Hyena (2014)

20. Januar 2021 at 1:03

 

 


© Number 9 Films/Film4 Productions

 

 

 

Gerard Johnson. Ein Name, der mir vor Hyena nicht wirklich ein Begriff war. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Seit Kill List von Ben Wheatley hat mich kein anderer britischer Genrefilm mehr derart packen und begeistern können – und der Vergleich liegt keineswegs bloß an Neil Maskell und MyAnna Buring. Aber auch die Filme von S. Craig Zahler kommen mir da ebenso in den Sinn wie Good Time und Uncut Gems von den Safdie-Brüdern. Sie alle vereint eine ganz bestimmte Art von fiebriger Dringlichkeit, welche auch Hyena auszeichnet.

 

Johnson fackelt auch gar nicht lange und macht schnell klar, in welchem Umfeld sich seine Figuren bewegen. Rivalisierende Türken und Albaner in der Londoner Unterwelt, jede Seite immerzu um ihren Vorteil kämpfend, und mittendrin korrupte Cops mit ganz eigener Agenda. Raubtier gleich belauert in dieser Welt jeder jeden und Fehler werden nur selten verzeiht. Wie ein nihilistischer Mikrokosmos beobachtet durch ein gnadenloses Brennglas erforscht Hyena diese Welt ohne Moral oder Loyalität. Kommen die Ereignisse erst einmal ins Rollen, beginnt schnell eine Abwärtsspirale ohne Ausweg. Egal, was Michael Logan auch tut, egal, was er versucht, wie sehr er auch um Kontrolle ringt, es wird fortan nur noch schlimmer und schlimmer. Und das nicht nur für ihn selbst, sondern auch für sein Umfeld. Hyena lässt sehr schnell sehr wenig Zweifel daran aufkommen, wo all das enden wird.

 

Wortlos wirft Johnson den Zuschauer direkt und unmittelbar ins Geschehen und liefert einen visuell wie inszenatorisch ganz starken Einstieg in diese raue, zynische und düstere Halbwelt irgendwo zwischen Recht und Unrecht. Eine amoralische Grauzone voll mit schmierigen Gestalten in verranzten Kneipen, schäbigen Imbissläden, hässlichen Nachtclubs und heruntergekommenen Plattenbauten. Die Kamera von Benjamin Kracun ist sehr dynamisch und immer gnadenlos nah dran am Geschehen und all der Tristesse, selbst in den absolut unangenehmsten Momenten wird nicht abgeblendet. In seiner ganzen Inszenierung ist Hyena wahrlich wenig zimperlich, aber zu keiner Sekunde selbstzweckhaft in der schonungslosen Darstellung. Das geht mitunter an die Nieren, macht aber immer auch Sinn in dieser geradezu nihilistischen Welt, welche hier umrissen wird.

 

In dem Kontext halte ich auch das Ende von Hyena nur für konsequent. Sicherlich kann man das als unbefriedigend empfinden, zweifellos polarisiert es, mir jedoch erscheint es als das einzig sinnvolle in einer Welt, welche durchzogen ist von Opportunismus aus dem Bilderbuch. Selbst der geringste Hauch von Rechtschaffenheit verweht hier gleich wieder, so bald sich der Wind dreht. So wenig, wie die Figuren in Hyena auf Erlösung hoffen dürfen, kann es auch es auch keine Auflösung für dieses schmerzhafte Dilemma geben.

 

8 von 10 Mal eine fette Line Koks ziehen

 

 

The Irishman (2019)

4. Dezember 2019 at 14:20

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

I heard you paint houses.“

 

 

 

Bereits die einleitende Szene von The Irishman gibt die Richtung vor: eine elegante Plansequenz durch die Flure eines Altersheimes lässt Scorseses Ansinnen erahnen. Ein letztes großes Abschied nehmen, die ultimative Bilanz, ein Schlussstrich, ein Requiem… einen solchen Film werden wir wohl nicht nochmal erleben. Weder von ihm, noch von seinen Hauptdarstellern. Die verschachtelte Erzählstruktur, die monumentale Laufzeit, die ganz bewusste Entschleunigung, der Cast: beinahe alles wirkt aus der Zeit gefallen. Zu teuer für ein solches Projekt, zu unkonventionell, nicht zeitgemäß, altmodisch sind die Schlagworte und doch ist The Irishman letztlich wunderbar geraten. Eine wohlige Oase der Ruhe im hektischen Treiben des modernen Eventkinos.

