I Come with the Rain (2009)

24. April 2018 at 19:13

 

 

© TF 1 International

 

 

 

„I’m not afraid of you. You don’t know what I have done.“

 

 

 

Kline ist Cop in Los Angeles, bis er in der Gewalt des perversen Serienkillers Hasford ein wahres Martyrium durchleben muss. Seelisch wie körperlich gebrochen und deformiert, schlägt er sich fortan als Privatdetektiv durch. Sein neuester Auftrag kommt von dem mächtigen Boss eines gigantischen Pharmakonzerns: Kline soll dessen vermissten Sohn wieder finden. Die Spur führt über die Phillipinen schließlich nach Hong Kong, wo er sich erneut seinen ganz eigenen Dämonen stellen muss.

 

Ein merkwürdiger wie rätselhafter Film. Immer, wenn er mir in meinem Filmregal unterkommt, dann denke ich: och, eigentlich war der gar nicht sonderlich gut. Aber dann ist er in meinem Kopf und nistet sich dort ein, bis er dann doch in den Player wandert. Manchmal noch am selben Abend, manchmal Tage später, aber früher oder später kriegt er mich und dann sitze ich doch wieder knappe zwei Stunden mit offenem Mund da. I Come with the Rain vom vietnamesischen Regisseur Tran Anh Hung mag nicht ganz so sperrig daherkommen wie beispielsweise Only God Forgives von Nicolas Winding Refn, dennoch geht eine ganz ähnliche visuelle Anziehungskraft ebenso von ihm aus wie ein offenkundiger Mangel an erzählerischer Stringenz. Was als handelsüblicher Neo-Noir-Thriller vor dezent exotischer Kulisse beginnt, das erfährt schon bald so manch irrsinnige Wendung, ergießt sich in einen irrlichternd pulsierenden Bilderreigen und mündet in einer Art verzerrtem religiösen Drama. Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn I Come with the Rain beinahe jegliche Erzählstruktur aufzugeben scheint, dann entwickelt sich ein dennoch mitreißender visueller Rausch, ein Kaleidoskop der Bilder und Farben in den nächtlichen Straßenschluchten eines von Neonlicht gefluteten Hong Kong, nur noch weiter auf die Spitze und darüber hinaus getrieben von einem großartigen Score aus zahlreichen Songs von Bands wie Radiohead, Explosions in the Sky, Godspeed You! Black Emperor oder Thee Silver Mt Zion. Da gibt es zum Beispiel ungefähr zur Hälfte eine geradezu famose Montagesequenz zu den Klängen von Radioheads Climbing Up The Walls.

 

Dazu blitzen immer wieder verstörende Szenen und Bilder auf, die sich regelrecht auf der Netzhaut einbrennen, wenn beispielsweise der Gangsterboss Su Dongpo einen seiner Männer brutal hinrichtet, einen Obdachlosen mit dessen toten Hund erschlägt oder wenn Kline von Flashbacks und Albträumen geplagt wird, in denen immer wieder die grotesken menschlichen Skulpturen vom Serienkiller Hasford im Mittelpunkt stehen, die so auch aus dem Body Horror-Klassiker The Thing von John Carpenter stammen könnten. Das überrumpelt, das verstört, das strengt an. I Come with the Rain ist ein physischer wie psychischer Kraftakt, gerade weil sich Tran Anh Hung kaum bis gar nicht für traditionelle Erzählstrukturen – ach was: überhaupt für irgendwelche Erzählstrukturen – interessiert, weil manchmal ganze Handlungsfäden plötzlich unter den Tisch fallen (so taucht der eigentlich recht interessante Cop Shitao irgendwann einfach nicht mehr auf und spielt keine Rolle mehr) und immer wieder herzlich wenig subtil eingebaute religiöse Metaphern und Bilder für eine krude Erlöser-Allegorie bedient werden. Ich kann jeden verstehen, der damit nichts anfangen kann oder keinen Zugang dazu bekommt – ich selbst kann es eigentlich auch nicht. Geniestreich oder hohle Verpackung? Kryptische und ambitionierte Filmkunst  oder prätentiöses und unnötig religiös aufgeladenes Geschwafel? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Am Ende denke ich dann immer: Och, sonderlich gut ist der Film eigentlich gar nicht… aber diese Bilder in verführerischer Kombination mit dem fabelhaft sphärischen Score… die kriegen mich trotzdem immer wieder, graben sich in mein Bewusstsein, nisten sich wieder dort ein. Ich weiß es nicht anders zu sagen, aber I Come with the Rain entzieht sich mir vollkommen einer Bewertung. Und das kommt nun wirklich nicht oft vor.

