The Island of Dr. Moreau

21. August 2016 at 18:06

 

 

© New Line Cinema

 

 

 

„I have seen the devil in my microscope, and I have chained him.“

 

 

 

Edward Douglas wird nach einem Flugzeugabsturz von dem freundlichen wie merkwürdigen Montgomery mit seinem kleinen Boot aus dem Meer gefischt, so vor dem Tode bewahrt und auf eine abgelegene, kleine Insel gebracht. Dort lebt zurückgezogen der Nobelpreisträger Dr. Moreau und geht ungestört seinen Experimenten nach. Gemeinsam mit Montgomery, die sich als ehemaliger Neurochirurg mit brillanter Zukunft entpuppt, hat der verrückte, aber geniale Wissenschaftler eine Rasse aus genetisch manipulierten Wesen erschaffen, die halb Tier und halb Mensch sind. Seiner Schöpfung gegenüber tritt Dr. Moreau ausgesprochen arrogant auf, inszeniert sich als gottgleich und unterwirft sie seinem Willen. Douglas wird zwar zuvorkommend aufgenommen und anständig behandelt, ist aber gleichzeitig auch Gefangener und darf die Insel nicht verlassen, damit die Experimente nicht der Öffentlichkeit zugetragen werden können. Doch gerade, als er sich mit der Situation abzufinden beginnt, rebellieren die Tier-Mensch-Wesen und proben den  Aufstand, um endlich ihren freien Willen ausleben zu können. Ehe sich Douglas versieht, gerät er zwischen die Fronten und muss um sein Leben kämpfen.

 

Was soll man zu diesem filmischen Machwerk nur sagen? The Island of Dr. Moreau ist sowohl vor der Kamera als auch hinter den Kulissen ein absolutes Debakel, ein Zelluloid gewordenes Fiasko in jeglicher Hinsicht. Und ich liebe diesen Film. Tief in meinem Filmherzen gibt es einen Platz, reserviert nur für diese nicht ganz 100 Minuten Wahnsinn, Chaos und fehlgeleitete Eitelkeiten, und ich kann nicht einmal genau bestimmen, warum. Es gibt im Grunde keine gemeinsame Geschichte zwischen dem Film und mir, der 1996 ins Kino kam. Da ist keine jugendliche Erinnerung an ihn, die eine heute verklärte Sicht vielleicht erklären könnte, und der Film kam mir vermutlich eher als Randnotiz Ende der 90er Jahre irgendwann im TV unter. Dennoch liebe ich heute The Island of Dr. Moreau, auch wenn ich ihn keinesfalls als einen meiner Lieblingsfilme betrachten würde. Das ist eine ganz merkwürdige, ausgesprochen irrationale Liebe und dieser Text der Versuch einer Aufarbeitung. Es ist beinahe unmöglich, den Film losgelöst von seiner chaotischen Entstehungsgeschichte zu betrachten, ist sie doch ein wichtiger Bestandteil des Ergebnisses der Dreharbeiten, allgegenwärtig und zu jeder Sekunde spürbar. Alles beginnt mit dem jungen und talentierten Regisseur Richard Stanley, dem es nach seinen beiden kleinen, aber sehr gelungenen Filmen Hardware (1990) und Dust Devil (1992) endlich gelingen sollte, sein Wunschprojekt von New Line Cinema finanziert zu bekommen. Insgesamt vier Jahre hatte Stanley an seiner Vision des Romanes von H.G. Wells gearbeitet und nun sollte er sie mit großem Budget und gespickt mit Stars wie Marlon Brando und Val Kilmer endlich umsetzen dürfen. Dummerweise und zu seinem Leidwesen wurde er nach nur drei Drehtagen entlassen. Gründe dafür gab es einige, die meisten davon waren ziemlich offensichtlich und nicht alle, vielmehr die wenigsten, seine eigene Schuld. Der schlecht gewählte Drehort, weit abgelegen von jeglicher Zivilisation und ein logistischer Albtraum, war da nur der Anfang und wurde gefolgt von einem Hurricane, der das Set verwüstete. Val Kilmer beschloss plötzlich, doch keine Lust auf den Film zu haben, sabotierte das Projekt an allen Ecken und Enden und benahm sich wie ein Grundschüler, wohl wissend, dass er mit seiner Starpower am deutlich längeren Hebel saß als der junge und unerfahrene Regisseur und ihn das Studio sowieso nicht würde gehen lassen. Der ohnehin schon berüchtigte und als schwierig geltende Marlon Brando tauchte zunächst tagelang gar nicht auf und lieferte sich dann einen regelrechten Kleinkrieg mit Kilmer. Da prallten zwei enorm aufgeblasene Egos aufeinander, die manchmal für ganze Tage die Dreharbeiten lahm legten mit ihren kindischen Spielereien. Zudem begann Brando willkürlich zu improvisieren, warf ganze Szenen um, steigerte sich zusehends in immer mehr exzentrische Marotten oder vergab gleich ganze Dialoge an andere Darsteller und degradierte Marco Hofschneider von einer Nebenrolle zum Statisten, um stattdessen den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa zu protegieren. Der Moment im Film, als er einen mit Eis gefüllten Blecheimer auf dem Kopf trägt, der entsprang nichts anderem als dem Umstand, dass er sich langweilte. Die zahlreichen Nebendarsteller, unter anderem Ron Perlman und Marc Dacascos, fügten sich in das Chaos am Set, feierten ausschweifende Partys und versuchten, das beste daraus zu machen, dass aus einigen Wochen Drehzeit in der Wildnis annähernd ein halbes Jahr wurde. Nachdem Richard Stanley das Vertrauen in sein Wunschprojekt vom Studio entzogen und er entlassen wurde, sollte John Frankenheimer den Film machen, der sich seine Rettungsaktion zwar fürstlich bezahlen ließ, aber gleichzeitig keinen Hehl daraus machte, absolut kein Interesse weder an dem Stoff, noch am Drehbuch und schon gar nicht an Visionen und Befindlichkeiten anderer zu haben. Mit Kilmer hatte auch er so seine Probleme, wusste ihn aber anders anzugehen. Nachdem die letzte Szene mit Kilmer abgedreht war, ließ er ihn mit den Worten „Cut. Now get that bastard off my set.“ vom Drehort entfernen. Später sollte er über Kilmer sagen: „I don’t like Val Kilmer, I don’t like his work ethic, and I don’t want to be associated with him ever again.“

