Brawl in Cell Block 99 (2017)

29. Juli 2019 at 18:17

 

 

© RLJE Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I’d rather knit baby booties with pink yarn than hit people for no reason.“

 

 

 

Um seine Ehe und sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen lässt sich Bradley Thomas auf die Lohnliste des Gangsters Gil setzen, für den er fortan Drogendeals abwickelt. Er ist gut in diesem Job, verdient Geld und 18 Monate später ist seine Frau Lauren hochschwanger. Ein vermasselter Job jedoch bringt Bradley für sieben Jahre ins Gefängnis und kostet den mexikanischen Drogenboss Eleazar viel Geld. Er entführt Lauren und droht, sie und Kind zu töten, wenn Thomas nicht dafür sorgt, in das Hochsicherheitsgefängnis Redleaf verlegt zu werden, um dort einen bestimmten Insassen zu ermorden.

 

S. Craig Zahler festigt Film um Film immer weiter seinen Ruf als herausragender und spannender Regisseur im amerikanischen Genre-Kino. Vermählte noch sein Erstlingswerk Bone Tomahawk (2015) den Western mit Elementen des Horrorfilms, so nimmt sich der Nachfolger Brawl in Cell Block 99 den Crime-Thriller gepaart mit einem Charakter-Drama, nur um im letzten Drittel nach einem stilistisch wie ästhetisch tollen Bruch nach hinten in stark eruptive Exploitation auszubrechen. Nicht unähnlich im Vergleich zum Vorgänger lässt sich Zahler in langen Einstellungen auch hier auffallend viel Zeit und baut sein Setting sehr sorgfältig auf ohne jedoch zu viele Worte zu verlieren und geschwätzig zu werden. Es braucht wenig, um dem Zuschauer eindringlich bewusst zu machen, was für ein Mann Bradley Thomas ist, wenn bereits die Art und Weise der Einführung seiner Figur viel über ihn aussagt.

 

Ein großer, kräftiger, wuchtiger Mann, der seiner Umwelt sehr bewusst und kontrolliert gegenüber tritt, seine Stärke zu kanalisieren weiß, und seinen ganz eigenen moralischen Kodex verfolgt, aber auch zu seinen Fehlern steht und Konsequenzen klaglos annimmt. Vince Vaughn macht das auf der darstellerischen Ebene ganz hervorragend, wandelt zwischen Gewalt und Zärtlichkeit, und verleiht dieser Naturgewalt von Mann gleichermaßen Kraft wie Würde. Er kämpft nicht gern, doch wenn er muss, dann wird es hässlich. So ist es letztlich auch keineswegs der Drang nach Freiheit, welcher ihn antreibt, sondern viel mehr die Angst um seine Frau und sein ungeborenes Kind, die ihn immer tiefer in diese ausweglose Abwärtsspirale der Gewalt treibt. Und auch, wenn Brawl in Cell Block 99 sehr früh nur wenig Zweifel daran aufkommen lässt, wie das alles wohl ausgehen wird, so bleibt er doch durchgängig spannend.

 

Dankenswerter Weise verzichtet Zahler im Gegensatz zu vielen seiner postmodernen Regie-Kollegen auf bewusst ausgestellte Ironie, lästiges Augenzwinkern und bemühte Meta-Ebenen, sondern verlässt sich lieber auf seinen extrem entschlackten, fast schon minimalistischen und gradlinigen Plot, vertraut seinem ausgeprägten Gespür fürs Genre und nimmt seine Figuren aufrichtig ernst. Auch die Gewalt ist überraschend wenig stilisiert, nie ästhetisch choreografiert, nicht filigran, sondern brutal, schmerzhaft und vor allem zweckorientiert und auf Zerstörung ausgerichtet. Zahler inszeniert diese teils ungemein harten Szenen auffallend langsam, meist in Totalen, und lässt Körpern Raum sich zu bewegen, sich zu suchen und zu finden. Das Ergebnis ist besonders im vermutlich jetzt schon berüchtigten letzten Drittel vitales, Knochen brechendes, Knorpel knackendes und Fleisch zermalmendes Körperkino.

 

8,5 von 10 mit der Faust eingeschlagenen Seitenscheiben

 

 

Blue Velvet (1986)

22. Juli 2019 at 11:31

 

 

© De Laurentiis Entertainment Group

 

 

 

I’m seeing something that was always hidden. I’m in the middle of a mystery and it’s all secret.“

 

 

 

It´s a strange world, isn´t it? Der Misserfolg von Dune (1984) klang noch nach, da warf sich David Lynch mit Blue Velvet in sein nächstes Projekt und nahm sich hierfür einem seiner Lieblingsthemen an: die brodelnden Abgründe hinter der kleinbürgerlichen Fassade aus akkurat gepflegten Rasenflächen, Rosenbüschen und weißen Gartenzäunen. Blue Velvet nimmt bereits viel von dem vorweg, was Lynchs spätere Arbeiten ausmachen sollte, gibt sich in seiner ganzen Inszenierung jedoch noch deutlich zugänglicher und weit weniger sperrig als beispielsweise Lost Highway (1997) oder Mulholland Drive (2001). Das Surreale wird zwar zweifellos angedeutet und findet auch hier seinen Platz, bleibt aber eher losgelöst von der geradlinigen und in sich schlüssigen Detektiv-Geschichte innerhalb des Plots. Lynch zeichnet hier einen düsteren und geradezu verstörenden Albtraum, bevölkert von zahlreichen Archetypen des klassischen Film Noir, und spielt immerzu mit dem Verhältnis zwischen Beobachter und Objekt der Beobachtung, verschiebt permanent Perspektiven, und lotet mit scharfem wie klugen Blick vor allem Machtverhältnisse aus.