 

 

Coen-Retrospektive #12: No Country for Old Men (2007)

27. März 2018 at 18:41

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© Mirimax Films/Paramount Vintage

 

 

 

„The crime you see now, it’s hard to even take its measure. It’s not that I’m afraid of it. I always knew you had to be willing to die to even do this job – not to be glorious. But I don’t want to push my chips forward and go out and meet something I don’t understand. You can say it’s my job to fight it, but I don’t know what it is anymore. More than that, I don’t want to know. A man would have to put his soul at hazard. He would have to say, „O.K., I’ll be part of this world“.“

 

 

 

Eigentlich wollte Llewelyn Moss nur auf die Jagd gehen, doch als er mitten in der texanischen Wüste auf die Überreste eines augenscheinlich schief gegangenen Drogendeals inklusive einem großen Haufen Geld stößt, da trifft er die folgenschwere Entscheidung, das Geld einfach mitzunehmen. Das wiederum ruft den mysteriösen wie eiskalten Killer Anton Chigurh auf den Plan, welcher das Geld zurück holen soll. Ist er erst einmal mit von der Partie, kommt es zu einer schrecklichen Eskalation der Gewalt, der auch der in die Jahre gekommene Sheriff Ed Tom Bell nichts entgegenzusetzen hat.

 

Ich glaube, ich werde nie vergessen, wie ich damals nach No Country for Old Men aus dem Kino kam: sprachlos und von dem Gefühl beseelt, so eben pure Kinomagie erlebt zu haben. Wie ein eiskalter, tief schwarzer und alles Licht verschlingender Monolith ragt dieses Monstrum von Film aus dem Schaffen der Coen-Brüder heraus. Zutiefst existenzialistisch ist diese Geschichte rund um Jäger und Beute, um Schicksal und Entscheidungen. Alles was wir tun, das hat auch immer Konsequenzen. Schon ganz am Anfang, zu Beginn vom Erstling Blood Simple, da erklärt der schmierige Privatdetektiv Loren Visser aus dem Off dem Zuschauer: „But what I know about is Texas, an‘ down here… you’re on your own.“ No Country for Old Men sollte diese Erkenntnis perfekt auf den Punkt bringen: jeder hier steht ganz für sich allein. Der zwölfte Film der Coens ist zweifellos der (vorläufige) absolute Höhepunkt ihrer Karriere und eine geradezu bestechend logische Konsequenz aus ihrer nun mehr Jahrzehnte andauernden Entwicklung, eine thematisch, atmosphärisch und philosophisch vollkommen stringente Fortführung von Fargo und The Man Who Wasn´t There. In allen drei Filmen geht es um mehr oder weniger völlig normale Männer, vom Schicksal vielleicht nicht immer begünstigt, aber sicherlich nicht bestraft, die kriminell werden und damit einfach alles aufs Spiel setzen. Ihre Entscheidungen treffen sie in vollem Bewusstsein möglicher Konsequenzen und riskieren nicht nur leichtfertig und durchdrungen von ungeahnter Selbstüberschätzung ihre Leben, sondern auch die ihrer Lieben, ihrer Freunde, ihrer Verwandten. Und mehr noch: durch ihre Entscheidungen verlassen sie quasi die menschliche Gesellschaft mit all ihren Normen und Werten, drehen ihr den Rücken zu und leiten dadurch ihr Ende ein.

