The Sisters Brothers (2019)

17. November 2019 at 19:40

 

 

© Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

We’re the Sisters brothers. S-I-S-T-E-R-S, like sisters.“

 

 

 

Eigentlich ein leichter Job: die beiden Kopfgeldjäger Eli und Charlie Sisters sollen für ihren Auftraggeber den Kommodore den Chemiker Hermann Kermit Warm aufspüren, der angeblich eine geheime Formel zum Goldschürfen hütet. Unterstützung erhalten sie dabei von dem Scout John Morris.

 

Oregon, 1851. Zwei Brüder voller seelischer Untiefen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ein beinahe schon larmoyant dandyhafter Spurensucher und ein Chemiker, der von einer sozialistisch geprägten Gesellschaft träumt. The Sisters Brothers. Nicht nur der Titel des neuen Filmes von Jacques Audiard (Ein Prophet, Der Geschmack von Rost und Knochen) klingt merkwürdig. An den Genre-Konventionen eines klassischen Western ist der Franzose allenfalls am Rande noch interessiert, wenn überhaupt. Viel lieber dekonstruiert er munter allzu typische narrative Mechanismen inklusive dem zugehörigen Männlichkeitsbild, unterläuft Erwartungen und torpediert Klischees wo er nur kann. Dies geschieht jedoch nie plakativ mit dem Holzhammer, sondern viel mehr in kleinen Verschiebungen von Details und durch eine ordentliche Prise schwarzem Humor an den richtigen Stellen.

 

Audiards Bild vom Wilden Westen und vom Goldrausch in Kalifornien wirkt angenehm aufrichtig authentisch, ist wenig glamourös und vermag nicht glorifizierend zu verzerren, wenn die Figuren jenseits von Lagerfeuerromantik in teils Dreck, Regen und Schlamm schlafen müssen, meist kaum Geld haben und auch krank werden. Natürlich wird in The Sisters Brothers reichlich gesoffen, geschossen und gestorben, oft sogar erstaunlich beiläufig. Er steckt jedoch zugleich auch voller menschlicher Banalitäten und ist in seinem Kern spürbar ein Film über Sinnkrisen, über das Hadern mit dem Leben und über das Erkennen von Sackgassen und nicht selten geprägt von Selbstzweifel und Selbstzerstörung. Auch sprechen die Figuren viel miteinander statt immerzu wortkarg durch die Landschaft zu reiten und finden zum Teil Worte und Fragen von erstaunlicher Tiefe und Aufrichtigkeit.

 

Handwerklich ist The Sisters Brothers insgesamt ausgesprochen gelungen. Audiard inszeniert in meist ruhigen Bildern von Benoît Debie (Irréversible, Spring Breakers, Lost River) und erzählt in zurückgenommenem Tempo seine Geschichte vierer unterschiedlicher Männer. Der Cast rund um Joaquin Phoenix (Joker, The Master), John C. Reilly (Stan&Ollie, We Need to Talk About Kevin), Jake Gyllenhaal (Nocturnal Animals, Prisoners) und Riz Ahmed (Nightcrawler, Rogue One) ist famos und jeder spielt seine Figur ausgesprochen einnehmend. Das alles rundet dann der starke Score aus der Feder von Alexandre Desplat (Moonrise Kingdom, The Shape of Water) ganz ausgezeichnet ab. Was bleibt, das ist ein auf seine ganz eigene Art und Weise zärtlicher Film in einem vermeintlich rauen Genre. Wundervoll.

 

8,5 von 10 erste Zahnbürsten

 

 

Joker (2019)

26. Oktober 2019 at 16:45

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

The worst part of having a mental illness is people expect you to behave as if you don’t.“

 

 

 

Put on a happy face. Joker erinnert nicht zufällig an die Hochzeiten des New Hollywood, wenn Regisseur Todd Phillips sich oftmals der bewusst ungeschönten Bildsprache von Werken wie Taxi Driver (1976) und The King of Comedy (1982) bedient und sich inhaltlich auch dem Genrekino der späten 70er und frühen 80er zuwendet. So gerät Joker nicht nur zu einem niederschmetterndem Psychogramm einer geschundenen Seele, sondern auch zu einer erdrückenden Bestandsaufnahme einer Gesellschaft am Rande des kollektiven Wahnsinns. Phillips konfrontiert den Zuschauer gänzlich ohne Ironie und unvorbereitet mit einer düsteren Wirklichkeit, welche so im modernen Eventkino kaum noch zu erwarten ist, und nimmt ihm das Kino als Ort des Eskapismus.