 

Blue Velvet ist ein Film über das Sehen, der den Zuschauer zu seinem Komplizen macht. Obsession, Lust, Begierde, Schmerz, Sex, Gewalt und Kontrolle oder deren Verlust werden hier verhandelt, wenn aus der Konfrontation zwischen Kleinstadt-Idylle und pervertierter Unterwelt eine enorme innere Spannung entsteht. Es ist der Reiz des Verbotenem, der Jeffrey antreibt und immer tiefer in diesen mörderischen Strudel reißt, das Gefühl, einen Blick auf eine Welt zu erhaschen, welche so niemals seine wird sein können, auch nie für seine Augen bestimmt war und ihn dennoch so ungemein fasziniert. Eine Welt hinter der Welt. Nach und nach zerstört Lynch die trügerische Idylle, nach und nach bröckelt die Fassade und offenbart immer größere Abgründe. Dabei sind Jeffrey und Sandy naiv, beinahe schon kindlich in ihrem Detektiv-Spiel, und vollkommen ahnungslos, wem oder was sie da auf der Spur sind. Die Ereignisse sind in eine ganz wunderbare erzählerische Klammer eingebettet, wenn alles mehr oder weniger endet wie es begonnen hat, doch etwas ist anders. Jeffrey bekam Einblick in eine verstörende Welt und weiß nun um die Ambivalenz der Dinge und Menschen um ihn herum. Lynch wäre nicht Lynch, wenn er nicht doch noch einen Widerhaken einbauen würde und entlarvt so die Falschheit dieser vermeintlichen Idylle am Ende gnadenlos.

 

Grundsätzlich ist Blue Velvet voller hochgradig ambivalenter wie vielschichtiger Figuren, die zwar wenig über sich persönlich preisgeben und doch allein über ihre Handlungen tiefe Einblicke in ihr Innenleben gewähren. Der Cast ist herausragend gut besetzt bis in die kleinste Nebenrolle: Dennis Hopper, Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini, Laura Dern, Dean Stockwell, Brad Dourif und Jack Nance spielen zum Teil geradezu beängstigend gut. Vor allem Hopper als Frank Booth liefert eine absolute Meisterleistung, welche man so schnell nicht wird vergessen können, aber auch Rossellini als Dorothy Vallens stellt sich mit einer hinreißenden Komplexität Gefühlen, an die sich sonst wohl kaum jemand heranwagen würde. Seiner Zeit war Blue Velvet mehr als nur umstritten, wurde abgestraft und von den Kritikern gnadenlos verrissen, doch heute ist er einer der vielleicht wichtigsten amerikanischen Filme der 80er Jahre. Eine unbequeme Herausforderung, die vordergründig wenig bis keine Freude beim Zuschauer auszulösen vermag, eine schäbige Welt ohne Reiz oder gar Schönheit, und doch kann man sich nur sehr schwer von ihr lösen. Weder die Figuren in ihr, noch der Zuschauer selbst. Lynch hält uns allen den Spiegel vor. Now it´s dark.

 

10 von 10 ausgestopften Rotkehlchen

 

 

Coldblooded (1995)

7. Juli 2019 at 14:09

 

 

© IRS Media/Quelle: IMDb

 

 

 

Remember, guns don’t kill people, WE kill people.“

 

 

 

Der zurückhaltende, etwas einfältige Cosmo Reif arbeitet als treuer Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als der Boss Max verstirbt und nun mit Gordon ein neuer Mann das Sagen hat, wird Cosmo eher unfreiwillig und gegen seinen Willen zum Killer befördert. Fortan geht er bei dem erfahrenen Steve in die Ausbildung und erweist sich als Naturtalent. Schon bald winkt der erste Auftrag.

 

Kalt erwischt, kann ich da nur sagen. Wie konnte dieser tolle Film nur jahrelang an mir vorüber gehen? Was der vornehmlich als Produzent tätige Wallace Wolodarsky hier mit seinem Regiedebüt Coldblooded erschaffen hat, das braucht sich nicht zu verstecken. Weder 1995, noch heute. Eine bitter-böse, sarkastische und zuweilen sehr zynische Thriller-Farce ist das, deren Humor die stärkste Waffe ist. Trocken und ungemein lakonisch geht es hier zur Sache und obwohl ein zarter Nachklang von Tarantino durch den Film hallt, ist Coldblooded mehr on point und nicht so geschwätzig wie manche seiner Filme. Die Dialoge sind unglaublich pointiert, treffsicher und präzise geschrieben, sind teils wirklich böse und doch voller Leichtigkeit. Überhaupt ist der ganze Film angenehm unaufgeregt in Szene gesetzt und mit einem locker entspannten Tempo versehen.