 

No Country for Old Men ist auch innerhalb des Oeuvre der Coens durch den annähernd vollständigen und sehr auffälligen Verzicht auf den sonst so typischen skurrilen, mal tiefschwarzen, dann wieder cartoonesk überdrehten Humor ausgezeichnet. Wirklich zu lachen gibt es hier herzlich wenig, im texanisch-mexikanischen Grenzland mit seiner erdrückenden Weite und schroffen Kargheit, wo die gnadenlos brennende Sonne schon zum Feind werden kann. Roger Deakins liefert hinter der Kamera eine seiner vielleicht besten Arbeiten und fängt das Geschehen in staubigen wie dreckigen, vor Hitze geradezu flirrenden und dazu noch unglaublich präzisen Bildern ein und inszeniert Menschen gern als winzig kleine, verlorene Punkte in breiten Totalen der Wüste. Gesprochen wird in dieser rauen Welt kaum und No Country for Old Men ist der wohl Dialog-ärmste Film der Coen-Brüder, kann dafür aber mit ihren bisher besten Zeilen glänzen: an jeder Ecke lauern Sätze zum Niederknien, die man auswendig lernen oder sich gleich auf den Körper tätowieren will. Entsprechend ist das erzählerische Tempo ungemein zurückgenommen, oft nur auf das Nötigste reduziert und tonal fühlte ich mich immer wieder an Sam Peckinpahs Meisterwerk Bring Me the Head of Alfredo Garcia erinnert. Die Präzision, mit der die Coens ihre Figuren zeichnen, verschlägt einem die Sprache. Wie wenig Pinselstriche sie brauchen, um Moss, Bell und Chigurh mit ausgefeilten Konturen zu versehen, wie wenig es braucht, um diese Figuren greifbar zu machen, ist schlicht beeindruckend und zeugt vom grandiosen erzählerischen Gespür der Brüder.

 

Für mich ist letztlich auch die Figur des Sheriff Ed Tom Bell der Schlüssel zum Film, er dient uns als Ankerpunkt, schlägt eine Brücke zwischen uns sowie Moss und Chigurh und bildet eine erzählerische Klammer, indem Prolog und Epilog ihm gehören und er über Gegenwart und Vergangenheit, über Vergänglichkeit, Gewalt, Alter und Fortschritt reflektieren kann. Die Richtung ist klar: Man kann sich auf nichts verlassen, ist immerzu auf sich allein gestellt, muss jederzeit mit allem rechnen, denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf unsere Vorstellungen. Nicht einmal Anton Chigurh – in seiner vollkommenen Beharrlichkeit kaum weniger als der Tod selbst, ausgestattet mit seinen ganz eigenen Prinzipien jenseits irgendeiner übergeordneten Moral und von Javier Bardem mit einer atemberaubend furchterregenden Präzision verkörpert – kann sich sicher sein und sein Schicksal ereilt ihn letztlich aus dem toten Winkel. Viel wird in No Country for Old Men gestorben, doch oft nur seltsam beiläufig und ohne den Zuschauer als Zeugen. Moss und seine Schwiegermutter erwischt es quasi off screen und wir erleben nur die grausigen Auswirkungen. Über Carla Jean und ihr Schicksal wissen wir sogar noch weniger und  können allenfalls spekulieren. Manch anderen erwischt es sehenden Auges, wieder andere hinterrücks und ahnungslos und einige wenige kommen davon. Letztlich haben wir vielleicht nicht immer Einfluss auf die Dinge, die passieren, aber zumindest tragen wir mit unseren Entscheidungen zu ihrem Verlauf bei. Wir müssen die Konsequenzen unserer Entscheidungen nehmen wie sie kommen, denn ihnen auszuweichen, das Schicksal austricksen zu wollen, das bringt nur weitere, schlimmere Konsequenzen mit sich. Llewelyn Moss entscheidet sich für das Geld: mit eben allen daraus resultierenden Konsequenzen, doch erst seine Flucht vor ihnen in Gestalt von Chigurh macht alles nur noch schlimmer. Nicht nur für ihn, sondern vor allem auch für zahlreiche Unbeteiligte. There are no clean getaways.

