Bumblebee (2018)

18. Mai 2019 at 14:37

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Der Krieg auf Cybertron scheint verloren und so schickt Optimus Prime seinen Soldaten B-127 auf die Erde, um dort eine Basis als Rückzugsort aufzubauen. Dort angekommen wird er allerdings nicht nur vom US-Militär empfangen, sondern auch vom Decepticon Blitzwing. Den folgenden Kampf überlebt B-127 nur knapp und so versteckt er sich als alter VW-Käfer getarnt auf einem Schrottplatz, wo ihn schon bald die junge Charlie findet und ahnungslos mit nach Hause nimmt.

 

Bereitete mir der Einstieg in den zweiten Film von Regisseur Travis Knight – seines Zeichens der kreative Kopf hinter dem fabelhaften Kubo and the Two Strings (2016) – zunächst noch Bauchschmerzen angesichts seines anfänglichen CGI-Gewitters, so nimmt sich Bumblebee dankenswerter Weise relativ schnell auf angenehme Art zurück und bleibt überraschend geerdet in seiner Inszenierung. Als Neustart gedacht strebt der Film zurück zu den Wurzeln in Form der Zeichentrickserie und vor allem weg vom leblosen Bombast aus dem Hause Bay. Herz, Seele und Charme lautet hier eher die Devise anstatt inszenatorischem Größenwahn. Sicherlich gibt es auch große Actionsequenzen, doch verlaufen diese in deutlich kleineren Rahmen als jemals zuvor in der Transformers-Reihe und Knight rückt viel lieber die aufkeimende Freundschaft zwischen Charlie und dem irgendwie knuffigen Transformer mit den traurigen Augen in den Vordergrund.

 

Und so entwickelt sich Bumblebee zu einem bodenständigen, warmherzigen und charmanten Coming of Age-Film irgendwo zwischen E.T. und The Iron Giant, der leider immer mal wieder zu einem sentimentalen Rührstück verkommt und dessen größte Schwäche für mich seine manische Retro-Gefallsucht ist. Etwas weniger dieser penetrant wie plakativ und manchmal regelrecht obsessiv eingesetzten 80er Jahre-Referenzen wären angenehm gewesen, denn Bumblebee wirft damit nur so um sich und zitiert gefühlt wahllos queerbeet von The Smiths und Joy Division über Elvis Costello, Alf und a-ha bis hin zu Bruce Lee und The Breakfast Club und gleich wieder zurück. Auch der für meinen Geschmack etwas zu sehr in Richtung Slapstick tendierende Humor konnte mich nicht immer so ganz abholen, aber dafür ist Hailee Steinfeld in der Rolle der hemdsärmeligen Charlie ziemlich toll und verleiht ihrer Figur Ecken und Kanten ohne in nerviges Teenager-Getue abzugleiten. Die verhandelten Konflikte mögen nicht groß sein, doch zumindest sind sie glaubwürdig. Auch John Cena scheint mächtig Spaß und Gefallen an seinem Agent Burns zu finden und überhaupt ist es sehr angenehm, dass der Film seine Figuren ernst nimmt und niemanden als Comic Relief auf dem Altar schlechter Witze opfert.

 

Ja, Bumblebee ist der bisher wohl erträglichste Film der Transformers-Reihe, aber der Maßstab ist ja auch denkbar niedrig anzusetzen. Immerhin: der nun eingeschlagene Pfad ist ein guter, weg vom unerträglichen Blockbuster-Spektakel aus dem Hause Bay und hin zu bodenständigem Charme und Witz. Nicht alles geht für mich hier auch immer ganz auf und manches nervt über die gesamte Laufzeit gesehen, aber insgesamt ist Travis Knight mit Bumblebee ein überraschend zurückhaltender Big Budget-Film der etwas anderen Art gelungen.

