Drive (2011)

11. Juni 2022 at 12:22

 

© FilmDistrict

 

 

There are no clean getaways. Manchmal gibt es Filme, die berühren dich, lösen etwas in dir aus. Die sind irgendwie anders. Unvergleichlich. Unvergesslich. Nicht von dieser Welt. Drive ist für mich ein solcher Film. Ein absoluter Ausnahmefilm. Was Regisseur Nicolas Winding Refn hier zusammen mit Drehbuchautor Hossein Amini aus der Romanvorlage von James Sallis erschafft, das sucht wahrlich seinesgleichen. Pure Magie. Die perfekte Vermählung aus räudigem Genrekino und funkelnder Kunst. Eine zarte Liebesgeschichte und zugleich brettharter Neo Noir mit Hang zum Gewaltrausch in Zeitlupe. Visueller wie narrativer Minimalismus in Reinkultur.

 

Refn legt seinen gestalterischen Fokus ganz bewusst eben nicht auf die erzählerische Ebene, sondern nahezu ausschließlich auf die Inszenierung und die geradezu hypnotisch soghafte Wirkung seiner sorgfältig komponierten Bilder. Selbst die Figuren im Film sind kaum mehr als archaisch stereotype Projektionsflächen. Die Bildgestaltung jedoch ist phänomenal geraten, immer extrem überlegt und vollkommen in ihrer Präzision, denn wirklich nichts ist hier dem Zufall überlassen. Stilistisch blitzen immer wieder filmische Vorbilder wie Michael Mann, William Friedkin oder Walter Hill und deren Werke auf.

 

Schon die Eröffnungssequenz zeigt uns nicht nur alles, was wir über den Driver wissen müssen, sie ist auch bezogen auf Timing und Tempo auf den Punkt genau in Szene gesetzt. Hier sitzt einfach alles, jeder Schnitt von Matthew Newman (Walhalla Rising, Only God Forgives, The Neon Demon) und jede Kamerabewegung von Newton Thomas Sigel (Bohemian Rhapsody, Extraction, X-Men: Days of Future Past), alles ist klar, scharf und bloß auf das Nötigste reduziert. Die Action ist sparsam, bedacht, klug gesetzt und überaus effektiv in ihrer Schlichtheit, vor allem aber auch gespickt mit explosiv eskalierender Gewalt.

 

Kontrolle und Reduktion. Ebenso, wie der Driver hinter seinem Lenkrad genau weiß, was er zu tun hat, so weiß es auch Refn hinter der Kamera. Inszenatorische Klarheit und erzählerische Einfachheit, immerzu angetrieben von unbedingtem Stilwillen, aber nie zum reinen Selbstzweck. Seine Bilder sprechen zum Zuschauer. Show, don´t tell. Ein kaum mehr als angedeutetes Lächeln von Ryan Gosling erzählt mehr als es eine ganze Szene könnte. Gesprochen wird nicht sonderlich viel, stattdessen ist Drive oft subtiler und setzt mehr auf Nuancen im Schauspiel, die auch gelesen werden wollen.

 

Es sind die Details: schüchterne Blicke, zwei Hände, die sich kurz berühren, immerzu Spiegel, die sich schließende Tür eines Aufzuges. Eine aufkeimende Liebe, die nicht sein kann, nicht sein darf. Wenn sich dann zu all dem noch der zärtlich wabernde Electro-Score aus der Feder von Cliff Martinez als krönende Kirsche perfekt anschmiegt, dann ist Drive nicht mehr und nicht weniger als ein formalästhetisches Meisterwerk und sicherlich einer der eindringlichsten und bemerkenswertesten Genrefilme der letzten zwanzig Jahre.

 

10/10. Mit Herz. Und überhaupt.

 

 

Hyena (2014)

20. Januar 2021 at 1:03

 

 


© Number 9 Films/Film4 Productions

 

 

 

Gerard Johnson. Ein Name, der mir vor Hyena nicht wirklich ein Begriff war. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Seit Kill List von Ben Wheatley hat mich kein anderer britischer Genrefilm mehr derart packen und begeistern können – und der Vergleich liegt keineswegs bloß an Neil Maskell und MyAnna Buring. Aber auch die Filme von S. Craig Zahler kommen mir da ebenso in den Sinn wie Good Time und Uncut Gems von den Safdie-Brüdern. Sie alle vereint eine ganz bestimmte Art von fiebriger Dringlichkeit, welche auch Hyena auszeichnet.