 

Im Grunde will Arthur kaum mehr als gesehen werden, endlich wahrgenommen werden, um seiner Selbst willen. Endlich die Anerkennung, welche ihm bisher immerzu verwehrt blieb. Er ringt um seine Identität, ist auf der Suche nach seinem Ich, doch wie soll man zu jemandem werden, wenn man nicht einmal weiß, wer man eigentlich ist? Sein Streben danach mündet letztlich in einer unfassbaren wie gleichermaßen glaubwürdig inszenierten Spirale der Eskalation an deren Endpunkt Arthur doch zu sich selbst findet, wenn er all sein Leid und all seinen Schmerz nicht ablegt, sondern annimmt, sogar regelrecht umarmt und sein Leben mehr als Komödie denn als Tragödie begreift. Zahnrad um Zahnrad greifen ineinander bis zur Geburtsstunde des Jokers, der Funke, der das Pulverfass Gotham schließlich in Brand setzt.

 

Rückblickend erweist sich Todd Phillips als Regisseur (Road Trip, Old School, Due Date, War Dogs und natürlich Hangover I-III) gar nicht mal so abwegig, beinhalten seine Filme doch oft destruktive Figuren nah am Abgrund. Handwerklich ist Joker bis auf einige wenige, kleinere Schönheitsfehler makellos geraten, wenn die Inszenierung selbstbewusst wie stilsicher nahezu perfekt auf den Punkt immerzu Arthur und seinem immer dichter werdenden Wahnsinn folgt und doch auch nie die Umgebung aus dem Fokus verliert. Die Kamera von Lawrence Sher (Garden State, Hangover I-III, Godzilla: King of the Monsters) fängt den Verfall von Gothams Straßen in teils wunderbaren Bildern ein und selten sahen Dreck, Schmutz und Unrat so gut aus. Über all dem schweben dann die schwermütigen Celloklänge der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir und gehen eine unheilvolle Verbindung mit den düster grimmigen Bildern ein, mit denen Phillips seine ganz eigene Vision des Jokers auf die Leinwand bringt.

 

Und dann ist da natürlich noch Joaquin Phoenix, dessen ausnehmend brillante Verkörperung dieser unfassbaren seelischen Zerrissenheit des Arthur Fleck erneut eindrucksvoll beweist, dass er der beste Schauspieler seiner Generation ist. Wuchtig und zugleich zerbrechlich taumelt er zwischen manischer Urgewalt und vollkommener Hilflosigkeit, zwischen Selbstmitleid und Wahnsinn, immer auf dem irre schmalen Grat zwischen Empathie und Ablehnung tanzend. Ohne Phoenix wäre dieser Film in seiner Form schlicht nicht möglich gewesen. Er ist die Essenz all dessen, was Todd Phillips sagen wollte, und dem ist er sich nur zu sehr bewusst. Vielleicht ist Joker sogar stärker vom wohl nicht selten improvisierten Spiel seines Hauptdarstellers geprägt als von der Inszenierung seines Regisseurs. Phoenix reißt die Figur des Arthur Fleck an sich, macht sie sich vollkommen zu eigen, geht regelrecht in ihr auf, und doch erdrückt sein einnehmendes Spiel nie den Film.

 

Obwohl Joker an ein oder zwei Stellen für meinen Geschmack etwas konsequenter und mutiger hätte sein dürfen und einige wenige Szenen nicht so stark ausformuliert hätten sein müssen, so ist der Film von Todd Phillips dennoch ganz großes Kino und eine willkommene Abwechslung zwischen all den sonstigen Eventfilmen dieser Zeit und schon allein für die schier herausragende Performance von Joaquin Phoenix sein Geld wert. There is no punchline.

