Dune (2021)

17. Oktober 2021 at 19:01

 

 

© Legendary Pictures/Warner Bros. Pictures

 

 

Fear is the mind-killer. Fear is the little death that brings total obliteration. I will face my fear, and I will permit it to pass over me. When the fear has gone, there will be nothing. Only I will remain.

 

Keinen anderen Roman habe ich in meinem Leben öfter gelesen als Dune von Frank Herbert. Arrakis, das Spice, die Fremen. Haus Atreides, Haus Harkonnen, der Padischah-Imperator. Intrigen, Verrat, Meuchelmord. Shai Hulud und Lisan al-Gaib, Kanly und Muad´dib. All das übt bis heute eine ungemeine Faszination auf mich aus. Entsprechend groß war meine Vorfreude über die Meldung, dass sich Denis Villeneuve an eine weitere Verfilmung wagen würde und seinen Kindheitstraum erfüllen darf. Incendies, Prisoners, Enemy, Sicario, Arrival, Blade Runner 2049… Wenn nicht er, wer dann?

 

Dune gilt aufgrund seiner komplexen Welt als unverfilmbar, aber das galt auch lange für Herr der Ringe und dann kam Peter Jackson. Alejandro Jodorowsky hat es in den 70er Jahren versucht und ist gescheitert, David Lynch hat es in den 80er Jahren ebenfalls versucht und ist auf andere, sehr besondere Art und Weise gescheitert, und nun versucht es Denis Villeneuve. Und der Franko-Kanadier lässt sich Zeit und entfaltet langsam und sorgfältig die Strukturen rund um den Wüstenplaneten, konzentriert sich sein Film doch vornehmlich auf die erste Hälfte des ersten Buches im Zyklus. Man zeigt uns zunächst nur kleine Ausschnitte einer viel größeren und komplexeren Geschichte und erst nach und nach offenbaren sich die tatsächlichen Dimensionen.

 

Visuell setzt der Film auf teils gigantische Größenverhältnisse, lässt oft die Weiten der Wüste wirken und Landschaft und Gebäude sprechen. Dune ist bildgewaltig, ausladend und schwelgerisch inszeniert, detailverliebt und zugleich reduziert in Bildsprache und Architektur. Kameramann Greig Fraser (Zero Dark Thirty, Killing Them Softly, Star Wars: Rogue One) beweist ein außergewöhnliches Gespür für diese überdimensionalen Strukturen und findet erhabene bis niederschmetternde Bilder. Auf der erzählerischen Ebene hingegen wirkt Villeneuves Film weniger gerafft und spürbar strukturierter und fokussierter als noch bei Lynch. Neulingen in diesem Universum wird der Zugang nicht allzu schwer gemacht, denn Dune gibt sich nicht sonderlich sperrig. Sicher werden Fragen aufgeworfen, der eigentlichen Handlung lässt sich jedoch problemlos folgen.

 

Auch inhaltlich ist Dune recht breit aufgestellt, denn es geht bei weitem nicht nur um eine messianische Heldenreise wider Willen und politische Intrigen. Natürlich steht der von Visionen der Zukunft geplagte Paul Atreides mit seinem Konflikt im Vordergrund, zweifelt er doch auch an seiner Rolle als Heilsbringer, als Mahdi, und sträubt sich, diese anzunehmen. Er will nicht bloß als Projektionsfläche für Motive von Außen dienen, instrumentalisiert durch die Schwesternschaft der Bene Gesserit. Paul ist zwar gut ausgebildet in vielen Bereichen, ein junger Mann, der vielleicht vieles bereits zu wissen glaubt, dem aber auch die mangelnde Erfahrung bei jedem unsicheren Blick ins Gesicht geschrieben steht. Aber darüber hinaus bildet Dune ein komplex erdachtes Geflecht aus Politik, Religion, Ökologie, Imperialismus und Ökonomie und könnte in unserer heutigen Welt kaum relevanter sein. Die Themen, welche Frank Herbert bereits 1965 in seinem Roman aufwarf, sind immer noch erschreckend aktuell.

 

Denis Villeneuve hat meine Erwartungen übertroffen. Seine Vision von Dune sieht aus und fühlt sich an, wie ich es mir in meinem Kopf immer ausgemalt habe. Minimalistisch und episch zugleich, immerzu getrieben vom unbedingten Gestaltungswillen seines Regisseurs. Audiovisueller Bombast, der unbedingt auf die große Leinwand gehört. Für mich das wohl größte und beeindruckendste Filmerlebnis in diesem Jahr, vor allem, aber nicht nur im Kino. Kleinere, persönliche Kritikpunkte fallen da beinahe schon hinten über und können das Erlebnis Dune wenig bis gar nicht schmälern. Der einzige echte Wermutstropfen ist dann wohl das bange Warten auf den zweiten Teil.

