The Hitcher (1986)

9. Juni 2019 at 17:22

 

 

© TriStar Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You wanna know what happens to an eyeball when it gets punctured? Do you got any idea how much blood jets out of a guy’s neck when his throat’s been slit?“

 

 

 

Der junge Jim Halsey soll ein Auto nach Kalifornien überführen, begeht jedoch einen folgenschweren Fehler, indem er in einer regnerischen Nacht mitten in der Wüste den Anhalter John Ryder mitnimmt. Dieser entpuppt sich nämlich recht schnell als psychopathischer Killer, der ihm nach dem Leben trachtet. Zwar gelingt Jim die Flucht, doch damit soll sein Albtraum überhaupt erst beginnen.

 

The Hitcher trage ich schon sehr lange in meinem filmischen Gedächtnis mit mir herum, denn bestimmte Bilder haben sich seit meiner Kindheit bei mir eingebrannt, und doch bin ich alle paar Jahre immer wieder überrascht, wie ausnehmend gut das Regiedebüt von Robert Harmon geraten ist und besonders in Anbetracht seines weiteren Werdeganges vermag das ein wenig zu verwundern. Das Drehbuch von Eric Red macht sich das Auto als vermeintlichen Raum der Sicherheit und des Komforts sehr zu eigen, als persönlichen Rückzugsort vor der Welt da draußen, und lässt Angst, Schrecken und Hilflosigkeit genau dort Einzug halten, wo Flucht kleine Option mehr darstellt. Eine Mischung aus Horror und Roadmovie ist das, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion grimmigem Realismus. Red, der auch das Drehbuch zu Near Dark von Kathryn Bigelow verfasste, scheint es sehr zu reizen, die besonders finsteren Abgründen dieses uramerikanischen Genre des Roadmovies bis auf den Grund auszuloten.

 

The Hitcher beginnt ganz unvermittelt und steigt ohne viele Worte mitten ins Geschehen ein, wenn sich der noch ahnungslose Jim gleich in der aller ersten Szene das fleischgewordene Grauen in der Gestalt des John Ryder ins Auto holt und sich dessen teuflischen Spielchen ausliefert. Rutger Hauer hat eine unfassbar starke Präsenz, wirkt beinahe schon dämonisch allgegenwärtig und geradezu mystisch überhöht, und bereits kleinste Gesten oder Gesichtsausdrücke lassen dem Zuschauer kalte Schauer über den Rücken jagen. Vor allem aber sind es die Ungewissheit der Motive und die vollkommene Willkür, die so furchterregend sind. Gerade weil Harmon und Red ihrem Killer keine nachvollziehbare Motivation mit auf dem Weg geben, wird der Schrecken nur noch weiter potenziert. Ob er einfach nur sein sadistisches Spiel liebt, in Jim vielleicht etwas erkennt und wecken möchte oder ob er wirklich von ihm aufgehalten werden will, wie er es selbst einmal sagt, das alles bleibt diffus im Unklaren, wenn The Hitcher so manche Deutungsebene offen lässt.

 

Auch formale Genrestrukturen interessieren Harmon herzlich wenig und so etwas wie Erlösung wird man hier vergeblich suchen. The Hitcher ist schmerzhaft und gönnt seinen Figuren keinen Moment der Ruhe oder gar Hoffnung, aber trotz ihrer eher dünnen Zeichnung ist der Film immer auch empathisch genug, so dass man mitleiden und bangen kann. Schmutz und Blessuren bleiben, werden nicht achtlos beiseite gewischt und hinterlassen dramatische Spuren bei allen Beteiligten, von den seelischen Wunden ganz zu schweigen. Jim jedenfalls ist am Ende ein gebrochener Mann und zieht zwischendurch zumindest in Betracht sich umzubringen. Und doch fällt The Hitcher weit weniger explizit aus als so mancher (inklusive mir) sich vielleicht zu erinnern glaubt, wenn Harmon auf perfide Art und Weise gar nicht mal so sehr exploitativ zeigefreudig ist und all die grausigen Details der Vorstellung des Zuschauers überlässt. Atmosphärisch wirkt all das seltsam entrückt und irgendwie unwirklich, zuweilen gar surreal, und gerade so mancher augenscheinlich unlogisch anmutender Moment verstärkt diese Wirkung nur noch weiter wie in einem fiebrigen Albtraum.

