Triple Frontier (2019)

16. März 2019 at 11:43

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

You cannot go back to your normal life after tonight.“

 

 

 

Der ehemalige US-Elite-Soldat Santiago „Pope“ Garcia verdient sein Geld inzwischen als Berater und Söldner für südamerikanische Regierungen im Kampf gegen die Drogenkartelle. Als er durch eine Informantin den genauen Standort des tief im Dschungel gelegenen Verstecks des Drogenbarons Gabriel Martin Lorea erfährt, wendet er sich an vier seiner ehemaligen Kameraden mit dem Plan, das gesicherte Anwesen zu überfallen, um das dort gehortete Bargeld in Höhe von etwa 75 Millionen Dollar außer Landes zu schaffen.

 

For whom the bell tolls… das markante Riff von Metallica gibt gleich die Marschroute vor, doch Regisseur J.C. Chandler bewahrt sich immer noch auch das menschliche Drama in seinen Figuren, welches seine bisherigen Werke Margin Call (2011), All Is Lost (2013) und A Most Violent Year (2014) ebenfalls auszuzeichnen wusste. Statt einen weiteren mit Adrenalin und Testosteron gesättigten Söldner-Actioner der Marke Expendables und Konsorten abzuliefern, da interessiert sich Triple Frontier zwar nicht nur, aber eben auch für die Figuren hinter dem Spektakel, jede auf ihre Art gebrochen, überfordert mit den Anforderungen des Lebens als Zivilist, welches sie ihrer speziellen Fähigkeiten beraubt. Es braucht nur wenige kleine Momente zu Beginn und im weiteren Verlauf, um diese Schieflage im Innern der Männer ausreichend zu skizzieren, und eine Rückkehr in alte, gelernte und antrainierte Verhaltensmuster soll es richten.

 

Ein Trugschluss, wie Chandor uns bildgewaltig wissen lässt, doch dafür nimmt er sich Zeit und besinnt sich auf seine Stärken. Die Actionszenen sind eher rar gesät, aber dafür klug platziert und mehr auf Präzision ausgelegt als auf Krawall. Doch geht es mal zur Sache, dann ist die Action dringlich wie bodenständig und die Kamera immer nah dran am Geschehen ohne dabei in Hektik zu verfallen. Letztlich sehe ich Triple Frontier dann auch weniger als Actionfilm, sondern eher als Drama mit Thriller-Anstrich, Survival-Elementen und Heist-Motiven, wenn Chandor über das Spektakel hinaus auch eine Bestandsaufnahme einer Gesellschaft liefert, die für ihre Kinder des Krieges keine Verwendung mehr hat. Im Grunde ist es kein Wunder, dass die Männer schließlich tun, was sie tun, so ganz ohne Rückhalt außerhalb ihrer Profession. Sie können nichts anderes, haben nie etwas anderes gelernt, sind im zivilen Leben aber weitestgehend nutzlos und zum Scheitern verurteilt, haben sie doch nie dessen Regeln verinnerlichen können.

 

8 von 10 Mal zig Millionen Dollar und ein Muli verlieren

 

 

Suburbicon (2017)

8. Juni 2018 at 19:06

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„What do you think you know, big man? Hmm? Because I know a lot of things. That’s the case with being a grownup. You have to make decisions. Decisions like what’s best for the family.“

 

 

 

Willkommen in Suburbicon, einem Vorort aus dem Bilderbuch der späten 50er Jahre. Doch Ruhe und Frieden dort werden von einem grausamen Verbrechen überschattet, als die Familie Lodge eines abends in ihrem Haus brutal überfallen wird. Die Mutter Rose überlebt diese Nacht nicht, ihr Mann Gardner, der gemeinsame Sohn Nicky und ihre Zwillingsschwester Margaret hingegen schon. Quasi zeitgleich zieht die erste farbige Familie in Suburbicon ein und bringt schnell die Einwohner gegen sich auf. Es dauert nicht lange, da wütet schon der aufgebrachte Mob vor den weißen Gartenzäunen.

 

Nach What Happened to Monday? bekam ich nun mit Suburbicon zum zweiten Mal in relativ kurzer Zeit einen Film zu sehen, der deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt und sein Potential nicht wirklich voll zu entfalten vermag. Das Drehbuch stammt von den Coen-Brüdern, die Regie hingegen von George Clooney, und beides spürt der aufmerksame Betrachter deutlich. Suburbicon etabliert zwei separate Handlungsstränge, welche nie wirklich zueinander finden. Schlimmer noch: der Teil des Rassismus-Dramas ist nie mehr als ein bloßes Plot-Vehikel, hat keine Tiefe, entwickelt keine Relevanz und der Film macht buchstäblich nichts damit. NICHTS! Außer dem Krimi-Plot an einem bestimmten Punkt ein Hintertürchen zu öffnen. 

