Possessor (2020)

16. Januar 2022 at 18:52

 

 

 

© Elevation Pictures/Signature Entertainment/Telefilm Canada

 

 

Wie der Vater, so der Sohn? Nun, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Mit seinem nunmehr zweiten Langfilm nach Antiviral (2012) tritt Brandon Cronenberg zwar scheinbar in die Fußstapfen seines Vaters, stellt aber mindestens ebenso sehr seine ganz eigene filmische Handschrift unter Beweis. Allein schon auf der formalästhetischen Ebene ist Possessor ausnehmend gut gelungen. Die Bildsprache ist kühl, präzise, manchmal geradezu schneidend und voller motivischer Dopplungen.

 

Die Kamera von Karim Hussain (Hobo with a Shotgun, Antiviral) arbeitet viel mit Farben und Licht und vermag immer wieder Bilder und Einstellungen zu finden, welche ganz hervorragend die inhaltliche Ebene aufgreifen und mit ihr spielen. Besonders die Transformations-Szenen bestechen durch enorme Kreativität. Das alles in Kombination mit den düsteren, sphärischen Klängen von Jim Williams (Kill List, Raw, Titane) und einem ausgefeilten Sounddesign lassen eine einnehmende, geradezu soghafte Atmosphäre entstehen.

 

Allein die Auftaktsequenz: ein Close-Up, eine Penetration, kurz und schnell, etwas Spitzes dringt in weiches Fleisch ein. Warmes Blut sprudelt hervor, Menschen schreien in Panik. Noch mehr Stiche, schließlich Schüsse. Trotz dieses Einstieges in den Film findet grafische Gewalt in Possessor nur punktuell und sehr pointiert statt, doch wenn, dann überaus drastisch und schmerzhaft. Nur schwer zu ertragen, aber nie zum reinen Selbstzweck inszeniert oder gar voyeuristisch angelegt, sondern immer auch glaubhaft in den Kontext der Handlung eingebunden. Es ist schon faszinierend zu sehen, dass im Genrekino durch das Zerstören und Aufbrechen eines menschlichen Körpers mehr über gesellschaftspolitische Schieflagen erzählt werden kann als durch so manche wohl formulierte Wortkaskade.

 

Überhaupt lässt Possessor diverse Deutungsebenen zu und jongliert zugleich mit verschiedensten Ideen, Motiven und Themen. Manipulation und Paranoia. Befreiung und Unterwerfung. Kontrolle, deren Verlust und der Kampf darum. Die Beschaffenheit von Identität. Die Grenzen des menschlichen Bewusstseins und deren Auflösung, des Körpers sowieso. Der moderne Kapitalismus und dessen übergriffige Ausdehnungen in jeden noch so kleinen Lebensbereich. Folgen fortschreitender Digitalisierung. Selbst das wirtschaftliche Konzept einer feindlichen Übernahme wird ihm Rahmen des Drehbuches in eine ganz neue Richtung gedacht.

 

Und über all dem schwebt die geradezu geisterhafte Erscheinung von Andrea Riseborough (Mandy, Nocturnal Animals, Oblivion), die in ihrer Rolle der Tasya Vos eine unglaublich starke Performance abliefert. Buchstäblich immer mehr zerrissen zwischen Arbeit und Familie verschwimmen die Grenzen ihrer Persönlichkeit zunehmend. Sich immer mehr in einen Strudel aus Exzess und Gewalt verlierend, kulminiert Possessor in einem brillant eingefädelten Schlusspunkt, welcher niederschmetternder kaum sein könnte.

 

Brandon Cronenberg macht es dem geneigten Zuschauer nun wahrlich nicht einfach. Possessor ist sperriges, forderndes und zuweilen verstörendes wie gleichermaßen kluges und wunderschönes Genrekino. Manchmal pulsierend warm, dann wieder eisig beklemmend. Mehr intensive Erfahrung als Vergnügen. Blut und Schmetterlinge, miteinander verschmolzene Psychen und aufgebrochene Körper.

