Mandy (2018)

2. Dezember 2018 at 21:18

 

 

© RLJE Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Der Holzfäller Red lebt zusammen mit seiner Freundin Mandy in den abgelegenen Wäldern Kaliforniens ruhig und bescheiden, doch als der fanatische Sektenführer Jeremiah auf Mandy aufmerksam wird, da will er sie um jeden Preis besitzen. Also schickt er die Jünger seiner Children of the New Dawn los, um sie zu entführen, doch Mandy ist nicht gewillt sich ihm anzuschließen. Daher lässt er sie vor den Augen von Red umbringen: ein schwerer Fehler, denn dieser sinnt fortan auf Rache.

 

Nothing is better than cheddar. Wer Panos Cosmatos Erstlingswerk Beyond the Black Rainbow (2010) kennt, der hätte möglicherweise erahnen können, was ihn nun mit Mandy erwarten würde: aufreizend zelebrierte Langsamkeit in schwelgerischer Bilderflut mit geradezu hypnotischer Wirkung. Wenn gleich zu Beginn die Klänge von King Crimsons Starless ertönen, dann erleben wir nicht weniger als einen der schönsten Einstiege in einen Film seit Langem. Ästhetik und Atmosphäre stehen klar im Vordergrund und Cosmatos ist deutlich weniger an der zu erzählenden Geschichte interessiert als an den Untiefen seines visuellen Einfallsreichtums. Und der hat es in sich, wenn er einfach alles versucht aufzufahren, was seine Vision so hergibt: entfremdete und verzerrte Bilder, jede Menge Farbfilter, gezeichnete Sequenzen, unnatürliche Lichtstimmungen, Stroboskop-Effekte – also visuelle Spielereien beinahe jedweden Ursprungs. Dazu knallt der grimmige, dröhnende und regelrecht grollende Synthie-Score von Jóhann Jóhannsson ordentlich rein und liefert den nötigen dichten Klangteppich direkt aus der Hölle. All das verdichtet Cosmatos schließlich zu einem vibrierenden, fiebrigen, geradezu psychedelischen und vor allem düsteren Heavy Metal-Fantasy-Märchen, einem sinnlichen wie gleichermaßen artifiziell surrealen und wilden Alptraum, und entrückt das Geschehen von der Realität, wenn er es ganz unverblümt ins offen Fantastische überhöht. Dazu spielt er ganz unbefangen und lustvoll mit jeder Menge Genrefilm-Klischees und zahllosen Versatzstücken aus dem Heavy Metal, pulpiger Fantasy und Science Fiction, billigen Romanen und Comicwelten.

 

Und dann ist da noch der Irrwisch Nicolas Cage: es dauert zwar eine Weile, doch wenn es soweit ist, dass er vollkommen ungehemmt und entfesselt aufdrehen darf, dann schreit, heult, wütet, spuckt, kotzt und schlägt er nur so um sich wie sonst nur in Wild at Heart. Eine darstellerische und körperliche Tour de Force sondergleichen. So gehören die ersten zwei Drittel von Mandy zum schönsten und betörendsten wie auch verstörendsten, was ich seit langer Zeit gesehen habe, doch wenn Red sich dann im letzten Drittel voll und ganz seiner Rache verschreibt, stoisch unbeirrt seinen blutigen Pfad begeht und die Streitaxt ihre erbarmungslosen Kreise ziehen lässt, dann verliert der Film plötzlich etwas von seiner Magie und gleitet stattdessen in eher konventionell Gefilde ab. Die grellen Stilmittel der Inszenierung werden von Cosmatos merklich zurückgefahren, das erzählerische Tempo wird angezogen und die Bildsprache deutlich geradliniger, was ein wenig auf Kosten des so herrlichen psychedelischen Irrsinns geht. Es ist ein wenig merkwürdig, doch gerade der erzählerisch eher freie, ausgedehnte und nur lose strukturierte Teil von Mandy vermag mich deutlich stärker in seinen Bann zu ziehen als die finale, eher schnell vollzogene Abrechnung mit den Children of the New Dawn.

 

Mandy ist sperrig geraten, in seiner ganzen Machart ausgesprochen eigenwillig und eines ist völlig klar: leicht machen will es Cosmatos dem Zuschauer keinesfalls, denn dafür ist sein Werk viel zu kompromisslos ausgefallen und schert sich zu wenig um Erwartungshaltungen. Aufregendes Genrekino ist das, zweifellos Style over Substance, aber auch ein wunderschöner Trip von ästhetischer Brillanz in die pulsierende Untiefen einer anderen Welt, fremdartig, rauschhaft, surreal und doch durch und durch eine ungezügelte Liebeserklärung an ein Kino, welches in dieser Form heute beinahe zu existieren aufgehört hat. Anwärter auf den Film des Jahres? Vielleicht. Faszinierendes, einnehmendes und mutiges Genrekino entgegen verkrusteter Sehgewohnheiten? Zweifellos.