 

6 von 10 ausgeworfenen Kassetten

 

 

Schneeflöckchen (2017)

13. April 2019 at 20:09

 

 

© Lopta Film/Ventard Film/Capelight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

Gleich ist Gangbang-Party in der Hölle und dein Arsch ist der Haupteingang.“

 

 

Ein Berlin in naher Zukunft, Anarchie auf den Straßen: die beiden Kleinkriminellen Javid und Tan befinden sich auf ihrem ganz eigenen Rachefeldzug, als sie plötzlich ein ominöses Drehbuch finden, das offenbar ihr eigenes Leben erzählt. Als sie dessen Autor Arend Remmers ausfindig machen und es umschreiben lassen wollen, da setzen sie eine unvorhersehbare Kette der Ereignisse in Gang, an deren Ende sich die Leichenberge türmen.

 

Zunächst einmal kann ich dem Team rund um Regisseur Adolfo J. Kolmerer, Drehbuchautor Arend Remmers und Produzent Eric Sonnenburg nur meinen grenzenlosen Respekt aussprechen für diesen enormen Kraftakt: insgesamt etwa fünf Jahre Produktion, vom Mund abgespart, in der Freizeit realisiert und am System Filmförderung vorbei, immer mit ungebrochenem Willen das feste Ziel vor Augen, die eigene Vision umzusetzen und Spaß dabei zu haben. Ich muss jedoch zugeben, dass da anfangs viel heftiges Augenrollen und planloses Schulterzucken meinerseits war, wurde ich doch arg aufs Glatteis geführt, doch ab einem gewissen Punkt hat es Klick gemacht, wenn sich Schneeflöckchen vielmehr als Meta-Reflexion über das Medium Film selbst versteht, denn als plumpe Aneinanderreihung allseits bekannter Versatzstücke. Vordergründig sind die Vorbilder von Kolmerer für seinen wilden Ritt durchs Genrekino offensichtlich und sein Regiedebüt changiert irgendwo zwischen Tarantinos Popkultur-Collagen, dem DIY-Ethos eines frühen Rodriguez, dem Meta-Brainfuck von Spike Jonze und einer Zeit, als Kevin Smith noch gute Filme gedreht hat.

 

Doch verdichtet sich die zunächst eher episodenhaft strukturierte und zusammenhangslos anmutende Handlung auf das Drehbuch im Drehbuch, dann schwingt sich Schneeflöckchen rotzfrech wie clever in ganz andere Sphären. Da schreibt sich der Film in seinem Verlauf immer wieder selbst um, ändert seine Handlung und den Ablauf der Ereignisse, verschiebt Zeitebenen und spielt erstaunlich selbstbewusst mit seiner grundlegenden Meta-Idee, welche sich zu weitaus mehr entwickelt als ein bloßes Gimmick und zugleich auch als Spiegel der eigenen Entstehungsgeschichte funktioniert. Dazu sieht man dem Film sein Mini-Budget von etwa 80.000 Euro beinahe nie an und visuell kann sich Schneeflöckchen mehr als nur sehen lassen. Die Erzählung mag nicht perfekt auf den Punkt sein, das Schauspiel ist vielleicht nicht immer gelungen und so manche Länge schleicht sich auch ein, doch auf der anderen Seite feuern Kolmerer und Remmers in hohem Tempo mit so vielen absurd schrägen Einfällen um sich und entfachen einen solchen Strudel der Ideen, dass einem mitunter Hören und Sehen vergehen könnte. Das alles ist mutig, frisch, turbulent, unvorhersehbar, kreativ, wild und über allem schwebt deutlich spürbar die Liebe aller Beteiligten zum Medium Film. Deutsches Genrekino wie man es sich nur wünschen kann und vielleicht immer erhofft hat, welches es sich redlich verdient hat, in die Welt hinaus getragen zu werden.

 

7 von 10 Diskussionen über den perfekten Döner

 

 

The Favourite (2019)

5. Februar 2019 at 13:58

 

 

© Fox Searchlight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

There are limits to what one can give.“

 

 

 

Der britische Königshof unter der Regentschaft von Queen Anne: England ist im Krieg mit Frankreich und die Regierung uneins angesichts der Frage ob, Frieden aushandeln oder weiter kämpfen sinnvoller erscheint angesichts leerer Staatskassen. Die Königin selbst ist durch ihre Krankheit gezeichnet und vertraut vollkommen auf ihre engste Beraterin Sarah Churchill. Als jedoch deren Cousine Abigail um Anstellung bittet, da ändert sich die Atmosphäre am Hof, denn zwischen Sarah und Abigail entbrennt ein erbitterter wie hinterhältiger Kampf um die Gunst der wankelmütigen wie launischen Königin.

