Schneeflöckchen (2017)

13. April 2019 at 20:09

 

 

© Lopta Film/Ventard Film/Capelight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

Gleich ist Gangbang-Party in der Hölle und dein Arsch ist der Haupteingang.“

 

 

Ein Berlin in naher Zukunft, Anarchie auf den Straßen: die beiden Kleinkriminellen Javid und Tan befinden sich auf ihrem ganz eigenen Rachefeldzug, als sie plötzlich ein ominöses Drehbuch finden, das offenbar ihr eigenes Leben erzählt. Als sie dessen Autor Arend Remmers ausfindig machen und es umschreiben lassen wollen, da setzen sie eine unvorhersehbare Kette der Ereignisse in Gang, an deren Ende sich die Leichenberge türmen.

 

Zunächst einmal kann ich dem Team rund um Regisseur Adolfo J. Kolmerer, Drehbuchautor Arend Remmers und Produzent Eric Sonnenburg nur meinen grenzenlosen Respekt aussprechen für diesen enormen Kraftakt: insgesamt etwa fünf Jahre Produktion, vom Mund abgespart, in der Freizeit realisiert und am System Filmförderung vorbei, immer mit ungebrochenem Willen das feste Ziel vor Augen, die eigene Vision umzusetzen und Spaß dabei zu haben. Ich muss jedoch zugeben, dass da anfangs viel heftiges Augenrollen und planloses Schulterzucken meinerseits war, wurde ich doch arg aufs Glatteis geführt, doch ab einem gewissen Punkt hat es Klick gemacht, wenn sich Schneeflöckchen vielmehr als Meta-Reflexion über das Medium Film selbst versteht, denn als plumpe Aneinanderreihung allseits bekannter Versatzstücke. Vordergründig sind die Vorbilder von Kolmerer für seinen wilden Ritt durchs Genrekino offensichtlich und sein Regiedebüt changiert irgendwo zwischen Tarantinos Popkultur-Collagen, dem DIY-Ethos eines frühen Rodriguez, dem Meta-Brainfuck von Spike Jonze und einer Zeit, als Kevin Smith noch gute Filme gedreht hat.

 

Doch verdichtet sich die zunächst eher episodenhaft strukturierte und zusammenhangslos anmutende Handlung auf das Drehbuch im Drehbuch, dann schwingt sich Schneeflöckchen rotzfrech wie clever in ganz andere Sphären. Da schreibt sich der Film in seinem Verlauf immer wieder selbst um, ändert seine Handlung und den Ablauf der Ereignisse, verschiebt Zeitebenen und spielt erstaunlich selbstbewusst mit seiner grundlegenden Meta-Idee, welche sich zu weitaus mehr entwickelt als ein bloßes Gimmick und zugleich auch als Spiegel der eigenen Entstehungsgeschichte funktioniert. Dazu sieht man dem Film sein Mini-Budget von etwa 80.000 Euro beinahe nie an und visuell kann sich Schneeflöckchen mehr als nur sehen lassen. Die Erzählung mag nicht perfekt auf den Punkt sein, das Schauspiel ist vielleicht nicht immer gelungen und so manche Länge schleicht sich auch ein, doch auf der anderen Seite feuern Kolmerer und Remmers in hohem Tempo mit so vielen absurd schrägen Einfällen um sich und entfachen einen solchen Strudel der Ideen, dass einem mitunter Hören und Sehen vergehen könnte. Das alles ist mutig, frisch, turbulent, unvorhersehbar, kreativ, wild und über allem schwebt deutlich spürbar die Liebe aller Beteiligten zum Medium Film. Deutsches Genrekino wie man es sich nur wünschen kann und vielleicht immer erhofft hat, welches es sich redlich verdient hat, in die Welt hinaus getragen zu werden.

 

7 von 10 Diskussionen über den perfekten Döner

 

 

Bad Times at the El Royale (2018)

27. März 2019 at 20:38

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

I think it’s some kind of pervert hotel.“

 

 

 

In einer stürmischen Nacht 1969 führt das Schicksal eine handvoll undurchsichtiger Fremder im Hotel The El Royale zusammen. Eine Gemengenlage aus unterschiedlichsten Motiven und Geheimnissen köchelt langsam vor sich hin, bis die Dynamiken plötzlich drastisch beschleunigt werden.

