The Irishman (2019)

4. Dezember 2019 at 14:20

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

I heard you paint houses.“

 

 

 

Bereits die einleitende Szene von The Irishman gibt die Richtung vor: eine elegante Plansequenz durch die Flure eines Altersheimes lässt Scorseses Ansinnen erahnen. Ein letztes großes Abschied nehmen, die ultimative Bilanz, ein Schlussstrich, ein Requiem… einen solchen Film werden wir wohl nicht nochmal erleben. Weder von ihm, noch von seinen Hauptdarstellern. Die verschachtelte Erzählstruktur, die monumentale Laufzeit, die ganz bewusste Entschleunigung, der Cast: beinahe alles wirkt aus der Zeit gefallen. Zu teuer für ein solches Projekt, zu unkonventionell, nicht zeitgemäß, altmodisch sind die Schlagworte und doch ist The Irishman letztlich wunderbar geraten. Eine wohlige Oase der Ruhe im hektischen Treiben des modernen Eventkinos.

 

Eine Fortsetzung von Goodfellas (1990) oder Casino (1995) sollte man jedoch nicht erwarten, denn Scorsese beschreitet mit seinem neuestem Werk andere Wege und erschafft eine Art Gegenentwurf zu den einst faszinierenden Parallelwelten vergangener Tage. The Irishman ist spürbar weniger romantisierend angelegt und von Beginn an bitterer im Geschmack, betrachtet sein Metier mit nüchterner Zurückhaltung als oftmals glanzloses Alltagswerk und gestaltet sich eben nicht als verklärender Ausflug in die nostalgischen Gefühle längst vergangener Tage. Es geht oftmals ganz unromantisch ums Geschäft, um Kontakte, wer kennt wen, wer kann wem weiter helfen, wer schuldet wem einen Gefallen. Networking. Dröge vielleicht, aber essentiell. Eventuell liegt es am Alter und dem damit einhergehenden Wechsel der Perspektiven, daran, dass sich Scorsese weiterentwickelt haben könnte. Sein Blick auf das Genre jedenfalls hat sich gewandelt.

 

Langsam und doch mitreißend erzählt Scorsese seine Geschichte durch eine Art doppelter Rahmenhandlung mit Rückblenden gespickt quer durch die Jahrzehnte und liefert einen kleinen Abriss amerikanischer Geschichte gleich mit. Die erzählerische Kraft steckt hier auch in der Ruhe der Bilder von Kameramann Rodrigo Prieto (The Wolf of Wall Street, Argo) und dem gediegenen Rhythmus des Schnittes von Thelma Schoonmaker (Raging Bull, Cape Fear, Gangs of New York). Inszenatorisch ist The Irishman trotz seiner gedrosselten Narrative grandios geraten, wenn er Frank Sheeran mit seinen sprunghaften und unsortierten Erinnerungen als Erzähler in den Fokus rückt und die Geschichte aus seiner Perspektive heraus wiedergibt. Am Ende bleibt ein Mann auf der verzweifelten Suche nach Vergebung, wohl wissend, dass ihm diese angesichts seines Lebens eigentlich nicht zusteht.

 

Der Cast… Holy shit. Hier treffen buchstäblich Giganten aufeinander. Legenden. Wo sich De Niro als Frank Sheeran in seinem unaufgeregten Schauspiel der zurückgenommenen Inszenierung anpasst, da ist es Al Pacino in der Rolle des Jimmy Hoffa, der lustvoll aufbrausend nochmal alle Register seines Könnens zieht. Doch so toll beide auch aufspielen, das darstellerische Highlight war für mich zweifellos Joe Pesci als Russell Bufalino, der eine unfassbar starke Präsenz in jeder seiner Szenen ausstrahlt. Manchmal muss er nicht einmal etwas sagen, sondern einfach nur anwesend sein. Worte braucht er nur bedingt, Blicke, kleine Gesten und Regungen in seinem Gesicht reichen oftmals aus, so ruhig, würdevoll, gelassen und voller Weitsicht agiert er.

 

Auch Lucy Gallina als die junge Version von Franks Tochter Peggy hinterlässt einen bleibenden Eindruck mit ihren abstrafenden Blicken und ihrer körperlich geradezu spürbaren Abscheu ihrem Vater und dessen Taten gegenüber. Sie ist sein personifiziertes schlechtes Gewissen, sie ist der nicht mehr zu kittende Scherbenhaufen von Franks Leben, welcher ihm erst viel zu spät bewusst wird. Sie ist es auch, die ihm später voller Verachtung gespielt von Anna Paquin einen vernichtend schmerzhaften Satz entgegen schleudert.

 

Über die digitalen Verjüngungs-Effekte der Darsteller lässt sich sicherlich streiten, mich persönlich haben sie allerdings weniger gestört, da mich die Geschichte selbst genügend zu fesseln vermochte. Wenn es auffiel, dann auch weniger in den Gesichtern als mehr in den Bewegungsabläufen der Figuren, doch aus dem Film riss es mich nie. Und ja, The Irishman hat zweifellos seine Längen und erfordert nicht gerade wenig Durchhaltevermögen, doch ich habe jede Minute dieses Filmes genossen. Diese kraftvolle Ruhe war wie Balsam für meine Seele, wie ein kleiner Urlaub, eine kurze Auszeit oder ein gutes Essen. Ehrlicher Weise war ich dem Film im Vorfeld eher skeptisch gegenüber eingestellt, doch Martin Scorsese vermochte mich vom deutlichen Gegenteil zu überzeugen. Ein würdevoller Abschied von dem Genre, welches ihm wohl am meisten am Herzen liegt.