 

Eine Fortsetzung von Goodfellas (1990) oder Casino (1995) sollte man jedoch nicht erwarten, denn Scorsese beschreitet mit seinem neuestem Werk andere Wege und erschafft eine Art Gegenentwurf zu den einst faszinierenden Parallelwelten vergangener Tage. The Irishman ist spürbar weniger romantisierend angelegt und von Beginn an bitterer im Geschmack, betrachtet sein Metier mit nüchterner Zurückhaltung als oftmals glanzloses Alltagswerk und gestaltet sich eben nicht als verklärender Ausflug in die nostalgischen Gefühle längst vergangener Tage. Es geht oftmals ganz unromantisch ums Geschäft, um Kontakte, wer kennt wen, wer kann wem weiter helfen, wer schuldet wem einen Gefallen. Networking. Dröge vielleicht, aber essentiell. Eventuell liegt es am Alter und dem damit einhergehenden Wechsel der Perspektiven, daran, dass sich Scorsese weiterentwickelt haben könnte. Sein Blick auf das Genre jedenfalls hat sich gewandelt.

 

Langsam und doch mitreißend erzählt Scorsese seine Geschichte durch eine Art doppelter Rahmenhandlung mit Rückblenden gespickt quer durch die Jahrzehnte und liefert einen kleinen Abriss amerikanischer Geschichte gleich mit. Die erzählerische Kraft steckt hier auch in der Ruhe der Bilder von Kameramann Rodrigo Prieto (The Wolf of Wall Street, Argo) und dem gediegenen Rhythmus des Schnittes von Thelma Schoonmaker (Raging Bull, Cape Fear, Gangs of New York). Inszenatorisch ist The Irishman trotz seiner gedrosselten Narrative grandios geraten, wenn er Frank Sheeran mit seinen sprunghaften und unsortierten Erinnerungen als Erzähler in den Fokus rückt und die Geschichte aus seiner Perspektive heraus wiedergibt. Am Ende bleibt ein Mann auf der verzweifelten Suche nach Vergebung, wohl wissend, dass ihm diese angesichts seines Lebens eigentlich nicht zusteht.

 

Der Cast… Holy shit. Hier treffen buchstäblich Giganten aufeinander. Legenden. Wo sich De Niro als Frank Sheeran in seinem unaufgeregten Schauspiel der zurückgenommenen Inszenierung anpasst, da ist es Al Pacino in der Rolle des Jimmy Hoffa, der lustvoll aufbrausend nochmal alle Register seines Könnens zieht. Doch so toll beide auch aufspielen, das darstellerische Highlight war für mich zweifellos Joe Pesci als Russell Bufalino, der eine unfassbar starke Präsenz in jeder seiner Szenen ausstrahlt. Manchmal muss er nicht einmal etwas sagen, sondern einfach nur anwesend sein. Worte braucht er nur bedingt, Blicke, kleine Gesten und Regungen in seinem Gesicht reichen oftmals aus, so ruhig, würdevoll, gelassen und voller Weitsicht agiert er.

 

Auch Lucy Gallina als die junge Version von Franks Tochter Peggy hinterlässt einen bleibenden Eindruck mit ihren abstrafenden Blicken und ihrer körperlich geradezu spürbaren Abscheu ihrem Vater und dessen Taten gegenüber. Sie ist sein personifiziertes schlechtes Gewissen, sie ist der nicht mehr zu kittende Scherbenhaufen von Franks Leben, welcher ihm erst viel zu spät bewusst wird. Sie ist es auch, die ihm später voller Verachtung gespielt von Anna Paquin einen vernichtend schmerzhaften Satz entgegen schleudert.

 

Über die digitalen Verjüngungs-Effekte der Darsteller lässt sich sicherlich streiten, mich persönlich haben sie allerdings weniger gestört, da mich die Geschichte selbst genügend zu fesseln vermochte. Wenn es auffiel, dann auch weniger in den Gesichtern als mehr in den Bewegungsabläufen der Figuren, doch aus dem Film riss es mich nie. Und ja, The Irishman hat zweifellos seine Längen und erfordert nicht gerade wenig Durchhaltevermögen, doch ich habe jede Minute dieses Filmes genossen. Diese kraftvolle Ruhe war wie Balsam für meine Seele, wie ein kleiner Urlaub, eine kurze Auszeit oder ein gutes Essen. Ehrlicher Weise war ich dem Film im Vorfeld eher skeptisch gegenüber eingestellt, doch Martin Scorsese vermochte mich vom deutlichen Gegenteil zu überzeugen. Ein würdevoller Abschied von dem Genre, welches ihm wohl am meisten am Herzen liegt.

 

9 von 10 im Fluss entsorgte Waffen