The House of Horrorctober #5: Dog Soldiers

12. Oktober 2017 at 23:04

 

 

© Pathé

 

 

„I am not breaking radio silence just cos‘ you lot got spooked by a dead flying fucking cow.“

 

 

In seinem Langfilmdebüt lässt der Brite Neil Marshall in den schottischen Highlands eine kleine Gruppe von Soldaten im Manöver auf Werwölfe treffen. Zwar gestaltet sich der Einstieg in den Film als noch etwas schleppend, das Tempo steigert sich aber in seinem Verlauf immer weiter und erreicht spätestens mit seinem Belagerungsszenario einen Höhepunkt, der sich durchaus sehen lassen kann. Marshall beweist hier sein Talent, aus relativ wenig einen erstaunlich effektiven, fiesen, kleinen Schocker zu erschaffen, und versteht es hervorragend sein limitiertes Budget derart einzusetzen, dass es nicht allzu sehr ins Gewicht fällt und Dog Soldiers wohl möglich allzu billig wirken könnte. Man sieht dem Film seine Low Budget-Herkunft zwar durchaus an, Marshall inszeniert jedoch mit ausreichend Esprit und Einfallsreichtum, um das schnell vergessen zu machen. Sind die verbliebenen Soldaten erst einmal in dem Haus im Wald und unter Belagerung durch die Werwölfe, dann hält auch ausreichend Spannung Einzug in das Szenario und die Atmosphäre aus Terror und Angst wird dichter. Die filmischen Vorbilder von Marshall sind recht offensichtlich zu identifizieren und reichen von John Carpenters Assault on Precinct 13 bis zu Filmen wie Southern Comfort von Walter Hill. Sicher hat Dog Soldiers seine Schwächen und sieht manchmal mehr nach einer TV-Produktion aus, aber Neil Marshall zeigt mit seinem Debüt bereits, was in ihm schlummert, und was er hier 2002 bereits verspricht, das sollte er später mit tollen Genrefilmen wie The Descent, Doomsday und Centurion einlösen. So wie es aussieht, wird er die Regie beim Hellboy-Reboot führen und das ist definitiv mal eine reizvolle Kombination.

 

6,5 von 10 Darmschlingen auf dem Fußboden

 

 

Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

Jack Reacher: Never Go Back

3. Oktober 2017 at 13:29

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

Nachdem er mit Hilfe von Major Susan Turner einen korrupten Kleinstadt-Sheriff hochnehmen konnte, möchte Jack Reacher seine Kontaktperson bei der Militärpolizei endlich mal persönlich kennenlernen. In Washington angekommen, muss er jedoch feststellen, dass Major Turner wegen angeblicher Spionage verhaftet worden ist, doch Reacher lässt sich nicht so ohne weiteres abschütteln und ermittelt in dem Fall auf eigene Faust weiter.

 

Machen wir es kurz: ob und in wie weit die Jack Reacher-Filme nun werkgetreue Adaptionen der Romane von Lee Child sind, das kann und will ich nicht beantworten, weil ich zum einen die Bücher nicht gelesen habe und dieses Thema zum anderen bereits oft genug aufgegriffen wurde. Der erste Film von 2012 erwies sich rückblickend als durchaus bodenständig wie angenehm zurückhaltend inszeniert im Vergleich zum sonst eher üblichen Action-Blockbuster und eröffnete Regisseur Christopher McQuarrie letztlich die Möglichkeit, den ziemlich guten Mission Impossible: Rogue Nation zu realisieren. Für die Fortsetzung steht nun Edward Zwick  hinter der Kamera und Tom Cruise selbst produziert und übernimmt erneut die Hauptrolle. Ein Blick auf die Karriere von Zwick mit Filmen wie Blood Diamond, Der letzte Samurai oder Ausnahmezustand zeigt, dass er es in der Vergangenheit durchaus zu verstehen wusste, Action und Drama geschickt miteinander zu verbinden. Umso verwunderlicher ist es, dass der Oscarpreisträger mit Jack Reacher: Never Go Back einen ausgesprochen mittelmäßigen und beliebigen Actionthriller von der Stange abliefert. Das alles ist zweifellos handwerklich solide inszeniert, wirkt aber auch vollkommen austauschbar und zeigt keinerlei Handschrift seines Regisseurs. Der Plot ist vorhersehbar und die Handlung allzu bekannten Strukturen geradezu sklavisch ergeben ohne jemals wirklich überraschen zu können. Schlimmer noch: auf der inhaltlichen Ebene wirkt Jack Reacher: Never Go Back wie eine Doppelfolge der TV-Serien JAG oder Navy CIS. Die Geschichte selbst rund um die Verschwörung durch den privaten Militärdienstleister ParaSource ist dermaßen generisch und uninspiriert vorgetragen, dass man es kaum glauben mag und sie sofort durchschaut. Dazu gesellen sich Dialoge voller Plattitüden und mäßigen Onelinern, vollkommen austauschbare und blasse Schurken sowie eine erzählerisch annähernd irrelevante Vater/Tochter-Konstellation. Wirklich konfrontative Action findet man eher selten, denn meist sind Jack Reacher und sein Anhang auf der Flucht vor dem Militär, der Polizei oder den Schergen der Bösewichte. Geht es wirklich mal zur Sache, dann ist die Action zwar routiniert, aber auch recht beliebig umgesetzt und immer darauf bedacht, ihren Star möglichst gut aussehen zu lassen. So bleibt letztlich ein moderner, glatt gebügelter Actionthriller aus der zweiten Reihe, welcher erstaunlich wenig aus seinem Budget macht. Zusammengesetzt aus dem Baukasten ohne Ecken und Kanten, ohne nennenswerte Höhen und Tiefen, zweifellos solide inszeniert, aber auch ohne erkennbare Handschrift, ist Jack Reacher: Never Go Back nicht wirklich langweilig, aber rückblickend auch kaum erinnerungswürdig. Kurzweilig genug, um keine Zeitverschwendung zu sein, jedoch ohne jegliche Alleinstellungsmerkmale, die ihn aus der grauen Masse ähnlicher Streifen herausragen lassen.