 

Aber die zweifellos bekannteste und am meisten kolportierte Anekdote über die chaotischen Dreharbeiten ist wohl die von Richard Stanley, der nach seiner Entlassung statt den Drehort zu verlassen deprimiert durch die Wildnis irrte und bei einem dort lebenden Abenteurer unterkam, nur um später unerkannt auf das Set zurückzukehren und sich als Hundewesen in das Finale des Filmes schmuggeln konnte. „I decided to come back as a melting bulldog,“ sollte er sich später in der Dokumentation Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley´s Island of Dr. Moreau (2014) erinnern. „I didn’t know Frankenheimer or the assistant directors, so they didn’t recognize me.“ Schaut man sich diese Dokumentation an, wird schnell deutlich, was für ein Meisterwerk der Film hätte werden können, denn wenn Richard Stanley zu Wort kommt, die interessanten Verbindungen zu Joseph Conrads Heart of Darkness aufzeigt und alte Konzeptzeichnungen ausgräbt, dann lässt sich erahnen, was für ein ambitioniertes und visionäres Projekt er eigentlich hatte realisieren wollen. Wie anfangs bereits erwähnt, es ist schwierig, den Film The Island of Dr. Moreau losgelöst von seiner Entstehungsgeschichte zu betrachten. Denn all dieses Chaos, all dieser Wahnsinn, das annähernd psychotische Verhalten seiner beiden Stars Brando und Kilmer, Richard Stanley´s Entlassung und heimliche Rückkehr ans Set, die Widrigkeiten der Natur, die Neubesetzung der Regie mit John Frankenheimer, die zahllosen neuen Fassungen des Drehbuches, all das fängt der Film letztlich perfekt ein und spiegelt es wieder. Und das ist dann auch letztlich die Ironie des Ganzen, denn The Island of Dr. Moreau ist ein Film geworden, der in dieser Form dem ursprünglichen Thema Wahnsinn viel näher kommt, als es den Beteiligten vermutlich lieb sein dürfte und ist insofern, wenn auch eher unfreiwillig, die vermutlich beste filmische Adaption von H.G. Wells Roman. Eine gelungenere Version des Filmes hätte das wohl kaum so erreichen können. Mehr als in den vorangegangenen Verfilmungen von Wells‘ Roman hat man den Eindruck, dass die beiden Wissenschaftler über ihrer Arbeit komplett den Verstand verloren haben. Jede Moral, jede Orientierung ist auf der Strecke geblieben. Im letztlich vollkommen überbordenden Finale, wenn Dr. Moreau seinen eigenen Schöpfungen zum Opfer fällt, wenn Montgomery sich halbnackt im Drogenrausch als dessen Nachfolger inszeniert, wenn die Tiermenschen mit Maschinengewehren bewaffnet in Jeeps durch die Settings rauschen und die Anarchie und das Chaos den die ganze Zeit über volltrunken am Abgrund entlang taumelnden Film endgültig gefangen nehmen und nicht mehr loslassen werden, genau dann hat man das Gefühl, dass The Island of Dr. Moreau ganz bei sich ist. Und dafür liebe ich diesen Film.

 

The Island of Dr. Moreau ist weit davon entfernt ein guter oder gelungener Film zu sein und formal betrachtet in beinahe allen Aspekten eine Katastrophe, aber er ist eben auch ein perfekter Spiegel seiner Entstehung und somit ein wahrlich untrügerisches Abbild eben jenes Wahnsinns. Das ist es, was den Film dann letztlich auch ganz nah an den Kern von H.G. Wells Geschichte dringen lässt, unfreiwillig natürlich, aber zutiefst wahrhaftig. Ich bin mir vollkommen sicher, dass eine weniger chaotische Produktion einfach nur einen schlechten Film zum Ergebnis gehabt hätte. So aber ist The Island of Dr. Moreau das Film gewordene Zeugnis seines ganz eigenen Wahnsinns. Ein Film, der sich herkömmlichen Bewertungen entzieht. Ein Film, den man gesehen haben muss, um seine vollständige Tragweite zu begreifen.

 

 

Anomalisa

19. Juni 2016 at 16:22

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Look for what is special about each individual, focus on that.“

 

 

 

Michael Stone ist ein erfolgreicher Ratgeberautor und nun auf Lesereise in Cincinnati, wo er einen Vortrag halten soll. Genauso langweilig wie seine Arbeit ist auch Michael selbst. Er ist depressiv, Kettenraucher, mittleren Alters und hat sich von seiner Familie und seinen Freunden entfremdet, fühlt sich allein und isoliert. Als er jedoch der schüchternen Lisa begegnet, die ganz anders zu sein scheint als alles andere in seinem Leben, ist er schnell Feuer und Flamme für sie. Die beiden verbringen eine Nacht miteinander, die Michael die Hoffnung gibt, dass da draussen vielleicht doch noch mehr auf ihn warten könnte als sein eintöniges und tristes Leben.

 

Ein zentrales Element in der auf Hochtouren laufenden Werbekampagne um Anomalisa, dem neuesten Film von Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman, ist das folgende Zitat von US-Filmkritiker Matt Patches (Esquire): „The most human film of the year. And it doesn’t feature a single human.“ Und tatsächlich könnte nichts zutreffender sein als diese zwei Sätze. Patches trifft den Nagel auf den Kopf, denn Kaufman und dessen Co-Regisseur Duke Johnson bedienen sich der Stop-Motion-Animationstechnik und zahlloser zum Leben erweckter und manchmal täuschend echt wirkender Puppen, um ihre Geschichte zu erzählen. Dabei ist der technische Aspekt wirklich beeindruckend, denn es gibt einige spektakuläre Tricks wie komplizierte Spiegelungen und ausgeklügelte Kamerafahrten zu bestaunen. Stop-Motion hat noch nie so toll ausgesehen und vermutlich wird Anomalisa die Messlatte der kommenden Jahre darstellen. Die Arbeit des kleinen Studios Starburns Industries ist wunderbar unkonventionell. Man sieht die sonst sorgfältig verborgene Machart der Puppen, die Fingerabdrücke auf der Haut, die Knitter im Kostüm, alles fühlt sich unpoliert und persönlich an, man spürt geradezu die Leidenschaft des kleinen Filmteams in jedem sorgfältig animierten und komponierten Bild. Alles ist so voller winziger, liebevoller Details, die uns allen nur zu gut bekannt vorkommen, in Filmen aber oft nicht erwähnt werden, etwa der banale wie anstrengende Smalltalk mit dem Taxifahrer auf dem Weg zum Hotel oder das Einchecken dort. Toilettengänge oder unbeholfener Geschlechtsverkehr. Gespräche und Begegnungen. In diesen Momenten wirkt Anomalisa realistischer und lebensnaher als die meisten anderen Filme, manchmal sogar so sehr, dass man beinahe schon vergessen könnte, dass es sich um künstliche Figuren handelt. Das kann zuweilen ein etwas befremdliches Gefühl beim Betrachter auslösen. Die Figuren mögen sich bedingt durch die Stop-Motion-Technik etwas mechanisch bewegen, die Eigenheiten, die ihnen der Regisseur und Drehbuchautor Charlie Kaufman jedoch durch ihre Dialoge, Ticks und Macken mitgibt, lässt sie alltäglicher, ungekünstelter, ja, menschlicher wirken als so manchen realen Darsteller. Inhaltlich behandelt Anomalisa viele der von Kaufman gewohnten Themen – die Verlorenheit des Individuums, die Anonymität des modernen Lebens, die Unzuverlässigkeit der menschlichen Wahrnehmung, die Unmöglichkeit von dauerhafter Liebe. Diesmal jedoch verpackt Kaufman sie nicht einfach nur in ein faszinierendes tricktechnisches Gewand, sondern auch in eine vergleichsweise einfach gehaltene und simpel erzählte Geschichte und verzichtet beinahe völlig auf die für ihn sonst so üblichen Haken und Wendungen im Drehbuch wie beispielsweise noch bei Being John Malkovich, Adaption oder Eternal Sunshine of the Spotless Mind.

