Ghost in the Shell

7. November 2017 at 15:21

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Everyone around me seems to fit. They seem connected to something, I am… not.“

 

 

 

In der nahen Zukunft hat die Menschheit enorme technologische Fortschritte gemacht, doch trotzdem ist Major die erste ihrer Art und etwas vollkommen neues: ein hochentwickelter Cyborg mit einem menschlichen Gehirn. Sie ist Teil der Spezialeinheit Sektion 9 und einem mysteriösen Hacker auf der Spur, der nach und nach führende Wissenschaftler der mächtigen Hanka Corporation ausschaltet.

 

Hm. Meine Mutter würde sagen: nicht Fisch, nicht Fleisch. Die erste Realverfilmung des berühmten Anime lässt mich ein wenig ratlos zurück, obwohl eigentlich alles im Dreieck aus Blade Runner, Ghost in the Shell und den Romanen und Geschichten von William Gibson mein Interesse weckt. Ich mag zwar das Wort Cyber-Punk nicht besonders, aber auf gerade dieses Genre fahre ich ganz besonders ab. Aber irgendwie vermag ich nicht so recht einzuschätzen, was mir der Film denn nun letztlich sagen will. Denn schließlich ist der Film von Rupert Sanders – dessen erste Regiearbeit Snow White and the Huntsman ich nicht kenne – zweifellos einer, der die Identitätskrise seiner hybriden Protagonistin als komplex und tiefgründig aufarbeiten möchte, doch die melancholische Grundstimmung und die gelungene Optik können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Handlung schlicht und geradlinig ist. All diese Themen sind zwar da, werden aber allenfalls oberflächlich angerissen und nicht wirklich in ihrer Bedeutung und Tragweite erfasst. Was an sich ja überhaupt kein Problem wäre, wenn Sanders seiner Vision von Ghost in the Shell dann im Gegenzug mehr Tempo, Druck und Wucht verleihen würde, aber auch das ist nicht der Fall. Größere Actionszenen sind rar gesät und wirken dann auch oftmals seltsam behäbig statt geschmeidig und packend. Beinahe so, als hätten sich die Macher nicht getraut, die philosophische und moralische Komplexität der Vorlage einfach abzustreifen und hinter sich zu lassen und so den Schwerpunkt mehr in Richtung Kinetik und Bewegung zu verlegen. Das hätte mir durchaus besser gefallen, als diese zögerliche Unentschlossenheit, welche sich nun durch den ganzen Film zieht. Besonders tragisch ist das dann noch, wenn man bedenkt, wie radikal die Vorlage ihrer Zeit noch ihre erzählerische Andersartigkeit geradezu zelebriert hat. Etwas mehr von diesem Mut hätte der Realverfilmung sehr gut getan, auch wenn die Richtung letztlich eine andere gewesen wäre.

 

 

© Paramount Pictures

 

 

Visuell sieht die Welt, wie sie Ghost in the Shell hier entwirft, vor allem im Detail wirklich sehr gut aus und erinnerte mich immer wieder an eine Art Johnny Mnemonic mit großem Budget und Hochglanzoptik. Da sind all die abgedrehten Ideen, das ist Dreck und Schmutz, da ist Gewalt und Sex und abgefahrene Körpermodifikationen, alles toll designt und hübsch anzusehen. Aber immer, wenn man Totalen der Stadt sieht, mit all den riesigen Reklame-Hologrammen, gern auch bei Tageslicht, dann wirkt mir das zu hell, zu aufgeräumt und vor allem zu künstlich. Dieser seltsam kontrastierende Effekt irritiert mich zu weilen und lässt den Film stellenweise etwas uneinheitlich wirken. Gerade der noch sehr frische Vergleich zu Blade Runner 2049, dessen Setting ja ganz ähnlich angelegt ist, lässt Ghost in the Shell in seinem world building doch eher schlechter abschneiden. Punktuell orientiert sich Sanders in bestimmten Schlüsselszenen nahezu 1:1 an seinen Vorlagen und versucht zumindest dann, den Geist des Anime auf die Kinoleinwand zu übertragen. Actionszenen sind wie bereits erwähnt zu Gunsten von Atmosphäre und Plot eher sparsam dosiert, leider aber auch oft eher einfallslos in Szene gesetzt. Allein der finale Showdown kommt viel zu generisch daher um erinnerungswürdig zu sein und hat nicht viel zu bieten, was man nicht schon mehrfach anderswo gesehen hätte. Ich bin wirklich ratlos angesichts des Filmes. Vielleicht hätte Ghost in the Shell tatsächlich davon profitieren können, wenn man konsequenter die philosophischen wie moralischen Implikationen in den Hintergrund gerückt und sich mehr zu einer kinetischeren Form der Inszenierung bekannt hätte. So aber bleibt letztlich ein Film, der sich für mich seltsam unentschlossen und wankelmütig anfühlt und sich für komplexer hält als er letztlich ist.