 

Über allem hier steht in riesigen Lettern: Tarantino. Und zwar in fett gedruckten Großbuchstaben, leuchtend und in Neonfarben, nicht zu übersehen und geradezu aufdringlich. Nach der grandiosen Genre-Dekonstruktion The Cabin in the Woods (2011) schlägt Autor und Regisseur Drew Goddard nun eher pulpig verschmierte Neo Noir-Wege ein und lässt eine handvoll zwielichtiger Fremder mit unterschiedlichsten Motiven in einem einst glanzvollen Hotel voller dunkler Geheimnisse aufeinander treffen. Die Erzählstruktur ist episodenhaft angelegt, leicht verschachtelt und immer wieder aus variierenden Perspektiven diverser Figuren dargeboten, wenn Goddard nach und nach immer mehr Details ans Tageslicht fördert und mosaik-artig sein Gesamtbild Stein um Stein erweitert. Leider bleibt dieses Gesamtbild über die Laufzeit von rund 140 Minuten beinahe immer vorhersehbar und vor allem schrecklich belanglos, denn all die kleinen Wendungen täuschen über die inhaltliche Schlichtheit von Bad Times at the El Royale nicht hinweg.

 

Zwar wird immer mal wieder mit Erwartungen gespielt, doch nie so sehr, dass man wirklich überrascht sein könnte. Der Plot will wahnsinnig geheimnisvoll und mysteriös sein, doch letzten Endes steckt da erschreckend wenig dahinter und gerade das eigentlich spannende – die Interaktion zwischen den einzelnen Figuren untereinander – bleibt lange aus und kommt erst im letzten Drittel so richtig zur Geltung. Schade nur, dass Bad Times at the El Royale ab dem Punkt total abschmiert, ein wirklich schwaches und plumpes Finale abliefert und nicht eine einzige seiner eigentlich recht spannenden Andeutungen und zuvor getätigten Versprechen einzulösen vermag. Zwar wird im Grunde alles recht solide vorbereitet und so manche gute Idee gibt der Stoff durchaus auch her, doch meist wird alles immer nur vage angerissen und nie wirklich zu Ende geführt. Immerhin sieht Goddards Film echt gut aus, Seamus McGarvey fängt den Charme des eigentlichen Stars des Filmes – das El Royale – in tollen Bildern und Kamerafahrten ein und auch der Cast weiß durchaus zu gefallen. Am Ende aber ist Bad Times at the El Royale vor allem zu lang und zäh geraten, gibt sich geschwätzig, aber ohne Schwung, und bietet unter seiner glitzernden Oberfläche zu viel Belanglosigkeit. Viel Lärm um nichts irgendwo zwischen Tarantino, Vantage Point (2008) und Identity (2003). Schade.

 

5 von 10 Wanzen im Hotelzimmer finden

 

 

A Prayer Before Dawn (2018)

25. März 2019 at 20:25

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Als der britische Amateurboxer Billy Moore in Bangkok wegen Drogenbesitz verhaftet wird und in einem berüchtigten thailändischen Knast landet, da öffnet sich ihm eine Hölle. Weder hat er Geld, noch spricht er die Sprache und am ganzen Körper tätowierte Mörder, überfüllte Schlafsäle, brutale Gefängnisrituale und Vergewaltigungen bestimmen fortan seinen Alltag. Doch Billy hat ein Talent: das Boxen. Und so gelingt ihm schließlich die Aufnahme in das hiesige Boxteam. Das bringt zwar gewisse Privilegien mit sich, aber auch hartes Training und brutale Muay Thai-Boxkämpfe.

 

Gerade der Knastthriller und das Boxerdrama sind ja oft ganz bestimmten Genre-Mechanismen unterworfen, doch Regisseur Jean-Stéphane Sauvaire (Johnny Mad Dog) interessiert sich bei seinem Film A Prayer Before Dawn herzlich wenig für derartige Strukturen und geht viel lieber ganz eigene Wege und vor allem dahin, wo es weh tut. Überhaupt verzichtet Sauvaire überwiegend auf eine herkömmliche Spannungskurve oder klassische Erzählmuster, wenn er ganz auf die Stärke des Moments vertraut. A Prayer Before Dawn ist sehr minimalistisch inszeniert und mit verengtem Blick bloß noch auf das Nötigste herunter gebrochen: Billy als vollkommener Außenseiter in einer gnadenlosen Umgebung, reduziert auf kaum mehr als seinen Körper. Ihm bleibt sonst nichts in dieser chaotischen Hölle. Ihn gilt es zu schützen und zu benutzen gleichermaßen. Sauvaire geht immerzu ganz nah dran, zeigt ungeschönt wie schonungslos den zehrenden Alltag voller Detailtreue und Authentizität und verleiht so A Prayer Before Dawn einen beinahe schon dokumentarischen Anstrich.