 

10 von 10 noch kalten Gläsern Milch

 

 

Coen-Retrospektive #6: Fargo (1996)

8. März 2018 at 12:53

 

 

© Gramercy Pictures

 

 

 

„There’s more to life than a little money, ya know. Don’tcha know that? And here ya are. And it’s a beautiful day. Well. I just don’t understand it.“

 

 

 

Der frustrierte Autoverkäufer Jerry Lundegaard will nichts lieber als aus seinem Leben ausbrechen. Also beauftragt er die beiden Berufsverbrecher Carl Showalter und Gaear Grimsrud mit der vorgetäuschten Entführung seiner Ehefrau in der Hoffnung, sein reicher Schwiegervater würde das Lösegeld bezahlen. Als dieser sich jedoch weigert und auch bei Showalter und Grimsrud mehr und mehr schief läuft, eskaliert die Situation bald vollkommen.

 

Rückblickend ist es schwer zu rekonstruieren, warum es gerade Fargo war, der den Coens erstmals nicht nur Würdigung seitens der Kritik einbrachte, sondern nun auch endlich die Gunst des Publikums. Zweifellos ist der sechste ihrer Filme der erste richtig große Wurf und darf problemlos als vorläufiger Höhepunkt ihres Schaffens angesehen werden. Hier kommt nun endlich alles pointiert zusammen, was das Kino der Coens zuvor auszeichnete, und wird nochmals weiter verdichtet. Thematisch ist Fargo eher eine Rückbesinnung auf die dunklen Motive ihrer Anfangszeit, wird allerdings mit dem bekannten schwarzen Humor und zahlreichen schrägen Figuren angereichert. Zudem scheinen die Coens ein großes Herz für das amerikanische Hinterland und dessen Bewohner zu haben, deren Stimme im Mainstream-Kino eher selten Gehör findet. Das schöne dabei ist, dass sie das keineswegs ironisch meinen und sich nie abschätzig darüber lustig machen. Diesmal kehren sie also zurück zu ihren Wurzeln: in die ländlichen Gegenden von Minnesota. Dort, wo die Zeit etwas langsamer zu vergehen scheint, wo die Menschen eher wortkarg und langweilig sind und wo raue Winter noch an der Tagesordnung stehen, spielt sich ein perfides Verbrechen ab. Die ländliche, winterliche Atmosphäre bietet dabei immer wieder einen herrlichen Kontrast zum oftmals sehr blutigen Geschehen. Schon die ersten Sekunden, wenn sich zum ausladenden wie traurigen Score aus der Feder von Carter Burwell ein Auto aus dem schneeverwehten Bild schält, sich scheinbar unendlich langsam durch das gleißende Weiß schiebt, wird deutlich, wie sehr die Landschaft hier eine ganz besondere Rolle spielen wird. Immer wieder fängt Roger Deakins sie in Aufnahmen leiser, unspektakulärer Tristesse ein und trägt dadurch maßgeblich zu einer in manchen Momenten beinahe schon entrückten Atmosphäre bei.

