Guardians of the Galaxy Vol. 2

8. Mai 2017 at 12:54

 

  © Marvel Studios

 

 

 

„Trash Panda!“

 

 

 

Die Guardians sollen für das Volk der Sovereign ein gigantisches Weltraum-Monster bekämpfen, welches ihre Existenz bedroht. Als Austausch dafür winkt ihnen die Herausgabe von Nebula, deren Schwester Gamora nichts lieber will als sie den Behörden ausliefern und das Kopfgeld kassieren. Der Kampf ist siegreich, aber da Rocket die Sovereign bestiehlt, sinnen diese auf Rache und schicken den Guardians eine ganze Flotte von Kampfschiffen auf den Hals. Diesen Kampf jedoch überleben sie nur ganz knapp durch die Hilfe eines mysteriösen Fremden, der sich schon bald als Starlords Vater Ego entpuppen soll. Der will endlich der Vater sein, der er nie war, nachdem er Starlords Mutter vor seiner Geburt verlassen hat. Doch nicht alle Mitglieder der Guardians sind auch wirklich überzeugt von Egos Absichten.

 

Mit Guardians of the Galaxy gelang James Gunn 2014 einer der besten und unterhaltsamsten Filme des Marvel Cinematic Universe. Ohne Druck schuf der Regisseur ein unterhaltsames Weltraumabenteuer, das einfach Spaß machte und obendrein noch mit einem sympathischen Heldenteam punkten konnte. Er platzte unvermittelt zu einem Zeitpunkt mehr oder weniger aus dem Nichts, als sich langsam leise Abnutzungserscheinungen an der MCU-Formel zeigten und Filme wie Thor: The Dark World auf die Fans losgelassen wurden. Er schenkte uns so verschrobene wie liebenswerte Außenseiter als Charaktere, die im Sturm unser Herz zu erobern wussten. Und vor allem: sie sind eben gerade keine Superhelden. Gerade Guardians of the Galaxy war ein Film, der durch seine Eigenständigkeit innerhalb des Marvel-Universums auch von vielen Nicht-Fans genossen werden konnte, die mit den bisherigen Adaptionen der Comics eher wenig anfangen konnten. Die Fortsetzung entstand allerdings unter anderen Voraussetzungen. Nun ist er da, der zweite Teil, und nach dem Erfolg des ersten Teils musste Guardians of the Galaxy Vol. 2 nun mindestens ebenso gut werden. Der Erwartungsdruck war groß, und nicht nur MCU-Filme wie der zweite Iron Man oder der zweite Thor haben bewiesen, wie schnell solche Projekte nach hinten losgehen können.

 

