Cowboy Bebop (1998-1999)

10. Dezember 2021 at 17:10

 

 

© Sunrise

 

 

 

Everything has a beginning and an end. Life is just a cycle of starts and stops. There are ends we don’t desire, but they’re inevitable, we have to face them. It’s what being human is all about – Jet Black

 

Besser kann man die emotionale Wucht von Cowboy Bebop eigentlich kaum in Worte fassen. Ends we don´t desire, but they´re inevitable, we have to face them. So oft ich diese Serie nun schon gesehen habe, das etwa letzte Drittel nimmt mich immer und immer wieder auf ganz besondere Art und Weise mit. Jedesmal. Obwohl ich haargenau weiß, was mich erwartet. Da ist dieses Gefühl von zärtlicher Melancholie, welches sich durch diese 26 Episoden zieht. Diese tragische Schönheit, bittersüß, roh und doch poetisch. Oft sind trotz all der vordergründigen Action und dem Humor doch ganz besonders die leisen Töne das eigentliche Gold, sind es die stillen Momente, welche diese Serie so herausragend machen.

 

You´re gonna carry that weight. Wenn man den großen erzählerischen Bogen rund um Spike, Vicious und Julia mal kurz ausklammert, dann sind es nicht selten die kleinen Geschichten, unter deren Oberflächen sich tragische Schicksale offenbaren. Asimov und Katrina, Roco und seine Schwester Stella, Gren oder V.T. und noch viele andere: sie mögen vielleicht noch so kurz auftauchen, sie alle haben jedoch eine Geschichte, die zu berühren vermag. Was Regisseur Shin’ichirô Watanabe hier mit seinem Team erschaffen hat, das hat Gewicht. Bestand. Bedeutung. Zumindest für mich auf jeden Fall, aber vermutlich nicht nur. Das world building ist famos geraten, visuelles Erzählen par excellence. Ganz gemäß dem Motto: Show, don´t tell. Cowboy Bebop traut seinem Zuschauer erstaunlich viel zu und verzichtet auf übermäßig erklärenden Dialog. Whatever happens, happens.

 

Im Gegenteil sogar, die Serie traut sich, auch mal ein Bild für zehn Sekunden einfach still stehen zu lassen. Wirken zu lassen. Ein lakonisch rauchender Spike, der grüblerisch ins All blickt, das erzählt mir mehr als es eine ganze Szene könnte. Und solche Momente hat jeder der Bebop-Besatzung mehrfach zu bieten. Überhaupt diese Crew… Jet, Spike, Faye, Ed, ja, sogar Ein, bekommen ihre Hintergründe. Ihre kleinen Geschichten. So unterschiedlich sie auch sein mögen, sie alle vereint die Unfähigkeit ihrer Vergangenheit entfliehen zu können. Ist eine Zukunft überhaupt möglich, wenn die eigene Geschichte nicht akzeptiert werden kann? Sie sind Getriebene ihrer eigenen inneren Dämonen. So mündet Cowboy Bebop schlussendlich in einem an Dramatik kaum zu übertreffenden Finale verteilt über die letzten beiden Folgen und findet einen in jeglicher Hinsicht perfekt getroffenen Schlusspunkt. Ends we don´t desire, but they´re inevitable, we have to face them.

 

Ich kann mir gut vorstellen, dass Joss Whedon Cowboy Bebop sehr aufmerksam gesehen hat, findet sich doch vieles davon in dessen ebenfalls großartiger Serie Firefly. Watanabe kreiert einen großen Melting Pot der Popkultur, bestehend aus Science Fiction, Western, Film Noir und Kung Fu-Flicks, abgeschmeckt mit einem wundervollen Score aus Jazz und Blues aus der Feder von Yoko Kanno und ihrer eigens für die Serie gegründeten Band Seatbelts. BANG… See you Space Cowboy… ganz bestimmt sogar.

 

10/10

 

 

Assault on Precinct 13 (1976)

12. Januar 2020 at 18:44

 

 

© Turtle Releasing Organization/Quelle: IMDb

 

 

 

Das Polizeirevier 13 in Los Angeles soll am nächsten Tag geschlossen und verlegt werden, also gibt es bloß noch eine notdürftige Besatzung. Als dort ein Gefangenentransporter außer Plan halten muss und kurz danach ein vollkommen verstörter Mann auftaucht, ahnt keiner der Anwesenden, was ihnen bevor steht. Eine zahlenmäßig total überlegene Straßenbande will gewaltsam Zutritt zum Polizeirevier und so entbrennt ein Kampf um Leben und Tod.

