The Driver (1978)

12. Dezember 2017 at 21:27

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„I really like chasing you.“ – „Sounds like you got a problem.“

 

 

 

Beinahe ein Duell auf Augenhöhe: ein namenloser Detective jagt einen namenlosen Fluchtwagenfahrer durch das nächtliche Los Angeles, doch dieser scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein und lässt sich einfach nicht fassen. Als der Detective jedoch eine Bande von Räubern auf frischer Tat ertappt, wittert er seine Chance, den Driver endgültig dingfest zu machen. Dafür muss er jedoch selbst über das Gesetz hinaus gehen.

 

Im Zuge meiner Gedanken zu Streets of Fire habe ich ja bereits ausführlich erwähnt, wie sehr ich das stark kinetisch geprägte Kino von Walter Hill schätze und mag. Seine Filme sind oftmals deutlich stärker angetrieben durch Bewegung als durch Inhalte und Handlung. Hill steht für Actionkino in seiner reinsten Form und The Driver ist dafür ein geradezu prädestiniertes Belegexemplar. Die Handlung ist augenscheinlich flach, das Figurenensemble mehr als nur überschaubar, die Charaktere sind so sehr eindimensionale Archetypen innerhalb einer kalten Welt, dass sie nicht einmal Namen tragen, sondern einzig anhand ihrer Funktion benannt werden, das Tempo ist ungemein hoch und die Struktur enorm geradlinig und schnörkellos. Aber wie Hill diese knapp 90 Minuten inszeniert, das geht deutlich über die Grenzen des Genres hinaus und kann auch heute noch die meisten modernen Filme ähnlicher Machart locker in die Tasche stecken. Einige der Bilder erinnern mit ihrer kühlen Distanziertheit durchaus auch an die Gangster-Filme eines Jean-Pierre Melville, wenn Hill ein überwiegend nächtliches L.A. vollkommen abseits sonstiger Erlebniswelten einfängt und stattdessen triste wie eintönige Lagerhäuser und menschenleere Tiefgaragen in den Fokus rückt. Auch Michael Mann dürfte The Driver gesehen haben und beeindruckt gewesen sein. Die Handlung scheint sich regelrecht losgelöst von der realen Welt abzuspielen und etabliert ihre vollkommen eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Drive von Nicolas Winding Refn beispielsweise ist immens beeinflusst von The Driver und seiner Welt, welche Walter Hill entwirft, und wie er sie inszeniert. Ganz aktuell Baby Driver von Edgar Wright auch und viele andere Vertreter dieses speziellen Genres ebenfalls. Die Action ist wie bei Hill eigentlich immer ganz hervorragend umgesetzt und im Besonderen die Verfolgungsjagden sind wirklich beeindruckend in Szene gesetzt. Kein Wunder, war er doch bereits bei Bullitt (1968) von Peter Yates als Regie-Assistent an den Auto-Sequenzen beteiligt. Trotz seiner überschaubaren Laufzeit erlaubt sich Hill den Luxus, sowohl seinen Protagonisten mit einer rund 15 minütigen Verfolgungsjagd anfangs einzuführen als auch dem schweißtreibenden Finale eine ähnliche Dauer zu gönnen. Dazu vereint sein Film mit Ryan O´Neal (auch wenn die Figur eigentlich Steve McQueen hätte spielen sollen) als Driver, Bruce Dern als der Detective und vor allem mit der wundervollen Isabelle Adjani in ihrer ersten amerikanischen Produktion als The Player ein fantastisches Trio vor der Kamera, welches auch viel zum Reiz von The Driver beiträgt.

 

Mit The Driver gelingt Walter Hill ein sehr reduzierter und minimalistischer Actionfilm, ein kühles wie distanziertes, aber konzentriertes und dennoch rasantes, geradezu pulsierendes Kleinod mit mehr Tiefgang, als man angesichts seiner vermeintlich oberflächlichen Struktur vermuten würde. Auf der erzählerischen Ebene eher schlicht und geradlinig gehalten, ist The Driver in seiner Inszenierung allerdings ungemein effektiv und packend und gerade im rauschhaften Finale wahnsinnig spannend. Stilsicher wie düster prägt Walter Hill mit seinem im Übrigen erst zweiten Film überhaupt ein ganzes Genre und zeigt mit erstaunlicher Lässigkeit, was das Kino zu leisten vermag.

