Once Upon a Time… in Hollywood (2019)

26. September 2019 at 18:05

 

 

© Sony Pictures Releasing/Quelle: IMDb

 

 

 

Hey! You’re Rick fucking Dalton. Don’t you forget it.“

 

 

 

Rick Dalton ist zwar Schauspieler der alten Garde, befindet sich Ende der 60er allerdings auf dem absteigendem Ast und bekommt vermehrt nur noch Angebote als Bösewicht für das Fernsehen und kaum noch als Held für das große Kino. Nur widerwillig nimmt er zusammen mit seinem Freund und Stuntman Cliff Booth ein Angebot für einige italienische Exploitation-Filme an, doch nach ihrer Rückkehr aus Rom kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung mit einigen Mitgliedern der Manson Family.

 

Once upon a time… Hitler, die Sklaverei und jetzt Charles Manson: History revisited by Quentin Tarantino. In seinem nun mehr neunten Film nimmt er sich gleich dem Ende zweier Ären an, wenn er das Hollywood Ende der 60er Jahre in all seiner Aufbruchstimmung auf der Leinwand aufblühen lässt. Zum einen ist da das New Hollywood auf dem Vormarsch und im Begriff, die alten Strukturen aufzubrechen: Easy Rider erobert die Leinwände und die jungen, wilden Filmemacher nehmen das Kino für sich ein. Zum anderen sind da die schrecklichen Manson-Morde, das Ende der Unschuld und des Summer of Love. Doch Tarantino interessiert sich viel mehr für die erzählerische Kraft des Kinos als für historische Fakten, und so nutzt er abermals das Medium Film, um diesen furchtbaren Momenten zumindest für einen winzigen Augenblick ihre Macht zu nehmen. Nicht Charles Manson gibt er die Bühne, sondern Sharon Tate. Das ist seine Liebeserklärung nicht nur an diese Zeit und deren Filme, sondern auch an das Kino im Allgemeinen und die Möglichkeiten des Filmemachens.

 

Once Upon a Time… in Hollywood wandelt gleichermaßen ziellos wie verträumt durch die Straßen von Los Angeles und will gar nicht erst eine klar umrissene Geschichte erzählen, sondern viel lieber über Stimmung und Bildsprache als über Handlung und Dialog wirken. Lakonisch mäandernd verweigert sich der Film einem klassischen Plot nahezu vollkommen und setzt mehr auf einen beinahe schon episodenhaften Erzählfluss. Das erinnert mich an Filme wie Inherent Vice (Paul Thomas Anderson, 2014) oder Under the Silver Lake (David Robert Mitchell, 2018). Einem sanften Tagtraum gleich streifen wir zusammen mit Rick Dalton und Cliff Booth umher. Die Perspektive mag nostalgisch sein, doch keineswegs verklärt. Tarantinos Hollywood 1969 ist vielleicht idealisiert, aber weder Parodie noch Kitsch, und wirkt ein wenig wie aus den Augen eines staunenden Kindes betrachtet, ohne jedoch anzuhimmeln. Eine angenehme Ziellosigkeit gibt hier den Rhythmus vor und bestimmt das schwelgerische Tempo, und doch unterläuft Tarantino immer wieder nur zu gern Erwartungshaltungen, gibt sich unerwartet melancholisch und zum Teil geradezu wehmütig ohne jammernd längst vergangenen Zeiten nachzuhängen, nur um in einem slapstickhaft brutalem Finale zu münden.

 

Jeder Moment ist bis ins aller letzte noch so kleine Detail durchdacht und voller Hingabe inszeniert und bietet eine enorm hohe Wertigkeit in jeglicher Hinsicht. Auf der schauspielerischen Ebene überzeugt hier beinahe jede noch so kleine Nebenfigur, doch besonders Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen nicht nur herausragend, sondern harmonieren zusammen auch ganz wunderbar. Aber vor allem Pitt wusste mich zu begeistern mit seiner unfassbar abgeklärten Coolness, so gar nicht aufgesetzt und vollkommen aus sich heraus wirkend. Und doch schwebt über all dem wunderbar unbekümmert Sharon Tate. Trotz der überraschend gering ausfallenden Leinwandzeit strahlt Margot Robbie eine wundervolle Präsenz voller Leichtigkeit aus, vielleicht etwas naiv, aber durch und durch unschuldig, liebenswert und rein. Ihr gehört dann auch meine absolute Lieblingsszene im Film. Once Upon a Time… in Hollywood ist vermutlich nicht Tarantinos stärkster Film, vielleicht aber sein schönster bisher. Irgendwie beginnt das eigentliche Märchen dann auch erst mit der letzten Szene. Der Abspann läuft und alles wird gut, wenn auch nur für einen winzig kleinen Moment in einem dunklen Kinosaal.