 

9 von 10 Pfeilen, die durch Knochen schneiden wie ein dickes Kind durch Torte

 

 

Outrage (2010)

1. Dezember 2018 at 17:13

 

 

© Warner Bros./StudioCanal/Quelle: IMDb

 

 

 

Einen kleinen Zwist zwischen zwei Fußsoldaten der Familien Ikemoto und Murase, welcher sich eigentlich problemlos schlichten lassen könnte, nehmen das intrigante Oberhaupt Sekiuchi und seine rechte Hand Kato zum Anlass, um nach und nach einen blutigen Krieg zwischen den beiden Familien zu entfesseln.

 

Outrage markiert nach rund zehn jähriger Pause Takeshi Kitanos Rückkehr zum Yakuza-Film, denn seit Brother (2000) hat der japanische Regisseur und Schauspieler nicht mehr in diesem Genre gewildert. In seiner oftmals drastischen Eskalation ist Outrage beinahe schon brüllend komisch, so brachial eruptiv bricht die Gewalt über die Protagonisten herein. Was mehr oder weniger als Bagatelle beginnt, das nimmt in seinem streng geschnürten Korsett aus Regeln, Pflichten, Tradition und Abbitte schnell geradezu groteske Züge an und entwickelt sich zu einem episodenhaften, leicht fragmentarisch erzählten Krieg zweier Familien, inszeniert als immer schneller wirbelnde Abwärtsspirale aus Rache und Ehrgefühl, die kaum zu durchbrechen ist. Dabei ist die Story selbst eigentlich noch minimaler angelegt als gewohnt, doch wie die einzelnen Parteien geradezu politisch taktieren, wie unbarmherzig Entscheidungen getroffen und Schicksale beschlossen werden, wie jeder Entschluss voll und ganz vom Einzelnen getrennt und allein der Familie untergeordnet wird, das ist auf eine sehr unterkühlte Art und Weise faszinierend.

 

Kitano inszeniert diesen speziellen Mikrokosmos Yakuza wie unter einem Brennglas unter verschärften Bedingungen und zeigt mit nüchterner Präzision ein gnadenloses Haifischbecken, wenn jeder letztlich nur nach Höherem strebt, koste es, was es wolle, und die viel zitierte Ehre am Ende doch nur auf der Strecke bleibt. So entsteht auch ein Konflikt zwischen Moderne und Tradition, wenn Jüngere mit weniger Respekt nach oben drängen und sich eine Art Zeitenwechsel abzeichnet. Nach jeder weiteren Stufe der Eskalation werden die Karten neu gemischt, Positionen neu verteilt und Fronten gewechselt, so dass nur die rohe Gewalt als alleinige Konstante bestehen bleibt, wenn Aktion und Reaktion immerzu absurder werden. Das Outrage als eine Art Ensemble-Film angelegt ist und keine wirkliche Hauptfigur aufbietet, verstärkt nur noch dessen unpersönlich distanzierte Wirkung, wenn Kitano schonungslos Machtstrukturen nicht nur illustriert, sondern auch gleich dekonstruiert. Sicherlich keines seiner Meisterwerke, dennoch aber ein Film, mit dem Kitano seinen Kritikern lustvoll den Spiegel vorhält, wenn er eben gerade die Elemente grotesk überspitzt und genüsslich ausreizt, welche seinen Werken sonst nur zu gern vorgeworfen werden.

 

7 von 10 Mal Gesichter mit Teppichmessern aufschlitzen

 

 

On the Job (2013)

23. November 2018 at 18:45

 

 

© Star Cinema/Well Go USA Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Daniel und Tatang sind Auftragskiller im Dienste einer namenlosen Organisation, deren Kunden bis in aller höchste Regierungskreise reichen. Der findige Clou dabei: die beiden sind eigentlich Häftlinge und werden für ihre Aufträge durch ein tiefgreifendes Geflecht aus Korruption und Bestechung aus dem Gefängnis geschleust und wieder zurück. Ein nahezu perfektes System, doch die beiden Polizisten Acosta und Coronel kommen dem Ganzen nach und nach auf die Spur.

 

Kalt erwischt. BuyBust brachte mich hierher, weil er mein Interesse sowohl an seinem Regisseur Erik Matti als auch am jüngeren philippinischen Actionkino generell geweckt hat. Und On the Job kann sich mehr als nur sehen lassen und mühelos mit westlichen Genre-Vertretern mithalten. Ähnlich wie bereits in BuyBust zeichnet Matti auch hier ein sehr düsteres, dreckiges Bild von Manila als regelrechten Sündenpfuhl, als verkommenen urbanen Dschungel im glänzenden Neonlicht nächtlicher Straßen mit Abschaum an jeder Ecke. Ein durch und durch korrupter Moloch voller Niedertracht, Intrigen, Verrat und undurchdringlichem Filz ohne Moral, wo ein Menschenleben kaum mehr Wert ist als die Kugel, die es beendet. Passend dazu ist die erzählerische Prämisse von On the Job perfide wie genial und simpel, aber auch ungemein effektiv. Tatang und Daniel versuchen auch nur zu überleben und nutzen dafür jede Gelegenheit. Verhalte dich unauffällig, passe dich an, spiel das Spiel mit: das gilt sowohl für den harten Knastalltag als auch für das Leben außerhalb.