 

Besonders in den gewalttätigen Szenen ist Fargo geradezu grell brutal und blutig geraten, aber der Film kippt nie ganz in Richtung Farce, sondern ist vielmehr von einer tiefgreifenden, geradezu existenziellen Traurigkeit beseelt und zeigt uns die Absurdität des Lebens. Aber es gibt auch Hoffnung: letztlich ist es das kleine Glück der Gundersons, welches sich als Paradies entpuppt. Ein Ort der Ruhe und Entschleunigung, warm und behütet. Die Vorfreude auf das Baby, das Ei am Morgen und eine Drei-Cent-Briefmarke. Mehr braucht es nicht, man muss es nur auch erkennen. Das ist Jerry nicht gelungen, weil ihm das, was er hat, einfach nicht ausreichen will, und so zerrinnt ihm sein vermeintlich großer Coup – die Aussicht auf ein neues, ein besseres Leben  – wie Sand zwischen den Fingern und seine Verzweiflung wächst und wächst. Am Ende läuft alles furchtbar aus dem Ruder und wenn Jerry letztlich festgenommen wird, in Unterwäsche bei einem mehr als nur dämlichen Fluchtversuch durch ein Toilettenfenster, dann ist das auch mehr als nur erbärmlich. Man vergisst es gern, aber zurück bleibt ein Kind ohne Mutter und Großvater und mit einem Vater im Gefängnis, verantwortlich für all dieses Leid. Vielleicht die wahre Tragödie hinter all dem. Fargo ist ein eigenwilliger, aber eben auch ein wahrhaftiger und deswegen großer Film trotz einer gewissen Intimität, wenn alles durch Schnee und Kälte seltsam gedämpft wirkt. Das ganz große Ding jedoch, das sollte erst noch kommen, aber Fargo verkündet bereits von allem, wozu die Coens fähig zu sein scheinen.

 

9 von 10 offenen Autotüren

 

 

Coen-Retrospektive #4: Barton Fink (1991)

1. März 2018 at 19:23

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„I gotta tell you, the life of the mind… There’s no roadmap for that territory… And exploring it can be painful.“

 

 

 

New York in den frühen 40er Jahren: der aufstrebende Drehbuchautor Barton Fink hat so eben ein sehr gefeiertes Theaterstück geschrieben und wird von den Kritikern als das Wunderkind eines neuen, wahren Theaters gefeiert, als Hollywood an seine Tür klopft. Einen Wrestling-Film soll er schreiben, veredelt mit dem Barton Fink-Touch, obwohl er von der Materie absolut keine Ahnung hat. Dennoch willigt er ein und macht sich auf den Weg nach L.A. Jedoch will es ihm nicht gelingen auch nur irgendetwas brauchbares aufs Papier zu bringen und seine zunehmende Isolation und Einsamkeit lässt ihn Kontakt zu dem schwer versoffenen Autor W.P. Mayhew suchen. Erst spät wird ihm klar, welch bittere Abwärtsspirale er damit in Gang setzen sollte.

 

Die Angst vor einem weißen Blatt Papier und der immerzu währende Kampf gegen die ganz eigenen inneren Dämonen. Auf Schreibmaschinen eindreschende Finger und der hämmernde Klang der Anschläge. Die Schutzwälle, welcher jeder für sich um sich herum erbaut. Das Warten auf die eine Idee, welche den Einstieg erleichtern wird. Dann ist er plötzlich da, der treibende Gedanke, der platzende Knoten, die Initialzündung, ein durchdringendes und befreiendes Gefühl, doch um welchen Preis? Barton Fink ist der vermutlich am stärksten autobiografische Film der Coen-Brüder, nach eigenen Angaben in kürzester Zeit geschrieben als Antwort auf eine Schreibblockade während ihrer Arbeit an Miller´s Crossing. Wieviel von Barton Fink letztlich in ihnen steckt, das wissen nur sie allein, doch auf seinen kleinsten Kern reduziert ist ihr Film ein beinahe gleichnisartiges Bild und zeigt den ambitionierten Autor, der während der quälenden Arbeit an seinem neuesten Werk in seinem eigenen Hirn eingesperrt ist ohne Hoffnung auf baldige Flucht. Natürlich geht es auch um den Prozess des Schreibens selbst: ein geheimnisvoller Prozess, der sich im Rückblick nur schwer rekonstruieren lässt. Und die Ironie dabei ist: Barton Fink schreibt seine größte Arbeit, sein wichtigstes Werk, als er mit seinem vermeintlich unbedeutendsten Auftrag kämpft. Darüber hinaus thematisiert der Film auch das Schreiben von Drehbüchern für größere Filmstudios, den Konflikt zwischen hoher und niederer Kunst sowie der Grenze zwischen Realität und Fiktion und selbst auferlegte Isolation.