 

Letztlich sagt mir Suburbicon kaum mehr als: guck mal, hinter den gepflegten wie spießigen Fassaden der Vorstadt, hinter den akkuraten Vorgärten und weißen Gartenzäunen, da lauert auch das Grauen in Form menschlicher Abgründe. Danke, aber das ist mir keineswegs neu und wurde in anderen Filmen schon deutlich besser umgesetzt. Coen-Brüder light ist das, was mich sogar ein wenig ärgert, sehe ich doch das Potential dahinter, aber irgendwie fehlt es an Stringenz und vor allem an Bissigkeit, um wirklich eine Aussage zu treffen. Darstellerisch ist das zwar solide, aber gerade Matt Damon und Julianne Moore sind schon sehr gefangen in der Eindimensionalität ihrer Figuren. Einzig Oscar Isaac ragt hier heraus: zwar ist seine screen time sehr begrenzt, aber seine wenigen Szenen sind das beste am ganzen Film. Mit Abstand.

 

5 von 10 Tüchern getränkt mit Chloroform

 

 

 

 

 

 

Star Wars: Episode VIII – The Last Jedi

17. Dezember 2017 at 15:31

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„Let the past die. Kill it, if you have to. That’s the only way to become what you are meant to be.“

 

 

 

Eine Inhaltsangabe entfällt an dieser Stelle und mein Text bleibt selbstverständlich vollkommen frei von Spoilern und ist inhaltlich eher vage gehalten, will ich doch niemanden sein Kinoerlebnis schmälern. Ihr könnt also ganz beruhigt meine Gedanken zum neuesten Beitrag im Star Wars-Universum lesen ohne Angst haben zu müssen, etwaige Plotpoints zu erfahren.

 

Bereits nach Episode VII mit all ihrem Fanservice wuchs in mir die Erkenntnis, dass es Episode VIII sein würde, die nun wirklich liefern, die Komfortzone aus Zitaten, Anspielungen und Querverweisen verlassen und neue Wege beschreiten müsse. Und zumindest in Teilen tut Regisseur Rian Johnson das tatsächlich. Sein Film ist nämlich keineswegs eine handlungsorientierte Kopie von Episode V geworden wie man es vielleicht hätte befürchten können, sondern steht erzählerisch durchaus auch auf eigenen Beinen. Referenzen und Rückbezüge gibt es zwar immer noch reichlich, allerdings fallen diese nun meist eher visuell aus, wenn einzelne Szenen und Bilder an The Empire Strikes Back erinnern, und finden sich eben nicht mehr auf der rein erzählerischen Ebene wieder. Es wird zwar weiterhin auch fleißig in die Referenzkiste gegriffen, aber sich längst nicht mehr so blind und hörig der Nostalgie ergeben wie zuvor. Johnson bedient sich zahlreicher bekannter Bilder und Motive, formt diese jedoch um, variiert sie und verschiebt sie innerhalb der Chronologie. Das ist tatsächlich ein guter Schritt in die richtige Richtung hin zu etwas mehr Eigenständigkeit im Franchise, wenn Johnson nun neue Pfade der Handlung betritt und auch mal Risiken eingeht, ein Aufbruch zu neuen Ufern allerdings ist es keineswegs. Es ist auch ein Wagnis, wenn Entscheidungen sowohl innerhalb der Handlung als auch innerhalb so mancher Figurenentwicklung getroffen werden, die nicht nur zu überraschen wissen, sondern vermutlich auch nicht jedem gefallen werden und vielleicht einigen Fans vor den Kopf stoßen könnten. Das ist mutig und erfrischend und wird hoffentlich dafür sorgen, dass nun in Episode IX alte Karten neu gemischt und verteilt werden können. Und dass das alles visuell ganz hervorragend in Szene gesetzt ist, das versteht sich ja mehr oder weniger von selbst und kann und darf bei einem solchen Film wie Episode VIII und seinem Budget erwartet werden. Tatsächlich bietet The Last Jedi ein paar der bisher schönsten Bilder innerhalb des Star Wars-Universums und so manche Szene ist einfach wunderschön anzusehen.