 

Dazu überträgt sich die pure Verzweiflung und die schiere Angst von Billy und die Fremdartigkeit dieser ganz eigen strukturierten Welt ganz hervorragend auf den Zuschauer, wenn Sauvaire nahezu immer auf Untertitel verzichtet und auch wir genau wie sein Protagonist seine Umwelt weder verstehen noch halbwegs begreifen können. Nur ganz selten und vereinzelt durchbrechen versprengte Brocken Englisch oder Französisch die thailändische Barriere und liefern zumindest bruchstückhafte Informationen, darüber hinaus bleibt nur das Körperliche zwischen Selbstzerstörung und Selbstbehauptung, um sich Ausdruck zu verleihen. Und doch blitzen zwischen all der brutalen Härte und rohen Gewalt manchmal winzige Momente der Zärtlichkeit auf, sind jedoch rar gesät und selten mehr als punktuelle und gleich wieder durch Gewalt erstickte Inseln der Ruhe. Sauvaire will keine strukturierte Geschichte erzählen, vielmehr ist ihm daran gelegen, dem Zuschauer eine möglichst rohe und direkte Erfahrung zugänglich zu machen, und das gelingt ihm mit seiner eher unkonventionellen Art der Inszenierung ganz hervorragend. So wird sein A Prayer Before Dawn zu einer schonungslosen wie eindringlichen Reise an einen wahrlich finsteren Ort, bestehend aus Momentaufnahmen eines grundlegenden Kampfes um ein buchstäbliches Überleben, gefochten von einem jungen Mann, der sein Leben eigentlich schon aufgegeben hatte.

 

8 von 10 Stangen Zigaretten zur Überlebenssicherung

 

 

Death Wish (2018)

11. Februar 2019 at 19:02

 

 

© MGM/Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

People rely on the police to keep them safe. That’s the problem. The police only arrive after the crime has taken place. That’s like. Trapping the fox as he’s comin‘ out of the hen house. If a man really wants to protect what’s his. He has to do it for himself.“

 

 

 

Als seine Frau von Einbrechern getötet und seine Tochter danach schwer verletzt im Koma liegt, da bricht für den Chirurgen Paul Kersey die Welt zusammen. Doch als bei ihm nach und nach der Eindruck entsteht, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen nicht vorwärts kommen und die Justiz grundsätzlich überlastet scheint, da beschließt er sich eine Waffe zu besorgen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings mutiert der private Rachefeldzug dank Smartphone und YouTube schnell zum landesweiten Thema und spaltet die Bevölkerung.

 

Wo Death Wish (1974) von Michael Winner zumindest dadurch punkten konnte, dass er dem Zuschauer eben keine vorgekaute Botschaft samt Moral vorsetzt und ihn mit seinem ungelösten Dilemma alleine zurück lässt, da serviert Eli Roth mit seinem unnötigen Remake kaum mehr als stumpfsinnige und vor allem langweilige Action. Zwar versucht der Film die zweifelhaften Taten seiner Hauptfigur und deren geradezu dankbare Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung zu hinterfragen, doch tatsächliche Konsequenzen haben seine Handlungen nicht und so verpufft all das im leeren Raum. Roth gelingt es nie in die Komfortzone des Zuschauers einzudringen, denn dafür ist sein Death Wish zu zahnlos und zaghaft geraten, vermag nie ernsthaft zu provozieren und herauszufordern und vertraut lieber auf Zurückhaltung statt volles Risiko zu gehen. Es fehlt am Mut zur Positionierung und so wird die Möglichkeit vertan, eine wirklich relevante Aussage zum Thema Selbstjustiz zu erschaffen. Gut, hatte Roth so vielleicht auch gar nicht im Sinn. Doch auch als reiner Genrefilm funktioniert Death Wish nicht sonderlich gut, denn dafür ist er viel zu belanglos runter gerissen und nach Schema F inszeniert, wirkt seltsam leidenschaftslos und kann bloß mit allenfalls mäßig umgesetzter und uninspirierter Action aufwarten. Winners Death Wish war seiner Zeit zweifellos nicht weniger fragwürdig, traf jedoch einen empfindlichen Nerv bei seinem Publikum. Roth hingegen schießt am aktuellen Zeitgeist vorbei und langweilt in seiner Belanglosigkeit mehr, als dass er eine Kontroverse erzeugen könnte.

 

4 von 10 Mal stupide die Waffe zerlegen und reinigen