 

5 von 10 gehackten Robo-Geishas

 

 

 

 

Mr. Nobody

27. Oktober 2017 at 11:43

 

 

© Wild Bunch

 

 

 

„You have to make the right choice. As long as you don’t choose, everything remains possible.“

 

 

 

Im Jahr 2092 hat die Menschheit den Tod überwunden. Der 118 Jahre alte Nemo Nobody blickt als letzter sterblicher Mensch zurück auf sein Leben, kann sich aber nur noch schwerlich an Einzelheiten erinnern: alles beginnt mit der Trennung seiner Eltern und plötzlich steht der neunjährige Nemo vor der folgenschweren Entscheidung bei seinem Vater zu bleiben oder mit seiner Mutter fortzugehen.

 

Rot. Gelb. Blau. Wasser. Regen. Ein Blatt im Wind. Ein Schmetterling. Ein Kind an einem Bahnsteig, überfordert zwischen seinen beiden Eltern, unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Wahrheit, Lüge, Traum, Erinnerung, Fiktion… was ist wahr, was nicht, was passiert, was erfunden, was verklärt, was erlebt? Zwischen diesen Polen pendelt der Film des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael immer wieder vor und zurück, seine Erzählstruktur ist weder chronologisch noch auch nur ansatzweise linear, sondern springt geradezu chaotisch und vermeintlich planlos zwischen winzigen fragmentarischen Szenarien hin und her, bildet aber dennoch einen gleichmäßig vor sich hin fließenden Strom. Eine kaleidoskopartige Reise durch die Vorstellungskraft, eine Liebeserklärung an die Imagination. Jeden Tag stehen wir an Wegeskreuzungen, jeden Tag müssen wir Entscheidungen fällen. Aber welche ist die Richtige und welcher ist der richtige Weg, das richtige Leben? Hätten wir in der Vergangenheit Dinge anders gemacht? Was wäre wenn? Bereuen wir Entscheidungen? Bedauern sie vielleicht? Und vor allem: wieviel Einfluss haben wir letztlich auf unser Leben? Wieviel Einfluss haben wir selbst und was ist dem Zufall überlassen? Gibt es Zufälle überhaupt? Warum geht die Zeit nur vorwärts, aber niemals rückwärts? Sobald man eine Entscheidung getroffen hat, gibt es kein Zurück mehr, man muss es so nehmen, wie es dann kommt, mit den Konsequenzen leben. Und oftmals fragen wir uns anschließend, ob wir richtig gehandelt, richtig gewählt, richtig entschieden haben. Aber was bedeutet schon richtig? Egal, welchen Weg wir nehmen, es wird immer der richtige sein, denn alle Entscheidungen, die wir treffen, haben wir nicht nur selbst gewählt, sondern beeinflussen auch unseren weiteren Werdegang. Alles geschieht aus einem Grund, alles ist eine Aneinanderreihung von Kettenreaktionen, alles hängt zusammen. Oder doch nicht?

 

© Wild Bunch

 

