The Lords of Salem (2012)

9. April 2022 at 18:35

 

 

© Haunted Movies/IM Global

 

 

Rob Zombie war und ist zuallererst immer ein Meister des Pastiches. Kino der Zitate. In seiner Arbeitsweise kaum anders als Tarantino, doch aber in anderen Sphären unterwegs. Seine Filme zeichnen sich meist weniger durch Handlung oder Spannungsaufbau aus, sondern mehr dadurch, wie er sich audiovisuell durch Jahrzehnte der Popkultur des Abseitigen wühlt und Motive, Bilder und Ideen referenziell in Collagen formt. The Lords of Salem ist da kaum anders, ist aber leiser, subtiler, weniger wild, ist konzentrierter und fokussierter als seine bisherigen Werke. Zombie nimmt sich hier spürbar mehr zurück und zügelt vielleicht zum ersten Mal in seinem Schaffen seine Impulse. Er lässt dem Film und vor allem seinen Bildern Zeit zu atmen, zu wirken, sich zu entfalten. Er traut sich auch, Lücken einfach stehen zu lassen, sie nicht zu füllen, nicht jede Idee bis zum Schluss zu verfolgen, nicht alles durch zudenken.

 

Stattdessen setzt er lieber auf eine vage und mysteriös bedrohliche Stimmung als auf sich immerzu steigernde Eskalation. Die ohnehin schon schlanke Handlung verdichtet sich nicht zunehmend mit andauernder Laufzeit, nein, The Lords of Salem verflüchtigt sich in seinen letzten Minuten geradezu, beginnt sich aufzulösen, wird immer ätherischer und implodiert schließlich in einem fiebrigen Bilderrausch. Auf der handwerklichen Ebene, aber auch in puncto Haltung und Stimmung, erinnert mich The Lords of Salem immer wieder an The House of the Devil von Ti West, einem der eindringlichsten Horrorfilme der letzten Jahre, und zeigt ohne jeden Zweifel, wozu Rob Zombie fähig ist, wenn er sich zurücknimmt. Mit The House of 1000 Corpses und The Devil´s Rejects hatte ich vielleicht mehr Spaß, The Lords of Salem hingegen empfand ich als ausdrücklich unangenehm und schleichend beunruhigend. Für mich sein stärkster Film.

 

8/10

 

 

The Aftermath (1982)

16. Oktober 2019 at 23:06

 

 

© VCI Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Nach zwei Jahren im Weltall kehrt Astronaut Newman wieder zurück auf die Erde. Nach seiner Landung muss er jedoch feststellen, dass ein Atomkrieg die Welt vollkommen zerstört hat. Die wenigen letzten Überlebenden werden von Mutanten bedroht und von einem Mann namens Cutter gnadenlos unterdrückt. Newman beschließt, dem Treiben ein Ende zu setzen und sagt Cutter den Kampf an.

 

Manchmal muss man einfach eine Linie ziehen… Apokalyptische Settings erfreuten sich im Genrekino der 80er Jahre großer Beliebtheit, weil sie einen gewissen Zeitgeist aufgriffen, vor allem aber, weil sie sich preiswert produzieren ließen. Ein Steinbruch und ein bisschen Fantasie konnten da in den Niederungen bereits ausreichen. The Aftermath von Regisseur Steve Barkett ist geradezu ein Paradebeispiel für den schnell wie billig herunter gekurbelten, drittklassigen Endzeit-Actioner. Bloß, dass Barkett nicht nur Regie führte, sondern gleich auch noch das Drehbuch lieferte, den Film produzierte, den Schnitt übernahm und die Hauptrolle spielte. Trash als Autorenkino, wenn man so will. Inhaltlich irgendwo zwischen Mad Max (1979) und Planet der Affen (1968) angesiedelt, versagt The Aftermath im Grunde auf der ganzen Linie.