 

Immer, wenn ich Barton Fink schaue, dann kommt mir Naked Lunch von David Cronenberg ebenso in den Sinn wie Franz Kafka. Manchmal auch mit Abstrichen Der Mieter von Roman Polanski oder Eraserhead von David Lynch. Barton Fink vereint vieles in seinen knapp zwei Stunden Laufzeit und ist zu gleichen Teilen schwarze Komödie, Film Noir, Horror-Thriller und Künstlerdrama, aber vor allem ist der vierte Film der Coen-Brüder für ihre Verhältnisse ausgesprochen surreal in seiner Inszenierung geraten. Allein Finks Absteige – das schmuddelige Hotel Earle mit seinem Slogan „A day or a lifetime“ – bietet eine ganze Reihe herrlich merkwürdiger und schräger Szenarien: etwa gleich zu Beginn die scheinbar nicht enden wollende Klingel auf dem Hoteltresen oder der aus einer Luke im Boden unvermittelt empor steigende Hotelpage Chet. Überhaupt das Hotel mit seinen immerzu gleich aussehenden leeren Fluren und den unzähligen Paar Schuhen vor den Türen, mit den schwitzenden Wänden und den sich ablösenden Tapeten, mit der plagenden Mücke und den Nachbarn, die man nie zu Gesicht bekommt, sondern immer nur hört. Die Isolation, die Versagensangst und die immer tiefer gehende Abkehr in sein Innerstes beginnen Finks Wahrnehmung zu trügen und das immer alptraumhafter werdende Hotel verschärft diesen Prozess nur noch mehr: schon bald lassen sich Realität und Fiktion, Wahrheit und Wahn kaum noch von einander trennen. Und Barton Fink schlurft durch all diese merkwürdigen Szenarien mit einer bizarren Mischung aus Arroganz, Naivität und Idealismus und wirkt dabei gleichsam unbeholfen wie verschroben. John Turturro geht total auf in der Figur und scheint wie für sie geschaffen. Sein Spiel wird jedoch vor allem durch die enorm einnehmende Performance von John Goodman überschattet, der dem Versicherungsvertreter und Zimmernachbarn Charlie Meadows eine geradezu infernalische Präsenz verleiht, die selbst in harmlosen Momenten furchteinflößend wirken kann. Als Randbemerkung sei noch erwähnt, dass hier erstmals nicht mehr Barry Sonnenfeld hinter der Kamera die Fäden zieht, sondern nun erstmals ein gewisser Roger Deakins, der fortan bei beinahe jedem weiteren Film der Coens mit an Bord war, diese visuell auch immer prägen konnte und zuletzt durch exzellente Arbeiten für Denis Villeneuve glänzen konnte.

 

Mit Barton Fink erschaffen die Coen-Brüder ein dichtes Netz aus Symbolen, Andeutungen und Metaphern, welches mit zunehmender Laufzeit immer surrealer anmutet und gegen Ende ins rätselhaft Absurde driftet. Wie sehr letztlich Realität und Fiktion verteilt sind, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ihr vierter Film ist düster, komisch, bizarr, manchmal verwirrend und nicht alle Fragen werden auch vollständig beantwortet. Barton Fink haftet etwas Rätselhaftes an, das ich sehr mag.

 

8,5 von 10 idyllischen Strandimpressionen an der Wand