 

8 von 10 erschütternden Lachkrämpfen

 

 

You Were Never Really Here (2018)

13. November 2018 at 15:14

 

 

© Amazon Studios/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to hurt them.“

 

 

 

Joe ist eine Art Problemlöser. Ihn engagiert man, wenn ein entführtes Kind befreit werden muss. Joe ist zielstrebig, effektiv und brutal in einem Vorgehen, lebt aber auch zurückgezogen zusammen mit seiner Mutter, die er liebevoll pflegt. Die Tochter eines Abgeordneten soll nun befreit werden. Kaum mehr als nur ein weiterer Auftrag für Joe, doch dann geht alles schrecklich schief.

 

Hammertime! Für ihre Verfilmung des gleichnamigen Buches von Jonathan Ames hat die schottische Regisseurin Lynne Ramsay die ohnehin schon recht überschaubare Handlung geradezu radikal auf das absolut Nötigste heruntergebrochen und lässt kaum mehr als ein skelettartiges Handlungsgerüst bestehen. Irgendwo zwischen hartem Thriller und düsterem Drama irrlichtert You Were Never Really Here immerzu hin und her, lediglich unterbrochen durch fragmentarisch aufblitzende Erinnerungsfetzen aus Joes kaputtem Geist und dessen ganz eigenem Wahnsinn. Auf der erzählerischen Ebene ist ihre vierte Regiearbeit stark elliptisch angelegt und arbeitet sehr viel mit Auslassungen, doch auf der visuellen Ebene entwickelt ihr Film eine schier unglaubliche, manchmal geradezu poetische Strahlkraft. Filme wie Drive oder Taxi Driver hallen durch die Bilder, manchmal auch die neon grelle Stilistik eines Michael Mann, doch Ramsay entwickelt mühelos ihre ganz eigene Bildsprache.

 

Der herrlich elektronisch schwebende, immer wieder in sich kollabierende Score aus der Feder des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood vermag die Bilderflut brillant zu unterstreichen und geht Hand in Hand mit einem schneidenden, sägenden Sounddesign, während das alles von einem rhythmisch herausragenden Schnitt und einer pointierten Kamera zusammen gehalten wird. Die rohe Gewalt, meist ausgehend von Joe und seinem Hammer, wird jedoch nie explizit ausgestellt und ergeht sich oft nur in Andeutungen, geschieht am Bildrand oder zeigt lieber gleich vollendete Tatsachen. Reißerisch oder gar voyeuristisch wird You Were Never Really Here nie, zu sehr achtet Ramsay darauf, nicht in exploitative Genre-Gefilde abzudriften und die Gewalt zu exponieren.

 

Und dann ist da noch das Glanz- und Herzstück des Filmes: ein überragender Joaquin Phoenix, dessen Performance einer gequälten wie stoischen Naturgewalt gleicht, unerbittlich wie ein Pitbull und doch mehr geschundene Seele denn strahlende Heldenfigur. Sein Joe eine starke und zugleich gebrochene Figur mit einem seltsam kindlichen Kern, traumatisiert und müde. So müde wie eigentlich der Film selbst, würde er sich doch nur zu gern hinlegen, aber dann gleich wieder weiter müssen, nur um sich schrecklich verbraucht und träge dahin schleppen zu müssen. Selbst als Joe irgendwann gegen Ende die Tür zum vermeintlichen Showdown öffnet, da ist schon längst alles gelaufen. Alles ist bereits vorbei, bevor es überhaupt richtig beginnen konnte. Nur der Wahnsinn und der Schmerz, die bleiben. Erlösung gibt es keine und die Zukunft ist düster, aber da glimmt dennoch ein Fünkchen Hoffnung.

 

9 von 10 Schlägen auf den Hinterkopf

 

 

Inherent Vice

7. Juli 2015 at 13:14

 

 

 

Inherent Vice (2014)
Inherent Vice poster Rating: 6.8/10 (36251 votes)
Director: Paul Thomas Anderson
Writer: Paul Thomas Anderson (written for the screen by), Thomas Pynchon (based on the novel by)
Stars: Joanna Newsom, Katherine Waterston, Joaquin Phoenix, Jordan Christian Hearn
Runtime: 148 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 9 Jan 2015
Plot: In 1970, drug-fueled Los Angeles private investigator Larry "Doc" Sportello investigates the disappearance of a former girlfriend.