 

Also alles gut? Nicht ganz, denn The Last Jedi bringt durchaus auch Probleme mit sich, über die man stolpern kann. Zunächst hat der Film trotz denkbar simpler Story keine allzu gute Erzählstruktur, wenn die holprige Narrative ständig zwischen drei verschiedenen Handlungssträngen hin und her springt. Tempo und Timing stimmen hier eher selten und nahezu immer, wenn eine Plotline beginnt in Schwung zu kommen, dann wechselt der Film zur nächsten. Das soll Spannung generieren, wirkt aber oftmals eher frustrierend und führt zu einem merkwürdig hektischen wie wirren Seherlebnis, zerrissen zwischen seinen Handlungssträngen. Wenn dann auch noch einer dieser Stränge für die eigentliche Geschichte in Episode VIII nahezu vollkommen irrelevant ist, keinerlei Auswirkung auf die Haupthandlung hat und genau so wie er ist komplett entfernt werden und ohne erzählerischen Verlust gestrichen werden könnte, dann ist der Film mit seinen 152 Minuten Laufzeit eindeutig zu lang geraten und kann zuweilen etwas ermüdend wirken. Ein weiteres Problem war für mich der seltsam deplatzierte Humor: scheinbar hat die Marvel-Keule Einzug gehalten ins Star Wars-Universum. Viele Witze wollten für mich so gar nicht zünden und die Grenzen hin zum Slapstick werden noch deutlicher überschritten als noch in Episode VII. Allein BB-8 setzt nochmals gehörig einen drauf. Ich muss es tatsächlich sagen: The Last Jedi hatte durchaus auch Momente, in denen ich mich fremd geschämt habe. Das bricht gehörig mit der sonst eher episch angelegten Atmosphäre und erschwert mir immer mal wieder das Eintauchen in das von mir so geliebte Universum. Schlimmer noch: nahezu immer, wenn etwas ernsthaftes oder dramatisches im Film passiert, dann wird meist ein Witz hinterher geschoben und die Schwere des Moments gleich wieder torpediert. Da überkommt mich das ungute Gefühl, dass das alles nicht mehr sonderlich ernst genommen wird.

 

Als letzte Nacht der Abspann über die Kinoleinwand lief, da war ich schon irgendwie ein klein wenig enttäuscht. Selten hat mich ein Film aus dem Star Wars-Universum so zwiegespalten und auch ratlos zurück gelassen. Keine Frage, Rian Johnson findet durchaus wirklich herausragende Bilder, Szenen und Ideen, vieles ist in seiner Inszenierung  mutig und toll, anderes aber eben leider auch sehr schwach bis irritierend und ausgesprochen merkwürdig. Die Erzählstruktur ist reichlich sprunghaft und mitunter etwas wirr und hektisch geraten und den Humor empfinde ich überwiegend leider als deplatziert und unpassend. Sicherlich ist Episode VIII kein schlechter Film, aber er hat durchaus Probleme, welche zumindest mein Sehvergnügen auch schmälern. Trotz mutiger Entscheidungen seitens der Handlung und zum Teil der Figurenentwicklung finde ich Episode VII rückblickend minimal besser, wird sich dort zwar erzählerisch viel auf Episode IV rückbezogen, die Erzählstruktur an sich aber ist weniger holperig und einfach etwas runder in Rhythmus, Tempo und Timing. Zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch nicht die dringend erforderliche Erneuerung.

 

7 von 10 der letzten Jedi

 

 

 

 

X-Men: Apocalypse

26. September 2016 at 23:31

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„You are all my children, and you’re lost because you follow blind leaders. These false gods, systems of the weak, they’ve ruined my world. No more.“

 

 

 

Im Kairo des Jahres 1983 wird der uralte und übermächtige Mutant Apocalypse aus Jahrtausende andauernder Gefangenschaft befreit und auf eine hilflose Menschheit losgelassen. Angewidert von dem, was aus seiner Welt geworden ist, beschließt er, die Welt zu zerstören um aus ihren Trümmern eine neue Ordnung nach seinem Bild zu erschaffen. Dazu versammelt er vier potentiell sehr mächtige Mutanten inklusive Magneto um sich, aber um seinen Plan vollends verwirklichen zu können, braucht er auch die Kräfte von Professor Charles Xavier. Allein dieser und seine X-Men sind die vielleicht einzigen, die Apocalypse jetzt noch aufhalten könnten und so entbrennt ein Kampf um die Existenz der Menschheit.

