Sicario

9. Februar 2016 at 20:19

 

 

© Lionsgate

 

 

 

„Nothing will make sense to your American ears, and you will doubt everything that we do, but in the end you will understand.“

 

 

 

Nachdem die junge FBI-Agentin Kate Macer bei einer Drogenrazzia in Arizona eher zufällig dutzende Leichen entdeckt, allesamt fein säuberlich in Plastik verpackt und in den Wänden des Hauses versteckt, ruft das eine behördenübergreifend agierende Taskforce auf den Plan, die den mexikanischen Drogenkartellen den Kampf angesagt hat. Der etwas undurchsichtige Geheimdienstler Matt Graver leitet diese Operation und will Kate als Verbindungsglied zum FBI unbedingt mit dabei haben. Als diese sein Angebot annimmt hat sie noch keine Vorstellung davon, worauf sie sich mit Graver und dessen externen Berater Alejandro eingelassen hat…

 

Ich kann gar nicht oft genug betonen, was für ein begnadeter Regisseur der Frankokanadier Denis Villeneuve doch ist. Seine Filme Polytechnique, Incendies, Enemy und Prisoners sind allesamt grandiose Werke, spannend, düster und oft nur schwer zu verdauen. Sein neuester Film Sicario bildet da absolut keine Ausnahme, so pessimistisch und gnadenlos wie es hier zur Sache geht. Nach einem Amoklauf an einer Hochschule, Jahre und Generationen überdauernden Kriegsverbrechen, seltsamen Doppelgängern und entführten Kindern thematisiert Villeneuve nun also den aufreibenden und frustrierenden Kampf amerikanischer Behörden gegen die mexikanischen Drogenkartelle, denen auf legalem Wege kaum beizukommen ist und die immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. So ist Sicario entsprechend seiner Thematik auch ein zutiefst ambivalenter Film geworden, der Grauzonen auslotet und nicht nur jegliche moralischen Grenzen verschwimmen lässt, sondern sie mit zunehmender Laufzeit einfach auflöst. Indem Villeneuve die FBI-Agentin Kate Macer zum erzählerischen Dreh – und Angelpunkt in seinem desillusionierenden Abgesang auf Recht und Unrecht macht, gelingt es ihm auf einfache, aber ungemein effektive Art und Weise, den Zuschauer sofort und unmittelbar mit einzubeziehen. Ist sie anfangs noch fest verankert in dem Glauben, richtig zu handeln und gewillt, die Drahtzieher, die Hintermänner der Kartelle, zu erwischen, ebenso moralisch integer wie idealistisch und nicht minder ahnungslos wie der Zuschauer selbst angesichts der sich überschlagenden Ereignisse, so stellen die folgenden Erlebnisse ihre moralischen Vorstellungen nicht nur mehr und mehr in Frage, sondern auch gleich völlig auf den Kopf. Sie ist die Eintrittskarte für den Zuschauer in diese verkommene, grausame und kaum vorstellbare Welt voller Gewalt. Sie fungiert als moralischer Kompass in einer Welt ohne Moral, wodurch zunehmend ihre Hilf – und Nutzlosigkeit demonstriert wird. Mehr als eine Randfigur in dieser Operation wird Kate nicht werden, ein Spielball höherer Behörden als der ihren, leicht zu manipulieren aufgrund ihrer reflexartigen Rechtschaffenheit und genau deswegen überaus nützlich ohne es zu wissen. So ahnungslos wie sie ist, so verunsichert, ängstlich und machtlos, repräsentiert sie den Zuschauer selbst und wird zur Projektionsfläche für unsere eigenen Empfindungen. Zudem wirkt sie überaus menschlich und authentisch gerade weil sie eben überfordert ist mit den Ereignissen und ihren inneren Konflikt nicht ohne weiteres gelöst bekommt, wenn die bittere Erkenntnis auf sie wartet, dass sie Teil von etwas geworden ist, dessen Methoden sich kaum bis gar nicht von denen der Drogenkartelle unterscheiden.