Mr. Nobody erzählt vom Leben, vom Lieben und von den Gesetzmäßigkeiten des Universums und zeichnet ein großformatiges Puzzle, bei dem wir schon selbst für uns entscheiden müssen, ob dessen Bild letztlich stimmig ist oder nicht. Der Film hat deutlich mehr im Sinn als einfach nur eine Lebensgeschichte in Rückblenden zu erzählen und sinniert lieber über den Sinn des Lebens und das Wesen der Liebe. Dafür holt Van Dormael in erzählerischer wie ästhetischer Hinsicht weit aus. Zu Beginn steht eine Entscheidung, aus der sich zwei unterschiedliche Lebenswege entspinnen, welche sich im weiteren Verlauf dann immer weiter verästeln und immer neue Abzweigungen bereit halten. Und mit jeder weiteren Sequenz nimmt nicht nur die dramaturgische Dichte immer weiter zu, sondern auch die formale und visuelle Vielseitigkeit, wenn sich Van Dormael wild, aber immer stilvoll im nahezu unendlichen Fundus aller möglichen Spielarten von Genre, Moden und Farben bedient und sich Satire, Drama, Science Fiction, romantische Komödie, Thriller, fiebrig Surreales und nüchterner Realismus quasi die Klinke in die Hand geben. Der Belgier spielt beinahe mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und entwirft ein rein visuell ungemein beeindruckendes Kaleidoskop aus Perspektiven, Kameraeinstellungen, Farben, Beleuchtung, Musik und Tricktechnik. Das ist nicht nur wunderschön anzusehen und phasenweise geradezu rauschhaftes Kino, es ist vor allem auch hervorragendes Handwerk und auf der rein formellen Ebene kann man Mr. Nobody nun wirklich absolut nichts vorwerfen.

 

© Wild Bunch

 

Auf der inhaltlichen Ebene wird es da ein wenig schwieriger, denn zumindest ich für meinen Teil glaube, dass es für Mr.Nobody keinen allgemein gültigen Interpretationsansatz gibt und dass es vielmehr darauf ankommt, was jeder einzelne Zuschauer für sich an Bedeutung aus dem Film ziehen kann. Für mich geht es letztlich gar nicht so sehr um die eine Entscheidung eines neunjährigen Jungen, sondern vielmehr um alle Entscheidungen in ihrer Gesamtheit, die getroffenen wie die nicht getroffenen. Der kleine Nemo am Bahnsteig steht da eher als Sinnbild für jeden von uns, wie wir tagtäglich die großen und die kleinen Entscheidungen unseres Lebens zu treffen haben und wie sich so ein feines Geflecht aus Abzweigungen und Verästelungen bildet, welches uns schließlich auch zu dem Menschen macht, der wir sind. Wenn ich bis jetzt irgendwas aus dem Film für mich ziehe, dann das: alle Möglichkeiten, alle Wege, alle Entscheidungen in unseren Leben sind nutzlos, wenn wir sie uns offen halten. Zugzwang, wie es im Film genannt wird. Wir wachsen an unseren Entscheidungen, reifen durch sie, lernen von ihnen, werden zu den Menschen, die wir sind. Halten wir uns alles offen und beschreiten keinen dieser möglichen Wege aus Angst, etwas falsch zu machen oder vielleicht etwas zu verpassen, dann bleiben wir im Grunde ein Nobody. Sich nicht zu entscheiden ist keine Option. Paradoxerweise stehe ich nun vor genau diesem Dilemma, denn ich kann Mr. Nobody noch nicht so sehr für mich einordnen, als dass ich mich festlegen und den Film auf eine simple Zahl reduzieren könnte. Das könnte noch eine ganze Weile dauern und mehrere Sichtungen erfordern, warum ich letztlich nur sagen kann: sehenswert ist Mr. Nobody in jedem Fall, aber was ihr daraus macht, das liegt allein bei euch.

 

 

The House of Horrorctober #6: Daybreakers

14. Oktober 2017 at 12:54

 

 

© Lionsgate

 

 

Im Jahr 2019 haben sich Vampire als neue Spezies an die Spitze der Nahrungskette gesetzt. Die letzten verbliebenen Menschen sind auf der Flucht, im Untergrund abgetaucht oder dienen den Vampiren in riesigen Blutfarmen als Nahrungsquelle. Doch ihr Umgang mit den Ressourcen ist verschwenderisch und ihre Blutreserven werden wie die Rasse Mensch immer kleiner. Der Hämatologe Dr. Edward Dalton soll einen künstlichen Blutersatz finden, der das Nahrungsproblem lösen könnte, denn zu starker Blutentzug lässt die Vampire zu den sogenannten Subsiders degenerieren – fledermausartige Aussätzige mit Hang zum Kannibalismus. Als das Blut von der Regierung immer weiter rationiert wird, macht sich Unruhe in der Vampirbevölkerung breit und für Dalton wird die Zeit immer knapper.