Ich kann mir regelrecht vorstellen, wie Disney nach dem Erfolg des ersten Teils auf James Gunn zugegangen sein muss, frei nach dem Motto: tu, was du willst, tob dich so richtig aus, Geld spielt keine Rolle, aber dreh die Regler volles Rohr auf 12. Und ziemlich genau das tut James Gunn dann auch, justiert aber Kleinigkeiten so sehr nach, dass das alles dann auch ganz hervorragend funktioniert. Eine ziemliche Reizüberflutung ist das phasenweise, aber es wird nie langweilig oder ermüdend. Vor allem auch, weil sich nun ein emotionaler Unterbau quer durch den Film zieht, der auch den Figuren etwas mehr Raum und Tiefe gibt. Herkunft, Abstammung, Freundschaft und Familie sind große Themen, die weite Teile von Vol.2 bestimmen, aber nie aufdringlich verhandelt werden. Man sucht sich seine Familie nicht aus, doch manchmal findet sie einen selbst, wenn man es am wenigsten erwartet. Es fehlt zwar ein wenig die Frische des Vorgängers, aber die neu dazu gekommene Emotionalität gleicht das wieder aus. Beinahe jede Figur bekommt ihren eigenen, besonderen emotionalen Moment und darf ihre Backstory offenbaren oder ausbauen, auch wenn nicht jede davon aufgrund ihrer Inszenierung immer richtig funktioniert. Vor allem Drax hat einen starken Moment, der durch eine geschickte Spiegelung besonders überzeugen kann. Gerade gegen Ende nehmen Kitsch und Pathos zwar ordentlich zu, aber die ironische Brechung ist nie weit entfernt, so dass der Film nicht droht in Gefühlsduselei zu versinken. Und es ist einfach ein Riesenspaß und wahnsinnig komisch, Vater und Sohn bei nach allen Regeln der Kunst schwülstig inszenierten Ballspielen inklusive Zeitlupe zu zusehen. Wo wir schon mal bei den Figuren sind, sprechen wir doch kurz über Baby Groot. Ich für meinen Teil hatte auch wegen der Trailer im Vorfeld ein wenig Angst davor, dass man dieses – zugegeben ausgesprochen niedliche – Gimmick zu sehr ausreizen und den süßen Kleinen inflationär im Film platzieren könnte. Zum Glück erliegt James Gunn dieser Falle gerade nicht und auch, wenn Disney sicherlich die Dollarzeichen bei all dem Merchandisepotential in den Augen haben dürfte, setzt er den kleinen Publikumsliebling wohl dosiert ein, spendiert ihm zwei oder drei größere Szenen, gönnt ihm seine Auftritte, überreizt es aber auch nicht damit. Besonders die erste Szene im Film (gemeint ist nicht die anfängliche Rückblende) ist dahingehend fantastisch umgesetzt, wenn James Gunn den Kampf der Guardians für die Sovereign gegen das Weltraum-Monster mehr oder weniger in den Hintergrund rückt und lieber Baby Groot zu den Klängen von ELOs Mr. Blue Sky in den Fokus stellt, der da munter durch die Szenerie tappst und tanzt, zum Kampf nichts beizutragen hat, allerlei Unsinn anstellt und für reichlich Ablenkung sorgt. Dadurch gelingt eine sehr schöne wie clevere Verlagerung der Perspektive, wenn im Hintergrund das Chaos tobt.

 

Und Chaos tobt oft auf der Leinwand, so viel ist sicher, denn James Gunn taktet den Rhythmus seines Filmes enorm hoch und reiht Actionszene an Actionszene. Das Tempo ist wahnsinnig schnell und lediglich im Mittelteil geht der Film vom Gas. Da kommt es dann auch zu kleineren Längen und die Entscheidung, die Guardians in zwei Gruppen aufzuteilen, ist dramaturgisch ein wenig fragwürdig, geht dadurch doch etwas der erzählerische Schwung verloren. Sind sie aber erst wieder vereint, ist das schnell vergessen. Zudem ist die Frequenz, mit der James Gunn mit Unmengen an popkulturellen Referenzen und Anspielungen auf die 80er nur so um sich wirft, nochmals höher als noch im ersten Teil, ohne dass es sich jemals aufgezwungen anfühlen würde. Im Gegenteil, es macht wahnsinnig viel Spaß, all diese kleinen Verweise zu entdecken und zu entschlüsseln, was den Wiederschauwert stark erhöht, denn da steckt noch viel zu viel im Film, als dass man all das beim ersten Mal wahrnehmen könnte. Auch die Gagdichte ist wieder irre hoch und auch, wenn nicht jeder Witz funktioniert und jede Pointe zündet, manches vielleicht doch zu infantil daherkommt oder unter die Gürtellinie zieht, ist die Trefferquote beachtlich und es darf mehr als einmal laut gelacht werden. Und auch über den Soundtrack müssen wir kurz sprechen, war der des ersten Filmes doch schon allein ein Phänomen nur für sich, der einen riesigen Hype lostrat. In Vol.2 funktioniert das Konzept auch wieder ganz vorzüglich, obwohl es leicht abgewandelt ist und die Songs bei weitem nicht mehr so offensichtlich plakativ eingesetzt, sondern deutlich subtiler eingestreut werden, meist ruhiger gehalten sind und viel atmosphärischer wirken. Ein kleiner Kniff, der stumpfe Wiederholung vermeidet und zudem den emotionalen Anstrich hervorragend ausbauen und sanft unterstreichen kann. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann hat mich der Film am Ende, wenn Father and Son von Cat Stevens erklingt, auf einer ganz persönlichen Ebene tief berührt.