 

The Hitcher ist ein pulpiges B-Movie nahe an der Perfektion, an dem es wenig bis gar nichts zu bemängeln gibt. Regisseur Harmon und sein Drehbuchautor Red pendeln irgendwo zwischen grimmigen Realismus, überhöhtem Genre und einem beinahe schon nihilistischen Grundton, und erschaffen einen erzählerisch extrem dichten und packenden Film. Obwohl das Setting und das Ensemble der Figuren stark überschaubar bleibt, passiert in den rund 90 Minuten Laufzeit ungemein viel. Ein kleines Meisterwerk, böse wie eindrücklich, mit einem der faszinierendsten Killer der Filmgeschichte. Hört auf eure Mütter, manchmal haben sie nämlich recht.

 

9 von 10 blutigen Pommes

 

 

Us (2019)

19. April 2019 at 21:48

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You know how sometimes things line up? Coincidences. Since we’ve been up here they’ve been happening more and more. It’s like there’s this black cloud hanging over us.“

 

 

 

Ein erholsamer Ausflug an den Strand von Santa Cruz sollte es für die vierköpfige Familie Wilson werden, doch als nachts plötzlich vier merkwürdige Gestalten in ihrer Auffahrt stehen, da beginnt ein gnadenloser Albtraum.

 

Amerika als Horror-Trope: nach dem überaus smarten Get Out (2017) arbeitet Regisseur Jordan Peele weiter an seiner Genre-Reflexion über gesellschaftliche Strukturen, erweitert seinen Fokus nun aber um gleich mehrere Ebenen. Dadurch gerät Us diffuser als Get Out, weniger klar umrissen, aber auch offener für Deutungsversuche. Hier spielt die Hautfarbe eine bloß noch untergeordnete Rolle, wenn Peele kaum Zweifel daran aufkommen lässt, dass es ihm nun mehr um größer gedachte Missstände und Schieflagen geht. Us pendelt irgendwo zwischen körperlichem und sozialem Horror und Peele bastelt sich nach und nach mit zahllosen Bruchstücken der Popkultur und jeder Menge soziokulturellen Elementen das Bild eines Landes der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten, im welchem das Versprechen von Gleichheit und Freiheit eben doch nicht für jeden gilt.

 

Die allererste Szene bietet auch gleich zwei der wichtigsten Schlüssel zum inhaltlichen Verständnis von Us und wer hier genau aufpasst, dem sollte schnell klar werden, wohin der Hase läuft. Aufmerksamkeit lohnt sich also durchaus. Und Peele legt auch schnell ordentlich vor, wenn das erste Drittel nahezu perfekt und inszenatorisch geradezu makellos geraten ist und eine unfassbar dichte, zugleich vertraute und doch seltsam fremdartige Atmosphäre erschafft. Steht jedoch die andere Familie erst einmal in der Auffahrt der Wilsons, dann schlägt Us vertraute Pfade des Home Invasion-Thrillers ein, ohne diesen jedoch abseits seiner zugegeben befremdlichen Prämisse nennenswerte Erneuerungen abringen zu können. Hier verlässt sich Peele zu sehr auf bekannte wie ausgediente Genre-Mechanismen, vermag die unterschwellige Anspannung des ersten Drittels nicht mehr zu erreichen und driftet in Richtung Finale trudelnd zusehends ins Beliebige.

 