 

8 von 10 fesselnden Verfolgungsjagden durch die Nacht

 

 

Sprengkommando Atlantik/North Sea Hijack/ffolkes (1980)

10. Dezember 2017 at 15:37

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„I like cats, and I don’t like people who don’t.“

 

 

 

Captain Rufus Excalibur ffolkes (das kleine f ist keineswegs ein Tippfehler) ist schon ein wahrlich exzentrisches Exemplar Mann voller Marotten und inklusive markiger Sprüche zu Hauf: er liebt seine Katzen, er hasst Frauen und Raucher und er trinkt gern schon zum Frühstück seinen Scotch – pur selbstverständlich, alles andere wäre ein Frevel. Aus seinem Londoner Club ist er umgehend ausgetreten, als der Vorstand beschloss, auch Frauen aufzunehmen. Und auf seiner schottischen Burg bildet er eine private Armee von Kampftauchern aus. Als Terroristen eine Ölbohrinsel besetzen, die Crew als Geiseln nehmen und 25 Millionen Pfund von der britischen Regierung erpressen wollen, werden ffolkes und seine Männer beauftragt, die gefährliche Situation zu entschärfen. Wie auch schon bei dem Söldner-Actioner The Wild Geese ( Die Wildgänse kommen) zwei Jahre zuvor merkt man schon, dass Regisseur Andrew V. McLaglen noch aus einer vollkommen anderen Zeit stammt und von den jungen Wilden des New Hollywood ins Abseits gedrängt und überholt wurde. Und so steht auch ffolkes mit einem Bein noch in einer Zeit, als das britische Empire das Maß an Zivilisation war und große Teile der Welt beherrschte. Man spürt deutlich, wieviel Spaß es Roger Moore gemacht haben muss ffolkes zu spielen, denn da ist immer irgendwie so ein spitzbübisches Funkeln in seinen Augen. Er geht regelrecht auf in der Rolle des knurrigen Dickschädels im Eremitentum, welche eine willkommene Abwechslung gewesen sein muss nach vier Einsätzen als James Bond. Zwar ist gerade heute der Vorwurf der Misogynie dann nicht mehr weit, aber doch eindeutig zu kurz gegriffen, denn bei genauerer Betrachtung ist der Feminismus eben sehr wohl auch Thema. Die Inszenierung von McLaglen ist ausgesprochen präzise und handwerklich tadellos, schildert die Vorbereitungen sowohl der Terroristen wie auch ihrer Gegner beinahe schon mit protokollarischer Genauigkeit und mündet in einem finalen Showdown, bei dem alle Schachzüge der Rettungsaktion perfekt aufgehen und auf den der ganze Film ausgelegt ist. Darüber hinaus bedient er sich auch bei Elementen des Katastrophen-Kinos und des Action-Thrillers, verknüpft diese mit der damals aufkeimenden Angst vor Terrorismus und erschafft so einen auch heute noch spannenden Film, welcher mich in meiner Kindheit/Jugend kaum mehr faszinierte als er es heute noch tut. Leider ist der Film bis heute vollkommen zu Unrecht immer noch unterschätzt und fristet eher ein Nischendasein. Das ist schade, denn Captain Rufus Excalibur ffolkes hätte ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient.

 

7,5 von 10 Flaschen Scotch im Reisegepäck

 

 

Hell or High Water

26. November 2017 at 20:00

 

 

© CBS Films/Lionsgate

 

 

 

„I’ve been poor my whole life, like a disease passing from generation to generation. But not my boys, not anymore.“

 

 

 

Die beiden Brüder Toby und Tanner Howard begehen in Texas eine Reihe von Banküberfällen, um die hoch verschuldete Farm ihrer verstorbenen Mutter bei der Bank auslösen zu können. Das sie dabei nur Filialen eben jener Bank ausrauben, die nun mit dem Zwangsverkauf droht, bringt schnell den alten US-Marshall Marcus Hamilton auf die Spur der Howard-Brüder. Als einer der Überfälle eskaliert, spitzt sich die Lage für die beiden immer weiter zu.

 

