You Were Never Really Here (2018)

13. November 2018 at 15:14

 

 

© Amazon Studios/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to hurt them.“

 

 

 

Joe ist eine Art Problemlöser. Ihn engagiert man, wenn ein entführtes Kind befreit werden muss. Joe ist zielstrebig, effektiv und brutal in einem Vorgehen, lebt aber auch zurückgezogen zusammen mit seiner Mutter, die er liebevoll pflegt. Die Tochter eines Abgeordneten soll nun befreit werden. Kaum mehr als nur ein weiterer Auftrag für Joe, doch dann geht alles schrecklich schief.

 

Hammertime! Für ihre Verfilmung des gleichnamigen Buches von Jonathan Ames hat die schottische Regisseurin Lynne Ramsay die ohnehin schon recht überschaubare Handlung geradezu radikal auf das absolut Nötigste heruntergebrochen und lässt kaum mehr als ein skelettartiges Handlungsgerüst bestehen. Irgendwo zwischen hartem Thriller und düsterem Drama irrlichtert You Were Never Really Here immerzu hin und her, lediglich unterbrochen durch fragmentarisch aufblitzende Erinnerungsfetzen aus Joes kaputtem Geist und dessen ganz eigenem Wahnsinn. Auf der erzählerischen Ebene ist ihre vierte Regiearbeit stark elliptisch angelegt und arbeitet sehr viel mit Auslassungen, doch auf der visuellen Ebene entwickelt ihr Film eine schier unglaubliche, manchmal geradezu poetische Strahlkraft. Filme wie Drive oder Taxi Driver hallen durch die Bilder, manchmal auch die neon grelle Stilistik eines Michael Mann, doch Ramsay entwickelt mühelos ihre ganz eigene Bildsprache.

 

Der herrlich elektronisch schwebende, immer wieder in sich kollabierende Score aus der Feder des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood vermag die Bilderflut brillant zu unterstreichen und geht Hand in Hand mit einem schneidenden, sägenden Sounddesign, während das alles von einem rhythmisch herausragenden Schnitt und einer pointierten Kamera zusammen gehalten wird. Die rohe Gewalt, meist ausgehend von Joe und seinem Hammer, wird jedoch nie explizit ausgestellt und ergeht sich oft nur in Andeutungen, geschieht am Bildrand oder zeigt lieber gleich vollendete Tatsachen. Reißerisch oder gar voyeuristisch wird You Were Never Really Here nie, zu sehr achtet Ramsay darauf, nicht in exploitative Genre-Gefilde abzudriften und die Gewalt zu exponieren.

 

Und dann ist da noch das Glanz- und Herzstück des Filmes: ein überragender Joaquin Phoenix, dessen Performance einer gequälten wie stoischen Naturgewalt gleicht, unerbittlich wie ein Pitbull und doch mehr geschundene Seele denn strahlende Heldenfigur. Sein Joe eine starke und zugleich gebrochene Figur mit einem seltsam kindlichen Kern, traumatisiert und müde. So müde wie eigentlich der Film selbst, würde er sich doch nur zu gern hinlegen, aber dann gleich wieder weiter müssen, nur um sich schrecklich verbraucht und träge dahin schleppen zu müssen. Selbst als Joe irgendwann gegen Ende die Tür zum vermeintlichen Showdown öffnet, da ist schon längst alles gelaufen. Alles ist bereits vorbei, bevor es überhaupt richtig beginnen konnte. Nur der Wahnsinn und der Schmerz, die bleiben. Erlösung gibt es keine und die Zukunft ist düster, aber da glimmt dennoch ein Fünkchen Hoffnung.

 

9 von 10 Schlägen auf den Hinterkopf