In the Mouth of Madness (1994)

2. November 2021 at 20:55

 

 

© New Line Cinema

 

 

Reality is just what we tell each other it is. Sane and insane could easily switch places, if the insane were to become the majority.

 

In the Mouth of Madness ist nach Memoirs of an Invisible Man (1992) eher eine Art Rückbesinnung auf alte Stärken von John Carpenter. So entsteht einer seiner letzten wirklich guten Filme und zugleich eine der besten Annäherungen an die Werke von H.P. Lovecraft. Carpenter vermag es über weite Strecken ausgesprochen gekonnt, dieses unaussprechliche, unbeschreibliche und namenlose Grauen, eben jene Suggestivkräfte aus der Feder von Lovecraft, in seine Bildsprache zu überführen. Ins Schlingern kommt In the Mouth of Madness leider immer dann, wenn er visuell konkret werden muss, denn so mancher obwohl gelungener Make Up-Effekt kann aus der einnehmenden Atmosphäre reißen.

 

Das Drehbuch von Michael De Luca (Freddy´s Dead: The Final Nightmare, Judge Dredd) vermengt zahlreiche erzählerische Motive aus den Werken Lovecrafts und destilliert diese zu einer Art selbstreflexivem Spiel. Was als harmloser Fall für den Versicherungsdetektiv John Trent beginnt, das lässt schon bald die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend aufweichen. Nach und nach bricht sich der Wahnsinn immer mehr Bahn und sickert zusehends in die Wirklichkeit, bis schlussendlich eben jene Grenze vollkommen aufgelöst wird. So ist die Ankunft in Hobb´s End auch buchstäblich der Übergang in eine andere Welt jenseits der unseren.

 

In the Mouth of Madness ist vor allem auch deswegen so effektiv, weil Carpenter gerade keine engmaschige Erzählstruktur entspinnt, sondern viel lieber narrative Lücken lässt und eher bloß skizziert anstatt auszuformulieren. Ganz im Geiste von Lovecraft. Nicht ohne Grund zeichnen sich Carpenters stärksten Filme mehr durch eine schwer zu greifende Stimmung aus, mehr durch die vage Vorahnung einer nahenden Katastrophe als durch die Katastrophe selbst. Wenn dazu dann im letzten Akt alle Rädchen ineinander greifen und all die Metaebenen schließlich aufeinander treffen, sich das wahre Grauen offenbart, dann ist John Trent längst dem Wahnsinn anheim gefallen.

 

Zweifellos ist In the Mouth of Madness in einer ganzen Reihe grandioser Werke nicht Carpenters bester Film, ganz sicher aber einer, welcher leicht übersehen werden kann und mehr Würdigung verdient hat. Einer meiner liebsten aus seinem Schaffen ist er auf jeden Fall.

 

8/10

 

 

52 Pick-Up (1986)

23. August 2020 at 18:54

 

 

© Cannon Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to know what we know so your mind will be clear, you dig?“

 

 

 

Harry Mitchell hat im Grunde alles. Erfolg im Job, eine tolle Ehefrau an seiner Seite und dazu noch eine junge Geliebte. Doch dummerweise wird er bei seinen außerehelichen Aktivitäten gefilmt und nun von drei Männern erpresst. Harry allerdings glaubt, sich aus der Affäre winden zu können, doch das geht ganz gewaltig schief und schon bald steht nicht nur seine Ehe auf dem Spiel, sondern auch sein Leben.

 

Man vergisst nur zu gern, dass im Hause Cannon nicht immer bloß massenhaft B-Ware für die Videothekenregale produziert worden ist, sondern dass sich in ihrem Output manchmal auch richtig kleine Perlen verstecken. Runaway Train (1985) von Andrey Konchalovskiy ist so ein Fall und 52 Pick-Up von John Frankenheimer ebenso. Basierend auf einer Vorlage aus der Feder von Elmore Leonard erschafft Frankenheimer einen packenden Selbstjustiz-Thriller, der von einem tyischen Charles Bronson-Rache-Actioner kaum weiter entfernt sein könnte. Denn 52 Pick-Up setzt viel mehr auf Köpfchen statt auf Muskeln und Waffen und auf strategisch kluge Überlegungen statt auf reaktionäre Gewalt. Der Verlust der Kontrolle durch Kräfte von außen und deren Rückgewinnung durch die Besinnung auf die eigenen Stärken.

 

Wie sich Harry Mitchell nach und nach aus seiner misslichen Lage befreit, wie er immer mehr Oberwasser gewinnt, indem er seine Widersacher gezielt gegeneinander ausspielt, wie er Gedanken sät und Begehrlichkeiten weckt, und letztlich sogar die Spielregeln zu seinen Gunsten ändert, das ist überaus spannend mit anzusehen. So entsteht die Spannung oft auch aus den Dialogen heraus und ist weniger durch Action geprägt. Zwar gibt es durchaus einige drastische Spitzen, diese sind jedoch aufgrund ihrer Seltenheit dann in ihrer Wirkung umso effektiver. Dazu fangen kühle Bilder von Jost Vacano – seines Zeichens viele Jahre der Stamm-Kameramann von Paul Verhoeven – ein nicht sonderlich glamouröses Los Angeles ein und der elektronisch-metallische Score von Gary Chang muss Frankenheimer so gut gefallen haben, dass er nur drei Jahre später bei seinem Film Dead Bang ebenfalls auf ihn zurückkam.

 

52 Pick-Up gehört zu den vielleicht besten Filmen, welche Cannon jemals produziert haben. Ein grimmiger, zu Weilen gar nihilistischer (Neo)-Noir-Rachethriller, der zur Abwechslung mal auf gänzlich andere Wege setzt. Ein starkes Werk aus der Spätphase des Schaffens von John Frankenheimer und sicherlich auch eine nicht selten übersehene Perle des 80er Jahre Genrekinos.

 

7,5 von 10 Mal den Spieß umdrehen