Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

Arrival

28. März 2017 at 11:51

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Language is the foundation of civilization. It is the glue that holds people together. It is the first weapon drawn in a conflict.“

 

 

 

Eines Tages landen urplötzlich zwölf riesige, außerirdische Raumschiffe an zwölf verschiedenen Orten überall auf der Erde, doch was sie wollen oder woher sie kommen, das ist vollkommen unklar. Nachdem erste Kontaktversuche scheitern, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Dr. Louise Banks und den Physiker Dr. Ian Donnelly, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln und somit auch ihre Absichten zu offenbaren. Da diese Wesen auf einer vollkommen anderen Grundlage kommunizieren als der Mensch, ist die sprachliche Annäherung ein ausgesprochen mühsames Unterfangen, welches nur sehr langsam vor sich geht. Doch da sich global die politische Lage mehr und mehr verschärft, läuft den beiden Wissenschaftlern zusehends die Zeit davon.

 

Ich werde nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, was für ein talentierter wie spannender Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Polytechnique, Incendies, Prisoners, Enemy und Sicario sprechen da in meinen Augen für sich und nun, nach Arrival, habe ich auch keine Angst mehr um seine Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme und sehe Blade Runner 2049 nun deutlich gelassener entgegen. Sein Arrival beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life von Ted Chiang, welche sich der Frage widmet, was wirklich passieren würde, wenn plötzlich außerirdische Wesen unseren Planeten besuchen würden, und verknüpft diese Gedanken mit einem emotionalen Subplot. Arrival greift das auf und entwickelt diese Ideen weiter. Thematisch steht ganz eindeutig sogar in zweifacher Hinsicht Kommunikation im Vordergrund. Zunächst auf der eher kleineren Ebene um die Kontaktaufnahme selbst, das grundlegende Verstehen und das Verständnis zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie? Wie wird kommuniziert? Wörtlich oder bildlich? Können elementare Konzepte des jeweils anderen überhaupt verstanden werden? Diesem weiten und auch spannendem Feld widmet sich die rund erste Hälfte von Arrival, ohne dabei zu trocken zu wirken, denn die Faszination der Fremdartigkeit überwiegt. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Kommunikation dann auch auf eine weitere Ebene, wenn es um Diplomatie, um Vertrauen und Kompromisse sowie um Fähigkeit geht, die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten übergeordneter Ziele zurückstellen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Science-Fiction-Filmes im allgemeinen und die des Invasions-Filmes im besonderen, dann überrascht es schon ein wenig, dass sich Villeneuve gerade eben nicht gleich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Neuankömmlingen stürzt, sondern vor allem den Konflikt innerhalb der menschlichen Spezies befeuert, welche sich, unwissend ob Herkunft oder Intention der Außerirdischen, in Unruhen, Aufstände und Plünderungen immer weiter hinein steigert.

 

Arrival kommt erzählerisch ungemein langsam daher, ist sehr reduziert, nicht so sehr thrillerartig spannungsgeladen wie Prisoners oder Sicario, aber dennoch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend und für seine Thematik erstaunlich intim inszeniert. Deswegen aber ist Arrival keineswegs weniger dramatisch oder gar langweilig, wirft der Film doch geradezu essentielle Fragen über die menschliche Existenz auf, ohne dabei allzu oberlehrerhaft zu wirken, und verknüpft gekonnt das Schicksal der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal seiner Protagonistin. Villeneuve aber lässt seine Erzählstruktur immer wieder brüchig werden und streut losgelöst vom Geschehen mehrfach hineinragende Sequenzen ein, welche aus dem Inneren von Louise zu kommen scheinen – Flashbacks, Visionen, Einbildung oder Erinnerungsfetzen, die sich immer wieder um ein zu Beginn des Filmes in bester Terrence Malick-Manier etabliertes Motiv drehen: den frühen Tod ihrer Tochter. So erzählt Arrival auch nur vordergründig eine Geschichte über den Besuch von Außerirdischen auf der Erde, wendet sich zusehends anderen, viel intimeren Themen zu, zeigt sich in seiner Gesamtheit deutlich vielschichtiger als ursprünglich gedacht und offenbart eine klug durchdachte und zunehmend packende Geschichte innerhalb seiner Geschichte, die am Ende jede Menge Diskussionspotential bieten wird und aktueller kaum sein könnte, soviel ist gewiss. Arrival ist zwar überwiegend in vielen eher dunklen Grau – und Blautönen gehalten, dennoch aber visuell absolut umwerfend. Allein das Design der außerirdischen Raumschiffe zeigt, dass Villeneuve sein Thema doch grundlegend anders angeht als dies bisher so oft der Fall war. Sind doch oft sowohl die Außerirdischen als auch deren Technik nur unschwer als denkbare Variante des uns bereits Bekannten zu identifizieren, erscheinen hingegen die Raumschiffe in Arrival wie die Manifestation eines fundamental Anderem fernab jeglichen bekannten Designs und erinnert am ehesten noch an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Film 2001. Konsequenter Weise verweigern sich diese Flugkörper dann zunächst auch jeder rationalen Ergründung, wenn sogar die uns bekannten Gesetze der Physik in deren Innern keine Anwendung mehr finden. In diesem Kontext müssen auch unbedingt noch der Soundtrack und das Sounddesign erwähnt werden, die beide zusammen mit dem Look des Filmes Hand in Hand gehen und eine überwältigende Symbiose hervorbringen, die große Teile der fremdartigen Atmosphäre bestimmt. Die Filmmusik stammt erneut aus der Feder des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, der zuvor bereits Prisoners und Sicario mit seinen dröhnenden und wabernden Klängen zu veredeln wusste, und in Kombination mit dem Sounddesign von Sylvain Bellemare und seinem Team – insbesondere die Akustik der Außerirdischen ist beeindruckend –  ensteht eine unwirkliche, fremde und rätselhafte Stimmung, die nochmals sehr schön unterstreicht, wie sehr sich die Außerirdischen in allen Belangen von allem unterscheiden, was uns bekannt ist.

