Inherent Vice

7. Juli 2015 at 13:14

 

 

 

Inherent Vice (2014)
Inherent Vice poster Rating: 6.8/10 (36251 votes)
Director: Paul Thomas Anderson
Writer: Paul Thomas Anderson (written for the screen by), Thomas Pynchon (based on the novel by)
Stars: Joanna Newsom, Katherine Waterston, Joaquin Phoenix, Jordan Christian Hearn
Runtime: 148 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 9 Jan 2015
Plot: In 1970, drug-fueled Los Angeles private investigator Larry "Doc" Sportello investigates the disappearance of a former girlfriend.

 

 

 

„And least askable of all, how passionately did she really feel about old Mickey? Doc knew the likely reply, „I love him“, what else? With the unspoken footnote that the word these days was being way too overused.”

 

 

 

Los Angeles, 1970. Der im Grunde ständig bekiffte Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello erhält Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta. Er soll ihren Liebhaber, den Immobilienmogul Mickey Wolfman ausfindig machen, denn Shasta glaubt, dass seine Frau und deren Lover ihn nicht nur um sein Vermögen erleichtern, sondern ihn auch in die Psychatrie bringen wollen. Doc nimmt widerwillig an und beginnt mit seinen Ermittlungen, doch der Fall scheint deutlich komplexer und undurchdringlicher als ursprünglich gedacht…

 

Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Owen Wilson, Eric Roberts, Reese Witherspoon, Martin Short… die Besetzung, die Regisseur Paul Thomas Anderson für sein neuestes Werk, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon, auffährt, ist schlicht beeindruckend. Anderson hat nicht besonders viele Filme in seiner Vita, aber dafür sind sie fast immer ganz besondere Erlebnisse, egal, ob Boogie Nights, Magnolia, There Will Be Blood oder The Master, sie alle sind faszinierende und elektrisierende Filme, die den Zuschauer immer auf ihre ganz eigene Art und Weise zu fesseln wissen. Und Inherent Vice reiht sich da mühelos ein, im Kern eine ganz klassische Detektivgeschichte des Film Noir, ein Derivat aus The Big Sleep, Chinatown und The Big Lebowski. Aber eben nur im Kern, ist die Oberfläche erst einmal durchbrochen, offenbaren sich dort völlig andere Welten, mit jeder weiteren Handlungs – und Bedeutungsebene wird die Story immer komplexer und undurchdringlicher. Genüsslich macht Anderson eine Nebenhandlung nach der anderen auf, schichtet Subplot auf Subplot, bis die Story so überladen mit Handlungselementen und Figuren ist, dass sich der Zuschauer ebenso wenig in diesem Dickicht zu Recht findet wie Doc Sportello selbst. Inherent Vice ist ein erzählerisches Meisterwerk, das ins Nichts führt, voller Wendungen, falscher Fährten und doppelten Böden, Flashbacks und Halluzinationen, bald schon vermischen sich Rausch und Realität, Wahnvorstellung und Wirklichkeit werden untrennbar und sind kaum noch zu unterscheiden, und plötzlich wird irgendwann klar, dass man die ganze Zeit über an der Nase herumgeführt wird und die Handlung absolut nebensächlich ist und lediglich als Vehikel dient, viel wichtiger ist der Fluss der Bilder und Stimmungen. Und genau das bringt mich zu der Überzeugung, dass man den Film nicht nur öfter schauen kann, sondern sogar muss, um all die feinen Nuancen und Facetten entdecken zu können, die beim ersten Mal untergehen, weil man so sehr versucht einer verschachtelten Story zu folgen, die eigentlich nicht von Bedeutung ist, vielmehr muss sich der Betrachter vom narrativen Element lösen.

 

 

 

„Well, it’s dark and lonely work but somebodies gotta do it right?”

 

 

 