Es gibt eine Szene in Hell or High Water, die sehr schön zeigt, welche Themen der Film von Regisseur David Mackenzie unter seiner Oberfläche aus Neo-Western und Heist-Movie noch verhandelt. Dort, wo das scheinbar endlose Land grenzenlos wirkt, brennt ein gewaltiges Steppenfeuer und die letzten Cowboys dieser Region treiben ihre Viehherde vor dem Feuer her. „21st century, I’m racing a fire to the river with a herd of cattle. And I wonder why my kids won’t do this shit for a living“ wird einer dieser Cowboys sagen und er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die gute alte Zeit ist vorbei und die amerikanische Arbeiterklasse ist zum Auslaufmodell verkommen. Und auch wenn Hollywood nur zu gern diese Working Class rein zweckdienlich immer genau dort als Platzhalter verwendet wo es gerade nötig ist und sie als stereotypes Milieu benutzt werden kann, erliegt David Mackenzie dieser allzu simplen wie durchschaubaren Denkweise nicht. Stattdessen wirft er einen eher empathischen Blick sowohl auf die Howard-Brüder als auch auf ihre Verfolger und positioniert sie spiegelbildartig zueinander. Auch Marshall Hamilton ist genauso ein Relikt dieser guten alten Zeit wie die beiden Brüder Toby und Tanner. Die Methoden dieses Archetypen des texanischen Gesetzeshüters sind in der modernen Gesellschaft schon längst ebenso aus der Mode gekommen wie sein rassistischer Humor. Er wirkt deplatziert und aus der Zeit gefallen, ein wandelnder Anachronismus, den der rasante Wandel der Welt schon längst überholt und hinter sich gelassen hat. Und so erzählt Hell or High Water neben seiner eigentlichen Geschichte auch vom Niedergang eines einst sehr produktiven Landstriches und vom Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Abgehängten schlagen zurück. Insofern weist der Film durchaus auch Parallelen zu Werken wie Killing Them Softly, The Place Beyond the Pines, Killer Joe und ähnlichen White Trash-Crime/Dramen auf, verschleiert sie nur ein wenig durch den Staub und Dreck unter der brennenden Sonne in Texas.

 

© CBS Films/Lionsgate

 

Das Drehbuch von Taylor Sheridan, der als Autor bereits für Sicario von Denis Villeneuve verantwortlich war, erzählt seinen Plot sehr langsam vor sich hin köchelnd, steigert seine Spannung aber stetig und treibt seine Handlungsstränge und Figuren auf ein dramatisches Finale zu. Bald schon wird deutlich, dass nicht für jeden diese Geschichte gut wird ausgehen können und dennoch machen alle Beteiligten weiter, weil sie gar nicht mehr anders können und weil sie nichts anderes kennen. Atmosphärisch ist das alles ungemein dicht inszeniert, drückend wie die staubige Hitze von Texas, und Kameramann Giles Nuttgens fasst das alles in wunderbare Bilder dieser scheinbar endlosen Weite der texanischen Landschaft. Und die darstellerischen Leistungen von Chris Pine als eher introvertierte Toby (der mich hier sehr überrascht hat mit seiner Performance), Ben Foster als immer nah am Tobsuchtsanfall vorbei schrammender und unberechenbarer Tanner und vor allem Jeff Bridges als US-Marshall Marcus Hamilton sind allesamt fantastisch. Auch der tolle Score aus der Feder von Nick Cave und Warren Ellis ist ganz hervorragend und unterstreicht gekonnt die brütende Atmosphäre ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Bei Hell or High Water ist das Gesamtpaket in sich stimmig und beschert uns einen toll erzählten, geradlinig, aber dennoch wunderschön inszenierten Film voller authentischer Figuren, angetrieben durch nachvollziehbare Motivationen und versehen mit sinnvollen Handlungen. David Mackenzie gelingt es tatsächlich, diesen vordergründig eher kleinen Thriller zwischen Neo-Western und Heist-Movie mit einer zärtlichen Melancholie aufzuladen und unterschwellig noch viel komplexere Themen anzusprechen und so größer werden zu lassen, als man es anfänglich vermuten würde.

 

8 von 10 kalten Bieren auf der kargen Veranda

 

A Cure for Wellness

25. November 2017 at 17:51

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„Do you know what the cure for the human condition is? Disease. Because that’s the only way one could hope for a cure.“

 

 

 

Der junge, aufstrebende und ehrgeizige Banker Lockhart erhält von seinen Bossen den dringlichen Auftrag, den Vorstandsvorsitzenden Pembroke aus einem Sanatorium in der Schweiz zurück nach New York zu holen, denn dessen Unterschrift wird für einen wichtigen Geschäftsabschluss benötigt. Dort angekommen, lässt man ihn zunächst nicht zu ihm und ein Autounfall auf der Rückfahrt ins Hotel zwingt Lockhart letztlich zu einem längeren Aufenthalt im Volmer Institut. Als sich dort diverse Merkwürdigkeiten häufen, versucht er, diesen auf den Grund zu gehen und Pembroke ausfindig zu machen, doch je weiter er nachforscht, desto rätselhafter werden die Ereignisse.