 

Man muss es sagen: mit The Favourite hat der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos nach sperrigen und unangenehmen Werken wie Dogtooth (2009), The Lobster (2015) und The Killing of a Sacred Deer (2017) seinen bislang zugänglichsten Film gedreht. Wo er sonst einen eher verkopften, unterkühlt distanzierten und sehr nüchternen Stil der Inszenierung pflegte, da wirft The Favourite nun einen deutlich wärmeren, geradezu empathischen Blick auf seine Figuren, entdeckt die Tragik, welche ihnen auch innewohnt, und wirkt insgesamt leichter verträglich und weniger speziell. Das mag vielleicht auch zum Teil mit daran liegen, dass Lanthimos nun erstmals in seiner Karriere nicht auch am Drehbuch beteiligt war und stattdessen Deborah Davis und Tony McNamara ein Feuerwerk an hervorragend pointierten, klugen wie giftigen, oft ungezähmten und doch geschliffenen Dialogen entfachen ließ. So entwickelt sich mit der Ankunft von Abigail am Hof von Queen Anne ein herrlich intrigantes Ränkespiel um die Gunst der Königin, in dem die Frauen zur Abwechslung mal die Männer nach Belieben manipulieren und für ihre ganz eigenen Ziele benutzen.

 

Auch offenbart The Favourite einen garstigen, ätzenden und bitter bösen Blick auf die britische Aristokratie, wenn pompöse Bälle, Entenrennen und hemmungsloses Kuchenessen inklusive Erbrechen im Kontrast stehen zu einem Land, welches sich im Krieg mit Frankreich befindet und dessen Bevölkerung zunehmend aufbegehrt gegen seine Obrigkeit. Getragen wird all das von einem wirklich fantastischen Ensemble rund um Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone, eine besser als die andere, und mit unglaublich starken Leistungen. Besonders Olivia Colman gelingt es herausragend gut das Launenhafte ihrer Figur voller Hingabe und mit genau dem richtigen Gespür für Nuancen herauszuarbeiten, wenn sie Queen Anne als impulsives Kind interpretiert, einsam, ängstlich, verloren. Ein Balanceakt, denn das hätte leicht zur Karikatur verkommen und ins Lächerliche abkippen können, doch Colman entwirft eine sehr ambivalente Figur, die zu gleichen Teilen Opfer wie Bestandteil der Strukturen ist, die jede dieser drei Frauen in ihren Rollen gefangen halten. Visuell ist The Favourite über jeden Zweifel erhaben, ist fantastisch wie opulent ausgestattet, egal, ob Setting oder Kostüme, und wird darüber hinaus von Kameramann Robbie Ryan (Slow West, I Am Not a Serial Killer, I, Daniel Blake) wunderbar in Szene gesetzt.

 

The Favourite ist sowohl schön und witzig wie zugleich auch böse und traurig geraten, ist manchmal schräg und ausufernd, manchmal irre komisch, hat aber immer auch den zutiefst tragischen Kern im Blick. Erstmals begegnet Yorgos Lanthimos seinen Figuren mit Empathie, erweitert seinen sonst eher kühlen Stil um Wärme und gestaltet seinen Film so deutlich zugänglicher. Doch Gewinner kennt Lanthimos auch dieses Mal keine. Some wounds do not close.