 

Ist Guardians of the Galaxy Vol. 2 nun ein wichtiger Film, der dem Kino vielleicht neue Möglichkeiten eröffnet? Nein. Aber mit seinem beinahe schon größenwahnsinnigen Unterhaltungswert erinnert er uns auch daran, dass wir Entertainment nicht immer mit dem Hirntod bezahlen müssen und dass Spaß im Kino nicht mit dem Mangel an Anspruch erkauft werden muss. James Gunns Fortsetzung ist letztlich ein turbulentes, wildes, grellbuntes Weltraum-Action-Abenteur-Spektakel voller 80er Jahre Referenzen, jeder Menge Witz, Charme und Herz sowie der genau richtigen Menge an Kitsch und Pathos. Leichte Abzüge in der B-Note gibt es für den etwas ausfasernden Mittelteil mit kleineren Längen, aber das stört das Gesamtpaket in seiner Wirkung kaum. Zudem versteckt James Gunn sehr geschickt immer wieder kleine Spitzen gegen Disney in seinem Film, die auch einen gewissen Unterhaltungswert haben. Allein der Satz über Baby Groot „It’s too adorable to kill“ spricht da Bände in Bezug auf Marketing und Merchandise. Und auch die sage und schreibe 5 (!) After-Credit-Scenes sind ein wunderbar leicht ironischer Seitenhieb auf eine zweifellos standardisierte Formelhaftigkeit des MCU. Abschließend lässt sich zusammenfassend sagen: wer den ersten Teil mochte, wird auch mit Vol.2 seinen Spaß haben.

 

9 von 10 Meutereien auf der Space-Bounty

 

 

Bone Tomahawk

30. Januar 2016 at 17:27

 

 

© RLJ Entertainmant

 

 

 

„Pain is how your body talks to you. You’d do well to listen to it.“

 

 

 

Als kannibalische Höhlenbewohner eines nachts die friedliche Kleinstadt Bright Hope überfallen und eine junge Frau sowie einen Deputy verschleppen, machen sich vier Männer auf den Weg in deren Territorium, um die beiden Geiseln um jeden Preis zu befreien. So begeben sich der Sheriff, sein stellvertretender Deputy, der Ehemann der Entführten und ein Revolverheld auf die beschwerliche Reise zu einem abgelegen und komplexen Höhlensystem, nicht  ahnend, welch unvorstellbare Dinge dort auf sie warten…

 