 

Johnson fackelt auch gar nicht lange und macht schnell klar, in welchem Umfeld sich seine Figuren bewegen. Rivalisierende Türken und Albaner in der Londoner Unterwelt, jede Seite immerzu um ihren Vorteil kämpfend, und mittendrin korrupte Cops mit ganz eigener Agenda. Raubtier gleich belauert in dieser Welt jeder jeden und Fehler werden nur selten verzeiht. Wie ein nihilistischer Mikrokosmos beobachtet durch ein gnadenloses Brennglas erforscht Hyena diese Welt ohne Moral oder Loyalität. Kommen die Ereignisse erst einmal ins Rollen, beginnt schnell eine Abwärtsspirale ohne Ausweg. Egal, was Michael Logan auch tut, egal, was er versucht, wie sehr er auch um Kontrolle ringt, es wird fortan nur noch schlimmer und schlimmer. Und das nicht nur für ihn selbst, sondern auch für sein Umfeld. Hyena lässt sehr schnell sehr wenig Zweifel daran aufkommen, wo all das enden wird.

 

Wortlos wirft Johnson den Zuschauer direkt und unmittelbar ins Geschehen und liefert einen visuell wie inszenatorisch ganz starken Einstieg in diese raue, zynische und düstere Halbwelt irgendwo zwischen Recht und Unrecht. Eine amoralische Grauzone voll mit schmierigen Gestalten in verranzten Kneipen, schäbigen Imbissläden, hässlichen Nachtclubs und heruntergekommenen Plattenbauten. Die Kamera von Benjamin Kracun ist sehr dynamisch und immer gnadenlos nah dran am Geschehen und all der Tristesse, selbst in den absolut unangenehmsten Momenten wird nicht abgeblendet. In seiner ganzen Inszenierung ist Hyena wahrlich wenig zimperlich, aber zu keiner Sekunde selbstzweckhaft in der schonungslosen Darstellung. Das geht mitunter an die Nieren, macht aber immer auch Sinn in dieser geradezu nihilistischen Welt, welche hier umrissen wird.

 

In dem Kontext halte ich auch das Ende von Hyena nur für konsequent. Sicherlich kann man das als unbefriedigend empfinden, zweifellos polarisiert es, mir jedoch erscheint es als das einzig sinnvolle in einer Welt, welche durchzogen ist von Opportunismus aus dem Bilderbuch. Selbst der geringste Hauch von Rechtschaffenheit verweht hier gleich wieder, so bald sich der Wind dreht. So wenig, wie die Figuren in Hyena auf Erlösung hoffen dürfen, kann es auch es auch keine Auflösung für dieses schmerzhafte Dilemma geben.

 

8 von 10 Mal eine fette Line Koks ziehen

 

 

52 Pick-Up (1986)

23. August 2020 at 18:54

 

 

© Cannon Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to know what we know so your mind will be clear, you dig?“

 

 

 

Harry Mitchell hat im Grunde alles. Erfolg im Job, eine tolle Ehefrau an seiner Seite und dazu noch eine junge Geliebte. Doch dummerweise wird er bei seinen außerehelichen Aktivitäten gefilmt und nun von drei Männern erpresst. Harry allerdings glaubt, sich aus der Affäre winden zu können, doch das geht ganz gewaltig schief und schon bald steht nicht nur seine Ehe auf dem Spiel, sondern auch sein Leben.

 

Man vergisst nur zu gern, dass im Hause Cannon nicht immer bloß massenhaft B-Ware für die Videothekenregale produziert worden ist, sondern dass sich in ihrem Output manchmal auch richtig kleine Perlen verstecken. Runaway Train (1985) von Andrey Konchalovskiy ist so ein Fall und 52 Pick-Up von John Frankenheimer ebenso. Basierend auf einer Vorlage aus der Feder von Elmore Leonard erschafft Frankenheimer einen packenden Selbstjustiz-Thriller, der von einem tyischen Charles Bronson-Rache-Actioner kaum weiter entfernt sein könnte. Denn 52 Pick-Up setzt viel mehr auf Köpfchen statt auf Muskeln und Waffen und auf strategisch kluge Überlegungen statt auf reaktionäre Gewalt. Der Verlust der Kontrolle durch Kräfte von außen und deren Rückgewinnung durch die Besinnung auf die eigenen Stärken.

