter kruder Memorabilia wie ein schräges Museum und ein Geheimnis für sich selbst.

 

Rian Johnson vermag abermals seine Fähigkeiten als Regisseur und als Autor unter Beweis zu stellen und knüpft mit seiner krimihaften Ausrichtung nicht nur inhaltlich an sein Regiedebüt Brick an. Knives Out ist klug, durchdacht, stilsicher, witzig und vor allem gerade keine Parodie auf sein Genre, kennt er doch seine Vorbilder, ohne diese blind zu kopieren. Johnson nimmt seinen Stoff und die Figuren ernst, vergisst aber nie den Spaß dabei, das hübsche, kleine Augenzwinkern, den Spaß am Fabulieren, die ausgeschmückte Erzählung, das bewusst ausgestellte Drama.

 

8,5 von 10 Mal Mord ist ihr Hobby auf Spanisch schauen.

 

 

Ghost World (2001)

16. Juli 2020 at 18:23

 

 

© United Artists Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

I can’t relate to 99% of humanity.“

 

 

 

Die beiden Teenager Enid und Rebecca sind gerade mit der High School fertig und wissen nicht so recht wohin mit sich und ihrem Leben. Der vorgezeichnete Weg ihrer Mitschüler jedenfalls kommt für die beiden nicht in Frage. Als Enid durch einen Telefonscherz den deutlich älteren Plattensammler Seymour kennenlernt, da eröffnen sich ihr plötzlich neue Perspektiven auf das Leben.

 

Nach den zwei Dokumentarfilmen Louie Bluie (1985) und Crumb (1994) dreht Regisseur Terry Zwigoff mit Ghost World seinen ersten Spielfilm. Hierfür nimmt er sich der Comicvorlage des Autors Daniel Clowes an, schreibt mit ihm zusammen auch das Drehbuch und erschafft eine wundervolle, bitter-süße Liebeserklärung an all die Außenseiter da draußen, all die Randfiguren, die Missverstandenen, die Sonderlinge unter uns. Mit unverstelltem wie präzisem Blick schaut er auf diejenigen, die sich irgendwie nicht im Großteil der Gesellschaft wiederfinden können, sich nicht in auferlegten Erwartungen aufgehen sehen, egal, ob gewollt oder ungewollt. Die eigentliche Kunst dabei ist die Perspektive, denn Zwigoff und Clowes sind zwar schonungslos offen, werten dabei jedoch nie. Sie verstehen ihre Figuren, statt sich über sie zu erheben, und auch, wenn die Dialoge in Ghost World nicht selten bissig und schroff anmuten, wirklich verletzend sind sie nie.

 

Selbst den schrägsten und schrulligsten Typen bleibt ihre Würde erhalten und keiner von ihnen wird für einen plumpen oder gar billigen Gag der Lächerlichkeit preisgegeben. Ghost World beobachtet alltägliche Kleinigkeiten aufmerksam und bildet dabei zutiefst aufrichtig ab, denn das Drehbuch strotzt nur so vor klugem wie hintersinnigem Witz, ist geistreich und scharfzüngig geschrieben, und doch durchzogen von leiser Zärtlichkeit. Der Reifeprozess des Erwachsenwerdens, Abnabelung, das Altern generell, ist ein wichtiges Thema. Die Erkenntnis, dass sich Dinge ändern werden, aber auch, dass das vollkommen normal und okay ist. Zwigoff und Clowes erschaffen zusammen den einen oder anderen Moment, in dem ich bestimmte Phasen meiner Selbst durchaus wiederzuerkennen vermochte, vielleicht fasziniert er mich deswegen so sehr. Ghost World ist schön wie störrisch, authentisch wie unbequem und entwaffnend ehrlich in seinen Beobachtungen, blickt liebevoll auf seine Figuren ohne sie bloßzustellen und hat den Weg direkt in mein nerdiges Filmherz gefunden. Ach, und der Soundtrack, der ist ziemlich toll.

 

8 von 10 Mal auf einen Bus warten, der nicht kommen wird