 

„Well, at least we can all agree the third one’s always the worst.“ Ich gebe zu, dass ich es mir ein wenig leicht mache, wenn ich diese Rezension mit jenem Zitat der jungen Jean Grey beginne, aber es ist einfach viel zu verlockend, um es nicht zu nutzen. Im Film selbst fällt dieser Satz nach einem Kinobesuch von Star Wars: Episode VI – Return of the Jedi und es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um darin einen ironischen und augenzwinkernden Seitenhieb von Regisseur Bryan Singer gegen Brett Ratners X-Men: The Last Stand von 2006 zu erkennen, dem zweifellos bisher schlechtesten Beitrag der gesamten Reihe. Aber diesem Satz wohnt auch eine gewisse unbeabsichtigte Ironie inne, denn auch X-Men: Apocalypse vermag das Niveau seiner beiden Vorgänger First Class und Days of Future Past nicht immer zu halten. Zudem haben wir es mit einer Prequel-Trilogie zu tun, welche gerade in Bezug auf ihren Ursprung über weite Strecken gut bis sehr gut funktioniert, was im Falle von Star Wars auf Episode I-III nun mal überhaupt nicht zutrifft. First Class war ein mehr als nur gelungener, sehr guter Auftakt zur Wiederbelebung der nach The Last Stand eigentlich toten Reihe und in meinen Augen der beste Film im X-Men-Universum bisher, aber kommerziell nicht unbedingt der große Wurf, weshalb Bryan Singer nach X-Men und X-Men 2 dann für X-Men: Days of Future Past die Regie von Matthew Vaughn wieder übernahm und nun auch für Apocalypse hinter der Kamera steht. Und nach den beiden Vorgängern der Prequel-Trilogie beschließt Bryan Singer nun endgültig den mit First Class begonnenen, selbstmetaphorischen Akt der Neuordnung des X-Men-Universums, der bereits in Days of Future Past seinen Höhepunkt erreichte. Nach Apocalypse werden die Ereignisse (und teils schweren Fehler) der alten Trilogie vollkommen ausgemerzt und für das Bewusstsein der Figuren nicht mehr präsent sein. Die Uhr steht wieder auf Null.

 

 

 

„I tried your way, Charles. I tried to be like them, live like them. But it always ends the same way. They took everything away from me. Now, we’ll take everything from them.“

 

 

 

Apocalypse setzt an einem Punkt zehn Jahre nach den Ereignissen von Days of Future Past ein und durch diesen Zeitsprung holt der Film sowohl die neuen wie auch die alten, bereits bekannten Figuren an unterschiedlich nachvollziehbaren und mit ausreichend Hintergrund versehenen Punkten ab. Die Gefahr durch die Sentinels mag zwar gebannt sein, aber die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber der Mutanten hat sich kaum geändert und an ein harmonisches Miteinander ist nicht zu denken. Zu sehr herrschen nach wie vor Ausgrenzung und Ablehnung vor. Charles Xavier leitet weiterhin seine Schule und unterrichtet Mutanten, Erik Lehnsherr jedoch zog es in die Abgeschiedenheit des ländlichen Polens, um dort ein ruhiges und friedliches Leben führen zu können. So bedarf es auch abermals eines tragischen Zwischenfalls, um ihn nur noch näher an den Abgrund zu stoßen und Mitglied von Apocalypses Gefolgschaft werden zu lassen. Überhaupt wird dem Charakter des Magneto ja in den drei Filmen der Prequel-Reihe der größte und stärkste Entwicklungsbogen spendiert. So darf Michael Fassbender dankenswerter Weise nun nur noch tiefer in die innere Zerrissenheit der Figur eintauchen und er lässt all diesen Schmerz und all diese Wut so überzeugend spürbar werden, hadert so sehr mit seiner Existenz, dass er über die dramaturgischen Schwächen in der Entwicklung seiner Figur, die sich erzählerisch seit First Class immer noch im Kreis dreht, hinweg sehen lässt. So mischen sich auch die immer gleichen Variationen von Momenten des schwermütigen Dialoges zwischen Charles und Erik in den Film, bei denen die Hoffnung und der Optimismus des einen der Desillusion und der Verbitterung des anderen diametral gegenüber stehen. Überhaupt kommt einem vieles bekannt vor und hinterlässt ein leises Déjà-vu-Gefühl, Nightcrawlers Käfigkampf zum Beispiel, die Nuklearwaffen oder die Dark Phoenix-Szene und noch so manch anderes Bild mehr bedient sich bei bekannten Motiven des ganzen Zyklus, aber das stört, wenn überhaupt, nur am Rande und löst eher willkommenes Anerkennen aus.