 

8 von 10 nackten, dreckigen Füßen

 

 

Soldier (1998)

17. Mai 2019 at 16:16

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

A soldier does not speak unless spoken to by a superior officer. A soldier shows no mercy. Mercy is weakness. Weakness is death. The forces are his family. He is most happy, when following orders. A soldier loves to kill. A soldier needs no friend or family. War is his friend. The Forces are his family.“

 

 

 

2036. Der von Kindesbeinen an zum Elitesoldaten gedrillte Todd 3465 hat sein mörderisches Handwerk in zahlreichen Schlachten unter Beweis gestellt und doch sollen er und seine Kameraden nun schon zum alten Eisen gehören und ausrangiert werden. Eine neue, genetisch verbesserte Generation von Soldaten soll sie ersetzen, und als Todd in einem Kampf zu Demonstrationszwecken scheinbar ums Leben kommt, da wird sein Körper einfach auf dem Müllplaneten Arcadia 234 entsorgt. Doch Todd lebt und kommt schnell in Kontakt mit einer Gruppe von Siedlern, deren Leben sich kaum stärker von seinem eigenen unterscheiden könnte.

 

Genau drei Mal in seiner Karriere gelang es Regisseur Paul W.S. Anderson, all seine Stärken zu bündeln und in rund 100 Minuten Film zu gießen: bei Event Horizon (1997), bei Death Race (2008) und vor allem bei Soldier (1998). Zwischen all den aufgeblasenen Spektakel-Filmen ohne Ecken und Kanten wie Armageddon, Deep Impact oder Godzilla konnte Soldier seiner Zeit im Grunde nur untergehen. Augenzwinkernde Ironie als Absicherung gegenüber jeglicher Kritik sucht man hier vergeblich und so wird Soldier natürlich angreifbar, macht aber gleichzeitig auch nie einen Hehl aus seiner geradezu banalen Einfachheit und setzt so ziemlich alles, was er aufzubieten hat in die Verpackung seiner gerade noch hauchdünnen Story. Der Konflikt ist denkbar simpel und vollkommen klar umrissen, aber gerade diese ausgeprägte Simplizität in der Erzählstruktur ist wunderbar.

 

Obwohl 1998 in die Kinos gekommen, ist Andersons Film tief im Geiste des 80er-Actionfilms verortet und bedient sich zugleich der Erzählstruktur eines Western, wenn er Themen aufgreift, welche bereits George Stevens großer Klassiker Shane (1953) verhandelte. Der mysteriöse Held, der hilflosen Siedlern im Kampf gegen erbarmungslose Angreifer beisteht und dabei das Menschsein lernt und eine Andeutung von Liebe und Hoffnung erfährt. Dazu siedelt Drehbuchautor David Webb Peoples (12 Monkeys, The Unforgiven) Soldier durch kleine Bezüge im selben Universum an wie Blade Runner (1982), an dessen Script er ebenfalls beteiligt war. Dazu passt auch, dass die Idee bereits kurz nach Blade Runner entstanden ist, allerdings erst Ende der 90er in Produktion ging und sich folglich als eine Art geistiger Bruder versteht, wenn Soldier uns einen Blick in die Off-World-Kolonien gewährt, welche Blade Runner seiner Zeit nur andeutete. Thematisch übergreifende Ideen dahinter lassen sich kaum leugnen, auch wenn natürlich vollkommen klar ist, dass Andersons vierter Film zu keiner Sekunde die narrativen wie psychologischen Tiefen eines Blade Runner zu erreichen vermag. Aber das will er auch gar nicht, liegt sein Fokus doch viel eher auf den pulpigen Nebenschauplätzen abseits moralischer Grundsatzdiskussionen.

 

Rückblickend lässt sich Soldier mit seinem eindeutigen Gut/Böse-Schema und seiner sicherlich fragwürdigen Moral als Hommage an das klar und einfach strukturierte Actionkino der 80er Jahre verstehen. Vielleicht besinnt sich Paul W.S. Anderson ja irgendwann wieder auf seine Stärken und haut nochmal einen solch herrlich aus der Zeit gefallenen Streifen raus. Zu wünschen wäre es.