 

John Carpenter hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein glühender Verehrer der Filme von Howard Hawks ist. So ist es letztlich auch nicht verwunderlich, dass er mit Assault on Precinct 13 eine Hommage an den großen Klassiker Rio Bravo (1959) erschafft und Elemente und Motive des Western in ein urbanes Großstadt-Setting überführt. Das enorm niedrige Budget von 100.000 Dollar erweist sich rückblickend mehr als Segen denn als Fluch. Sicher, Assault ist sehr auf Kante genäht und massiven Restriktionen ausgesetzt, doch wie Carpenter diese nutzt, darauf kommt es an. Sein Film ist Autorenkino par excellence, wenn Regie, Drehbuch, Schnitt und Score von Carpenter selbst stammen. So schlicht, schnörkellos und geradezu karg seine Inszenierung auch auszufallen vermag, so ungemein dicht ist die packende Atmosphäre. Assault verzichtet auf visuelle Spielereien, setzt ganz bewusst auf Minimalismus und Kompromisslosigkeit und verstärkt dadurch nur noch seine soghafte Wirkung.

 

Das Ergebnis ist ein meisterhaftes Beispiel dafür, wie man mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Spannung erzeugen kann: inszenatorische und dramaturgische Perfektion. Es ist ungemein faszinierend, wie klar und präzise Carpenter den Zuschauer mit dem Setting vertraut macht, die Strukturen der Topographie etabliert und somit auch die Spielregeln festlegt. Jederzeit findet man sich dort zurecht und jederzeit bleibt die räumliche Orientierung gewahrt, obwohl er besonders bei den Innenräumen stark auf klaustrophobische Verengung und verbaute Blicke setzt, wenn gesichtslose Horden Welle um Welle unermüdlich angreifen.

 

Dazu strahlen die Außenaufnahmen eine beinahe schon endzeitliche Stimmung aus, wenn die jeweilige Settings geradezu menschenleer in Szene gesetzt werden. Auch auf der darstellerischen Ebene herrscht das Prinzip des Minimalismus vor: keines der Gesichter hat einen nennenswerten Bekanntheitsgrad und doch herrscht eine tolle Chemie zwischen den einzelnen Schauspielern. Vor allem Darwin Josten in der Rolle des zum Tode verurteilten Napoleon Wilson hinterlässt bleibenden Eindruck und ist eine Art Vorgriff auf spätere Figuren im Schaffen von Carpenter wie Snake Plissken (Escape from New York, 1981) oder MacReady (The Thing, 1982).

 

Assault on Precinct 13 ist in seiner ganzen Struktur von erstaunlicher Klarheit und Präzision, ein Musterbeispiel der erzählerischen Ökonomie und hochspannendes wie intensives, ungemein beeindruckendes Genrekino, roh und kraftvoll statt glatt und steril. Budgetär stark limitiert gelingt es Carpenter, all diese Hindernisse geschickt zu seinem Vorteil zu nutzen und ein kleines Meisterwerk zu inszenieren.

 

9 von 10 letzten Kugeln im Lauf

 

 

The Sisters Brothers (2019)

17. November 2019 at 19:40

 

 

© Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

We’re the Sisters brothers. S-I-S-T-E-R-S, like sisters.“

 

 

 

Eigentlich ein leichter Job: die beiden Kopfgeldjäger Eli und Charlie Sisters sollen für ihren Auftraggeber den Kommodore den Chemiker Hermann Kermit Warm aufspüren, der angeblich eine geheime Formel zum Goldschürfen hütet. Unterstützung erhalten sie dabei von dem Scout John Morris.

 

Oregon, 1851. Zwei Brüder voller seelischer Untiefen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ein beinahe schon larmoyant dandyhafter Spurensucher und ein Chemiker, der von einer sozialistisch geprägten Gesellschaft träumt. The Sisters Brothers. Nicht nur der Titel des neuen Filmes von Jacques Audiard (Ein Prophet, Der Geschmack von Rost und Knochen) klingt merkwürdig. An den Genre-Konventionen eines klassischen Western ist der Franzose allenfalls am Rande noch interessiert, wenn überhaupt. Viel lieber dekonstruiert er munter allzu typische narrative Mechanismen inklusive dem zugehörigen Männlichkeitsbild, unterläuft Erwartungen und torpediert Klischees wo er nur kann. Dies geschieht jedoch nie plakativ mit dem Holzhammer, sondern viel mehr in kleinen Verschiebungen von Details und durch eine ordentliche Prise schwarzem Humor an den richtigen Stellen.