 

 

 

„Elohim, Pushan, Ra – I’ve been called many names over many lifetimes. I am born of death. I was there to spark and fan the flame of man’s awakening, to spin the wheel of civilization. And when the forest would grow rank and needed clearing for new growth, I was there to set it ablaze.“

 

 

 

Auf den ersten Blick folgt Apocalypse der aktuell so beliebten Hollywood-Maxime der ständigen Steigerung. Ging es noch in Days of Future Past „nur“ um das Überleben der Mutanten, steht nun nicht weniger als das Schicksal der gesamten Welt auf dem Spiel. Und tatsächlich ist mit Apocalypse dieses mal der Bösewicht um ein vielfaches mächtiger als zuvor, die Action größer und bombastischer und die Anzahl der für die Handlung relevanten (oder manchmal auch nicht relevanten) Figuren kaum noch überschaubar, aber Bryan Singer überspannt den Bogen nie, zeigt Verständnis für seine Charaktere und deren Entwicklung und stattet seinen Film trotz Blockbuster-Mechanismen und Spezialeffekt-Gewitter im Finale mit Herz und Seele aus. Und trotz des üblichen CGI-Overkills, den man aus unzähligen anderen Filmen bereits kennt und in solchen finalen Konfrontationen geradezu erwarten würde, bietet Apocalypse aber auch immer wieder kleine, visuell toll umgesetzte Momente, wenn so manche Figur das wahre Potential ihrer Kräfte entdecken darf. Wenn Bryan Singer schließlich zum letzten Akt in seinem Film ansetzt, dann finden die wirklich großartigen Szenen auch nicht in den Kämpfen zwischen den vier Reitern des Apocalypse und den jungen X-Men statt, sondern vielmehr bei einem Kräftemessen auf Gedankenebene zwischen Apocalypse und Charles Xavier. Dieses Duell hätte man durchaus noch ein wenig ausgefallener inszenieren können, dennoch weiß es zu überzeugen und setzt einen angenehmen Gegenpol zu der übrigen Zerstörungsorgie. Dass diese weder spürbare Folgen noch wirkliche Konsequenzen hat, ist ja inzwischen schon so etwas wie eine moderne Blockbuster-Krankheit geworden: Kairo wird im Finale effektvoll und bildgewaltig in Schutt und Asche gelegt, aber der Schrecken und die Bedrohung, die von Apocalypse ausgehen, werden für den Zuschauer nie ernsthaft greifbar und bleiben allenfalls abstrakt. Keine zivilen Opfer, kein einrückendes Militär, nichts dergleichen bietet der Film auf, um seinem Finale auch wirklich merkliches Gewicht zu verleihen. Zugegebenermaßen machen das in diesem Punkt inzwischen einige Filme aus dem MCU und sogar Batman v Superman: Dawn of Justice deutlich besser.

 

Natürlich hat X-Men: Apocalypse auch seine Probleme: die bereits erwähnte Folgenlosigkeit der Ereignisse, der von den Allmachts- und Weltherrschaftsfantasien seines Bösewichts angetriebene Plot ist dünn, nicht immer sind Entscheidungen nachvollziehbar (so wirken die Rekrutierungsmaßnahmen von Apocalypse bis auf Magneto doch eher willkürlich), nicht jede Idee funktioniert auch immer (wie die vollkommen sinnfreien elektromagnetischen Käfige, um Mutanten im Zaun zu halten), die Besetzung und auch der Umgang mit so manchem Charakter ist fragwürdig (Psylocke, Storm und Angel vor allem) und erzählerisch dreht man sich immer noch sowohl im kleinen wie im großen im Kreis. Aber Bryan Singer hat viele gelungene Ideen dagegen anzubringen, die immer wieder verhindern, dass der Film in Avengers-Reflexe verfällt und in Hirn und Herz befreites Blockbuster-Kino abzurutschen droht. Zudem geht X-Men: Apocalypse gekonnt genug mit seinem Arsenal an Figuren um, um ein emotional glaubwürdiges Zentrum zu erschaffen, welches den Film ein wenig erdet, und die aufgeworfenen, durchaus existenzialistischen Fragen über den Glauben an alleinige Macht, die Verführung zielloser, verwirrter Außenseiter und Gesellschaftsstrukturen voller Ressentiments bestehen problemlos neben den reinen Unterhaltungswerten und verschwinden nicht unter all dem Bombast, all der Action und all den Spezialeffekten. Letztlich nimmt Bryan Singer noch ein paar lose Fäden wieder auf, bringt sie zu Ende und rebootet sein Universum nun vollständig. Theoretisch bräuchte es keinen weiteren Film mehr, denn der Zyklus fügt sich zusammen, die Geschichte ist erzählt und man steht wieder am Anfang. Dass das aber so nicht kommen wird ist nur allzu offensichtlich.

 

7 von 10 Szenen mit Quicksilver, die hoffentlich nicht bald überhand nehmen