 

8 von 10 Mal die schnellste Ente der Stadt spazieren führen

 

 

Into the Night (1985)

23. Dezember 2018 at 19:58

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Let me ask you something. Maybe you can help me. What’s wrong with my life? Why is my wife sleeping with someone else? Why can’t I sleep?“

 

 

 

Ed Okin leidet schon seit geraumer Zeit unter Schlaflosigkeit und muss zu allem Überfluss auch noch herausfinden, dass seine Frau ihn betrügt. Getrieben von seiner Schlaflosigkeit fährt er nachts ziellos durch Los Angeles als ihm eine fremde Frau namens Diana plötzlich ins Auto springt, weil sie sich auf der Flucht vor einem iranischen Killerkommando befindet. Ed fährt los ohne zu wissen, was genau eigentlich los ist, und es beginnt ein wilder Trip durch die Stadt.

 

Ganz ähnlich wie Miracle Mile drei Jahre später ist auch Into the Night ein Film über Los Angeles als Stadt selbst und Regisseur John Landis (Blues Brothers, American Werewolf, Trading Places) liefert eine filmische Liebeserklärung an die Stadt der Engel, wenn er sie quasi als dritten Hauptdarsteller neben Jeff Goldblum und Michelle Pfeifer inszeniert. Allein der Einstieg in den Film gestaltet sich als lose Collage aus Impressionen eines nächtlichen Los Angeles, eine Art Streifzug durch die Nacht wie ihn auch unser schlafloser Protagonist erleben soll, ist Ed Okin – noch unwissentlich und unterbewusst – doch auf der Suche nach einem anderen Leben wie auch gleichermaßen auf der Flucht vor seinem eigenen Leben, welches in einer einengenden Sackgasse steckt. Doch in dem Moment, in welchem Diana so dramatisch in sein Leben tritt, da bietet sich ihm eine Möglichkeit, eine Chance, ein Wagnis, auf welches es sich einzulassen gilt. Insofern bietet Into the Night nicht nur rund zwei Stunden Eskapismus für den Zuschauer, sondern gerade auch für seinen Protagonisten.

 

Und trifft Ed nun also auf Diana, dann entspinnt Landis eine bunte wie turbulente Odyssee durch die Nacht mit immer irgendwie leicht verschobenem Rhythmus, leicht neben der Spur wie Ed selbst auch, traumwandlerisch, und immerzu pendelnd zwischen Slapstick und Ernsthaftigkeit, aber auch nicht immer ganz sauber ausbalanciert. Alles beginnt am LAX (wo auch Collateral beginnt und Heat endet) und der geradezu irrwitzige Trip durch die Nacht führt das unfreiwillige Duo schließlich von der Marina Del Rey über Hollywood hin zu den Paramount Studios, weiter nach Beverly Hills und Century City und schließlich über den Pacific Coast-Highway zurück zum LAX, wo sich dann der erzählerische Kreis schließt. Dazu gesellen sich in Nebenrollen und Gastauftritten zahlreiche Freunde und Weggefährten von Landis wie Dan Aykrod, David Bowie, Jack Arnold, Lawrence Kasdan, David Cronenberg, Rick Baker, Don Siegel, Roger Vadim, Clu Gulager, Jim Henson, Richard Farnsworth und Jonathan Demme, ja sogar Landis selbst ist Teil des iranischen Killerkommandos.

 

Jeff Goldblum ist mit seinem etwas verschleppten, immer leicht entrückten und von seiner Übermüdung geprägten Schauspiel nahezu perfekt für die Rolle des Ed Okin und dennoch stiehlt die noch junge Michelle Pfeiffer in ihrer roten Lederjacke ihm in beinahe jeder Szene gnadenlos die Show. Into the Night bewegt sich irgendwo zwischen romantischer Komödie, liebevoller und hübsch inszenierter Hommage an den Film Noir und roher Gewalt, die nie wirklich humorvoll gebrochen wird, sondern immer auch hässlich bleibt. An dem Punkt jedoch wirkt Landis Film auf mich ein wenig orientierungslos, wenn er nicht so recht zu wissen scheint, wohin die Reise nun gehen soll. Dennoch ein wunderbarer Film über eine verrückte Reise durch ein schön bebildertes Los Angeles, der immer wieder mit herrlichen Ideen und Einfällen zu glänzen vermag und vollkommen zu Unrecht immer ein klein wenig in Vergessenheit gerät.

 

7,5 von 10 Fahrten im weißen Elvis-Cabrio