Zwar gibt es immer wieder wahnsinnig starke Einzelsequenzen und kluge Einfälle zu bestaunen, doch als großes Ganzes funktioniert Us nie so richtig. Ärgerlich wird es dann sogar ein wenig, wenn Peele gegen Ende den großen Erklärbar auspackt und inszenatorisch einfallslos alles zu erklären beginnt, was eigentlich gar keine Erklärung benötigt, weil sein Film bisher durchaus für sich selbst sprechen konnte. Und wo stattdessen Bedarf dafür gewesen wäre, da bleibt Us seltsam vage und bruchstückhaft. Letztlich traut Peele augenscheinlich seinem Publikum nicht so recht zu, dass es seine Ideen und die Motivation dahinter auch von sich aus erkennen kann. Statt auf die Stärken seines Drehbuches zu vertrauen, nimmt er dem Zuschauer aus Angst zu überfordern das Denken ab. Auf der darstellerischen Ebene jedoch ist Us streckenweise großartig und besonders Lupita Nyong´o als Adelaide/Red und Shahadi Wright Joseph als deren Tochter Zora/Umbrae bestechen in doppelter Hinsicht durch eine eindrucksvolle wie erinnerungswürdige Performance. Der Score aus der Feder von Michael Abels versteht es gekonnt, all das zu akzentuieren, und die famose Kamera von Mike Gioulakis fängt das Geschehen immer wieder in teils wundervollen Bildern ein.

 

So bleibt letztlich ein handwerklich über jeden Zweifel erhabener wie munterer Ritt durch die Popkultur irgendwo zwischen Home Invasion-Thriller, Twilight Zone, Zombie-Szenario und Gesellschaftskritik, der wirklich gnadenlos gut beginnt, dieses Niveau aber auch nicht zu halten vermag und zusehends abbaut. Schade, dass Peele nach seinem starken Debüt dem Publikum nun doch scheinbar eher wenig zutraut und dem Irrglauben erliegt, sein Anliegen ausformulieren zu müssen. Zwar vermag er nicht an die Qualitäten von Get Out anzuknüpfen und will vielleicht etwas zu viel auf einmal, doch seinen Ruf als spannenden Genre-Regisseur bestätigt Us trotzdem.

 

6,5 von 10 Scherenschnitt-Figuren

 

 

Bird Box (2018)

3. März 2019 at 16:39

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Make the end of the world great again!“

 

 

 

Ein rätselhaftes Phänomen greift blitzschnell und weltweit um sich: Menschen geraten plötzlich und scheinbar grundlos in Panik und tun alles, um sich so schnell wie möglich selbst umzubringen. Die werdende Mutter Malorie kann dem zusammen mit einer handvoll anderer so gerade noch entgehen und gemeinsam verschanzt man sich in einem Haus. Schnell wird klar, dass sich geisterhafte Wesen draußen aufhalten, deren bloßer Anblick die Menschen Selbstmord begehen lässt. Die einzige Lösung scheint also zu sein, sich zumindest im Freien permanent die Augen zu verbinden.

 

Überleben ist nicht LEBEN. Die konzeptuellen Parallelen zu A Quiet Place lassen sich kaum leugnen, ist doch die postapokalyptische Prämisse in Bird Box zumindest ähnlich gelagert, mit dem Unterschied jedoch, dass es John Krasinski gelingt mehr aus dem limitierten Setting herauszuholen als es nun die dänische Regisseurin Susanne Bier (The Night Manager) vermag. Zwar beginnt der in Rückblenden erzählte Bird Box interessant und durchaus auch stimmungsvoll, wenn die Anfangsphase dieser Apokalypse in starken Bildern eingefangen wird, flacht nach diesem eindrücklichen Einstieg narrativ jedoch schnell ab und ergeht sich zu sehr in allseits bekannten und ausgelutschten Genrestrukturen. Im Mittelteil geht viel Tempo verloren, es schleichen sich eigentlich unnötige Längen ein und der Erzählfluss gestaltet sich mitunter geradezu zäh, wenn sich zu lange und zu oft alles innerhalb des Hauses und somit auch innerhalb der zusammengewürfelten Gruppe abspielt, die Figuren an sich überwiegend jedoch kaum mehr als klischeehafte wie eindimensionale Abziehbilder sind.

 

Richtig Spannung kommt hier nur sehr selten auf. Die kurze Autofahrt zum Supermarkt sorgt da zumindest für einen Hauch von Abwechslung und mit der Figur des Gary blitzt für kurze Zeit sogar eine richtig gute Idee im Drehbuch von Eric Heisserer (Arrival, Lights Out, Hours) auf, doch auch hier wird einfach zu wenig daraus gemacht. Das ist dann letzten Endes auch das größte Problem von Bird Box: das Potential ist nämlich durchaus vorhanden, nur ausgeschöpft wird dieses nie, man bleibt nahezu immer hinter seinen Möglichkeiten zurück und lässt alles in einem doch arg enttäuschenden Finale enden, dem man mit etwas mehr Mut einen zumindest halbwegs passablen kleinen Kniff hätte abringen können. So pendelt Bird Box irgendwo zwischen A Quiet Place, The Happening (2008) von Shyamalan und Blindness (2008) von Meirelles, beraubt sich selbst seines Potentials und hätte durchaus etwas kompakter inszeniert sein können. Schade.

