Come to Daddy (2019)

28. Juli 2020 at 18:55

 

 

© Saban Films/Mongrel Media/Quelle: IMDb

 

 

 

Semen contains more protein and nutrients than an ear.“

 

 

 

Norval Greenwood erhält nach Jahrzehnten der Abwesenheit einen Brief von seinem Vater. Einst von ihm als Kind verlassen, ist er nun doch neugierig, warum er ihn nach all den Jahren plötzlich wiedersehen will. Also macht sich Norval auf den Weg zum abgelegenen Haus seines Vaters, doch dessen bald schon offene Feindseligkeit ihm gegenüber lässt die ohnehin schon angespannte Situation eskalieren.

 

Shakespeare, Beyoncé und The Paradise Bangkok Molam International Band. Come to Daddy ist das Regiedebüt des Neuseeländers Ant Timpson, der sich bisher eher als Prodzuent für Filme wie Housebound, Deathgasm, Turbo Kid oder The Greasy Strangler einen Namen machen konnte. Ein Hang zum Genrekino scheint also gegebenen und in diese Richtung schlägt auch sein Erstling aus. Und das heftig. Ein ziemlich wilder Ritt ist das, eine schräg wie bizarr durch diverse Stimmungen und Tonalitäten springende Reise, die sich nie so recht einordnen lassen will. Come to Daddy häutet sich buchstäblich dermaßen häufig, dass er kaum auszurechnen ist und sich tatsächlich nur sehr schwer vorhersehen lässt.

 

Das alles ist auf der narrativen Ebene zwar hochgradig konstruiert, aber zumindest bis auf leichte Längen im Mittelteil durchgängig unterhaltsam. Sicher, nicht jede Idee funktioniert, und nicht jeder Gag zündet, aber Timpson hält das Tempo hoch und liefert Wendung um Wendung, während er zugleich mit offensichtlichen Motiven der entsprechenden Genre spielt. Das verleiht Come to Daddy lange eine angenehme Undurchschaubarkeit, die allerdings gegen Ende zu Gunsten deutlich konventionellerer Erzählstrukturen weichen muss und in einer vergleichsweise kraftlosen Auflösung mündet, wenn dem Drehbuch auf den letzten Metern dann doch Luft und Ideen ausgehen. Das ist schade, denn da wird so einiges an Potential liegen gelassen, den Namen Ant Timpson sollte man aber vielleicht doch im Hinterkopf behalten.

 

6 von 10 wirklich beschissenen Frisuren

 

 

The Blackcoat´s Daughter (2015)

13. Juli 2020 at 17:48

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Rose und die etwas jüngere Kat sind Schülerinnen auf einem Mädcheninternat und als die Winterferien anstehen, sind die beiden die einzigen, die nicht nach Hause zu ihren Eltern fahren, sondern auf dem Schulgelände bleiben sollen. Dabei soll Rose auf Kat aufpassen, doch die hat andere Pläne und trifft sich lieber mit ihrem Freund. Kat hingegen legt immer mehr merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag, während parallel dazu eine junge Frau namens Joan an einem Busbahnhof eine Mitfahrgelegenheit sucht.

 

The Blackcoat’s Daughter (manchem vielleicht auch bekannt unter derm Titel February) ist das Regiedebüt von Osgood ´Oz´ Perkins, dem Sohn von Anthony Perkins. Zwar bedient er sich für seinen Film an einigen Elementen aus dem Horrorgenre, doch letztlich verhandelt The Blackcoat’s Daughter unter seiner filmischen Oberfläche viel eher das Thema Verlust und zeichnet subtil das Bild einsamer, verletzlicher, gebrochener Menschen. Gängige Konventionen des Genre interessieren Perkins eher weniger und werden gern von ihm unterlaufen, vielmehr fokussiert er sich auf seine Figuren und deren seelischen Abgründe. Entsprechend ruhig und bedächtig ist The Blackcoat’s Daughter ezählt und nimmt sich Zeit für seine Figuren und deren Schicksale.