 

Erstaunlich selbstbewusst treibt Matti zwei Handlungsstränge zielstrebig, aber sanft voran, welche dann im weiteren Verlauf geschickt zusammen geführt werden. Das braucht anfangs vielleicht etwas an Geduld, doch das zahlt sich aus. Dazu versteht Matti es immer wieder ausgesprochen spannende Momente zu kreieren, lässt On the Job manchmal sogar seltsam berührend wirken und findet seinen Schlusspunkt auf einer bitterbösen Note, wenn klar wird, dass das System letztlich immer schmutzig spielt und immer gewinnt. Das alles ist auf der handwerklichen Ebene tadellos inszeniert und die wenigen Actionszenen sind sehr dynamisch geraten, von roher Energie und ihre Seltenheit lässt sie nur noch pointierter wirken. Etwa zur Hälfte der Laufzeit gibt es eine tolle Parallelmontage, welche von einem pumpenden, treibenden Score unterlegt in eine kurze, aber packende Actionsequenz mündet, nur um kurz darauf nach kleiner Verschnaufpause ausgedehnt nochmals einen Gang höher zu schalten. On the Job ist auch noch deutlicher als BuyBust in einen Actionthriller gehüllte Sozialkritik am bestehenden System und dessen korrupter Politik, verkommt aber nie zum reinen Vehikel für seine anklagende Message. So hat mir der Film auch deutlich besser gefallen als zuletzt BuyBust und ist zweifellos ein weiterer gelungener Beweis dafür, dass auch abseits etablierter Filmmärkte sehenswerte Streifen von starker Qualität entstehen können und ein Actionthriller auch mal ein wenig anspruchsvoller sein kann ohne gleich sein Genre aus dem Fokus zu verlieren.

 

8 von 10 Stangen Zigaretten

 

 

BuyBust (2018)

16. November 2018 at 19:13

 

 

© Viva Films/Well Go USA Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Dem Drogenboss Biggie Chen soll bei einem Drogendeal endgültig das Handwerk gelegt werden, doch der Zugriff einer philippinischen Spezialeinheit geht schief und plötzlich sehen sich die Männer und Frauen einer schier endlosen Übermacht in den Slums von Manila gegenüber. Ein gnadenloser Kampf ums Überleben entbrennt.

 

Diesmal die Philippinen statt Indonesien. BuyBust von Regisseur Erik Matti ist eine Art The Raid light in den verwinkelten, unübersichtlichen und manchmal geradezu klaustrophobisch engen Slums von Manila statt einem Hochhaus in Jakarta, ohne jedoch jemals dem offensichtlichen Vorbild das Wasser reichen zu können. Zwar ist das beinahe schon urwaldartige, dreckige und kaum zu überschauende Labyrinth aus Sperrmüll, Plastikplanen und Wellblech voller potentieller Gefahren und BuyBust versteht es stellenweise immer mal wieder Spannung aufzubauen, doch der Film ist für seine Laufzeit von rund zwei Stunden mit so wenig Inhalt vor allem zu lang geraten, und auch das erzählerische Tempo gerät immer wieder ins Straucheln. Besonders zu Beginn braucht BuyBust zu lange, um richtig Fahrt aufzunehmen, bietet im Gegenzug aber auch kaum brauchbares Identifikationspotential.

 

Zwar versucht Matti den Fokus zunächst auch auf die Figuren zu legen, doch wirklich gelingen will ihm das nicht. So braucht es rund eine halbe Stunde, bis der Film seine eigentlichen Qualitäten demonstrieren kann: die Action. Die Shootouts können sich wirklich sehen lassen, sind druckvoll in Szene gesetzt und lassen es ordentlich krachen. Leider können die Kampfszenen da nicht so ganz mithalten, lassen Druck, Tempo und vor allem Können ein wenig vermissen (oder ist man da inzwischen durch Bretter wie The Raid, Headshot oder The Night Comes for Us etwas verwöhnt?) und auch der manchmal etwas unübersichtliche Schnitt macht das nur bedingt besser. Dafür ist BuyBust insgesamt erstaunlich kompromisslos und stellenweise ist es fast schon unangenehm, mit welcher Kaltblütigkeit Kollateralschäden in Kauf genommen werden. So bleibt unterm Strich ein durchaus ansehnlicher Actionreißer von den Philippinen mit Höhen und Tiefen, der zwar nie in die Oberklasse vorstoßen kann, aber dennoch in seinen besten Momenten ordentlich Gas gibt, vor allem ein nicht ganz so verbrauchtes Setting vorzuweisen hat und visuell interessante Punkte setzen kann.

 

6,5 von 10 zerfetzten Körpern im Dreck