 

Insgesamt ist Denis Villeneuve mit Arrival erneut ein sehr guter Film gelungen und bietet dem geneigten wie aufgeschlossenem Zuschauer intelligentes wie gleichermaßen emotionales Science-Fiction-Kino der etwas besonderen Art. Nicht alles ist perfekt und gerade zum Ende hin tappt das Drehbuch in die eine oder andere Klischeefalle (Stichwort: ausgelutschte Feindbilder) und zieht vielleicht etwas zu sehr das Tempo in Richtung zugespitztem Konflikt an, aber das sind dann auch nur Abzüge in der B-Note, denn Arrival macht sehr viel anders als gewohnt und trotzdem richtig. Leider habe ich den Film (wie schon Sicario) nicht im Kino erleben können, doch da gehört er zweifellos hin, auf die große Leinwand, um seine Pracht vollends entfalten zu können. Arrival ist Kino für die Sinne, für den Kopf und für das Herz gleichermaßen, wirkt zwar bedrückend und düster, aber keineswegs hoffnungslos, und ist auch ein Plädoyer für Solidarität, Einigkeit und Zusammenhalt. Eine zwar sehr offensichtliche, in der heutigen Zeit aber kaum weniger wichtige Botschaft. Oder um Wittgenstein zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

 

9 von 10 Hektapoden

 

 

Sicario

9. Februar 2016 at 20:19

 

 

© Lionsgate

 

 

 

„Nothing will make sense to your American ears, and you will doubt everything that we do, but in the end you will understand.“

 

 

 

Nachdem die junge FBI-Agentin Kate Macer bei einer Drogenrazzia in Arizona eher zufällig dutzende Leichen entdeckt, allesamt fein säuberlich in Plastik verpackt und in den Wänden des Hauses versteckt, ruft das eine behördenübergreifend agierende Taskforce auf den Plan, die den mexikanischen Drogenkartellen den Kampf angesagt hat. Der etwas undurchsichtige Geheimdienstler Matt Graver leitet diese Operation und will Kate als Verbindungsglied zum FBI unbedingt mit dabei haben. Als diese sein Angebot annimmt hat sie noch keine Vorstellung davon, worauf sie sich mit Graver und dessen externen Berater Alejandro eingelassen hat…

 