Mit seinem Regiedebüt Bone Tomahawk verknüpft der Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker S. Craig Zahler den klassischen Western mit handfesten Elementen des Horrorfilms. Diese Kombination ist gar nicht mal so selten, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde, aber die wenigsten dieser Filme funktionieren auch wirklich gut. Zur Hochphase des Italo-Western wurde mit solchen und ähnlichen Versatzstücken gerne mal experimentiert und Filme wie Töte, Django (Se Sei Vivo Spara) von Giulio Questi oder Satan der Rache (E Dio disse a Caino…) von Antonio Margheriti entstammen dieser Zeit. Der australische Film Ravenous mit Guy Pearce und Robert Carlyle in den Hauptrollen hat mit Kannibalismus sogar das gleiche Thema wie Bone Tomahawk, auch wenn hier der Schwerpunkt etwas anders gelagert ist und das Grauen nicht der Wildnis entspringt, sondern der Zivilisation. Im erweiterten Kreis tummeln sich dann noch Filme wie From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez, John Carpenters Vampires oder Near Dark von Kathryn Bigelow, die sich als eindeutige Horrorfilme verstehen und lediglich mit Elementen des Western spielen. Bone Tomahawk ist über weite Strecken ein ganz klassischer Western und keineswegs der wilde Genremix, den man hinter seiner Story vielleicht erwarten würde. Zahler lässt sich sehr viel Zeit, etabliert und entwickelt in aller Ruhe erst einmal die Protagonisten seiner Geschichte und entfaltet das Setting. Der Hauptaugenmerk der Erzählung liegt ganz eindeutig auf der anstrengenden, entbehrungsreichen und gefährlichen Reise der vier Männer in das Gebiet der Troglodyten genannten Kannibalen, die selbst von Indianern gemieden und gefürchtet werden. Ein geradezu typisches Thema also für klassische Western, die Entführung unschuldiger Kleinstadtbewohner durch vornehmlich indianische Wilde und die daran anknüpfende Reise einer Gruppe von Helden mit deren Rettung als Ziel, aber Zahler weiß gekonnt hier mit Versatzstücken zu spielen und immer wieder diese eigentlich doch recht starre Erzählstruktur aufzubrechen und abwechslungsreich zu gestalten. So bedient er beispielsweise oft einen etwas eigenwilligen Humor, der sich überwiegend in den Dialogen der Protagonisten niederschlägt, vor allem der von Richard Jenkins herrlich verkörperte Deputy namens Chicory weiß hier immer wieder irritierende Pointen zu setzen mit seiner zerstreuten und fahrigen Art. Auch der Rest der Gruppe setzt sich aus altbekannten Stereotypen des Westerngenre zusammen, der raue, aber gutmütige Sheriff Franklin Hunt, der liebende und zu allem entschlossene Ehemann in Form von Arthur O´Dwyer und letztlich der zynische und abgebrühte Revolverheld  John Brooder. Das aber fällt kaum ins Gewicht oder stört, weil diese archetypischen Charaktere zum einen mit Kurt Russell, Patrick Wilson, Matthew Fox und Richard Jenkins gelungen besetzt sind und zum anderen die Interaktion und Dynamik innerhalb dieser Gruppe so manches Highlight setzen kann und mit lakonischem Humor zu unterhalten weiß. Zudem sorgen zahlreiche unliebsame Begegnungen und Hindernisse auf der beschwerlichen Reise in das abgelegene Gebiet der Troglodyten dafür, dass Bone Tomahawk in dieser Phase trotz seiner langsamen und ausladenden Erzählweise nie langweilig wird. So sind dann auch rund drei Viertel des Filmes bereits verstrichen, bis die Männer erstmals in feindliches Gebiet vordringen und auf die kannibalischen Höhlenbewohner treffen. Dann aber ziehen sowohl das Tempo als auch der Grad der Härte drastisch an und die letzte halbe Stunde liefert Gewalteskapade um Gewalteskapade, so grimmig und brutal, dass es beinahe schon deplatziert wirkt. Plötzlich wirft Bone Tomahawk sämtliche Langsamkeit über Bord und schafft es zu einem rasanten Spektakel aus Blut, Innereien und abgetrennten Gliedmaßen zu mutieren und das mit reichlich expliziter Gewalt versehene Finale wird zu einem brachialen und mitreißenden Kampf ums nackte Überleben, so kompromisslos wie erbarmungslos. Eine etwas rasantere Erzählweise und die eine oder andere Straffung im Mittelteil hätten dem Film vielleicht ganz gut getan, hätte man so doch noch etwas mehr Potential aus dieser Idee pressen können, dennoch wird es nie wirklich langweilig und so gewinnt das brachiale Finale deutlich an Wucht und Wirkung.

 

Bone Tomahawk ist lange Zeit ein langsam erzählter und durch und durch klassisch inszenierter Western voller archetypischer, aber keineswegs flacher oder eindimensionaler Charaktere, der erst im letzten Viertel kippt und sein eigentliches, blutbesudeltes Gesicht zeigt. Dann erst geht es ans Eingemachte, das aber dafür umso drastischer, das Warten und Ausharren zahlt sich spätestens im Finale auch für den Splatter affinen Filmfreund aus. Bis dahin funktioniert Bone Tomahawk auch als Western sehr gut und weiß sich punktuell durchaus auch abzuheben. Am Ende ensteht eine kleine Genreperle, behäbig wie gleichermaßen räudig und dreckig, irgendwo zwischen dem klassischen Westernkino eines John Ford und dem hinterhältigen Terrorkino eines Wes Craven. Der Schwarze Falke (The Searchers) trifft auf The Hills Have Eyes, wenn man so will.

