Deepwater Horizon

31. Juli 2017 at 12:25

 

 

© Summit Entertainment

 

 

 

Den BP-Funktionären kann es kaum schnell genug gehen, zumal man ohnehin schon 43 Tage hinter dem Zeitplan herhinkt. So wird trotz der Warnungen und Bedenken von Cheftechniker Mike Williams und dessen Chef Jimmy Harrell im Vorfeld der eigentlichen Bohrungen bei wichtigen Kontrolltests absichtlich manipuliert um die Arbeiten auf der Deepwater Horizon weiter voranzutreiben.

 

Wie die Geschichte ausgeht ist nur allzu gut bekannt. Elf Menschenleben forderten die verhängnisvollen Ereignisse am 20. April 2010, die Deepwater Horizon ging schließlich unter, der Blowout dauerte ganze 87 Tage und etwa 795 Millionen Liter Öl flossen ungehindert in den Golf von Mexiko – die mit Abstand schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA. Nun hat sich Regisseur Peter Berg also eben jenen Ereignissen angenommen und erneut nach Lone Survivor mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle zusammen gearbeitet. Und sein dafür gewählter Ansatz ist im positiven Sinne überraschend, klammert er doch die zweifellos schrecklichen ökologischen Konsequenzen weitestgehend aus und rückt ganz deutlich den Kampf ums Überleben der Männer und Frauen an Bord der Deepwater Horizon in den erzählerischen Fokus. Das ist eine mutige Entscheidung, die man durchaus wertschätzen kann und darf, wurde den dramatischen Folgen dieser Katastrophe doch bereits jede Menge Aufarbeitung gewidmet. Und so bleibt Peter Berg mehr Zeit für etwas anderes in seinem Film, für einen modernen Zugang zu dem eigentlich längst aus der Mode gekommenen Genre der Katastrophenfilme. Einen Vorwurf kann ich ihm aus meiner Sicht dafür kaum machen und eine wie auch immer geartete Verwerflichkeit kann ich darin auch nicht erkennen, hat er sich doch einfach nur für einen anderen, kleineren Blickwinkel auf die Ereignisse an diesem Tag entschieden. Der Sündenbock in Gestalt der beiden BP-Funktionäre Kaluza und Vidrine ist schnell gefunden und das mag vielleicht ein wenig zu simpel erscheinen, aus der Perspektive der Männer und Frauen an Bord der Deepwater Horizon ist das jedoch mehr als einleuchtend, und genau diese will der Film ja ganz bewusst aufgreifen und sich zu eigen machen.

 

Und ausgehend von diesem verengten Blickwinkel verdichtet Berg das Geschehen zusehends mehr und mehr, steigert langsam wie unerbittlich immer weiter die Spannungskurve und wenn sich all die aufgestaute Energie und Anspannung erst entlädt, dann geschieht das ähnlich explosiv wie auf der Leinwand. Ist das Biest dann erst entfesselt, dann bietet Deepwater Horizon in seinem letzten Drittel annähernd perfektes Blockbuster-Spektakel und gerade in all jenen Momenten während und nach der Explosion bewegt sich der Film sowohl visuell als auch akustisch auf aller höchstem Niveau. Die schier atemberaubende wie gleichermaßen zerstörerische Wucht und die Ehrfurcht gebietende Urgewalt dieses Infernos sind absolut beeindruckend. Der Zuschauer ist oft ganz nah am Geschehen und gerade in diesen Szenen zahlt es sich aus, dass große Teile des Sets detailgetreue Nachbauten der tatsächlichen Ölbohrinsel waren und die Macher grundsätzlich eher auf praktische Effekte setzten und CGI nur dann zum Einsatz kam, wenn es gar nicht mehr anders ging. Gerade diese Mischung aus digitalem Zauber und altmodischem Handwerk ist verblüffend gut gelungen und oft bemerkt man den Unterschied kaum bis gar nicht, fügen sich die animierten Flammen doch meist geradezu selbstverständlich in die Szenerie ein. Zudem bereitet Berg seine Katastrophe sehr sorgfältig vor, nimmt sich Zeit, etabliert seine Figuren nicht allzu offensichtlich und zeichnet ein sehr präzises Bild der Geografie dieser monströsen, verwinkelten Stahlkonstruktion, so dass sich der Zuschauer auch im schlimmsten Chaos immer noch zurechtfinden kann und nie völlig die Übersicht verliert. Düsteres Foreshadowing in Form einer Cola Dose, spielerische Exposition und ein Hauch emotionale Unterfütterung der Charaktere bestimmen die eher flott erzählte erste Hälfte vor der Katastrophe. Mit einfachen Handgriffen bringt Peter Berg alles in Position, um den Zuschauer emotional genug zu involvieren, damit die zweite Hälfte auch ihre volle Wirkung entfalten kann.  Dabei geht Berg phasenweise unglaublich konzentriert und fokussiert vor und inszeniert den Verlauf der Zerstörung intensiv wie gewissenhaft als eine teils unglückliche Verkettung technischer Probleme gepaart mit menschlichen Fehlentscheidungen.

 

Peter Berg wählt seinen erzählerischen Ansatz für Deepwater Horizon ganz bewusst und stellt absichtlich die menschlichen Schicksale in den Vordergrund. Moralisch verwerflich finde ich das nicht, bieten sich ihm doch so spannende Möglichkeiten in Bezug auf die Inszenierung. Und diese kann sich wahrlich sehen lassen, wenn Deepwater Horizon als reduziertes wie gleichermaßen clever aufgezogenes und eindrucksvolles Katastrophen-Kino daher kommt und die Form ganz bewusst den Inhalt verdrängt.

 

7,5 von 10 überschäumenden Cola-Dosen