 

5 von 10 schwarzen Limousinen

 

 

 

Spartan

24. September 2017 at 11:54

 

 

© Warner Bros.

 

 

 

„You had your whole life to prepare for this moment. Why aren’t you ready?“

 

 

 

Robert Scott ist der Mann, den die amerikanische Regierung als Problemlöser hinzuzieht, wenn alle anderen Optionen scheitern. Er macht die Schmutzarbeit, auf sich gestellt und weit jenseits legaler Grenzen. Als die Tochter des Präsidenten verschwindet ist er es, der sie wiederfinden soll. Die Spur führt zu einem arabischen Ring von Mädchenhändlern, die scheinbar gar nicht wissen, wer genau ihnen da in Fänge geraten ist. Die Zeit Spiel gegen Scott, er muss schnell und kompromisslos handeln, doch bald wird ihm klar, dass irgendetwas nicht stimmen kann.

 

Über Spartan reden bedeutet auch unweigerlich über seinen Regisseur und Drehbuchautor David Mamet zu sprechen. Mamet ist ohne jeden Zweifel einer der genialsten Köpfe unter den gefühlt unendlich vielen Drehbuchautoren dort draußen und noch vielen mehr, die gern welche sein würden. Als Autor zahlreicher Theaterstücke (von denen American Buffalo und Glengarry Glen Ross später auch verfilmt wurden) und Drehbücher für Filme wie Wenn der Postmann zweimal klingelt, The Verdict, The Untouchables, Auf Messers Schneide, Ronin, Wag the Dog und eben auch Spartan ist er bekannt für einen ganz eigenen sprachlichen Stil voller schneller, kraftvoller Dialoge, die eher selten einfach nur Informationen geben, sondern vielmehr Figuren charakterisieren und Atmosphäre erschaffen. Ausufernde Beschreibungen und ausgedehnte Erklärungen sucht man bei ihm vergeblich, er schreibt wahnsinnig präzise und pointiert und wirft nur zu gern ins kalte Wasser ohne sich groß mit Expositionen aufzuhalten. So beginnt Spartan mehr oder weniger unvermittelt in der Handlung, wenn Robert Scott bereits als Problemlöser hinzugezogen wird, doch was genau zuvor geschah, das muss man sich anhand des weiteren Storyverlaufs schon selbst zusammen reimen. So verschwendet Mamet in seinem Drehbuch nicht eine Sekunde dafür zu erklären, wer genau die entführte Laura Newton eigentlich ist und lässt nie explizit darauf hinweisen, dass sie die Tochter des Präsidenten ist, aber allein die Art, wie andere Figuren agieren und über sie sprechen macht es nur überdeutlich. Das mag ein wenig eigenartig anmuten in Anbetracht des Genres, welchem sich Spartan widmet, spielt dort doch meist eher Bewegung die Hauptrolle und nicht das gesprochene Wort, doch dieser Ansatz funktioniert in seinem speziellen Kontext ganz hervorragend. Bei näherer Betrachtung kommt man dann auch zu dem Schluss, dass gerade Mamets eigenwilliger Stil dazu beiträgt, aus seinem Film einen der ungewöhnlichsten und interessantesten Genrebeiträge der letzten Jahre zu machen, der seinem Genre durchaus sogar neue Impulse verleihen und frische Ideen mit auf den Weg geben kann. Eine besonders große Leistung in seiner Inszenierung ist es, wie geschickt es Mamet versteht dem Zuschauer entscheidende Informationen vorzuenthalten und präzise dosiert im Unklaren zu lassen, ohne dass man sich betrogen fühlt. Im Gegenteil, Spartan ist seinem Zuschauer selbst dann noch immer einen Schritt voraus, wenn man schon längst glaubt, den Plot durchschaut zu haben. Zudem unterscheidet sich Mamets Film wohltuend von so vielen seiner Genre-Brüder, wenn zur Abwechslung mal nicht jedes noch so kleine Detail auserzählt werden muss, Dinge auch mal unausgesprochen in Grauzonen bleiben dürfen und moralische Schattierungen außerhalb der üblichen Klischees zugelassen werden, welche durchaus auch ein wenig Denkvermögen einfordern.