 

Visuell ist das alles sehr minimalistisch inszeniert, erzielt aber äußerst effektiv eine stark einnehmende, dichte, geradezu brodelnde Atmosphäre voller drohendem Unheil. In teils sehr langen Einstellungen kommt der Film manchmal gar zum Stillstand, doch Perkins versteht es gekonnt, seine Geschichte vor allem auf der visuellen Ebene zu erzählen, und nur selten durchstoßen plötzlich aufflackernde, kurze Sequenzen diese Langsamkeit. Gewalt findet nur punktuell statt, doch kommt sie zum Einsatz, dann unangenehm und heftig, ganz im Gegensatz zur sonst eher bedächtigen und zurückhaltenden Inszenierung. Zwar gibt es auf der erzählerischen Ebene schon so etwas wie einen Twist, sonderlich raffiniert erscheint dieser auf den ersten Blick jedoch nicht. Das ist aber kein Makel, denn die eigentliche Kunst liegt darin, wie Perkins geschickt zwei zunächst unterschiedlich erscheinende Handlungsstränge langsam miteinander verknüpft, so dass sich erst nach und nach alle Zusammenhänge offenbaren und am Schluss sinnvoll wie erschütternd zusammenlaufen.

 

Auf der darstellerischen Ebene vermag vor allem Kiernan Shipka (Mad Men, Chilling Adventures of Sabrina) einen starken Eindruck zu hinterlassen, die eine wahrlich eindringliche Performance abliefert. Aber auch der Rest des Cast rund um Emma Roberts (American Horror Story, Scream Queens), Lucy Boynton (Murder in the Orient Express, Bohemian Rhapsody) und James Remar (Dexter, Jericho) weiß zu überzeugen. Für ein Regiedebüt ist The Blackcoat’s Daughter erstaunlich stark geraten. Perkins versteht es hervorragend über seine Bildsprache zu erzählen und eine bedrückende, trostlose wie unheilvolle Atmosphäre zu kreieren. Seine betont minimalistische Herangehensweise an die Inszenierung verstärkt diesen Effekt nur noch mehr und unter der ständig brodelnden Horror-Oberfläche thematisiert sein Film noch ganz andere Abgründe, welche mich nachhaltig beschäftigen konnten.

 

8 von 10 vor dem Essen beten

 

 

Color Out of Space (2019)

5. Juli 2020 at 15:14

 

 

© SpectreVision/RLJE Films/Quelle: IMDb

 

 

 

What touched this place cannot be quantified or understood by human science. It was just a color out of space. A messenger from realms whose existence stuns the brain and numbs us with the gulfs that it throws open before our frenzied eyes.“

 

 

 

Das beschauliche Landleben der Familie Gardner wird von einem Meteoriten-Einschlag in ihrem Vorgarten durcheinander gebracht. Schon bald danach häufen sich merkwürdige Vorfälle und irgendeine fremde Macht beginnt nicht nur, die Flora und Fauna zu verändern, sondern dringt auch in die Köpfe ihrer Bewohner ein.

 

West of Arkham, the hills rise wild and there are valleys with deep woods that no ax has ever cut. There are dark, narrow glens where the trees slope fantastically, where thin brooklets trickle without ever having caught the glimpse of sunlight... Then I saw that dark westward tangle of glens and slopes for myself, end ceased to wonder at anything beside its own elder mystery.

 

Diese unheilvollen Worte gesprochen aus dem Off zu Beginn setzen annähernd perfekt die Stimmung für die folgenden knapp zwei Stunden. Filmische Adaptionen der Werke von Lovecraft sind immer etwas heikel in ihrer Umsetzung. Wie der menschliche Verstand angesichts all dieser unaussprechlichen Schrecken versagen muss, so versagt bei Lovecraft ganz bewusst die Sprache als Werkzeug des Menschen, seine Umwelt einzuordnen und zu verstehen. Wenn schon das gesprochene Wort dabei an seine Grenzen stößt, wie soll dann eine bildliche Umsetzung funktionieren? Nun versucht sich Richard Stanley 23 Jahre nach seinem Fiasko The Island of Dr. Moreau an der Kurzgeschichte The Colour Out of Space. Seine Filme Hardware (1990) und Dust Devil (1992) mag ich sehr, sind sie doch fantastische Genrefilme, die sich kreativ über ihre budgetären Limitierungen hinweg setzen.