 

Und dann ist da noch Jason Priestley in der Hauptrolle des Cosmo Reif. Ich habe es kaum glauben wollen, aber Priestley ist hier gnadenlos gut als angehender Profikiller mit Inselbegabung, ein bisschen wie Forest Gump mit Waffen und ohne moralischen Kompass. Es ist ungemein faszinierend, dem Teenie-Star der 90er dabei zu zuschauen, wie sein scheuer Cosmo erst das Töten lernt, dann sein Talent dafür entdeckt und schließlich beginnt, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Auch ist es nicht das Töten selbst, das ihm Freude bereitet, sondern viel mehr die Erkenntnis, endlich mal in etwas gut zu sein. Fast schon tragisch. Auch der Rest vom Cast rund um Peter Riegert, Kimberly Williams-Paisley, Robert Loggia und Janeane Garofalo machen ihre Sache mehr als nur gut und der hier auch als Produzent tätige Michael J. Fox bekommt eine der besten Szenen im Film spendiert. Coldblooded ist ein gnadenlos unterschätztes Juwel und vollkommen zu Unrecht derart unbekannt.

 

8 von 10 Mal ins Schwarze treffen

 

 

Marathon Man (1976)

3. Juli 2019 at 18:57

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Oh, please don’t worry. I’m not going into that cavity. That nerve’s already dying. A live, freshly-cut nerve is infinitely more sensitive. So I’ll just drill into a healthy tooth until I reach the pulp.“

 

 

 

Als eines Abends vor der Tür des Studenten Thomas Levy dessen schwer verletzter Bruder steht und letztlich stirbt, beginnt seine behütete Welt zu bröckeln. Nicht nur, dass sein Bruder tot ist, er scheint auch nicht der gewesen zu sein, für den Thomas ihn immer gehalten hat. Als er dann überfallen, entführt und brutal gefoltert wird, beginnt für ihn ein Kampf ums nackte Überleben.

 

Sieben Jahre nach Asphalt Cowboy arbeiten Dustin Hoffman und Regisseur John Schlesinger für Marathon Man erneut zusammen. Nach einem Drehbuch von William Goldman, welcher damit seinen eigenen Roman adaptierte, schickt der Plot den Studenten Thomas „Babe“ Levy in eine Tour de Force aus Angst, Paranoia und Schmerz rund um einen berüchtigten ehemaligen KZ-Arzt und den von ihm gestohlenen Diamanten. Zunächst aufgeteilt in drei Subplots bleibt Marathon Man auf der Handlungsebene lange Zeit relativ diffus, undurchsichtig und geheimnisvoll und offenbart seine größeren Zusammenhänge erst später, wenn sich nach und nach mit jedem weiteren Mosaiksteinchen ein Bild aus Gier, Verrat, Lügen und Misstrauen ergibt. Ein perfides Netz, in dem sich der ahnungslose Babe hier unverschuldet wiederfindet, der schon bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Nicht nur sein Bruder Doc ist nicht der Mann, für den er ihn immer gehalten hat, sondern sämtliche Beziehungen und Bekanntschaften stehen urplötzlich auf dem Prüfstein. Was ist wahr, was gelogen, wem kann er überhaupt noch trauen? Sein ganzes Leben gerät in nur einer einzigen Nacht vollkommen aus den Fugen.

 

Is it safe? Diese vom KZ-Arzt Szell beinahe wie ein Mantra immerzu wiederholten drei Worte hinterlassen beim Zuschauer ebenso viel Verwirrung wie bei Babe selbst, wissen wir in der berühmt berüchtigten Folterszene doch genauso wenig wie er, was einen ganz wunderbar verstörenden Effekt hat. Zwar finde ich es immer etwas schade, dass Marathon Man oft auf diese Szene reduziert wird obwohl er darüber hinaus noch viel mehr zu bieten hat, doch ist sie von Schlesinger überaus klug umgesetzt, wenn sie maximal unangenehm ausfällt ohne explizit sein zu müssen. Das bloße Geräusch eines Zahnarztbohrers und Babes markerschütternde Schreie reichen vollkommen aus und Schlesinger setzt voll auf die Vorstellungskraft des Zuschauers, immer in dem Wissen, dass dieser blanke Horror in jedem Kopf Nahrung findet.

 

Marathon Man ist meisterhaft inszeniertes Spannungskino, ein raffinierter Thriller mit kluger Erzählstruktur und exzellentem Tempo, atmosphärisch dicht, voller politischem Subtext und dazu noch herausragend gespielt. Wie Schlesinger den Konflikt letztlich auflöst, das kommt unerwartet und wirkt nach. Auch aufgrund der Banalität der Motive. Zurück bleibt Babe, seelisch wie körperlich zerstört, für immer gezeichnet.

 

8,5 von 10 Marathonläufen in Schlafanzughosen