 

Keine Frage, allzu leicht macht es David Mamet mit Spartan seinen Zuschauern nicht. Auch die Action selbst im Film ist zwar zweifellos ungemein effizient, zugleich aber auch angenehm zurückhaltend und hübsch geerdet im Vergleich zu manch anderem Actionthriller, kompetent inszeniert, spürbar druckvoll und trotzdem bodenständig. Robert Scott ist durch und durch Profi auf seinem Gebiet, aber er ist kein großer Denker und Entscheider, der strategische Pläne entwirft, er ist vielmehr ein Macher, der dorthin geht, wohin man ihn schickt, kaum mehr als eine weitere Schachfigur im Spiel viel mächtigerer Männer im Hintergrund. Sich selbst bezeichnet er mehrfach im Film als working bee, er sieht sich als Drohne, die präzise ihre Aufträge erfüllt. Ein Job, auf den er nicht stolz ist, aber einer, der erledigt werden muss und in dem er verdammt gut ist. Scott ist kein Held und erst recht kein Sympathieträger: er tut was nötig ist, wendet Gewalt an um Geständnisse aus Kollegen zu pressen, einem Verdächtigen bricht er ohne mit der Wimper zu zucken erstmal den Arm und befragt ihn erst dann, einen Mord nimmt er eiskalt in Kauf, um sich das Vertrauen eines weiteren Verdächtigen zu erschleichen. Was er tut zu hinterfragen, das beginnt er erst, als er sich plötzlich inmitten eines Netzes aus Lügen und Intrigen wiederfindet und auf der falschen Seite steht. Spartan wirft einen durchaus unangenehmen Blick auf die Arbeit diverser Geheimdienste und deren Akteure, denn glorifiziert wird hier gar nichts und es wird auch mehr als nur deutlich, welchen Wert selbst die besten unter ihnen noch haben, wenn sie den Strippenziehern im Weg stehen.

 

Viel zu oft kommt Spartan einfach völlig zu Unrecht sehr schlecht weg, egal, ob auf Seiten der Kritiker oder des Publikums. Es ist wahnsinnig schade, dass David Mamets Film so sträflich unterbewertet wird, hat er doch so manches zu bieten, was ihn erfrischend abhebt vom sonst so oft üblichen Genre-Einerlei. Das Drehbuch ist intelligenter geschrieben, als man auf den ersten Blick vermuten würde und serviert dem Zuschauer nicht jedes kleine Fitzelchen mundgerecht auf dem Silbertablett, behält aber gleichzeitig wichtige Informationen so geschickt für sich, dass man sich nicht beleidigt fühlt, und platziert seine Wendungen im Storyverlauf sehr punktgenau. Spartan ist einer der vielleicht maßlos unterschätztesten und verkanntesten Filme überhaupt und das ist verdammt schade. Wenn man einen geradlinigen wie schnörkellosen Actionkracher sucht, dann ist man mit Spartan sicherlich falsch beraten, denn dem üblichen Genre-Größenwahn verweigert sich der Film und punktet lieber an anderen Stellen. Und Robert Scott würde mit Jack Reacher und Konsorten den Boden wischen.

 

8 von 10 bewusst in Kauf genommenen Kollateralschäden