 

Hier passt wirklich nichts so richtig zusammen: weder vermag es Barkett den von ihm der Hauptfigur zugedachten Attributen gerecht zu werden, noch funktioniert die Lovestory, geschweige denn die Vater-Sohn-Beziehung oder gar die schwerfällig inszenierte Action. Dazu kommt ein bescheuerter Off-Kommentar, furchtbar einfältige Dialoge, eine platte Symbolik und wirklich merkwürdige Musikeinsätze. Die Krönung ist dann das Finale, wenn sich Barkett sagenhaft schamlos als gnadenlos effektive Ein-Mann-Armee inszeniert, die im Alleingang das komplette Lager des Bösewichtes Cutter (immerhin zumindest akzeptabel gespielt von Sid Haig) zerlegt. Dumm nur, dass am Ende ganz offensichtlich das Geld für sogar halbwegs ordentliche Effekte fehlte und direkte Treffer aus nächster Nähe von einer Schrotflinte aussehen wie Nadelstiche.

 

The Aftermath ist ein Kuriosum, eine Art Unfall geboren aus einem Egotrip heraus, die fehlgeleitete Vision eines zumindest im Ansatz ambitionierten Filmemachers und doch seltsam faszinierend. The Aftermath ist der Auftakt einer enorm kurzen Karriere, der nur noch ein weiterer Film folgte: Empire of the Dark (1990). Plot: A private detective searching for a killer comes across a satanic cult from another dimension, monsters called up from hell and murderous ninja assassins. Muss man sich mal vorstellen. Das will ich sehen. Ich mag sowas.

 

5 von 10 atomaren Stürmen

 

 

3 from Hell (2019)

28. September 2019 at 16:03

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

Hello America. Did you miss me?“

 

 

 

Entgegen jeglicher Erwartung überleben Otis, Baby und Captain Spaulding das Ende ihrer Flucht im Kugelhagel der Polizei, werden verhaftet und zum Tode verurteilt. Nach der Hinrichtung von Spaulding gelingt Otis die Flucht und fortan ist sein Ziel Baby wie auch immer aus dem Gefängnis zu befreien. Tatkräftige Unterstützung erhält er dabei von seinem Halbbruder Winslow Foxworth Coltrane, genannt The Midnight Wolfman.

 

Nach der überaus zitatfreudigen Horror-Collage House of 1000 Corpses (2003) und dem garstig wuchtigen Road Movie-Trip The Devil´s Rejects (2005) folgt nun also mit 3 from Hell der Abschluss von Rob Zombies Firefly-Trilogie. 31 (2016) ließ es im Ansatz bereits vermuten, dass Zombie wohl möglich seine Inspiration abhanden gekommen sein könnte, doch 3 from Hell macht das in all seiner Ideenlosigkeit mehr als deutlich. Dabei beginnt alles eigentlich sogar recht verheißungsvoll als eine Art Mediensatire, wenn Otis, Baby und Captain Spaulding anfangs nicht unähnlich zur Manson-Family medial ausgeschlachtet werden und sich in der ihnen geschenkten Aufmerksamkeit geradezu sonnen. Doch Zombie wischt das alles viel zu schnell beiseite und schenkt dem keine Bedeutung mehr, wenn er es sich spätestens mit der Flucht von Otis Firefly wieder in altgewohnten Gefilden bequem macht und sich fortan nur noch in gefühlt endlosen Wiederholungen seiner eigenen Stilistik austobt. Zombie zitiert sich pausenlos selbst und dreht sich immerzu im Kreis, ohne jemals ernsthaft ausbrechen zu können oder, vielleicht schlimmer noch, zu wollen.