 

 

 

„And least askable of all, how passionately did she really feel about old Mickey? Doc knew the likely reply, „I love him“, what else? With the unspoken footnote that the word these days was being way too overused.”

 

 

 

Los Angeles, 1970. Der im Grunde ständig bekiffte Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello erhält Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta. Er soll ihren Liebhaber, den Immobilienmogul Mickey Wolfman ausfindig machen, denn Shasta glaubt, dass seine Frau und deren Lover ihn nicht nur um sein Vermögen erleichtern, sondern ihn auch in die Psychatrie bringen wollen. Doc nimmt widerwillig an und beginnt mit seinen Ermittlungen, doch der Fall scheint deutlich komplexer und undurchdringlicher als ursprünglich gedacht…

 

Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Owen Wilson, Eric Roberts, Reese Witherspoon, Martin Short… die Besetzung, die Regisseur Paul Thomas Anderson für sein neuestes Werk, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon, auffährt, ist schlicht beeindruckend. Anderson hat nicht besonders viele Filme in seiner Vita, aber dafür sind sie fast immer ganz besondere Erlebnisse, egal, ob Boogie Nights, Magnolia, There Will Be Blood oder The Master, sie alle sind faszinierende und elektrisierende Filme, die den Zuschauer immer auf ihre ganz eigene Art und Weise zu fesseln wissen. Und Inherent Vice reiht sich da mühelos ein, im Kern eine ganz klassische Detektivgeschichte des Film Noir, ein Derivat aus The Big Sleep, Chinatown und The Big Lebowski. Aber eben nur im Kern, ist die Oberfläche erst einmal durchbrochen, offenbaren sich dort völlig andere Welten, mit jeder weiteren Handlungs – und Bedeutungsebene wird die Story immer komplexer und undurchdringlicher. Genüsslich macht Anderson eine Nebenhandlung nach der anderen auf, schichtet Subplot auf Subplot, bis die Story so überladen mit Handlungselementen und Figuren ist, dass sich der Zuschauer ebenso wenig in diesem Dickicht zu Recht findet wie Doc Sportello selbst. Inherent Vice ist ein erzählerisches Meisterwerk, das ins Nichts führt, voller Wendungen, falscher Fährten und doppelten Böden, Flashbacks und Halluzinationen, bald schon vermischen sich Rausch und Realität, Wahnvorstellung und Wirklichkeit werden untrennbar und sind kaum noch zu unterscheiden, und plötzlich wird irgendwann klar, dass man die ganze Zeit über an der Nase herumgeführt wird und die Handlung absolut nebensächlich ist und lediglich als Vehikel dient, viel wichtiger ist der Fluss der Bilder und Stimmungen. Und genau das bringt mich zu der Überzeugung, dass man den Film nicht nur öfter schauen kann, sondern sogar muss, um all die feinen Nuancen und Facetten entdecken zu können, die beim ersten Mal untergehen, weil man so sehr versucht einer verschachtelten Story zu folgen, die eigentlich nicht von Bedeutung ist, vielmehr muss sich der Betrachter vom narrativen Element lösen.

 

 

 

„Well, it’s dark and lonely work but somebodies gotta do it right?”

 

 

 

So ist es auch nicht die Handlung, die den erzählerischen Rahmen bildet, sondern die Stimme aus dem Off, das Voice-Over der jungen Sortilège, die Doc Sportellos Geschichte in Worte fasst und als roter Faden dient, auch wenn es etwas nebulös bleibt, welche Rolle ihr in diesem psychedelischen Treiben zukommt. Dennoch ist sie es, die uns als Zuschauer an die Hand nimmt und durch diese Welt führt, scheinbar ohne jemals aktiv an den Ereignissen beteiligt zu sein. Und diese Welt hat es in sich, sie ist bevölkert von bizarren und skurrilen Figuren, die sich zum Teil im Minutentakt die Klinke in die Hand geben. Da ist zum einen natürlich unser „Held“ Doc Sportello, dauerhaft stoned und immer irgendwie leicht neben der Spur, da sind aber auch der ultrareaktionäre und brutale Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, ein Klischee auf zwei Beinen mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt und seiner großen Freude an Bürgerrechtsverletzungen, oder Sportellos Freund, der auf Seerecht spezialisierte Anwalt Sauncho Smilax, seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth oder eine gewisse Japonica Fenway, es gibt mit Drogen dealende Zahnärzte und Juden, die lieber Nazis wären und sich deswegen mit Nazis umgeben, drogensüchtige Saxophonspieler auf Entzug in doppelten Rollen… die kuriosesten menschlichen Existenzen tauchen auf, kreuzen Docs Weg und verschwinden oft genau so schnell wieder wie sie aufgetaucht sind… allein all die obskuren Namen sind ein Genuss.