 

9/10

 

 

Shadow in the Cloud (2020)

4. September 2021 at 20:14

 

 

© Automatik Entertainment/Vertical Entertainment/Redbox Entertainment/387 Distribution

 

 

Eine junge Frau im Krieg und das Geheimnis ihrer Fracht. Ihren erst zweiten Langfilm Shadow in the Cloud eröffnet Regisseurin Roseanne Liang als Kammerspiel beinahe vollends aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin heraus, erweitert diese jedoch immerzu um andere Blickwinkel. Vom Rest der ausnehmend männlichen Besatzung des Bombers Fool´s Errand unterhalb des Rumpfes, in einem Waffenturm, ist sie zwar räumlich getrennt, aber leider akustisch nicht. So darf sie sich doch zunächst allerhand nur schwer erträglich sexistischer Kommentare ausgesetzt fühlen.

 

Wird diese Situation erst einmal aufgebrochen, dann entpuppt sich Shadow in the Cloud als feministischer Actionfilm, welcher sich zu jeder Sekunde vollkommen bewusst ist, dass seine erzählerische Grundlage Quatsch ist. Eine Verbeugung vor Pulp, Trash und B-Movies. Twillight Zone, Outer Limits und X-Factor, aber aus einer weiblichen Sichtweise heraus. Muss Maude Garrett außerhalb der Fool´s Errand gegen einen Gremlin nicht nur um ihr eigenes Leben kämpfen, dann dreht der Film komplett am Rad. Unrealistisch? Zweifellos. Aber eben auch nicht unrealistischer als so mancher männlich dominierter Actionfilm.

 

Liang zwingt den Zuschauer ganz bewusst in die weibliche Rolle und natürlich ist das in gewisser Hinsicht ideologisch geprägt. Das mag vielleicht erzählerisch nicht sonderlich elegant sein, ist aber zumindest innerhalb seiner Welt inhaltlich schlüssig, vor allem verdammt unterhaltsam und vermag teilweise wirklich zu überraschen. So manchen Twist habe ich in der Form einfach nicht kommen sehen. Dazu ist Shadow in the Cloud zumindest zu Beginn auf der inszenatorischen Ebene interessant, weil visuell ein Bruch entsteht, wenn das Zweiter Weltkrieg-Szenario mit einer 80er-Neon-Ästhetik kombiniert wird. Schade bloß, dass diese angenehme Unstimmigkeit nicht weiter verfolgt wird. Ansonsten ist Shadow in the Cloud ein wilder wie unterhaltsamer Genre-Mix mit erfreulich kurzer Laufzeit, der sich seiner pulpigen Herkunft vollkommen bewusst ist und dennoch etwas zu sagen hat.

 

7/10

 

 

Synchronic (2019)

19. Juli 2021 at 19:34

 

 

© XYZ Films/Patriot Pictures/Rustic Films

 

 

 

The present is a miracle. Synchronic ist nach Resolution, Spring und The Endless die nunmehr vierte Zusammenarbeit der beiden Regisseure Aaron Moorhead und Justin Benson in Folge. Obwohl mit ihrem bis dato größtem Budget ausgestattet, bleiben die beiden ihrem bisherigen Do It Yourself-Ansatz treu und übernehmen Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt immer noch überwiegend selbst. Über allem steht ihre ganz eigene Vision, die es umzusetzen gilt.

 

Weder visuell noch thematisch betreten Moorhead & Benson mit Synchronic innerhalb ihres Kosmos neue Wege und greifen erneut Motive und Bilder ihres gemeinsamen Schaffens auf. Zeit und deren Beschaffenheit, Freundschaft und deren Grenzen. Das zur Ausgangslage erhobene Prinzip der Zeitreise durch eine neue Designerdroge treibt dabei zwar durchaus den Plot voran, ist jedoch nicht von zentraler Bedeutung für die Geschichte selbst, denn in seinem tiefsten Kern erzählt Synchronic von der Freundschaft zwischen seinen beiden Protagonisten mit all ihren Höhen, Tiefen und den Schicksalsschlägen des Lebens.