 

Die Story von 3 from Hell ist unausgegoren, hastig zusammen geschustert und mit der heißen Nadel gestrickt. Wenig ergibt Sinn, vieles wird geradezu willkürlich eingeworfen und doch gleich wieder vergessen. Alles wirkt seltsam planlos, ganz so, als wüsste Zombie nicht mehr, was er überhaupt noch erzählen will oder kann. Dem Firefly-Kosmos jedenfalls kann 3 from Hell nichts mehr hinzufügen, was nicht schon an anderer Stelle etabliert worden wäre. Wiederholung um ihrer selbst willen, der kreative Stillstand, wenn selbst vermeintliche Tabubrüche und Grenzüberschreitungen bloß noch plump und berechenbar daherkommen. Visuell ist das alles erwartungsgemäß auf die Optik des Grindhouse-Kinos getrimmt, handwerklich jedoch geht Zombie nachlässig und oftmals ohne erkennbare Liebe zum Detail vor, wenn 3 from Hell in seiner ganzen Inszenierung hektisch, wirr und ähnlich unübersichtlich ausfällt wie zuletzt noch 31. Schauspielerisch ist vor allem Sheri Moon Zombie als Baby Firefly schnell anstrengend, wenn sie vollkommen ins geradezu grotesk hysterisch Überdrehte abgleitet und sich als eine Art gesteigerte und nur schwer zu ertragende Variation ihrer Mutter inszeniert. Unterm Strich ist 3 from Hell vor allem auch deshalb überflüssig, weil The Devil´s Rejects im Grunde den perfekten Abschluss hatte. So gesehen ist die Fortsetzung kaum mehr als müde wie planlose Leichenfledderei ohne echte Ideen oder Inspiration. Da war selbst 31 zumindest punktuell noch der bessere Film.

 

3,5 von 10 Free the Three-Shirts

 

 

Bone Tomahawk

30. Januar 2016 at 17:27

 

 

© RLJ Entertainmant

 

 

 

„Pain is how your body talks to you. You’d do well to listen to it.“

 

 

 

Als kannibalische Höhlenbewohner eines nachts die friedliche Kleinstadt Bright Hope überfallen und eine junge Frau sowie einen Deputy verschleppen, machen sich vier Männer auf den Weg in deren Territorium, um die beiden Geiseln um jeden Preis zu befreien. So begeben sich der Sheriff, sein stellvertretender Deputy, der Ehemann der Entführten und ein Revolverheld auf die beschwerliche Reise zu einem abgelegen und komplexen Höhlensystem, nicht  ahnend, welch unvorstellbare Dinge dort auf sie warten…

 

