52 Pick-Up (1986)

23. August 2020 at 18:54

 

 

© Cannon Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to know what we know so your mind will be clear, you dig?“

 

 

 

Harry Mitchell hat im Grunde alles. Erfolg im Job, eine tolle Ehefrau an seiner Seite und dazu noch eine junge Geliebte. Doch dummerweise wird er bei seinen außerehelichen Aktivitäten gefilmt und nun von drei Männern erpresst. Harry allerdings glaubt, sich aus der Affäre winden zu können, doch das geht ganz gewaltig schief und schon bald steht nicht nur seine Ehe auf dem Spiel, sondern auch sein Leben.

 

Man vergisst nur zu gern, dass im Hause Cannon nicht immer bloß massenhaft B-Ware für die Videothekenregale produziert worden ist, sondern dass sich in ihrem Output manchmal auch richtig kleine Perlen verstecken. Runaway Train (1985) von Andrey Konchalovskiy ist so ein Fall und 52 Pick-Up von John Frankenheimer ebenso. Basierend auf einer Vorlage aus der Feder von Elmore Leonard erschafft Frankenheimer einen packenden Selbstjustiz-Thriller, der von einem tyischen Charles Bronson-Rache-Actioner kaum weiter entfernt sein könnte. Denn 52 Pick-Up setzt viel mehr auf Köpfchen statt auf Muskeln und Waffen und auf strategisch kluge Überlegungen statt auf reaktionäre Gewalt. Der Verlust der Kontrolle durch Kräfte von außen und deren Rückgewinnung durch die Besinnung auf die eigenen Stärken.

 

Wie sich Harry Mitchell nach und nach aus seiner misslichen Lage befreit, wie er immer mehr Oberwasser gewinnt, indem er seine Widersacher gezielt gegeneinander ausspielt, wie er Gedanken sät und Begehrlichkeiten weckt, und letztlich sogar die Spielregeln zu seinen Gunsten ändert, das ist überaus spannend mit anzusehen. So entsteht die Spannung oft auch aus den Dialogen heraus und ist weniger durch Action geprägt. Zwar gibt es durchaus einige drastische Spitzen, diese sind jedoch aufgrund ihrer Seltenheit dann in ihrer Wirkung umso effektiver. Dazu fangen kühle Bilder von Jost Vacano – seines Zeichens viele Jahre der Stamm-Kameramann von Paul Verhoeven – ein nicht sonderlich glamouröses Los Angeles ein und der elektronisch-metallische Score von Gary Chang muss Frankenheimer so gut gefallen haben, dass er nur drei Jahre später bei seinem Film Dead Bang ebenfalls auf ihn zurückkam.

 

52 Pick-Up gehört zu den vielleicht besten Filmen, welche Cannon jemals produziert haben. Ein grimmiger, zu Weilen gar nihilistischer (Neo)-Noir-Rachethriller, der zur Abwechslung mal auf gänzlich andere Wege setzt. Ein starkes Werk aus der Spätphase des Schaffens von John Frankenheimer und sicherlich auch eine nicht selten übersehene Perle des 80er Jahre Genrekinos.

 

7,5 von 10 Mal den Spieß umdrehen

 

 

The Gentlemen (2019)

29. Juli 2020 at 18:21

 

 

© STXfilms/Miramax/Quelle: IMDb

 

 

 

There’s only one rule in the jungle: when the lion’s hungry, he eats!“

 

 

 

Mickey Pearson ist ein einflussreicher und mächtiger Drogenboss und Marihuana ist sein Geschäft. Doch für ihn ist der Zeitpunkt gekommen auszusteigen, also will er sein Imperium an einen amerikanischen Gangster verkaufen und sich zur Ruhe setzen. Seine Pläne jedoch setzen eine Verkettung unerwarteter Ereignisse in Gang, an deren Ende Erpressung, Raub und Mord unter Kleinganoven, russischen Oligarchen und triadischen Gangstern stehen.