Ich kann gar nicht oft genug betonen, was für ein begnadeter Regisseur der Frankokanadier Denis Villeneuve doch ist. Seine Filme Polytechnique, Incendies, Enemy und Prisoners sind allesamt grandiose Werke, spannend, düster und oft nur schwer zu verdauen. Sein neuester Film Sicario bildet da absolut keine Ausnahme, so pessimistisch und gnadenlos wie es hier zur Sache geht. Nach einem Amoklauf an einer Hochschule, Jahre und Generationen überdauernden Kriegsverbrechen, seltsamen Doppelgängern und entführten Kindern thematisiert Villeneuve nun also den aufreibenden und frustrierenden Kampf amerikanischer Behörden gegen die mexikanischen Drogenkartelle, denen auf legalem Wege kaum beizukommen ist und die immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. So ist Sicario entsprechend seiner Thematik auch ein zutiefst ambivalenter Film geworden, der Grauzonen auslotet und nicht nur jegliche moralischen Grenzen verschwimmen lässt, sondern sie mit zunehmender Laufzeit einfach auflöst. Indem Villeneuve die FBI-Agentin Kate Macer zum erzählerischen Dreh – und Angelpunkt in seinem desillusionierenden Abgesang auf Recht und Unrecht macht, gelingt es ihm auf einfache, aber ungemein effektive Art und Weise, den Zuschauer sofort und unmittelbar mit einzubeziehen. Ist sie anfangs noch fest verankert in dem Glauben, richtig zu handeln und gewillt, die Drahtzieher, die Hintermänner der Kartelle, zu erwischen, ebenso moralisch integer wie idealistisch und nicht minder ahnungslos wie der Zuschauer selbst angesichts der sich überschlagenden Ereignisse, so stellen die folgenden Erlebnisse ihre moralischen Vorstellungen nicht nur mehr und mehr in Frage, sondern auch gleich völlig auf den Kopf. Sie ist die Eintrittskarte für den Zuschauer in diese verkommene, grausame und kaum vorstellbare Welt voller Gewalt. Sie fungiert als moralischer Kompass in einer Welt ohne Moral, wodurch zunehmend ihre Hilf – und Nutzlosigkeit demonstriert wird. Mehr als eine Randfigur in dieser Operation wird Kate nicht werden, ein Spielball höherer Behörden als der ihren, leicht zu manipulieren aufgrund ihrer reflexartigen Rechtschaffenheit und genau deswegen überaus nützlich ohne es zu wissen. So ahnungslos wie sie ist, so verunsichert, ängstlich und machtlos, repräsentiert sie den Zuschauer selbst und wird zur Projektionsfläche für unsere eigenen Empfindungen. Zudem wirkt sie überaus menschlich und authentisch gerade weil sie eben überfordert ist mit den Ereignissen und ihren inneren Konflikt nicht ohne weiteres gelöst bekommt, wenn die bittere Erkenntnis auf sie wartet, dass sie Teil von etwas geworden ist, dessen Methoden sich kaum bis gar nicht von denen der Drogenkartelle unterscheiden.

 

 

 

„You should move to a small town, somewhere the rule of law still exists. You will not survive here. You are not a wolf, and this is a land of wolves now.“

 

 

 

Villeneuve findet zusammen mit seinem Kameramann Roger Deakins dann auch nahezu perfekte und unglaublich ausdrucksstarke Bilder für Sicario. Deakins, der nicht nur auch schon Prisoners hervorragend einzufangen wusste, sondern auch der Stamm-Kameramann der Coen-Brüder ist und folglich beim fulminanten No Country for Old Men bereits ein vergleichbar düsteres Setting in Staub und Hitze auf die Leinwand bringen konnte, leistet wirklich ganz hervorragende Arbeit. Lange Einstellungen dominieren den Film, die Enge und Weite zugleich vermitteln, und manchmal quälend langsam daherkommen, dann aber auch wieder sehr dynamisch und regelrecht explosiv ausfallen können, wenn das Erzähltempo es erfordert. Insgesamt ist Sicario einfach grandios inszeniert mit seinen ständig wechselnden Perspektiven und Blickwinkeln und allein die Tunnelsequenz ist ihr Geld schon wert, erinnert diese doch in ihrer unsäglichen Spannung sehr an das Finale im grandiosen Zero Dark Thirty von Kathryn Bigelow. Zudem bietet Sicario mit einer Fahrt in einem schwerbewaffneten Konvoi über die mexikanische Grenze rein nach Juarez und wieder zurück eine der spannendsten und vibrierendsten Szenen seit sehr langer Zeit. Solcherlei Szenen sind herausragende Spitzen in den 121 Minuten, die der Film dauert, aber Sicario ist von der ersten bis zur letzten Minute und sogar in seinen augenscheinlich ruhigen Momenten enorm spannend und intensiv geraten und lässt den Zuschauer ebenso wie seine Protagonistin beinahe nie wirklich zur Ruhe und zum Durchatmen kommen. Der Score des Isländers Jóhann Jóhannsson, der wie Roger Deakins ebenfalls schon bei Prisoners mit an Bord war, fügt sich dann dazu nahtlos in diese spannungsgeladene Inszenierung ein. Verstörend, bedrohlich und unterschwellig brodelnd unterstreicht er die richtigen Stellen und stellt sicher, dass einem die Schwere der Handlung in Sicario auch jederzeit bewusst ist. Den Rest erledigt dann die fantastische Besetzung rund um Emily Blunt, die ihre Kate Macer wirklich ganz hervorragend anlegt und sowohl ihren anfänglichen Idealismus wie auch ihre später immer deutlicher zum Tragen kommende Verunsicherung und letztlich ihre betäubende Machtlosigkeit in jeder Szene spürbar macht ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Ihr wohnt eine faszinierende Natürlichkeit inne und man kauft ihr diese Rolle vollkommen ab, so authentisch gestaltet sie die junge FBI-Agentin als genau die passive Schlüsselfigur, die sie letztlich auch ist in diesem rätselhaften und kaum zu durchschauendem Konstrukt aus Zuständigkeiten, Kompetenzen und Politik. Und eben jene Rätselhaftigkeit wiederum verkörpern dann Josh Brolin als Matt Graver und Benicio Del Toro sogar noch mehr als der lange Zeit überhaupt nicht wirklich einzuordnende und geheimnisvolle Alejandro. Brolin füllt seinen Matt Graver so sehr mit ätzendem Zynismus, das er wahrlich nicht besonders sympathisch wirkt. Das bereits vor geraumer Zeit völlig desillusionierte Produkt eben jenes aussichtslosen Krieges, der dort im amerikanisch /mexikanischen Grenzland geführt wird, das verbitterte Gegenstück zur idealistischen Kate und vielleicht ein kleiner Ausblick auf ihre Zukunft. Alejandro dagegen ist noch einmal eine ganz andere Liga, mysteriös, wortkarg und die wohl am wenigsten durchschaubare Figur in Sicario, deren eigentliche Motivation sich erst zum Ende hin offenbart. Benicio Del Toro erweist sich als die perfekte Besetzung für den abgebrühten, kaltschnäuzigen und eiskalten Alejandro.