 

Und so sehr die Grundidee der Story auf den ersten Blick vielleicht schwachsinnig anmuten mag, zumindest aber doch recht konstruiert, so sehr hat mich das, was Moorhead & Benson daraus machen, gepackt. Am Ende sogar auf der emotionalen Ebene. Doch obwohl all das atmosphärisch dicht daher kommt, ausreichend Drama und Mystik zu bieten hat und handwerklich sauber ausgeführt ist, bleibt bei mir schlussendlich in Anbetracht vergangener Großtaten der beiden trotzdem eine leichte Enttäuschung. Zwar auf hohem Niveau, aber einfach aus dem Gefühl heraus, dass Synchronic erzählerisch vielleicht ein klein wenig zu konventionell geraten ist und im Gegensatz zu The Endless eine gewisse Rätselhaftigkeit vermissen lässt.

 

7 von 10 Artefakten aus der Vergangenheit

 

 

Tenet (2020)

25. Dezember 2020 at 20:36

 


© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

What´s happened, happened.“

 

 

Im Spätsommer eines in nahezu jeglicher Hinsicht vergessenswerten Jahres sollte Tenet die Kinokultur retten. Eine wahrlich übergroße Bürde und kaum zu stemmen. Vielleicht nicht die besten Voraussetzungen für ein derart ehrgeiziges Projekt. Aber allein der Versuch, ein solches High Concept-Kino auf die Leinwand zu bringen, den kann ich kaum anders als mindestens zu respektieren. Wahnsinnig ambitioniert, vielleicht zu ambitioniert, aber vermutlich niemand sonst hätte Tenet genau so machen können. Immer auch in dem Wissen, damit scheitern zu können.

 

Don´t try to understand. Feel it. Diese recht früh im Film fallenden Worte adressieren nicht einfach nur den namenlosen Protagonisten, sondern vor allem auch den Zuschauer. Bloß nicht zuviel drüber nachdenken, lieber überwältigen lassen. Da fangen die Probleme allerdings schon an, denn auf der reinen Gefühlsebene baut Tenet nur auf Behauptung. Wirklich emotional erreicht hat mich Nolans neuestes Werk zu keiner Sekunde und keines der verhandelten Schicksale vermochte mich zu berühren, so dass ich nicht gerade selten einen eher distanzierten Blick auf das Geschehen hatte.

 

Und doch entfesselt Tenet schnell eine enorm rauschhafte Anziehungskraft und bietet performatives Spektakel voller audiovisueller Wucht. Schon der Einstieg gestaltet sich brachial und legt ein hohes Tempo vor, welches der Film so schnell nicht wieder drosseln wird. Als reine Materialschlacht kann Tenet absolut überzeugen und auch wie Nolan die verschiedenen Zeitebenen geschickt innerhalb der Szenen miteinander verwebt und auflöst, das vermag zu begeistern. Dazu gesellen sich immer wieder zwar winzige, dafür um so genialere Details.

 

Doch so beeindruckend all die technischen Aspekte auch sein mögen, so mäßig gestaltet sich die erzählerische Ebene. Obwohl der Kniff rund um die temporalen Verschiebungen durchaus relevant ist für die Handlung, entpuppt sich Tenet davon abgesehen eher als klassischer Agententhriller und bedient sich mehr an dessen Strukturen, wenn die Protagonisten von einem exotischen Setting zum nächsten reisen und immerzu dem nächsten MacGuffin hinterher jagen.

 

Mein größtes Problem mit der erzählerischen Struktur von Tenet jedoch ist der Umstand, dass die Regeln dieser Welt seltsam diffus umrissen werden, nicht immer richtig greifbar sind und sich nicht selten unstimmig anfühlen. Beinahe so, als würde man während eines Brettspieles mittendrin das Regelwerk ändern. Vielleicht ändert sich das mit weiteren Sichtungen, das vermag ich noch nicht zu beurteilen, im ersten Durchgang jedoch hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass erzählerische Kohärenz nicht immer im Vordergrund steht. Dazu hat das zu Grunde liegende Bedrohungsszenario durch den Waffenhändler Andrei Sator irgendwie nicht so richtig Gewicht, bleibt eher vage und bedeutungslos.

 

Unwissenheit ist unsere Munition. Am Ende macht es mir Tenet wirklich nicht einfach. Fehlende emotionale Bindung, eine zu diffuse Bedrohung und das nicht immer klare Regelwerk gegenüber technischem Muskelspiel und audiovisueller Brillanz. Im Großen vielleicht fehlerhaft, im Detail teilweise herausragend.

 

7 von 10 temporalen Zangenbewegungen.