Knives Out (2019)

5. August 2020 at 18:33

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s a weird case from the start. A case with a hole in the center. A doughnut.“

 

 

 

Der reiche Krimiautor Harlan Thrombey wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag in seinem Arbeitszimmer tot aufgefunden. Nicht nur die Polizei, sondern vor allem auch der renommierte Privatdetektiv Benoit Blanc ermitteln in dem Fall und versuchen, die Wahrheit zu enthüllen.

 

Mit Knives Out beweist Rian Johnson eindrucksvoll, dass sein Ausflug in das Star Wars-Universum mit Episode VIII (2017) nach seinem hervorragendem Debüt Brick (2005), dem tollen Nachfolger Brothers Bloom (2008) und dem zumindest gelungenem Looper (2012) kaum mehr als ein Ausrutscher im Schaffen eines interessanten und spannenden Regisseurs war. Einem Befreiungsschlag gleichkommend widmet sich Johnson nun wieder einem originären Stoff aus seiner Feder und liefert zugleich die beste Antwort auf all den Unmut, der ihm einst aus der Star Wars-Fanbase entgegen schlug.

 

Sicherlich sind die Vorbilder für Knives Out mehr als nur offensichtlich, und doch gelingt es ihm mit seinem Drehbuch, immer wieder eigenständige und frische Ansätze zu finden. Was sich anfangs noch als eher klassisch gehaltenes Whodunnit gestaltet, das wird schon bald mit seiner ersten Enthüllung eine erzählerische Vollbremsung hinlegen und völlig andere Richtungen einschlagen. Johnson gelingt das Kunststück, dem Zuschauer geschickt Wissen vorzugaukeln, wo eigentlich gar keines ist, und ihn so glauben zu lassen, vordergründig Erwartungshaltungen zu erfüllen, obwohl er diese im Grunde immer wieder bricht. Dazu entwirft er ein komplexes Netz aus Personen, Beziehungen, Nöten, Bedürfnissen, Motiven, Eitelkeiten und ganz viel verletztem Stolz. Jeder hier hat irgendein Geheimnis im Gepäck, irgendeine Leiche im Keller, ein mögliches Motiv, überall lauern Schein und Sein, Lug und Betrug und alle sind immer nur Versionen von Versionen von Versionen. Knives Out ist bei weitem nicht nur sein vermeintlicher Krimiplot, sondern auch das Abbild einer zutiefst dysfunktionalen Familie und zugleich eine Art Querschnitt der modernen Gesellschaft. Allein das allerletzte Bild spricht da Bände, wenn bestehende Verhältnisse kurzer Hand umgekehrt werden.

 

Überhaupt ist das Drehbuch wahnsinnig gut geschrieben, enorm detailversessen, es sprüht nur so vor Charme und Witz und glänzt mit seiner elegant ausformulierten Sprache voller messerscharfer, pointierter Dialoge. Es ist oftmals eine helle Freude, den flinken Wortwechseln zu lauschen. Vor allem aber auch, weil ein exzellenter Cast mit ihnen arbeiten darf. Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Toni Colette, Don Johnson, Christopher Plummer, Chris Evans, Ana de Armas, LaKeith Stanfield oder Rian Johnson-Langzeitwegbegleiter Noah Segan, ja, sogar Joseph Gordon-Levitt in einer winzigen Sprechrolle und M. Emmet Walsh hat auch eine kleine Szene… ein grandioses Ensemble, das zweifellos und ohne Ausnahme aufzeigt, wozu jeder einzelne von ihnen fähig ist. Mein einziger Kritikpunkt an der Stelle wäre auch bloß, dass ich mir von so mancher tollen Figur etwas mehr Screen time gewünscht hätte. Ansonsten ein Genuss. Und erst die Inszenierung. Allein, wie Rian Johnson die ersten Verhörszenen durch Detektiv Benoit Blanc ausgestaltet, das ist wirklich toll. Wenn Schnitt und Montage virtuos verschmelzen, bloß um immer wieder den Blickwinkel zu verschieben und so quasi im Schnelldurchlauf Konflikte innerhalb der Familie aufzuzeigen. Oder das Familienanwesen selbst, mit seinen Gängen, Winkeln und Hallen, vollgestopft mit lauter kruder Memorabilia wie ein schräges Museum und ein Geheimnis für sich selbst.

 

Rian Johnson vermag abermals seine Fähigkeiten als Regisseur und als Autor unter Beweis zu stellen und knüpft mit seiner krimihaften Ausrichtung nicht nur inhaltlich an sein Regiedebüt Brick an. Knives Out ist klug, durchdacht, stilsicher, witzig und vor allem gerade keine Parodie auf sein Genre, kennt er doch seine Vorbilder, ohne diese blind zu kopieren. Johnson nimmt seinen Stoff und die Figuren ernst, vergisst aber nie den Spaß dabei, das hübsche, kleine Augenzwinkern, den Spaß am Fabulieren, die ausgeschmückte Erzählung, das bewusst ausgestellte Drama.