 

Audiards Bild vom Wilden Westen und vom Goldrausch in Kalifornien wirkt angenehm aufrichtig authentisch, ist wenig glamourös und vermag nicht glorifizierend zu verzerren, wenn die Figuren jenseits von Lagerfeuerromantik in teils Dreck, Regen und Schlamm schlafen müssen, meist kaum Geld haben und auch krank werden. Natürlich wird in The Sisters Brothers reichlich gesoffen, geschossen und gestorben, oft sogar erstaunlich beiläufig. Er steckt jedoch zugleich auch voller menschlicher Banalitäten und ist in seinem Kern spürbar ein Film über Sinnkrisen, über das Hadern mit dem Leben und über das Erkennen von Sackgassen und nicht selten geprägt von Selbstzweifel und Selbstzerstörung. Auch sprechen die Figuren viel miteinander statt immerzu wortkarg durch die Landschaft zu reiten und finden zum Teil Worte und Fragen von erstaunlicher Tiefe und Aufrichtigkeit.

 

Handwerklich ist The Sisters Brothers insgesamt ausgesprochen gelungen. Audiard inszeniert in meist ruhigen Bildern von Benoît Debie (Irréversible, Spring Breakers, Lost River) und erzählt in zurückgenommenem Tempo seine Geschichte vierer unterschiedlicher Männer. Der Cast rund um Joaquin Phoenix (Joker, The Master), John C. Reilly (Stan&Ollie, We Need to Talk About Kevin), Jake Gyllenhaal (Nocturnal Animals, Prisoners) und Riz Ahmed (Nightcrawler, Rogue One) ist famos und jeder spielt seine Figur ausgesprochen einnehmend. Das alles rundet dann der starke Score aus der Feder von Alexandre Desplat (Moonrise Kingdom, The Shape of Water) ganz ausgezeichnet ab. Was bleibt, das ist ein auf seine ganz eigene Art und Weise zärtlicher Film in einem vermeintlich rauen Genre. Wundervoll.

 

8,5 von 10 erste Zahnbürsten

 

 

Prospect (2018)

6. November 2019 at 20:46

 

 

© DUST(under Gunpowder and Sky)/Quelle: IMDb

 

 

 

Die Teenagerin Cee ist mit ihrem Vater Damon auf einem lebensfeindlichen Mond, um dort einen seltenen Rohstoff abzubauen. Als die beiden auf Ezra und dessen Partner treffen, eskaliert die Situation und Damon wird von Ezra erschossen. Fortan bleibt Cee wenig anderes übrig als mit dem Mörder ihres Vaters zu kooperieren, wenn sie nach Hause will, denn das letzte Schiff soll schon bald die Umlaufbahn verlassen.

 

Für ihr Spielfilmdebüt Prospect haben sich die Regisseure und Drehbuchautoren Christopher Caldwell und Zeek Earl einfach nochmals ihren gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahre 2014 erneut vorgenommen und inszenieren eine sich langsam entfaltende Mischung aus Science Fiction, Western und Survival-Drama. Das erzählerische Tempo mag eher ruhig gehalten sein, doch die Spannung steigert sich immer weiter. Gerade in der inszenatorischen Zurückhaltung liegt die eigentliche Stärke von Prospect, der mit wenigen Mitteln eine dichte, eindringliche und vor allem auch überzeugende Atmosphäre zu erschaffen vermag.

 

Vor allem visuell ist das schön gelöst, wenn sich Caldwell und Earl einem herrlich abgegriffenen, verbrauchten, dreckigen 70er-Look bedienen und dankenswerter Weise überwiegend auf den Einsatz von CGI verzichten. Alles wirkt in dieser Welt so, als würde es auch benutzt werden und zeigt deutlich erkennbare Gebrauchsspuren. Used Future par excellence, weit weg vom Hochglanz vieler anderer Genre-Vertreter. Das verleiht dem ganzen Setting eine gewisse Authentizität, welche der Atmosphäre spürbar zu Gute kommt.

 

Prospect ist zwar in erster Linie Science Fiction, fängt jedoch dazu diese ganz bestimmte Frontier-Stimmung irgendwo zwischen Goldrausch und Glücksritter ein. Der Aufbruch in fremde Welten in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dazu generiert die eigentlich eher einfach gehaltene Story ein interessantes Spannungsfeld zwischen den Figuren. Das alles mag zwar nicht sonderlich neu sein, doch es ist vor allem in den Details stimmig und atmosphärisch dicht genug, um über die gesamte Laufzeit zu überzeugen. Für eine derartige Indie-Produktion kann sich Prospect absolut sehen lassen.

 

6,5 von 10 verstopften Luftfiltern