 

Doc Sportello scheint auf den ersten Blick ebenfalls nur ein weiteres Klischee zu sein und sämtliche gängigen Stereotypen zu erfüllen, aber das trifft es nicht ganz, denn nicht selten werden eben jene Klischees aufgegriffen, es wird mit ihnen gespielt, sie werden unterwandert oder gar ganz ignoriert. Auch wenn Joaquin Phoenix`Performance hier gänzlich anders, viel entspannter und zurückgelehnter angelegt ist wie noch in Andersons The Master, ist sie dennoch nicht weniger beeindruckend. Er verkörpert all die kleinen Facetten seiner Figur absolut glaubwürdig, den bekifften Hippie ebenso wie den Privatdetektiv, und steht wie der Dude in The Big Lebowski irgendwie ein bisschen über den Dingen, er scheint nichts zu ernst zu nehmen, aber auch nichts zu leicht. Es macht wahnsinnig viel Spaß, Phoenix bei seiner verspulten Darbietung zu zuschauen. Aber auch Josh Brolin als „Bigfoot“ Bjornsen liefert hier eine beeindruckende Vorstellung, seit No Country for Old Man hab ich ihn nicht mehr so gut erlebt, und auch seine Figur erliegt dank seinem Spiel nicht völlig den Klischees, die ihr inne wohnen, auch er spielt zwischendurch damit, kokettiert mit ihnen, hebelt sie aus. Beide Figuren verkörpern auch zwei Extreme ihrer Zeit, Doc der liberale und sich treiben lassende Hippie und Bigfoot, der ultrareaktionäre Hardliner, beides Relikte und durch den Wandel der Zeit vom Aussterben bedroht, harte Drogen und die Manson-Morde zerstören den Traum der freien Liebe, und die rüden Polizeimethoden sind nicht länger gefragt. So ist ihre Beziehung zu einander durch eine seltsame Mischung aus Ablehnung, Freundschaft, Respekt und Paranoia geprägt. Der Rest der Darstellerriege ist nicht wesentlich schlechter als die beiden, aber oft haben ihre Figuren recht wenig Screentime, und dennoch bleiben ihre meist skurrilen Auftritte im Gedächtnis haften. Abgerundet wird dieser psychedelische Reigen durch wirklich grandiose Dialoge, bei denen es sich manchmal sogar lohnt zweimal hinzuhören, weil gerne mal mehr hinter den Worten steckt als man annehmen würde, einer ordentlichen Portion Zynismus und wohldosierten Spitzen tiefschwarzen Humors, der so durchaus auch von den Coen-Brüdern stammen könnte.

 

Inherent Vice ist eine seltsame Mischung aus Detektiv-Story und schwarzer Komödie, Kifferhumor trifft auf Film Noir, ein in seiner Inszenierung durch und durch altmodischer Film, angelehnt an die alten Klassiker, aber dennoch absolut eigenständig. Das Setting des 1970er Los Angeles ist hervorragend eingefangen und auch der überaus gelungene Soundtrack trägt seinen Teil dazu bei. Paul Thomas Anderson hat hier einen verschlungenen Trip durch eine bizarre Welt voller skurriler Figuren erschaffen, der zum mehrmaligen Schauen einlädt, ja, geradezu dazu nötigt, ein erzählerisches Glanzstück, das seine wahre Schönheit erst dann wirklich offenbart, wenn man seine Mechanismen durchschaut hat. Aber keine Angst, Inherent Vice funktioniert auch als simple Detektivgeschichte sehr gut.

 

8 von 10 japanischen Pfannkuchen