 

Stanley ist clever genug, sich zu Beginn seines Filmes Zeit zu lassen, das drohende Grauen nur nach und nach durchsickern zu lassen, statt den Zuschauer schon früh mit allerhand grotesken Momenten zu konfrontieren. Auch die Horrorelemente sind klug dosiert und auf plakativen Ekel wird überwiegend verzichtet. Nur langsam tröpfelt der Wahnsinn in diese ohnehin schon dysfunktionale Familie und Stück für Stück steigert sich der kaleidoskopische Irrsinn. Zeit und Raum verlieren zusehends an Kontur, verschwimmen, dehnen sich, und der eigenen Wahrnehmung kann nur immer weniger getraut werden. Bei all dem bleibt Stanley überraschend nah an seinem Ausgangsmaterial und modernisiert die Kurzgeschichte von Lovecraft nur sehr vorsichtig, um den namenlosen Schrecken in die Gegenwart zu überführen. Eine Atmosphäre des buchstäblich Unbeschreiblichen, dieses schier unfassbare Entsetzen, das steht spürbar im Vordergrund und ergießt sich spätestens im letzten Drittel in Bilder von geradezu irrealer Schönheit.

 

Visuell einfallsreich erschafft Stanley zusammen mit seinem Kamermann Steve Annis so eine dichte, bedrohliche und doch seltsam schöne, schillernde und einnehmende Bildsprache, die Colin Stetson (Hereditary) mit den fremden Klängen seines Scores gekonnt unterstreicht. Und wenn dann etwa zur Hälfte des Filmes Nicolas Cage von der Kette gelassen wird und das tun darf, was er am besten kann, dann findet sich dieser schleichende Wahnsinn auch im Schauspiel wieder. Cage überdreht völlig, bietet fleischgewordenes Overacting par excellence, doch in den filmischen und erzählerischen Kontext von Color Out of Space passt das ganz hevorragend. Das Comeback von Richard Stanley hat mit viel Freude bereitet, ist es doch überaus gelungenes Genrekino mit Verstand und Seele. Ist Color Out of Space eine würdige Lovercraft-Adaption? Schwierig zu beurteilen, er kommt in jedem Fall aber in die Nähe.

 

8 von 10 Mal genüsslich ein Alpaka melken

 

 

Ready or Not (2019)

10. Mai 2020 at 16:32

 

 

© Fox Searchlight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Fucking rich people.“

 

 

 

Noch ahnt Grace nicht, was ihr noch so alles am Tag ihrer Hochzeit mit Alex bevorsteht. Denn der unanständig reiche Clan der Familie Le Domas hat eine ganz besondere Tradition, wenn sie neue Familienmitglieder in ihren überaus elitären Kreis aufnimmt.

 

Ready or not, here I come, you can’t hide, gonna find you and take it slowly… Ready or Not von den beiden Regisseuren Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett (Devil´s Due, V/H/S, Southbound) steht in einer sehr langen Tradition von Manhunt-Filmen, die mit The Most Dangerous Game bis in die frühen 30er Jahre zurück reicht. Die zugegeben ziemlich hirnrissige Prämisse vermag ich noch zu schlucken, wohingegen mir die tonale Zerrissenheit von Ready or Not deutlich mehr Probleme bereitet. Der Film schwankt nicht sonderlich gut ausbalanciert immerzu zwischen grimmigem Horror, schwarzer Komödie, Groteske, Slapstick, Thriller und Gesellschaftskritik, ist letztlich aber nichts von all dem so richtig. Ready or Not wäre nur zu gern der smarte und zugleich böse Genre-Hybrid, der er vorgibt zu sein, weiß aber nie so richtig, was er nun sein will und traut sich zu wenig.

 

Dazu sind die Figuren durchweg stereotyp gezeichnet und voller leerer Klischees. Das mag von Bettinelli-Olpin und Gillett vielleicht bewusst eingesetzt worden sein, ist jedoch arg plakativ geraten, und was als satirisches Stilmittel funktionieren soll, das ist eigentlich nur Ausdruck von Einfallslosigkeit. Aufgrund des eher mäßigen Erzähltempos kommt auch nie so richtig Spannung auf, zumal die Handlung immer wieder krude abdriftet und die Story im letzten Drittel viel inhaltliche Wiederholung aufbietet. Und schließlich mündet alles in einer zwar absurden, aber dennoch langweiligen und höchst unbefriedigenden Schlusspointe. Ready or Not liefert zwar den einen oder anderen guten Moment, bietet eine starke Location, ist toll ausgestattet, handwerklich sauber umgesetzt und auch Samara Weaving als wehrhafte Braut ist ein Highlight, doch letztlich verschenkt der Film einfach viel zu viel Potential.

 

5 von 10 unglücklichen Jagdunfällen