 

8,5 von 10 Mal Mord ist ihr Hobby auf Spanisch schauen.

 

 

Imperium

4. Februar 2017 at 13:02

 

 

  © Lionsgate Premiere

 

 

 

„We all create a narrative based on what we think is important.We see what we want to see. But just because you’re not looking at something… doesn’t mean it’s not there.“

 

 

 

Nate Forster ist ein eher unscheinbarer und introvertierter Analyst beim FBI. Seine Vorgesetzte jedoch erkennt in ihm das Potential zum Undercover-Agenten und wählt ihn für einen Einsatz aus. Das Ziel ist es, ein rechtsextremes Netzwerk zu infiltrieren, dessen Mitglieder einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe zu planen scheinen. Anfangs fällt es Nate noch schwer zu erkennen, wer innerhalb der Szene nur lautstarkes Großmaul ist und wer wirklich Pläne schmiedet, doch mit zunehmender Zeit undercover dringt er immer tiefer in diese Welt voller Rassenkriegsideen und zionistischen Verschwörungstheorien vor und sieht sich zunehmend mit Problemen konfrontiert.

 

Schon mit der allerersten Einblendung zu Beginn von Imperium etabliert Regisseur Daniel Ragussis das zentrale Motiv seines Filmes, wenn er ein nachträglich Hitler zugeordnetes Zitat einblendet und so die manipulative Macht des gesprochenen Wortes in den Mittelpunkt rückt. Words build bridges into unexplored regions. Das ist ein interessanter Ansatz, der immer wieder im Film auftaucht und auch die Neonazi-Szene als Objekt der Infiltration gibt einiges her. Darüber hinaus ist zwar Imperium handwerklich gelungen, stilistisch aber eher Mittelmaß und arbeitet sich Punkt für Punkt durch die Checkliste für den Undercover-Thriller. Neues kann Ragussis dem Genre nicht hinzufügen und abgesehen von seinem Milieu kann sich sein Film kaum bis gar nicht von anderen Vertretern dieser Disziplin abheben. Imperium ist sehr langsam und zurückhaltend inszeniert, verlässt sich überwiegend auf seine Atmosphäre und rückt lieber seine Hauptfigur und deren schwierigen Spagat zwischen zweier grundlegend verschiedener Welten in den Vordergrund, statt auf Action oder Gewalt zu setzen. Besonders hervorzuheben ist in meinen Augen neben der sehr guten darstellerischen Leistung von Daniel Radcliffe, der sich mehr und mehr von seiner Rolle des Harry Potter frei zu spielen scheint, vor allem die sehr differenzierte Betrachtung und Ausleuchtung der Neonazi-Szene. Weder wird hier Schwarz/Weiß-Malerei betrieben noch einfach nur blindlings dämonisiert, sondern vielmehr auf Zwischentöne gesetzt, um ein recht differenziertes Bild zu zeichnen. Nate trifft auf seinem Weg immer tiefer in diese ausgesprochen misstrauische Szene bei weitem nicht nur auf debile wie stumpfe Schlägertypen, die einem gemischtrassigen Paar am liebsten gleich an Ort und Stelle die Zähne ausschlagen würden statt auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Natürlich ist die Idee nicht neu, dass die eigentliche Gefahr viel mehr aus der bürgerlichen Mitte kommt, dass der integrierte wie anerkannte Anzugträger als geistiger Brandstifter und charismatischer Rattenfänger gefährlicher ist als der hohle und orientierungslose Springerstiefelträger, aber Imperium macht das gelungen nochmals deutlich. Beim vegetarischen Barbecue wird da inmitten biederster und spießigster Vorstadtkulisse fleißig networking betrieben und Cupcakes mit Hakenkreuzen gibt es auch. Da werden schon die Kinder auf den bevorstehenden Rassenkrieg vorbereitet, aus ethnischer Diversität wird im Handumdrehen der Genozid an der „weißen Rasse“ und zionistische Verschwörungen werden an jeder Ecke vermutet und gehören bekämpft.

 

Letztlich ist Imperium ein solider Beitrag zu den bereits unzähligen Undercover-Thrillern dieser Welt, welcher seinem Genre zwar nichts neues hinzufügen kann oder gar herausragt, seine Materie aber sehr wohl verstanden hat. Das Setting selbst ist angenehm unverbraucht und bietet genug Tiefe, um spannend zu bleiben, wird ungewöhnlich differenziert betrachtet und Daniel Radcliffe verkörpert seine Figur des Undercover-Agenten einnehmend und überzeugend. Nennenswerte Höhen und Tiefen gibt es hier ebenso wenig wie Anlässe zu Jubelarien oder Verrisse. Ist doch zu Abwechslung auch mal ganz schön.

 

6,5 von 10 mit Hakenkreuzen verzierte Cupcakes