Mit seinem Regiedebüt Bone Tomahawk verknüpft der Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker S. Craig Zahler den klassischen Western mit handfesten Elementen des Horrorfilms. Diese Kombination ist gar nicht mal so selten, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde, aber die wenigsten dieser Filme funktionieren auch wirklich gut. Zur Hochphase des Italo-Western wurde mit solchen und ähnlichen Versatzstücken gerne mal experimentiert und Filme wie Töte, Django (Se Sei Vivo Spara) von Giulio Questi oder Satan der Rache (E Dio disse a Caino…) von Antonio Margheriti entstammen dieser Zeit. Der australische Film Ravenous mit Guy Pearce und Robert Carlyle in den Hauptrollen hat mit Kannibalismus sogar das gleiche Thema wie Bone Tomahawk, auch wenn hier der Schwerpunkt etwas anders gelagert ist und das Grauen nicht der Wildnis entspringt, sondern der Zivilisation. Im erweiterten Kreis tummeln sich dann noch Filme wie From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez, John Carpenters Vampires oder Near Dark von Kathryn Bigelow, die sich als eindeutige Horrorfilme verstehen und lediglich mit Elementen des Western spielen. Bone Tomahawk ist über weite Strecken ein ganz klassischer Western und keineswegs der wilde Genremix, den man hinter seiner Story vielleicht erwarten würde. Zahler lässt sich sehr viel Zeit, etabliert und entwickelt in aller Ruhe erst einmal die Protagonisten seiner Geschichte und entfaltet das Setting. Der Hauptaugenmerk der Erzählung liegt ganz eindeutig auf der anstrengenden, entbehrungsreichen und gefährlichen Reise der vier Männer in das Gebiet der Troglodyten genannten Kannibalen, die selbst von Indianern gemieden und gefürchtet werden. Ein geradezu typisches Thema also für klassische Western, die Entführung unschuldiger Kleinstadtbewohner durch vornehmlich indianische Wilde und die daran anknüpfende Reise einer Gruppe von Helden mit deren Rettung als Ziel, aber Zahler weiß gekonnt hier mit Versatzstücken zu spielen und immer wieder diese eigentlich doch recht starre Erzählstruktur aufzubrechen und abwechslungsreich zu gestalten. So bedient er beispielsweise oft einen etwas eigenwilligen Humor, der sich überwiegend in den Dialogen der Protagonisten niederschlägt, vor allem der von Richard Jenkins herrlich verkörperte Deputy namens Chicory weiß hier immer wieder irritierende Pointen zu setzen mit seiner zerstreuten und fahrigen Art. Auch der Rest der Gruppe setzt sich aus altbekannten Stereotypen des Westerngenre zusammen, der raue, aber gutmütige Sheriff Franklin Hunt, der liebende und zu allem entschlossene Ehemann in Form von Arthur O´Dwyer und letztlich der zynische und abgebrühte Revolverheld  John Brooder. Das aber fällt kaum ins Gewicht oder stört, weil diese archetypischen Charaktere zum einen mit Kurt Russell, Patrick Wilson, Matthew Fox und Richard Jenkins gelungen besetzt sind und zum anderen die Interaktion und Dynamik innerhalb dieser Gruppe so manches Highlight setzen kann und mit lakonischem Humor zu unterhalten weiß. Zudem sorgen zahlreiche unliebsame Begegnungen und Hindernisse auf der beschwerlichen Reise in das abgelegene Gebiet der Troglodyten dafür, dass Bone Tomahawk in dieser Phase trotz seiner langsamen und ausladenden Erzählweise nie langweilig wird. So sind dann auch rund drei Viertel des Filmes bereits verstrichen, bis die Männer erstmals in feindliches Gebiet vordringen und auf die kannibalischen Höhlenbewohner treffen. Dann aber ziehen sowohl das Tempo als auch der Grad der Härte drastisch an und die letzte halbe Stunde liefert Gewalteskapade um Gewalteskapade, so grimmig und brutal, dass es beinahe schon deplatziert wirkt. Plötzlich wirft Bone Tomahawk sämtliche Langsamkeit über Bord und schafft es zu einem rasanten Spektakel aus Blut, Innereien und abgetrennten Gliedmaßen zu mutieren und das mit reichlich expliziter Gewalt versehene Finale wird zu einem brachialen und mitreißenden Kampf ums nackte Überleben, so kompromisslos wie erbarmungslos. Eine etwas rasantere Erzählweise und die eine oder andere Straffung im Mittelteil hätten dem Film vielleicht ganz gut getan, hätte man so doch noch etwas mehr Potential aus dieser Idee pressen können, dennoch wird es nie wirklich langweilig und so gewinnt das brachiale Finale deutlich an Wucht und Wirkung.

 

Bone Tomahawk ist lange Zeit ein langsam erzählter und durch und durch klassisch inszenierter Western voller archetypischer, aber keineswegs flacher oder eindimensionaler Charaktere, der erst im letzten Viertel kippt und sein eigentliches, blutbesudeltes Gesicht zeigt. Dann erst geht es ans Eingemachte, das aber dafür umso drastischer, das Warten und Ausharren zahlt sich spätestens im Finale auch für den Splatter affinen Filmfreund aus. Bis dahin funktioniert Bone Tomahawk auch als Western sehr gut und weiß sich punktuell durchaus auch abzuheben. Am Ende ensteht eine kleine Genreperle, behäbig wie gleichermaßen räudig und dreckig, irgendwo zwischen dem klassischen Westernkino eines John Ford und dem hinterhältigen Terrorkino eines Wes Craven. Der Schwarze Falke (The Searchers) trifft auf The Hills Have Eyes, wenn man so will.

 

7,5 von 10 gebrochenen Beinen