 

Wie sich Harry Mitchell nach und nach aus seiner misslichen Lage befreit, wie er immer mehr Oberwasser gewinnt, indem er seine Widersacher gezielt gegeneinander ausspielt, wie er Gedanken sät und Begehrlichkeiten weckt, und letztlich sogar die Spielregeln zu seinen Gunsten ändert, das ist überaus spannend mit anzusehen. So entsteht die Spannung oft auch aus den Dialogen heraus und ist weniger durch Action geprägt. Zwar gibt es durchaus einige drastische Spitzen, diese sind jedoch aufgrund ihrer Seltenheit dann in ihrer Wirkung umso effektiver. Dazu fangen kühle Bilder von Jost Vacano – seines Zeichens viele Jahre der Stamm-Kameramann von Paul Verhoeven – ein nicht sonderlich glamouröses Los Angeles ein und der elektronisch-metallische Score von Gary Chang muss Frankenheimer so gut gefallen haben, dass er nur drei Jahre später bei seinem Film Dead Bang ebenfalls auf ihn zurückkam.

 

52 Pick-Up gehört zu den vielleicht besten Filmen, welche Cannon jemals produziert haben. Ein grimmiger, zu Weilen gar nihilistischer (Neo)-Noir-Rachethriller, der zur Abwechslung mal auf gänzlich andere Wege setzt. Ein starkes Werk aus der Spätphase des Schaffens von John Frankenheimer und sicherlich auch eine nicht selten übersehene Perle des 80er Jahre Genrekinos.

 

7,5 von 10 Mal den Spieß umdrehen

 

 

The Gentlemen (2019)

29. Juli 2020 at 18:21

 

 

© STXfilms/Miramax/Quelle: IMDb

 

 

 

There’s only one rule in the jungle: when the lion’s hungry, he eats!“

 

 

 

Mickey Pearson ist ein einflussreicher und mächtiger Drogenboss und Marihuana ist sein Geschäft. Doch für ihn ist der Zeitpunkt gekommen auszusteigen, also will er sein Imperium an einen amerikanischen Gangster verkaufen und sich zur Ruhe setzen. Seine Pläne jedoch setzen eine Verkettung unerwarteter Ereignisse in Gang, an deren Ende Erpressung, Raub und Mord unter Kleinganoven, russischen Oligarchen und triadischen Gangstern stehen.

 

Back to the roots. Mit The Gentlemen wendet sich Regisseur Guy Ritchie abermals seiner Prä-Madonna-Phase zu, in der er mit den beiden wuchtigen Werken Lock, Stock and Two Smoking Barrels (1998) und Snatch (2000) dem britischen Gangsterfilm frisches Blut verabreichte. Und seine Rückkehr in vertraute Gefilde ist zweifellos geglückt. Zwar lässt The Gentlemen ein wenig das Tempo, die Frische und die Überraschungsmomente jener Zeit vermissen, ist im Gegenzug dafür aber auch eleganter in Szene gesetzt und wirkt stilsicherer und selbstbewusster. Zudem hält sich Ritchie mit seiner sonst stark ausgeprägten inszenatorischen Verspieltheit angenehm zurück und verzichtet auf diverse seiner visuellen Mätzchen. Gerade zu Beginn jedoch macht sich der Film mit seiner etwas schleppenden Erzählweise und seiner Fülle an Figuren und Informationen selbst das Leben etwas schwer.

 

Ist das Set Up allerdings erst einmal etabliert, dann wird The Gentlemen deutlich schwungvoller und macht vor allem stellenweise richtig Spaß. Pointierte Dialoge, lässig eingestreuter schwarzer Humor, ein toller Soundtrack (The Jam, Can, Roxy Music, Cymande) und ein fabelhaft aufgelegter Cast veredeln all das. Besonders Hugh Grant als herrlich schmieriger, geschwätziger, erpresserischer Privatschnüffler Fletcher und Charlie Hunnam als rechte Hand von Michael Pearson stechen aus dem tollen Ensemble rund um solch illustre Namen wie Matthew McConaughey, Colin Farrell oder Eddie Marsan heraus. Nicht weniger eindrucksvoll sind die zwar selteneren, aber dafür umso erinnerungswürdigeren Auftritte von Michelle Dockery als Pearsons Frau Rosalind, die ihre Szenen mühelos an sich reißen kann. Letztlich erreicht The Gentlemen nicht ganz die Klasse und Größe von Guy Ritchies ersten beiden Filmen, macht aber dennoch verdammt viel Spaß.

 

7 von 10 Mal genau den falschen Mann erpressen