 

Daybreakers war eigentlich gar nicht geplant für meinen Horrorctober, funkte mir quasi dazwischen und brachte meine angedachte Liste durcheinander. Schon oft gesehen und immer gemocht, lief er mir nun mal wieder eher zufällig über den Weg und da ich den Film schon immer mal besprechen wollte, warum also nicht jetzt? Daybreakers ist einer dieser Filme, die immer sehr stark unterschätzt werden und deren Qualitäten nur zu gern zu Unrecht verlacht werden. Dabei kann sich die zweite größere Regiearbeit der in Deutschland geborenen und in Australien aufgewachsenen Brüder Michael und Peter Spierig (The Spierig Brothers) mehr als nur sehen lassen und zählt in meinen Augen zu den besseren Vertretern des Vampirgenres. Und angesichts des Budgets von lediglich 20 Millionen Dollar ist ihr Film auch erstaunlich hochwertig geraten und muss den Vergleich mit deutlich teureren Produktionen des Genres nicht scheuen. Dass Daybreakers hierzulande keine Kinoauswertung erfuhr, sondern direkt in die Videothekenregale wanderte, verwundert mich bei so manchem aktuellen Kinofilm bis heute, hätte der Film auch auf der großen Leinwand eine gute Figur abgegeben. Auf der dramaturgischen Ebene weiß der Film nicht immer zu überzeugen, auf der inszenatorischen allerdings dann umso mehr und die Spierig Brothers verstehen es sehr gut auf eine recht clevere Art und Weise zahlreiche gesellschaftlich sehr aktuelle Themen der Menschheit in die Vampir-Thematik zu übertragen. So erschaffen sie eine umfassende Allegorie auf die Spezies Mensch und halten uns gnadenlos einen Spiegel vor.

 

Die Vampire gehen ähnlich verschwenderisch mit den Ressourcen ihrer Umwelt um wie der Mensch es auch tut und drängen sich selbst nach und nach an den Abgrund ihrer Auslöschung. Auch Rassismus ist ein Thema sowohl gegenüber den wenigen noch verbliebenen Menschen als auch gegen die aus Sicht der Blutsauger minderwertigen und abscheulichen Subsider. Konsumkritik, mangelnde Weitsicht oder der Turbokapitalismus werden ebenfalls mal mehr mal weniger subtil angeschnitten, aber zugleich von zum Teil herrlich kreativen Ideen und kleinen Einfällen flankiert. Das reicht von TV-Werbespots für unnütze Vampir-Gimmicks, Kaffee mit Blut statt mit Milch, über Autos mit Tageslicht-Modus bis hin zu unterirdischen Fußwegen zwischen U-Bahn-Stationen oder einer Vampir-Version von Uncle Sam auf der Suche nach neuen Rekruten fürs Militär. Man spürt deutlich, dass sich die Spierig Brothers sichtlich Gedanken darüber gemacht haben, wie sie ihre quasi verkehrte Welt sinnvoll ausbauen und erweitern könne, auch wenn Teile der Grundidee der von Matrix nicht unähnlich sind, wenn Menschen in den Blutbanken von riesigen Maschinen „gemolken“ werden. Visuell sieht das alles sehr gut aus und muss sich wie bereits erwähnt wirklich nicht vor größeren Produktionen verstecken und das World Building ist sehr gelungen, denn die Spierig Brothers beschränken sich beim Erschaffen ihrer düster verkehrten Vampirwelt nicht einfach nur auf dunkle Bilder und ein paar Vampirzähne, sondern haben das gründlich durchdacht und ihren Hauptaugenmerk auf all die Details gelegt, welche diese Welt letztlich zum Leben erwecken. Daybreakers ist mit Ethan Hawke (ein Schauspieler, den ich wahnsinnig gern sehe und für total unterschätzt halte), Willem Dafoe und Sam Neill hervorragend besetzt, doch agieren alle drei eher mit angezogener Handbremse und unter ihrem Niveau. Ein kleiner Wehmutstropfen, der allerdings angesichts der wirklich tollen Inszenierung und all der hübschen kreativen Ideen dem Filmvergnügen kaum Abbruch tut. Daybreakers ist deutlich besser als sein Ruf, vielerorts schwer unterschätzt und zweifellos einer der besseren Filme im Genre der Vampirfilme.

 

7 von 10 blutleeren Kaffeetassen

 

 

Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft