The Train (1964)

7. Juni 2019 at 17:03

 

 

© United Artists/Quelle: IMDb

 

 

 

You talk about the war. I talk about what it costs!“

 

 

 

Zweiter August, 1944. Der 1511. Tag der deutschen Besatzung in Frankreich, der Krieg ist so gut wie beendet und die Allierten stehen vor ihrem Sieg. Große wie klangvolle Namen, materiell wie ideell unersetzlich und von unschätzbarem Wert: Gauguin, Renoir, Manet, Picasso, Van Gogh, Degas, Miro, Cézanne, Matisse und viele andere, geraubt aus Museen und Sammlungen, angehäuft in den Jahren der Besatzung. Der deutsche Offizier Franz Von Waldheim will all diese Kunstwerke unbedingt noch so schnell wie möglich nach Berlin schaffen und lässt einen Güterzug mit ihnen beladen, doch der französische Untergrund rund um Paul Labiche setzt alles nur erdenkliche daran, genau das zu verhindern.

 

Die Geschichte, dass Burt Lancaster den ursprünglichen Regisseur Arthur Penn nach nur wenigen Drehtagen zu Gunsten eines mehr actionlastigen, auf ihn zugeschnittenen Filmes vertrieb und durch John Frankenheimer ersetzen ließ, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, doch dazu später mehr. Was Frankenheimer hier in der Frühphase seiner Karriere mit The Train abliefert, das darf durchaus als eine Art Blaupause für das moderne Actionkino gesehen werden, so kraftvoll, mitreißend und treibend ist sein Film. Ist die erste Hälfte eher noch ein ausgefeiltes Katz -und Mausspiel voller List und Tücke zwischen den Nazis und der Resistance, so zieht das Tempo in der zweiten Hälfte merklich an, steigert sich hin zu atemloser Action geprägt von einer enormen kinetischen Energie und mündet schließlich in einem herrlich ambivalenten Schluss und der Frage nach dem eigentlichen Wert von Kunst als Ausdruck nationaler Identität in Relation zu Menschenleben.

 

Der für seinen beinahe schon fanatischen Anspruch auf Authentizität berühmt-berüchtigte Frankenheimer frönt dem bereits bei The Train und setzt auf grimmigen Realismus. Überwiegend on location, mit echten Zügen und mit echten Flugzeugen statt Modellen gedreht, entstehen so rasante, packende und spektakuläre Actionszenen voller Wucht und Druck, die auch heute noch zu begeistern wissen. Die Kulissen sind aufwendig, die Stunts gefährlich und die Kameraperspektiven zum Teil erstaunlich kreativ, was zu einer gewissen Zeitlosigkeit führt. Die bewusste Entscheidung, The Train in teils wunderschönem Schwarz/Weiß zu drehen bricht ein wenig mit dem aufwendig inszenierten Spektakel und vermag so auch auf der handwerklichen Ebene Spannung zu erzeugen. Burt Lancaster in der Rolle des Labiche ist gewohnt viril und athletisch, mit breiten Schultern, hemdsärmelig, ein Macher, und doch eher Held wider Willen, der durch Umstände zum Handeln gezwungen wird.

 

The Train ist ein herausragend inszenierter Action-Thriller, der auch heute noch zu packen weiß und mühelos Spannung generiert. Dank Frankenheimer auf dem Regiestuhl stark von Authentizität geprägt, sind die Action-Sequenzen voller Wucht, Präzision und Detailreichtum, und tragen zu einem intensiven Erlebnis bei, welches letztlich auch eine etwas ambivalente Betrachtungsweise zulässt. Doch die Ironie am Ende ist: nach The Train geriet die Karriere von Lancaster ein wenig ins Trudeln, wohingegen die von Arthur Penn gerade erst beginnen sollte.

 

9 von 10 spektakulären Zugunfällen

 

 

 

The Island of Dr. Moreau

21. August 2016 at 18:06

 

 

© New Line Cinema

 

 

 

„I have seen the devil in my microscope, and I have chained him.“

 

 

 

Edward Douglas wird nach einem Flugzeugabsturz von dem freundlichen wie merkwürdigen Montgomery mit seinem kleinen Boot aus dem Meer gefischt, so vor dem Tode bewahrt und auf eine abgelegene, kleine Insel gebracht. Dort lebt zurückgezogen der Nobelpreisträger Dr. Moreau und geht ungestört seinen Experimenten nach. Gemeinsam mit Montgomery, die sich als ehemaliger Neurochirurg mit brillanter Zukunft entpuppt, hat der verrückte, aber geniale Wissenschaftler eine Rasse aus genetisch manipulierten Wesen erschaffen, die halb Tier und halb Mensch sind. Seiner Schöpfung gegenüber tritt Dr. Moreau ausgesprochen arrogant auf, inszeniert sich als gottgleich und unterwirft sie seinem Willen. Douglas wird zwar zuvorkommend aufgenommen und anständig behandelt, ist aber gleichzeitig auch Gefangener und darf die Insel nicht verlassen, damit die Experimente nicht der Öffentlichkeit zugetragen werden können. Doch gerade, als er sich mit der Situation abzufinden beginnt, rebellieren die Tier-Mensch-Wesen und proben den  Aufstand, um endlich ihren freien Willen ausleben zu können. Ehe sich Douglas versieht, gerät er zwischen die Fronten und muss um sein Leben kämpfen.

 

Was soll man zu diesem filmischen Machwerk nur sagen? The Island of Dr. Moreau ist sowohl vor der Kamera als auch hinter den Kulissen ein absolutes Debakel, ein Zelluloid gewordenes Fiasko in jeglicher Hinsicht. Und ich liebe diesen Film. Tief in meinem Filmherzen gibt es einen Platz, reserviert nur für diese nicht ganz 100 Minuten Wahnsinn, Chaos und fehlgeleitete Eitelkeiten, und ich kann nicht einmal genau bestimmen, warum. Es gibt im Grunde keine gemeinsame Geschichte zwischen dem Film und mir, der 1996 ins Kino kam. Da ist keine jugendliche Erinnerung an ihn, die eine heute verklärte Sicht vielleicht erklären könnte, und der Film kam mir vermutlich eher als Randnotiz Ende der 90er Jahre irgendwann im TV unter. Dennoch liebe ich heute The Island of Dr. Moreau, auch wenn ich ihn keinesfalls als einen meiner Lieblingsfilme betrachten würde. Das ist eine ganz merkwürdige, ausgesprochen irrationale Liebe und dieser Text der Versuch einer Aufarbeitung. Es ist beinahe unmöglich, den Film losgelöst von seiner chaotischen Entstehungsgeschichte zu betrachten, ist sie doch ein wichtiger Bestandteil des Ergebnisses der Dreharbeiten, allgegenwärtig und zu jeder Sekunde spürbar. Alles beginnt mit dem jungen und talentierten Regisseur Richard Stanley, dem es nach seinen beiden kleinen, aber sehr gelungenen Filmen Hardware (1990) und Dust Devil (1992) endlich gelingen sollte, sein Wunschprojekt von New Line Cinema finanziert zu bekommen. Insgesamt vier Jahre hatte Stanley an seiner Vision des Romanes von H.G. Wells gearbeitet und nun sollte er sie mit großem Budget und gespickt mit Stars wie Marlon Brando und Val Kilmer endlich umsetzen dürfen. Dummerweise und zu seinem Leidwesen wurde er nach nur drei Drehtagen entlassen. Gründe dafür gab es einige, die meisten davon waren ziemlich offensichtlich und nicht alle, vielmehr die wenigsten, seine eigene Schuld. Der schlecht gewählte Drehort, weit abgelegen von jeglicher Zivilisation und ein logistischer Albtraum, war da nur der Anfang und wurde gefolgt von einem Hurricane, der das Set verwüstete. Val Kilmer beschloss plötzlich, doch keine Lust auf den Film zu haben, sabotierte das Projekt an allen Ecken und Enden und benahm sich wie ein Grundschüler, wohl wissend, dass er mit seiner Starpower am deutlich längeren Hebel saß als der junge und unerfahrene Regisseur und ihn das Studio sowieso nicht würde gehen lassen. Der ohnehin schon berüchtigte und als schwierig geltende Marlon Brando tauchte zunächst tagelang gar nicht auf und lieferte sich dann einen regelrechten Kleinkrieg mit Kilmer. Da prallten zwei enorm aufgeblasene Egos aufeinander, die manchmal für ganze Tage die Dreharbeiten lahm legten mit ihren kindischen Spielereien. Zudem begann Brando willkürlich zu improvisieren, warf ganze Szenen um, steigerte sich zusehends in immer mehr exzentrische Marotten oder vergab gleich ganze Dialoge an andere Darsteller und degradierte Marco Hofschneider von einer Nebenrolle zum Statisten, um stattdessen den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa zu protegieren. Der Moment im Film, als er einen mit Eis gefüllten Blecheimer auf dem Kopf trägt, der entsprang nichts anderem als dem Umstand, dass er sich langweilte. Die zahlreichen Nebendarsteller, unter anderem Ron Perlman und Marc Dacascos, fügten sich in das Chaos am Set, feierten ausschweifende Partys und versuchten, das beste daraus zu machen, dass aus einigen Wochen Drehzeit in der Wildnis annähernd ein halbes Jahr wurde. Nachdem Richard Stanley das Vertrauen in sein Wunschprojekt vom Studio entzogen und er entlassen wurde, sollte John Frankenheimer den Film machen, der sich seine Rettungsaktion zwar fürstlich bezahlen ließ, aber gleichzeitig keinen Hehl daraus machte, absolut kein Interesse weder an dem Stoff, noch am Drehbuch und schon gar nicht an Visionen und Befindlichkeiten anderer zu haben. Mit Kilmer hatte auch er so seine Probleme, wusste ihn aber anders anzugehen. Nachdem die letzte Szene mit Kilmer abgedreht war, ließ er ihn mit den Worten „Cut. Now get that bastard off my set.“ vom Drehort entfernen. Später sollte er über Kilmer sagen: „I don’t like Val Kilmer, I don’t like his work ethic, and I don’t want to be associated with him ever again.“

 

Aber die zweifellos bekannteste und am meisten kolportierte Anekdote über die chaotischen Dreharbeiten ist wohl die von Richard Stanley, der nach seiner Entlassung statt den Drehort zu verlassen deprimiert durch die Wildnis irrte und bei einem dort lebenden Abenteurer unterkam, nur um später unerkannt auf das Set zurückzukehren und sich als Hundewesen in das Finale des Filmes schmuggeln konnte. „I decided to come back as a melting bulldog,“ sollte er sich später in der Dokumentation Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley´s Island of Dr. Moreau (2014) erinnern. „I didn’t know Frankenheimer or the assistant directors, so they didn’t recognize me.“ Schaut man sich diese Dokumentation an, wird schnell deutlich, was für ein Meisterwerk der Film hätte werden können, denn wenn Richard Stanley zu Wort kommt, die interessanten Verbindungen zu Joseph Conrads Heart of Darkness aufzeigt und alte Konzeptzeichnungen ausgräbt, dann lässt sich erahnen, was für ein ambitioniertes und visionäres Projekt er eigentlich hatte realisieren wollen. Wie anfangs bereits erwähnt, es ist schwierig, den Film The Island of Dr. Moreau losgelöst von seiner Entstehungsgeschichte zu betrachten. Denn all dieses Chaos, all dieser Wahnsinn, das annähernd psychotische Verhalten seiner beiden Stars Brando und Kilmer, Richard Stanley´s Entlassung und heimliche Rückkehr ans Set, die Widrigkeiten der Natur, die Neubesetzung der Regie mit John Frankenheimer, die zahllosen neuen Fassungen des Drehbuches, all das fängt der Film letztlich perfekt ein und spiegelt es wieder. Und das ist dann auch letztlich die Ironie des Ganzen, denn The Island of Dr. Moreau ist ein Film geworden, der in dieser Form dem ursprünglichen Thema Wahnsinn viel näher kommt, als es den Beteiligten vermutlich lieb sein dürfte und ist insofern, wenn auch eher unfreiwillig, die vermutlich beste filmische Adaption von H.G. Wells Roman. Eine gelungenere Version des Filmes hätte das wohl kaum so erreichen können. Mehr als in den vorangegangenen Verfilmungen von Wells‘ Roman hat man den Eindruck, dass die beiden Wissenschaftler über ihrer Arbeit komplett den Verstand verloren haben. Jede Moral, jede Orientierung ist auf der Strecke geblieben. Im letztlich vollkommen überbordenden Finale, wenn Dr. Moreau seinen eigenen Schöpfungen zum Opfer fällt, wenn Montgomery sich halbnackt im Drogenrausch als dessen Nachfolger inszeniert, wenn die Tiermenschen mit Maschinengewehren bewaffnet in Jeeps durch die Settings rauschen und die Anarchie und das Chaos den die ganze Zeit über volltrunken am Abgrund entlang taumelnden Film endgültig gefangen nehmen und nicht mehr loslassen werden, genau dann hat man das Gefühl, dass The Island of Dr. Moreau ganz bei sich ist. Und dafür liebe ich diesen Film.

 

The Island of Dr. Moreau ist weit davon entfernt ein guter oder gelungener Film zu sein und formal betrachtet in beinahe allen Aspekten eine Katastrophe, aber er ist eben auch ein perfekter Spiegel seiner Entstehung und somit ein wahrlich untrügerisches Abbild eben jenes Wahnsinns. Das ist es, was den Film dann letztlich auch ganz nah an den Kern von H.G. Wells Geschichte dringen lässt, unfreiwillig natürlich, aber zutiefst wahrhaftig. Ich bin mir vollkommen sicher, dass eine weniger chaotische Produktion einfach nur einen schlechten Film zum Ergebnis gehabt hätte. So aber ist The Island of Dr. Moreau das Film gewordene Zeugnis seines ganz eigenen Wahnsinns. Ein Film, der sich herkömmlichen Bewertungen entzieht. Ein Film, den man gesehen haben muss, um seine vollständige Tragweite zu begreifen.