 

 

 

„Our time is limited, we forget that.“

 

 

 

Der Erfolg seines veröffentlichten Ratgebers hat Michael keineswegs glücklich gemacht. Seine Ehe scheint festgefahren, seine Welt trist und eintönig, er ist einsam. Und noch dazu sehen seltsamerweise alle Menschen um ihn herum immer irgendwie gleich aus. Sie sprechen sogar mit fast der gleichen Stimme. Diese Eintönigkeit wird erst durchbrochen, als er zufällig auf Lisa trifft. Sie hat eine eigene Stimme und ein eigenes Gesicht, sie hat unmittelbaren Wiedererkennungswert für Michael. Durch das Puppenspiel sehen wir in eine verzerrte Welt, die um den Protagonisten herum entsteht. In Cincinnati hat er im fiktiven Fregoli-Hotel eingecheckt, welches seinen Namen vom sogenannten Fregoli-Syndrom her ableitet. Eine seltene psychische Störung, bei der Betroffene dem Wahn verfallen sind, alle anderen Menschen seien im Grunde nur eine einzige Person, die lediglich ihr Aussehen verändert. Zwar leidet Michael nicht am Fregoli-Syndrom, aber dennoch dienen dessen Symptome ganz wunderbar als geradezu perfekte Allegorie für die Einsamkeit und Entfremdung, welche er permanent verspürt. Für jemanden, der sich in seinem Kopf gefangen fühlt, ermöglicht das animierte Szenario ein umso effektiveres Spiel mit Paranoia und Klaustrophobie. Passend dazu spricht im Original Tom Noonan alle anderen Figuren (egal, ob männlich oder weiblich) außer Michael und Lisa, die von David Thewlis und Jennifer Jason Leigh gesprochen werden, wodurch alle anderen durch ihr sehr ähnliches Puppendesign und die gleiche Stimme zu einer anonymen Masse von geistlosen Hüllen verschwimmen, die kaum befremdlicher wirken könnten. In seinem Verlauf stellt Anomalisa grundlegende Fragen über das Leben und die Liebe: was erkennen wir eigentlich in einem Menschen, in den wir uns verlieben? Oder vielmehr: was glauben wir, in ihm zu erkennen? Was spricht uns an bei anderen Menschen? Was genau suchen wir? Die Antworten, die der Film einem zwar nicht unbedingt gibt, aber zumindest nahelegt, sind ganz ähnlich seiner Inszenierung und seinem Setting weit entfernt von der verschachtelten Romantik eines Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Wo zuvor Kate Winslett mit buntgefärbtem Haar wirbelte und Jim Carrey schweren Herzens durch den Schnee stapfte, stehen sich nun ein festgefahrener und von Depressionen geplagter Autor von Service-Ratgebern mittleren Alters mit Bauchansatz und eine schüchterne Verkaufsleiterin mit Komplexen und kaum vorhandenem sozialen Leben gegenüber.

 

Es musste erst ein animierter Stop-Motion-Film daherkommen, um uns im Kino wieder etwas menschlichen Alltag zu zeigen. Einen so verblüffend ehrlichen wie schmerzhaft entlarvenden Film über das Leben und die Liebe gibt es leider viel zu selten zu bestaunen. Mit seinen ausgesprochen präzisen Alltagsbeobachtungen ist Charlie Kaufman hier wahrlich ein meisterhaftes Werk gelungen, das uns viel über uns zu erzählen hat, auch wenn wir vieles davon nicht hören oder gar wahrhaben wollen. Es stimmt: obwohl Anomalisa von Puppen bevölkert wird, ist der Film einer der aufrichtigsten, menschlichsten und wahrhaftigsten seit Jahren. Dass der tricktechnische Aspekt die Grenzen des Machbaren im Bereich Stop-Motion für die nächsten Jahre definieren wird, das ist letztlich nur eine wirklich hübsche Zugabe.

 

9 von 10 einsamen Nächten in anonymen Hotelzimmern