 

7,5 von 10 gebrochenen Beinen

 

 

The Hateful Eight

28. Januar 2016 at 17:30

 

 

© The Weinstein Company

 

 

 

„One of them fellas is not what he says he is…“

 

 

 

Ein gewaltiger Schneesturm im tiefsten Herzen von Wyoming zwingt acht Fremde Unterschlupf in einer abgelegenen Holzhütte zu suchen. So kommt es, dass der ehemalige Nordstaaten-Offizier Major Marquis Warren, der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth, dessen Gefangene Daisy Domergue, der neue Sheriff von Red Rock, Chris Mannix, der britische Henker Oswaldo Mobray, der Cowboy Joe Gage, der ehemals konförderierte General Sandy Smithers und letztlich der Mexikaner Bob, auf engstem Raum miteinander eingesperrt sind und schnell wird deutlich, dass dieses Zusammentreffen kaum zufälliger Natur sein kann…

 

Vorab muss ich erwähnen, dass ich The Hateful Eight in seiner sogenannten Road Show-Fassung sehen konnte, also als analoge Ultra Panavision 70mm Kopie, welche sich nicht nur in Laufzeit und Bildformat von der digitalen Kinofassung erheblich unterscheidet, sondern auch in Struktur, Aufbau und Dramaturgie. Nicht nur kann in der analogen Fassung die Bildsprache im korrekt gezeigten, extra breiten Seitenverhältnis von 2,76:1 ihre volle Pracht entfalten, durch die Ouvertüre und die bewusst sehr geschickt platzierte Intermission entwickelt sich ein völlig anderer erzählerischer Rhythmus. Kann man nun als kindische Spielerei abtun, tatsächlich aber funktioniert diese heute etwas ungewohnt anmutende Erzählstruktur ganz hervorragend, ändern sich doch Tempo und Dynamik nach der Intermission deutlich. Quentin Tarantinos nun mehr achter Film ist nach Django Unchained erneut ein Western geworden und war sein Vorgänger noch eine Art Fingerübung für den Regisseur, dann ist The Hateful Eight sein Glanzstück. Wo Django Unchained eine geradezu comichaft überhöhte Collage aus unzähligen, verschiedensten Versatzstücken war, ist sein jüngstes Werk mit einem deutlich düsteren Grundton ausgestattet, durch und durch pessimistisch und deutlich eigenständiger in seiner Struktur. Zwar wird auch hier nicht auf Zitate, Anspielungen und Querverweise sowie teils absurde Gewalteskapaden verzichtet, aber Tarantino scheint sich zunehmend von seinen Anfängen zu entfernen und sich als ernstzunehmender Künstler zu emanzipieren. The Hateful Eight fällt auch ein wenig aus dem Rahmen seines bisherigen Schaffens, nicht nur, weil es sein vielleicht eigenständigstes Werk ist. Die ausladend schwelgerische und dennoch sehr präzise Bildsprache und die messerscharfen, fein geschliffenen, oft nicht weniger ausladenden Dialoge sind bekanntermaßen ein Markenzeichen von Tarantino, aber hier übertrifft er sich selbst. Gerade das gesprochene Wort ist von zentraler Bedeutung in diesem Reigen aus Misstrauen, Verrat, Paranoia, Hass, Gier, offenem Rassismus und Gewalt, er lebt viel von der Macht der Sprache, von all den bedeutungsschweren Monologen und Dialogen, die nur scheinbar abdriften und ins Leere laufen und bei denen sich zuhören lohnt, auch wenn es sich um vermeintliches Schwadronieren handelt. Insgesamt treibt Tarantino seinen Film überhaupt sehr ausladend und bedächtig voran, beinahe schon gemächlich, und so ist beinahe die halbe Laufzeit von 187 Minuten verstrichen, bis alle Figuren in diesem theaterähnlichen Mikrokosmos etabliert sind. Es ist überaus faszinierend zu beobachten, wie er seine Charaktere geschickt und präzise positioniert und in Stellung bringt, Allianzen bildet und ebenso schnell wieder zu Staub zerfallen lässt, und so mit jeder verstreichenden Minute die Spannung erhöht als würde er Schach spielen mit den Protagonisten seines Filmes. Die feinen Einzelheiten all der kleinen und großen Gefechte und Konflikte, die sich im Laufe der Handlung immer mehr offenbaren, schlagen sich auch nicht nur im gesprochenen Wort nieder, sondern auch in der grandios arrangierten Bildsprache, wenn Tarantino immer wieder das gesamte Bildfeld in Breite und Tiefe nutzt, um Gruppenbildung und Konfrontation zu visualisieren. In solchen Momenten gehen Bild und Wort in The Hateful Eight eine nahezu perfekte Symbiose ein.