 

Bei dem Namen Gore Verbinski schießen einem zunächst Blockbuster-Titel wie die Fluch der Karibik-Reihe, Lone Ranger oder das Remake des Japan-Horror-Klassikers Ringu durch den Kopf, doch der Regisseur hat bereits mehr als einmal bewiesen, dass er mehr kann als massentaugliche Unterhaltung. Allein sein Animationsfilm Rango dekonstruiert ungemein clever die klassischen Archetypen des Westerngenres und einen leichten Hang zu visueller Extravaganz hatte Verbinski ja auch schon immer. Um so schöner, dass er diesen Hang nun mit A Cure for Wellness hemmungslos ausleben darf und auf der visuellen Ebene herrlich am Rad drehen kann. Sein Film ist geradezu beseelt von der schier unbändigen Lust am visuellen Experiment und Ideen hat Verbinski reichlich: allein die Art, wie er die anfängliche Zugfahrt in der Schweiz inszeniert, ist wunderschön anzusehen. Auch das alte Schloss, welches nun zum Sanatorium umfunktioniert wurde, wird wunderbar entrückt und geradezu märchenhaft von bezaubernden Bildern eingefangen. Doch mit der Ankunft von Lockhart im Volmer Institut wird relativ schnell deutlich, dass die Idylle innerhalb dieser Heilanstalt Risse hat, dass sie brüchig ist und vielleicht nicht alles so rosig ist wie es den Anschein hat. Der Zuschauer bemerkt sie schnell, all die winzigen Unstimmigkeiten, die eingestreuten Seltsamkeiten, die nuancierten Blicke und schiefen Gesichtsausdrücke, doch Lockhart selbst hingegen zunächst nicht, hängt er doch anfangs noch viel zu verbissen an seinem Auftrag fest, Pembroke zurück nach New York zu bringen. Doch kippt erst einmal im weiteren Verlauf die Oberfläche und offenbart das Sanatorium weitere Seltsamkeiten, welche dann auch Lockhart nicht mehr ignorieren kann, dann wandelt er selbst sich auch weg von seiner arroganten Wall Street-Attitüde.

 

© 20th Century Fox

 

Man muss es sagen: visuell ist A Cure for Wellness eine absolute Pracht und schenkt uns zum Teil unglaublich schöne Bilder. Die verschiedenen Sets sind voller faszinierender Details und abwechslungsreich gestaltet, da lässt sich sehr viel entdecken. Die Bildsprache ist ausladend und opulent, die Farbgebung entsättigt, wenn oft blau und grau dominieren, ganz so, als läge alles unter einem dünnen, kränklichen Schleier. Das Setting des Sanatoriums ist ein dankbares, aber Verbinski lässt es dazu noch seltsam zeitlos und nostalgisch erscheinen und vermischt verschiedenste Elemente aus Steam Punk, Horror und Gothic Romance zu einem ganz speziellen Gemisch. All das ist unglaublich stilvoll und sorgfältig arrangiert und nichts ist dem Zufall überlassen. A Cure for Wellness beginnt so gut, dass ich lange dachte: was da alles wohl noch auf mich zu kommen mag? Doch leider vermag die zweite Hälfte des Filmes das Niveau des wirklich starken Einstieges nicht mehr zu halten. Etwa zur Hälfte kippt A Cure for Wellness plötzlich ins Belanglose, ins Bekannte, ins wenig Schleierhafte. Das so sorgfältig aufgebaute Versprechen auf  das große Rätselhafte kann letztlich nicht eingelöst werden. Der Film baut ein Mysterium auf, wo gar keines ist, denn leider Gottes ist schon viel zu früh klar, wo lang der Hase läuft und gegen Ende macht man sich dann noch nicht einmal mehr die Mühe, davon abzulenken. Die Überraschungen bleiben aus und was so herrlich mysteriös und geheimnisvoll begann, das wird im weiteren Verlauf immer konventioneller und mündet in einem erstaunlich vorhersehbaren und geradlinigen Finale, welches all der sorgfältigen Finesse des vorangegangenen Aufbaus kaum noch bis gar nicht mehr das Wasser reichen kann.

 

Letztlich bin ich dann auch ein wenig enttäuscht von A Cure for Wellness, wenn sich die erste Hälfte als so gelungen und fesselnd entpuppt, das Niveau aber nicht gehalten werden kann und der Film schließlich in nur allzu bekannte Genre-Gefilde abdriftet.  So viel wird versprochen, so wenig eingelöst. Der Zauberberg von Thomas Mann ist ein offensichtlicher Bezugspunkt, Shutter Island von Martin Scorsese auch sowie die Ästhetik diverser britischer Horrorfilme der 60er und 70er Jahre, und visuell ist A Cure for Wellness zweifellos aller feinste Kost, aber schlussendlich kann die Geschichte selbst da nicht mithalten und ist zu simpel geraten. Zuviel lässt sich zu früh erahnen und ein richtiger Twist wird auch nicht geboten, wenn final dann doch alles eben genauso ist, wie man es sich zuvor bereits ausgemalt hat. Schade.

 

6,5 von 10 merkwürdigen Heilmethoden