 

7 von 10 zarte Pflänzchen der Hoffnung

 

 

Fast & Furious 8 oder das Po-Loch des Teufels

19. September 2017 at 17:04

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

Als das Team rund um Dominic Toretto einen weiteren Auftrag für Mr. Nobody annimmt und eine leistungsstarke EMP-Waffe in Berlin sicherstellen soll, wendet sich Dom plötzlich gegen die Familie, stiehlt die Waffe und verschwindet von der Bildfläche. Niemand außer ihm weiß, was wirklich los ist, wird er doch von der Hackerin Cipher erpresst und dazu gezwungen, doch von nun an macht der Rest des Teams unerbittlich Jagd auf Dom.

 

Die Fast & Furious-Reihe ist das momentan wohl erfolgreichste Action-Franchise überhaupt, welches von Kostverächtern auch heute noch nur zu gern gemieden wird, obwohl sich der inszenatorische Irrsinn seit Teil 5 jedes Mal aufs neue übertrifft und sich die Filme weg von ausuferndem Auto-Fetisch und langweiligen Straßenrennen hin zu überdreht comicartiger Action entwickelt haben. Auch ich selbst muss zugeben, erst seit besagtem fünften Teil aktiv Interesse an den Abenteuern rund um Dominic Toretto und seiner Familie zu haben, seit die Macher dahinter nahezu unermüdlich Film um Film den bekloppten Wahnsinn in immer größere Höhen schrauben. Immerzu denkt man, wie das alles denn noch getoppt werden soll und dann kommt der nächste Teil nur um doch wieder einen drauf zu setzen. Und auch der achte Streich – dieses Mal unter der Regie von F. Gary Gray – strebt mit jeder Pore nach infantilem Gigantismus und was hier an haarsträubender Action geradezu zelebriert wird, das muss man sehen, um es zu glauben: da regnen Autos dutzendfach von Dächern, da schlittern italienische Sportwagen über das sibirische Eis, da rast eine Abrissbirne über deutsche Straßen und kegelt den Weg frei, da liefert sich die Familie rund um Dom ein Wettrennen mit einem russischen Atom-U-Boot. Dass das alles einfach nur der total grenzdebile Schwachfug sein könnte, die Frage stellt sich dem offenen Betrachter allerdings gar nicht erst, denn Fast & Furious 8 verpackt all das mit einer solch großen Lust an eben jenem infantilen Gigantismus, dass man eigentlich nur noch Kopf schüttelnd da sitzen und die vollkommen abstrusen Einfälle bewundern kann. Auch der Cast scheint parallel zur Action immer gigantischere Ausmaße anzunehmen und erweitert den Kern der Familie Stück für Stück sogar um alte Feinde, wenn neue es erforderlich machen. Fast & Furious 8 ist nicht nur auf dem Papier ein vollkommen durchgeknalltes Stück filmischer Wahnsinn geworden und dreht buchstäblich schwer am Rad, er zelebriert diesen Zustand totalen Irrsinns regelrecht und definiert sich beinahe ausschließlich genau darüber. Bessere Action findet man zur Zeit sicherlich, größenwahnsinnigere wohl kaum. Das darf dann auch mal einfach nur Spaß machen. Letztlich bleiben bei mir zwei Fragen: wird der nächste Teil noch größere Dimensionen beackern und zitiert Regisseur F. Gary Gray in diesem Spektakel tatsächlich in einer Szene kurz Hard Boiled von John Woo oder ist das bloß Zufall?

 

7 von 10 feurigen Straßenrennen in Havanna

 

 

Deepwater Horizon

31. Juli 2017 at 12:25

 

 

© Summit Entertainment

 

 

 

Den BP-Funktionären kann es kaum schnell genug gehen, zumal man ohnehin schon 43 Tage hinter dem Zeitplan herhinkt. So wird trotz der Warnungen und Bedenken von Cheftechniker Mike Williams und dessen Chef Jimmy Harrell im Vorfeld der eigentlichen Bohrungen bei wichtigen Kontrolltests absichtlich manipuliert um die Arbeiten auf der Deepwater Horizon weiter voranzutreiben.