 

 

 

„You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang.“

 

 

 

Auch die Charaktere sind ausnahmslos fantastisch geschrieben und hervorragend umrissen, erwecken sie doch anfangs noch den Eindruck, ausgesprochen formelhaft, klischeebeladen und eindimensional zu sein, aber nach und nach dekonstruiert Tarantino all diese Stereotypen, bricht sie auf und lässt teilweise überraschend komplexe Figuren zum Vorschein kommen. Ein Panoptikum der Selbstdarsteller offenbart sich in der Holzhütte im Schneesturm, voller Lügner, Falschspieler, Scharlatanen und windigen Opportunisten. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, richtig und falsch, all diese Begriffe existieren nicht in dieser kleinen, abgeschlossenen Welt aus Hass und Gewalt, und Helden gibt es dort erst recht nicht. Allerdings gelingt Tarantino das Kunststück, keinen seiner oftmals nur sehr schwer zu durchschauenden Charakter der Lächerlichkeit preiszugeben, in dem sie zu bloßen zweckdienlichen Karikaturen verkommen. Jeder hat seine Bedeutung und jeder hat seine Motivation und immer sind diese, wenn denn erkennbar, auch nachvollziehbar. Überhaupt ist nichts in diesem Film auch das, was es zu sein scheint. Lüge, Täuschung und Ablenkung sind bedeutende und tragende Elemente der Handlung, nie kann sich der Zuschauer auch nur über irgendetwas im Film sicher sein. Das gilt sogar für die grundlegende Erzählstruktur, wenn nach der Intermission und somit in der zweiten Hälfte von The Hateful Eight sich auch diese ändert, dynamischer wird, das Tempo die Schlagzahl erhöht und der Gewaltgrad drastisch anzieht. Einige wirklich bizarre Gewaltspitzen tauchen plötzlich auf, völlig überzogen und grotesk spritzen die Blutfontänen an die Wände, aber auch das ist nur einer von vielen Kunstgriffen des Regisseurs, die vom wesentlichen Kern des Filmes ablenken. Welcher das ist, das muss man schon selbst herausfinden.

 

Oberflächlich betrachtet ist The Hateful Eight ein langweiliger und zäher Film voller ermüdender Dialoge und in die Länge gezogener Szenen und Einstellungen. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um letztlich zu erkennen, wie gut er eigentlich doch ist. Ein wortgewandtes und bildgewaltiges Werk von Tarantino, aber auch sein bisher sperrigstes und exzessivstes und somit ein Film, der sicherlich vielen nur bedingt gefallen dürfte. Es mag manchmal anstrengend erscheinen, all dem zu folgen, aber es lohnt sich zweifellos, sich auf den Film einzulassen. Ich will mich noch nicht gänzlich festlegen, denn Tarantinos Filme offenbaren oftmals auch erst nach mehrmaligem Anschauen ihre nicht immer ganz offenkundigen Qualitäten, aber möglicherweise ist The Hateful Eight sein bisher bester Film geworden. Sein kompromisslosester ist er in jedem Fall.

 

8,5 von 10 Mexikanern namens Bob