 

9/10

 

 

 

 

Darling (2015)

6. November 2021 at 17:17

 

 

© Screen Media Films

 

 

Abyssus abyssum invocat. Manchmal gibt es sie noch: diese kleinen Filme, die einen hinterrücks so richtig überrumpeln. Darling von Regisseur und Drehbuchautor Mickey Keating ist ein solcher. Offensichtlich stark von Roman Polanskis Werken Ekel (1965) und Der Mieter (1976) inspiriert, vermochte mich sein vierter Film wirklich zu überraschen. Erstaunlich stilsicher komponiert er zusammen mit der Kamera von Mac Fisken betörend schöne Bilder in kunstvollem Schwarzweiß. Gleichzeitig aber arbeitet Keating mit inszenatorischen Techniken wie schnellen Schnitten, pointierter Lichtsetzung, Stroboskopeffekten und Störgeräuschen auf der Tonspur gegen etablierte Sehgewohnheiten an. Der so entstehende tonale Bruch verleiht Darling eine gewisse dunkle, pulsierende Lebendigkeit.

 

Gesprochen wir nicht viel und Dialogszenen sind eher spärlich gesät, setzt Keating doch viel lieber auf die suggestive Kraft seiner Bildsprache. Diese dann in Kombination mit einem messerscharfen Sounddesign und dem kontrastreichen Score erschaffen eine unglaublich hypnotische Wirkung, soghaft, einnehmend und unterschwellig beunruhigend. Die Handlung unterteilt sich in sechs Kapitel und Darling ist mit einer Laufzeit von rund 78 Minuten überschaubar geraten, hätte aber auch kaum länger ausfallen dürfen. Über all dem schwebt die unheilvolle Performance der fantastischen Lauren Ashley Carter als titelgebende Darling, die ihren Abstieg in den Wahnsinn als kraftvolle Tour de Force ausspielt. Diese Augen. Ihre großen dunklen Augen fesseln, zunächst noch niedlich schüchtern, später dann weit aufgerissen und erfüllt vom Irrsinn wie eine psychopathische Version von Audrey Hepburn.

 

Darling hat mich überrascht. Darling hat mich fasziniert, mich angezogen, mich verstört. Darling ist ein filmisches Experiment, mutig und gewagt, so sehr entgegen üblichen Sehgewohnheiten inszeniert. Nicht perfekt, nicht makellos, aber wuchtig, kantig, sperrig, unangenehm.

 

7,5/10

 

 

In the Mouth of Madness (1994)

2. November 2021 at 20:55

 

 

© New Line Cinema

 

 

Reality is just what we tell each other it is. Sane and insane could easily switch places, if the insane were to become the majority.

 

In the Mouth of Madness ist nach Memoirs of an Invisible Man (1992) eher eine Art Rückbesinnung auf alte Stärken von John Carpenter. So entsteht einer seiner letzten wirklich guten Filme und zugleich eine der besten Annäherungen an die Werke von H.P. Lovecraft. Carpenter vermag es über weite Strecken ausgesprochen gekonnt, dieses unaussprechliche, unbeschreibliche und namenlose Grauen, eben jene Suggestivkräfte aus der Feder von Lovecraft, in seine Bildsprache zu überführen. Ins Schlingern kommt In the Mouth of Madness leider immer dann, wenn er visuell konkret werden muss, denn so mancher obwohl gelungener Make Up-Effekt kann aus der einnehmenden Atmosphäre reißen.

 

Das Drehbuch von Michael De Luca (Freddy´s Dead: The Final Nightmare, Judge Dredd) vermengt zahlreiche erzählerische Motive aus den Werken Lovecrafts und destilliert diese zu einer Art selbstreflexivem Spiel. Was als harmloser Fall für den Versicherungsdetektiv John Trent beginnt, das lässt schon bald die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend aufweichen. Nach und nach bricht sich der Wahnsinn immer mehr Bahn und sickert zusehends in die Wirklichkeit, bis schlussendlich eben jene Grenze vollkommen aufgelöst wird. So ist die Ankunft in Hobb´s End auch buchstäblich der Übergang in eine andere Welt jenseits der unseren.