 

Mit Sicario ist Denis Villeneuve ein weiterer herausragender Film gelungen und der Regisseur unterstreicht auch hier mühelos, dass er zweifellos zu den momentan absolut besten seines Fachs zählt. Film um Film dreht er ein kleines Meisterwerk nach dem anderen. Er zeichnet in seinem jüngsten Werk ein sehr realistisches, schonungsloses und ausgesprochen pessimistisches Bild eines Krieges, bei dem es keine Sieger wird geben können. Um dies zu unterstreichen, findet er immer wieder extrem brachiale, zynische und erbarmungslose Motive, und gestaltet Sicario unglaublich desillusionierend. Es ist vielleicht nicht sein bester Film, denn das ist für mich aufgrund seiner emotionalen Wucht, Tragweite und Dringlichkeit immer noch Incendies, aber Sicario ist dennoch verdammt starkes Spannungskino der Extraklasse und ohne jeden Zweifel auch einer der besten Filme im letzten Jahr, der sich mühelos in die Top 3 meiner Lieblingsfilme 2015 hätte schieben können, hätte ich es doch nur früher geschafft ihn anzuschauen.

 

9 von 10 einbetonierten Leichen

 

 

 

 

 

 

Incendies – Die Frau die singt

16. Oktober 2015 at 14:27

 

 

 

Incendies (2010)
Incendies poster Rating: 8.2/10 (67,249 votes)
Director: Denis Villeneuve
Writer: Valérie Beaugrand-Champagne (script consultant), Wajdi Mouawad (play), Denis Villeneuve
Stars: Mustafa Kamel, Hussein Sami, Rémy Girard, Mélissa Désormeaux-Poulin
Runtime: 139 min
Rated: R
Genre: Drama, Mystery, War
Released: 12 Jan 2011
Plot: Twins journey to the Middle East to discover their family history, and fulfill their mother's last wishes.

 

 

„Death is never the end of the story. It always leaves tracks.“

 

 

 

Nach dem Tod ihrer Mutter eröffnet ein Notar den beiden Zwillingen Jeanne und Simon Marwan deren Testament, welches zwei Dinge offenbart: die beiden haben einen weiteren Bruder und ihr tot geglaubter Vater scheint doch noch am Leben zu sein. Es ist der letzte Wunsch ihrer Mutter, dass die Zwillinge versuchen die beiden im Libanon ausfindig zu machen. Simon ist nicht sonderlich begeistert von dieser Idee, doch seine Schwester Jeanne macht sich bereitwillig auf den Weg in den Nahen Osten und begibt sich auf die Spur der Vergangenheit ihrer Mutter, um so Stück für Stück die Geschichte ihrer Familie zu enthüllen…

 