 

Back to the roots. Mit The Gentlemen wendet sich Regisseur Guy Ritchie abermals seiner Prä-Madonna-Phase zu, in der er mit den beiden wuchtigen Werken Lock, Stock and Two Smoking Barrels (1998) und Snatch (2000) dem britischen Gangsterfilm frisches Blut verabreichte. Und seine Rückkehr in vertraute Gefilde ist zweifellos geglückt. Zwar lässt The Gentlemen ein wenig das Tempo, die Frische und die Überraschungsmomente jener Zeit vermissen, ist im Gegenzug dafür aber auch eleganter in Szene gesetzt und wirkt stilsicherer und selbstbewusster. Zudem hält sich Ritchie mit seiner sonst stark ausgeprägten inszenatorischen Verspieltheit angenehm zurück und verzichtet auf diverse seiner visuellen Mätzchen. Gerade zu Beginn jedoch macht sich der Film mit seiner etwas schleppenden Erzählweise und seiner Fülle an Figuren und Informationen selbst das Leben etwas schwer.

 

Ist das Set Up allerdings erst einmal etabliert, dann wird The Gentlemen deutlich schwungvoller und macht vor allem stellenweise richtig Spaß. Pointierte Dialoge, lässig eingestreuter schwarzer Humor, ein toller Soundtrack (The Jam, Can, Roxy Music, Cymande) und ein fabelhaft aufgelegter Cast veredeln all das. Besonders Hugh Grant als herrlich schmieriger, geschwätziger, erpresserischer Privatschnüffler Fletcher und Charlie Hunnam als rechte Hand von Michael Pearson stechen aus dem tollen Ensemble rund um solch illustre Namen wie Matthew McConaughey, Colin Farrell oder Eddie Marsan heraus. Nicht weniger eindrucksvoll sind die zwar selteneren, aber dafür umso erinnerungswürdigeren Auftritte von Michelle Dockery als Pearsons Frau Rosalind, die ihre Szenen mühelos an sich reißen kann. Letztlich erreicht The Gentlemen nicht ganz die Klasse und Größe von Guy Ritchies ersten beiden Filmen, macht aber dennoch verdammt viel Spaß.

 

7 von 10 Mal genau den falschen Mann erpressen

 

 

Sei donne per l´assassino (Blutige Seide, 1964)

21. April 2020 at 17:30

 

 

© Emmepi Cinematografica/Unidis/Quelle: IMDb

 

 

 

In der Modeagentur der Contessa Christiana wird das junge Model Isabella brutal ermordet. Während die Polizei nicht weiter kommt, findet ihre Freundin Nicole ihr Tagebuch und muss kurz darauf ebenfalls sterben. Inspektor Silvestri treibt die Nachforschungen voran, tritt aber auf der Stelle, und der Mörder ist noch lange nicht fertig.

 

Blutige Seide. Film als Traum, Kino der Blicke. Bereits der faszinierend ausgestaltete Vorspann von Mario Bavas früher Giallo-Blaupause Sei donna per l´assassino kündet von einem seiner Grundthemen, wenn er den Gegensatz zwischen Schönheit und Leblosigkeit ganz bewusst ausstellt. Sein Film ist allerdings kein Murder Mystery, kein Whodunit, keine Hetzjagd nach einem Serienkiller, denn Bava interessiert sich für die inhaltlich narrative Ebene herzlich wenig bis gar nicht. Auch einen klassischen Spannungsbogen gibt es nicht, dafür aber eine permanent unterschwellige Anspannung. Sein Fokus liegt ganz klar auf der formal gestalterischen Ebene und durch die beinahe schon traumartige Inszenierung spielt Logik angesichts der Motive eine untergeordnete Rolle.