So ist es auch nicht die Handlung, die den erzählerischen Rahmen bildet, sondern die Stimme aus dem Off, das Voice-Over der jungen Sortilège, die Doc Sportellos Geschichte in Worte fasst und als roter Faden dient, auch wenn es etwas nebulös bleibt, welche Rolle ihr in diesem psychedelischen Treiben zukommt. Dennoch ist sie es, die uns als Zuschauer an die Hand nimmt und durch diese Welt führt, scheinbar ohne jemals aktiv an den Ereignissen beteiligt zu sein. Und diese Welt hat es in sich, sie ist bevölkert von bizarren und skurrilen Figuren, die sich zum Teil im Minutentakt die Klinke in die Hand geben. Da ist zum einen natürlich unser „Held“ Doc Sportello, dauerhaft stoned und immer irgendwie leicht neben der Spur, da sind aber auch der ultrareaktionäre und brutale Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, ein Klischee auf zwei Beinen mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt und seiner großen Freude an Bürgerrechtsverletzungen, oder Sportellos Freund, der auf Seerecht spezialisierte Anwalt Sauncho Smilax, seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth oder eine gewisse Japonica Fenway, es gibt mit Drogen dealende Zahnärzte und Juden, die lieber Nazis wären und sich deswegen mit Nazis umgeben, drogensüchtige Saxophonspieler auf Entzug in doppelten Rollen… die kuriosesten menschlichen Existenzen tauchen auf, kreuzen Docs Weg und verschwinden oft genau so schnell wieder wie sie aufgetaucht sind… allein all die obskuren Namen sind ein Genuss.

 

Doc Sportello scheint auf den ersten Blick ebenfalls nur ein weiteres Klischee zu sein und sämtliche gängigen Stereotypen zu erfüllen, aber das trifft es nicht ganz, denn nicht selten werden eben jene Klischees aufgegriffen, es wird mit ihnen gespielt, sie werden unterwandert oder gar ganz ignoriert. Auch wenn Joaquin Phoenix`Performance hier gänzlich anders, viel entspannter und zurückgelehnter angelegt ist wie noch in Andersons The Master, ist sie dennoch nicht weniger beeindruckend. Er verkörpert all die kleinen Facetten seiner Figur absolut glaubwürdig, den bekifften Hippie ebenso wie den Privatdetektiv, und steht wie der Dude in The Big Lebowski irgendwie ein bisschen über den Dingen, er scheint nichts zu ernst zu nehmen, aber auch nichts zu leicht. Es macht wahnsinnig viel Spaß, Phoenix bei seiner verspulten Darbietung zu zuschauen. Aber auch Josh Brolin als „Bigfoot“ Bjornsen liefert hier eine beeindruckende Vorstellung, seit No Country for Old Man hab ich ihn nicht mehr so gut erlebt, und auch seine Figur erliegt dank seinem Spiel nicht völlig den Klischees, die ihr inne wohnen, auch er spielt zwischendurch damit, kokettiert mit ihnen, hebelt sie aus. Beide Figuren verkörpern auch zwei Extreme ihrer Zeit, Doc der liberale und sich treiben lassende Hippie und Bigfoot, der ultrareaktionäre Hardliner, beides Relikte und durch den Wandel der Zeit vom Aussterben bedroht, harte Drogen und die Manson-Morde zerstören den Traum der freien Liebe, und die rüden Polizeimethoden sind nicht länger gefragt. So ist ihre Beziehung zu einander durch eine seltsame Mischung aus Ablehnung, Freundschaft, Respekt und Paranoia geprägt. Der Rest der Darstellerriege ist nicht wesentlich schlechter als die beiden, aber oft haben ihre Figuren recht wenig Screentime, und dennoch bleiben ihre meist skurrilen Auftritte im Gedächtnis haften. Abgerundet wird dieser psychedelische Reigen durch wirklich grandiose Dialoge, bei denen es sich manchmal sogar lohnt zweimal hinzuhören, weil gerne mal mehr hinter den Worten steckt als man annehmen würde, einer ordentlichen Portion Zynismus und wohldosierten Spitzen tiefschwarzen Humors, der so durchaus auch von den Coen-Brüdern stammen könnte.

 

Inherent Vice ist eine seltsame Mischung aus Detektiv-Story und schwarzer Komödie, Kifferhumor trifft auf Film Noir, ein in seiner Inszenierung durch und durch altmodischer Film, angelehnt an die alten Klassiker, aber dennoch absolut eigenständig. Das Setting des 1970er Los Angeles ist hervorragend eingefangen und auch der überaus gelungene Soundtrack trägt seinen Teil dazu bei. Paul Thomas Anderson hat hier einen verschlungenen Trip durch eine bizarre Welt voller skurriler Figuren erschaffen, der zum mehrmaligen Schauen einlädt, ja, geradezu dazu nötigt, ein erzählerisches Glanzstück, das seine wahre Schönheit erst dann wirklich offenbart, wenn man seine Mechanismen durchschaut hat. Aber keine Angst, Inherent Vice funktioniert auch als simple Detektivgeschichte sehr gut.

 

8 von 10 japanischen Pfannkuchen