Ein gewaltiger Schlag in die Magengrube ist Incendies, der zweite Spielfilm des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve, der auf sein ebenfalls sehr zu empfehlenden Erstlingswerk Polytechnique folgte. Später realisierte der Mann mit Enemy und Prisoners ebenfalls zwei sehr starke Filme und aktuell ist sein Sicario im Kino zu sehen. Allesamt extrem lohnenswerte Filme, aber keiner von ihnen erzielt eine vergleichbare Wirkung wie Incendies. Schon die allererste Szene ist schlicht und ergreifend atemberaubend, ebenso klar und präzise wie bedrückend und erschütternd in ihrer Bildsprache und lässt zu den Klängen von Radioheads You and Those Army? bereits von der ersten Sekunde an ein sehr unangenehmes Gefühl entstehen. Der perfekte Einstieg in diese Geschichte und ein überaus gelungener Blick auf die folgenden 120 Minuten. Diese Bildsprache zieht sich dann auch durch den ganzen Film und immer wieder gelingt es Villeneuve, die erschreckensten Momente wunderschön zu inszenieren, was ihre Wirkung nur noch weiter verschärft. So erzählt er eine schmerzhafte und aufwühlende Geschichte, die den Zuschauer in die Zeit des Bürgerkrieges im Libanon mitnimmt und sich über verschiedene Orten und Zeiten hinweg nur langsam Stück für Stück offenbart. Das Erzähltempo ist sehr unaufgeregt und macht in Kombination mit der wunderschönen Bildsprache die Enthüllungen im Laufe des Films nur noch schrecklicher. Ganz ohne die explizite Darstellung der grausamen Details gelingt es Villeneuve gerade durch den Verzicht auf die in solchen Genres doch häufig bemühten Taschenspielertricks, eine Atmosphäre zu erschaffen, die den Zuschauer sogartig in die Ereignisse hinzieht und nicht mehr loslassen wird, so intensiv und aufwühlend wie sie ist.

 

 

 

„Childhood is a knife stuck in your throat. It can’t be easily removed.“

 

 

 

Incendies ist breit angelegt und erzählt von Schuld, Sühne, Glauben und Vergebung, der Film ist episch, aber dennoch ausgesprochen intim, weil sich universelle Konflikte im ganz kleinen, persönlichen Rahmen abspielen. Ist Schuld erblich? Erlischt diese mit dem Tod der schuldigen Person? Solch essentielle Fragen wirft Incendies in seinem Verlauf immer wieder auf und erforscht diese über mehrere Generationen und Zeiträume hinweg, ohne immer Antworten finden zu können. Das liegt auch gar nicht im Fokus des Films, Villeneuve erzählt seine Geschichte geradezu nüchtern und wertfrei, den Rest muss der Zuschauer für sich selbst übernehmen. Er zeigt uns Leiden und Leben in einem Krieg, der nicht ständig von Explosionen und Gewehrfeuer begleitet wird, ein Krieg, der vielmehr im Stillen stattfindet, in den betroffenen Menschen, in uns. Soziale und moralische Traumata sind es, die sich hier zeigen, Verschiebungen ethischen Denkens und geschundene Seelen. Wunden, die vielleicht niemals werden heilen können. Hoffnung, Träume, Wahnsinn und alles auf einmal. Als würde das alles nicht schon reichen, setzt Villeneuve dem ganzen zum Schluss die Krone auf, in dem er eine finale Wendung präsentiert (die hier selbstverständlich nicht verraten werden kann), die so böse und schmerzhaft daherkommt, dass es einem den Atem raubt und betäubt zurück lässt. Diese Wendung ist es dann auch, die Incendies ganz nah an die klassische, griechische Tragödie heranrückt, so nah, wie es kaum ein anderer Film zu schaffen vermag.

 

Incendies ist wahrlich ein kleines Meisterwerk, wunderschön und grausam zu gleich, schmerzhaft anzuschauen angesichts all des Wahnsinns. So verstörend und aufwühlend seine Wirkung auch ist, so gefühlvoll ist die Geschichte erzählt, präzise, aber nie plakativ. Das hat Villeneuve auch gar nicht nötig, die Bilder, die er findet, sprechen für sich und sagen alles. Ein wirklich großer Film mit starker Durchschlagskraft, der nach dem Anschauen noch lange nachhallt und beschäftigt, und zumindest ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich ihn mir ein weiteres Mal anschauen kann. Incendies ist von einer Qualität, wie man sie nur sehr selten findet, ein wichtiger Film, ein oft nur schwer zu ertragender Film, ein Film, den man unbedingt gesehen haben sollte.

 

9 von 10 Grabsteinen ohne Inschrift