 

In the Mouth of Madness ist vor allem auch deswegen so effektiv, weil Carpenter gerade keine engmaschige Erzählstruktur entspinnt, sondern viel lieber narrative Lücken lässt und eher bloß skizziert anstatt auszuformulieren. Ganz im Geiste von Lovecraft. Nicht ohne Grund zeichnen sich Carpenters stärksten Filme mehr durch eine schwer zu greifende Stimmung aus, mehr durch die vage Vorahnung einer nahenden Katastrophe als durch die Katastrophe selbst. Wenn dazu dann im letzten Akt alle Rädchen ineinander greifen und all die Metaebenen schließlich aufeinander treffen, sich das wahre Grauen offenbart, dann ist John Trent längst dem Wahnsinn anheim gefallen.

 

Zweifellos ist In the Mouth of Madness in einer ganzen Reihe grandioser Werke nicht Carpenters bester Film, ganz sicher aber einer, welcher leicht übersehen werden kann und mehr Würdigung verdient hat. Einer meiner liebsten aus seinem Schaffen ist er auf jeden Fall.

 

8/10

 

 

Shadow in the Cloud (2020)

4. September 2021 at 20:14

 

 

© Automatik Entertainment/Vertical Entertainment/Redbox Entertainment/387 Distribution

 

 

Eine junge Frau im Krieg und das Geheimnis ihrer Fracht. Ihren erst zweiten Langfilm Shadow in the Cloud eröffnet Regisseurin Roseanne Liang als Kammerspiel beinahe vollends aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin heraus, erweitert diese jedoch immerzu um andere Blickwinkel. Vom Rest der ausnehmend männlichen Besatzung des Bombers Fool´s Errand unterhalb des Rumpfes, in einem Waffenturm, ist sie zwar räumlich getrennt, aber leider akustisch nicht. So darf sie sich doch zunächst allerhand nur schwer erträglich sexistischer Kommentare ausgesetzt fühlen.

 

Wird diese Situation erst einmal aufgebrochen, dann entpuppt sich Shadow in the Cloud als feministischer Actionfilm, welcher sich zu jeder Sekunde vollkommen bewusst ist, dass seine erzählerische Grundlage Quatsch ist. Eine Verbeugung vor Pulp, Trash und B-Movies. Twillight Zone, Outer Limits und X-Factor, aber aus einer weiblichen Sichtweise heraus. Muss Maude Garrett außerhalb der Fool´s Errand gegen einen Gremlin nicht nur um ihr eigenes Leben kämpfen, dann dreht der Film komplett am Rad. Unrealistisch? Zweifellos. Aber eben auch nicht unrealistischer als so mancher männlich dominierter Actionfilm.

 

Liang zwingt den Zuschauer ganz bewusst in die weibliche Rolle und natürlich ist das in gewisser Hinsicht ideologisch geprägt. Das mag vielleicht erzählerisch nicht sonderlich elegant sein, ist aber zumindest innerhalb seiner Welt inhaltlich schlüssig, vor allem verdammt unterhaltsam und vermag teilweise wirklich zu überraschen. So manchen Twist habe ich in der Form einfach nicht kommen sehen. Dazu ist Shadow in the Cloud zumindest zu Beginn auf der inszenatorischen Ebene interessant, weil visuell ein Bruch entsteht, wenn das Zweiter Weltkrieg-Szenario mit einer 80er-Neon-Ästhetik kombiniert wird. Schade bloß, dass diese angenehme Unstimmigkeit nicht weiter verfolgt wird. Ansonsten ist Shadow in the Cloud ein wilder wie unterhaltsamer Genre-Mix mit erfreulich kurzer Laufzeit, der sich seiner pulpigen Herkunft vollkommen bewusst ist und dennoch etwas zu sagen hat.

 

7/10