 

9 von 10 im Fluss entsorgte Waffen

 

 

Once Upon a Time… in Hollywood (2019)

26. September 2019 at 18:05

 

 

© Sony Pictures Releasing/Quelle: IMDb

 

 

 

Hey! You’re Rick fucking Dalton. Don’t you forget it.“

 

 

 

Rick Dalton ist zwar Schauspieler der alten Garde, befindet sich Ende der 60er allerdings auf dem absteigendem Ast und bekommt vermehrt nur noch Angebote als Bösewicht für das Fernsehen und kaum noch als Held für das große Kino. Nur widerwillig nimmt er zusammen mit seinem Freund und Stuntman Cliff Booth ein Angebot für einige italienische Exploitation-Filme an, doch nach ihrer Rückkehr aus Rom kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung mit einigen Mitgliedern der Manson Family.

 

Once upon a time… Hitler, die Sklaverei und jetzt Charles Manson: History revisited by Quentin Tarantino. In seinem nun mehr neunten Film nimmt er sich gleich dem Ende zweier Ären an, wenn er das Hollywood Ende der 60er Jahre in all seiner Aufbruchstimmung auf der Leinwand aufblühen lässt. Zum einen ist da das New Hollywood auf dem Vormarsch und im Begriff, die alten Strukturen aufzubrechen: Easy Rider erobert die Leinwände und die jungen, wilden Filmemacher nehmen das Kino für sich ein. Zum anderen sind da die schrecklichen Manson-Morde, das Ende der Unschuld und des Summer of Love. Doch Tarantino interessiert sich viel mehr für die erzählerische Kraft des Kinos als für historische Fakten, und so nutzt er abermals das Medium Film, um diesen furchtbaren Momenten zumindest für einen winzigen Augenblick ihre Macht zu nehmen. Nicht Charles Manson gibt er die Bühne, sondern Sharon Tate. Das ist seine Liebeserklärung nicht nur an diese Zeit und deren Filme, sondern auch an das Kino im Allgemeinen und die Möglichkeiten des Filmemachens.

 

Once Upon a Time… in Hollywood wandelt gleichermaßen ziellos wie verträumt durch die Straßen von Los Angeles und will gar nicht erst eine klar umrissene Geschichte erzählen, sondern viel lieber über Stimmung und Bildsprache als über Handlung und Dialog wirken. Lakonisch mäandernd verweigert sich der Film einem klassischen Plot nahezu vollkommen und setzt mehr auf einen beinahe schon episodenhaften Erzählfluss. Das erinnert mich an Filme wie Inherent Vice (Paul Thomas Anderson, 2014) oder Under the Silver Lake (David Robert Mitchell, 2018). Einem sanften Tagtraum gleich streifen wir zusammen mit Rick Dalton und Cliff Booth umher. Die Perspektive mag nostalgisch sein, doch keineswegs verklärt. Tarantinos Hollywood 1969 ist vielleicht idealisiert, aber weder Parodie noch Kitsch, und wirkt ein wenig wie aus den Augen eines staunenden Kindes betrachtet, ohne jedoch anzuhimmeln. Eine angenehme Ziellosigkeit gibt hier den Rhythmus vor und bestimmt das schwelgerische Tempo, und doch unterläuft Tarantino immer wieder nur zu gern Erwartungshaltungen, gibt sich unerwartet melancholisch und zum Teil geradezu wehmütig ohne jammernd längst vergangenen Zeiten nachzuhängen, nur um in einem slapstickhaft brutalem Finale zu münden.

 

Jeder Moment ist bis ins aller letzte noch so kleine Detail durchdacht und voller Hingabe inszeniert und bietet eine enorm hohe Wertigkeit in jeglicher Hinsicht. Auf der schauspielerischen Ebene überzeugt hier beinahe jede noch so kleine Nebenfigur, doch besonders Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen nicht nur herausragend, sondern harmonieren zusammen auch ganz wunderbar. Aber vor allem Pitt wusste mich zu begeistern mit seiner unfassbar abgeklärten Coolness, so gar nicht aufgesetzt und vollkommen aus sich heraus wirkend. Und doch schwebt über all dem wunderbar unbekümmert Sharon Tate. Trotz der überraschend gering ausfallenden Leinwandzeit strahlt Margot Robbie eine wundervolle Präsenz voller Leichtigkeit aus, vielleicht etwas naiv, aber durch und durch unschuldig, liebenswert und rein. Ihr gehört dann auch meine absolute Lieblingsszene im Film. Once Upon a Time… in Hollywood ist vermutlich nicht Tarantinos stärkster Film, vielleicht aber sein schönster bisher. Irgendwie beginnt das eigentliche Märchen dann auch erst mit der letzten Szene. Der Abspann läuft und alles wird gut, wenn auch nur für einen winzig kleinen Moment in einem dunklen Kinosaal.

 

8 von 10 nackten, dreckigen Füßen