 

4,5 von 10 Mal das Rauschen des Windes in den Bäumen vernehmen

 

 

A Quiet Place (2018)

24. Februar 2019 at 16:06

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Who are we if we can’t protect them?“

 

 

 

Lee und Evelyn Abbott leben mit ihren Kindern Regan und Marcus in einer Art postapokalyptischen Welt, in der jedes Geräusch todbringende Monster anlocken kann. Mühsam hat sich die Familie an diese neuen Lebensbedingungen angepasst, doch die erneute Schwangerschaft von Evelyn stellt alle vor neue Herausforderungen.

 

Stille. Für manchen heutzutage vielleicht nur noch schwer auszuhalten. Für die nun mehr zweite Regiearbeit des Schauspielers John Krasinski ist das die grundlegende Prämisse. Eine Welt, in der jedes Geräusch deinen Tod bedeuten kann, die verlangt auch höchste Konzentration. A Quiet Place hält sich nicht lange mit Erklärungen auf, wirft den Zuschauer vollkommen unvermittelt ins Geschehen, erläutert die Gesetzmäßigkeiten seiner Welt erst nach und nach und verlagert die allumfassende Apokalypse auf das Intimste reduziert im Schoß der Familie. So sind die Abbotts angesichts größter Schrecken und Einschränkungen trotzdem geradezu verzweifelt darum bemüht durch gemeinsame Rituale wie das Abendessen zumindest einen letzten Hauch von Normalität in einer aus den Fugen geratenen Welt zu bewahren.

 

Das world building funktioniert wirklich gut und Krasinski versteht es hervorragend mit relativ wenigen Mitteln eine dichte und packende Atmosphäre zu erschaffen. Allein die ersten etwa zehn Minuten empfand ich als herausragend und auch lange danach liefert A Quiet Place immer wieder extrem fesselnde und spannende Momente sowie mitreißend arrangierte Sequenzen, von denen andere Regisseure nur träumen können. Visuell liefert der Film ein solides Endzeit-Szenario, aber auf der akustischen Ebene gelingt so manche interessante Idee im Spiel mit laut und leise, wenn zum Beispiel jedes Geräusch in den Ohren förmlich zu explodieren scheint. Leider finden sich aber auch diverse schwerwiegende Logiklöcher im Drehbuch und man muss sich schon mehr oder weniger bedingungslos auf die Prämisse einlassen, um in das Setting eintauchen zu können.

 

Auch ist es schade, dass Krasinski seine Idee lange relativ konsequent umsetzt, etwa zur Hälfte jedoch das Tempo anzieht und die Schlagzahl erhöht, und besonders im letzten Drittel Spannung und Atmosphäre zu Gunsten von plumpen Schockeffekten und Action opfert. So zeigt der Film im Schlussakt seine Kreaturen viel zu exponiert, die lange als diffuse und allgegenwärtige Bedrohung deutlich besser funktionieren, und wird buchstäblich zu laut. Auch der Score von Marco Beltrami (Logan, The Drop, Snowpiercer) ist sehr aufdringlich und wirkt nicht selten kontraproduktiv in puncto Atmosphäre und Spannung. Letztlich wirkt A Quiet Place ein bisschen wie eine überlange Folge Twilight Zone. Krasinski hat eine wirklich gute und erfrischende Idee, vermag deren Potential allerdings nicht immer voll auszuschöpfen und setzt gegen Ende für meinen Geschmack zu sehr auf Tempo und Action. Nichtsdestotrotz bietet der Film ein paar geradezu meisterhaft inszenierte Spannungsmomente, muss sich aber auch den Vorwurf der teils gravierenden Logiklöcher gefallen lassen.

 

6,5 von 10 Mal auf leisen Sohlen kein Geräusch machen