 

Sei donna per l´assassino ist ein gewaltiges Zeugnis vom unbändigen Willen seines Regisseurs zu unbändiger Stilistik und ganz bewusst ausgestellter Künstlichkeit sowie von dessen ausgeprägtem Gespür für visuelle Tableaus. Nichts ist dem Zufall überlassen, jedes noch so klein anmutende Detail ganz bewusst platziert und die Bilder von Kameramann Ubaldo Terzano und Bava selbst sind streng komponiert in ihrem Aufbau und doch immerzu im Fluss. Durch diese ausgesprochen stilsichere und nicht selten sexuell aufgeladene Kombination aus Licht und Farben, aus den virtuosen Bildkompositionen, den starken Perspektiven, den prachtvoll ausgestatteten Sets und dem wundervoll sinnlichen Score aus der Feder von Carlo Rustichelli entsteht ein geradezu rauschhaftes Erlebnis.

 

Lichtsetzung, Farbgebung, Bildgestaltung, Kamera, alles aus einem Guss, alles visuell brillant, und durch das gekonnte Spiel mit Licht und Schatten überträgt Bava letztlich sogar die Schwarz/Weiß-Ästhetik in den Farbfilm. Und selbst wenn er gelegentlich für kurze Momente in den Gothic Horror abdriftet, so findet er immer wieder zu seiner eigentlichen Stilistik zurück. Wie Bava den vergleichsweise schlichten Plot als Vehikel nutzt um seine inszenatorischen Stärken auszuspielen, das ist schon beeindruckend. Hat sein Vorgängerfilm La ragazza che sapeva troppo (1962) das Genre des Giallo quasi begründet, so ist es zweifellos Sei donna per l´assassino, der es nicht nur auf ein völlig neues Level hob, sondern zugleich ein meisterhaftes Muster für kommende Filmemacher abgab und darüber hinaus sogar als eine Art Proto-Slasher angesehen werden kann.

 

8 von 10 blutrote Schaufensterpuppen

 

 

Rapid Fire (1992)

11. April 2020 at 16:56

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

Don’t fear the weapon, fear the man.“

 

 

 

Als der chinesische Kunststudent Jake Lo den Mafiaboss Antonio Serrano bei einem Mord beobachtet, da rückt er in dessen Aufmerksamkeit ganz weit nach oben. Serrano will ihn um jeden Preis tot sehen, doch Lo weiß sich zu verteidigen.

 

Rapid Fire von Regisseur Dwight H. Little (Marked for Death, Murder at 1600) entstammt dieser seltsamen Phase Anfang bis Mitte der 90er, als das 80er Actionkino zwar noch nicht gänzlich tot war, sich aber spürbar verkleinerte und den langsamen Rückzug in die Videotheken antrat. Auch markiert der Film die erste der leider sehr wenigen Hauptrollen von Brandon Lee, dessen Figur im ein Jahr zuvor von Mark L. Lester (Commando, 1985) inszenierten Showdown in Little Tokyo noch eher eine Nebenrolle war. Inhaltlich bedient sich das Drehbuch aus der Feder von Alan McElroy ausnahmslos an bereits bekannten Versatzstücken des Cop- und Gangsterfilms und bläht seine Figuren allesamt zu überlebensgroßen, wandelnden Klischees auf, denen klar definierte Funktionen zukommen.

 

So ist die Handlung selbst auf eine angenehme Art und Weise einfach gehalten und ist einzig und allein darauf hin ausgerichtet, möglichst viele Gelegenheiten für Actionszenen zu generieren. Und die können sich wirklich sehen lassen und bieten Raum für jede Menge Fights und Shootouts. Dabei beeindrucken besonders die kraftvollen und von enormer Physis geprägten Kampfszenen, welche Brandon Lee selbst auch choreografiert hat. Dazu kommt ein ausgeprägtes Gespür für Wucht und Dynamik, welches man heutzutage vielleicht noch von Isaac Florentine gewohnt ist. Nur zu gern hätte ich irgendwann einmal Lee in einem seiner Filme gesehen. Hier ist der Titel zur Abwechslung mal wirklich auch Programm: Rapid Fire ist schnörkellos und temporeich in seiner Inszenierung, gibt sich geradlinig und zielstrebig, verzichtet auf unnötigen Leerlauf und bleibt immerzu in Bewegung.

 

7 von 10 Mal mit bloßen Händen um sein Leben kämpfen