 

Wie die Geschichte ausgeht ist nur allzu gut bekannt. Elf Menschenleben forderten die verhängnisvollen Ereignisse am 20. April 2010, die Deepwater Horizon ging schließlich unter, der Blowout dauerte ganze 87 Tage und etwa 795 Millionen Liter Öl flossen ungehindert in den Golf von Mexiko – die mit Abstand schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA. Nun hat sich Regisseur Peter Berg also eben jenen Ereignissen angenommen und erneut nach Lone Survivor mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle zusammen gearbeitet. Und sein dafür gewählter Ansatz ist im positiven Sinne überraschend, klammert er doch die zweifellos schrecklichen ökologischen Konsequenzen weitestgehend aus und rückt ganz deutlich den Kampf ums Überleben der Männer und Frauen an Bord der Deepwater Horizon in den erzählerischen Fokus. Das ist eine mutige Entscheidung, die man durchaus wertschätzen kann und darf, wurde den dramatischen Folgen dieser Katastrophe doch bereits jede Menge Aufarbeitung gewidmet. Und so bleibt Peter Berg mehr Zeit für etwas anderes in seinem Film, für einen modernen Zugang zu dem eigentlich längst aus der Mode gekommenen Genre der Katastrophenfilme. Einen Vorwurf kann ich ihm aus meiner Sicht dafür kaum machen und eine wie auch immer geartete Verwerflichkeit kann ich darin auch nicht erkennen, hat er sich doch einfach nur für einen anderen, kleineren Blickwinkel auf die Ereignisse an diesem Tag entschieden. Der Sündenbock in Gestalt der beiden BP-Funktionäre Kaluza und Vidrine ist schnell gefunden und das mag vielleicht ein wenig zu simpel erscheinen, aus der Perspektive der Männer und Frauen an Bord der Deepwater Horizon ist das jedoch mehr als einleuchtend, und genau diese will der Film ja ganz bewusst aufgreifen und sich zu eigen machen.

 

Und ausgehend von diesem verengten Blickwinkel verdichtet Berg das Geschehen zusehends mehr und mehr, steigert langsam wie unerbittlich immer weiter die Spannungskurve und wenn sich all die aufgestaute Energie und Anspannung erst entlädt, dann geschieht das ähnlich explosiv wie auf der Leinwand. Ist das Biest dann erst entfesselt, dann bietet Deepwater Horizon in seinem letzten Drittel annähernd perfektes Blockbuster-Spektakel und gerade in all jenen Momenten während und nach der Explosion bewegt sich der Film sowohl visuell als auch akustisch auf aller höchstem Niveau. Die schier atemberaubende wie gleichermaßen zerstörerische Wucht und die Ehrfurcht gebietende Urgewalt dieses Infernos sind absolut beeindruckend. Der Zuschauer ist oft ganz nah am Geschehen und gerade in diesen Szenen zahlt es sich aus, dass große Teile des Sets detailgetreue Nachbauten der tatsächlichen Ölbohrinsel waren und die Macher grundsätzlich eher auf praktische Effekte setzten und CGI nur dann zum Einsatz kam, wenn es gar nicht mehr anders ging. Gerade diese Mischung aus digitalem Zauber und altmodischem Handwerk ist verblüffend gut gelungen und oft bemerkt man den Unterschied kaum bis gar nicht, fügen sich die animierten Flammen doch meist geradezu selbstverständlich in die Szenerie ein. Zudem bereitet Berg seine Katastrophe sehr sorgfältig vor, nimmt sich Zeit, etabliert seine Figuren nicht allzu offensichtlich und zeichnet ein sehr präzises Bild der Geografie dieser monströsen, verwinkelten Stahlkonstruktion, so dass sich der Zuschauer auch im schlimmsten Chaos immer noch zurechtfinden kann und nie völlig die Übersicht verliert. Düsteres Foreshadowing in Form einer Cola Dose, spielerische Exposition und ein Hauch emotionale Unterfütterung der Charaktere bestimmen die eher flott erzählte erste Hälfte vor der Katastrophe. Mit einfachen Handgriffen bringt Peter Berg alles in Position, um den Zuschauer emotional genug zu involvieren, damit die zweite Hälfte auch ihre volle Wirkung entfalten kann.  Dabei geht Berg phasenweise unglaublich konzentriert und fokussiert vor und inszeniert den Verlauf der Zerstörung intensiv wie gewissenhaft als eine teils unglückliche Verkettung technischer Probleme gepaart mit menschlichen Fehlentscheidungen.

 

Peter Berg wählt seinen erzählerischen Ansatz für Deepwater Horizon ganz bewusst und stellt absichtlich die menschlichen Schicksale in den Vordergrund. Moralisch verwerflich finde ich das nicht, bieten sich ihm doch so spannende Möglichkeiten in Bezug auf die Inszenierung. Und diese kann sich wahrlich sehen lassen, wenn Deepwater Horizon als reduziertes wie gleichermaßen clever aufgezogenes und eindrucksvolles Katastrophen-Kino daher kommt und die Form ganz bewusst den Inhalt verdrängt.

 

7,5 von 10 überschäumenden Cola-Dosen