 

 

 

„You should move to a small town, somewhere the rule of law still exists. You will not survive here. You are not a wolf, and this is a land of wolves now.“

 

 

 

Villeneuve findet zusammen mit seinem Kameramann Roger Deakins dann auch nahezu perfekte und unglaublich ausdrucksstarke Bilder für Sicario. Deakins, der nicht nur auch schon Prisoners hervorragend einzufangen wusste, sondern auch der Stamm-Kameramann der Coen-Brüder ist und folglich beim fulminanten No Country for Old Men bereits ein vergleichbar düsteres Setting in Staub und Hitze auf die Leinwand bringen konnte, leistet wirklich ganz hervorragende Arbeit. Lange Einstellungen dominieren den Film, die Enge und Weite zugleich vermitteln, und manchmal quälend langsam daherkommen, dann aber auch wieder sehr dynamisch und regelrecht explosiv ausfallen können, wenn das Erzähltempo es erfordert. Insgesamt ist Sicario einfach grandios inszeniert mit seinen ständig wechselnden Perspektiven und Blickwinkeln und allein die Tunnelsequenz ist ihr Geld schon wert, erinnert diese doch in ihrer unsäglichen Spannung sehr an das Finale im grandiosen Zero Dark Thirty von Kathryn Bigelow. Zudem bietet Sicario mit einer Fahrt in einem schwerbewaffneten Konvoi über die mexikanische Grenze rein nach Juarez und wieder zurück eine der spannendsten und vibrierendsten Szenen seit sehr langer Zeit. Solcherlei Szenen sind herausragende Spitzen in den 121 Minuten, die der Film dauert, aber Sicario ist von der ersten bis zur letzten Minute und sogar in seinen augenscheinlich ruhigen Momenten enorm spannend und intensiv geraten und lässt den Zuschauer ebenso wie seine Protagonistin beinahe nie wirklich zur Ruhe und zum Durchatmen kommen. Der Score des Isländers Jóhann Jóhannsson, der wie Roger Deakins ebenfalls schon bei Prisoners mit an Bord war, fügt sich dann dazu nahtlos in diese spannungsgeladene Inszenierung ein. Verstörend, bedrohlich und unterschwellig brodelnd unterstreicht er die richtigen Stellen und stellt sicher, dass einem die Schwere der Handlung in Sicario auch jederzeit bewusst ist. Den Rest erledigt dann die fantastische Besetzung rund um Emily Blunt, die ihre Kate Macer wirklich ganz hervorragend anlegt und sowohl ihren anfänglichen Idealismus wie auch ihre später immer deutlicher zum Tragen kommende Verunsicherung und letztlich ihre betäubende Machtlosigkeit in jeder Szene spürbar macht ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Ihr wohnt eine faszinierende Natürlichkeit inne und man kauft ihr diese Rolle vollkommen ab, so authentisch gestaltet sie die junge FBI-Agentin als genau die passive Schlüsselfigur, die sie letztlich auch ist in diesem rätselhaften und kaum zu durchschauendem Konstrukt aus Zuständigkeiten, Kompetenzen und Politik. Und eben jene Rätselhaftigkeit wiederum verkörpern dann Josh Brolin als Matt Graver und Benicio Del Toro sogar noch mehr als der lange Zeit überhaupt nicht wirklich einzuordnende und geheimnisvolle Alejandro. Brolin füllt seinen Matt Graver so sehr mit ätzendem Zynismus, das er wahrlich nicht besonders sympathisch wirkt. Das bereits vor geraumer Zeit völlig desillusionierte Produkt eben jenes aussichtslosen Krieges, der dort im amerikanisch /mexikanischen Grenzland geführt wird, das verbitterte Gegenstück zur idealistischen Kate und vielleicht ein kleiner Ausblick auf ihre Zukunft. Alejandro dagegen ist noch einmal eine ganz andere Liga, mysteriös, wortkarg und die wohl am wenigsten durchschaubare Figur in Sicario, deren eigentliche Motivation sich erst zum Ende hin offenbart. Benicio Del Toro erweist sich als die perfekte Besetzung für den abgebrühten, kaltschnäuzigen und eiskalten Alejandro.

 

Mit Sicario ist Denis Villeneuve ein weiterer herausragender Film gelungen und der Regisseur unterstreicht auch hier mühelos, dass er zweifellos zu den momentan absolut besten seines Fachs zählt. Film um Film dreht er ein kleines Meisterwerk nach dem anderen. Er zeichnet in seinem jüngsten Werk ein sehr realistisches, schonungsloses und ausgesprochen pessimistisches Bild eines Krieges, bei dem es keine Sieger wird geben können. Um dies zu unterstreichen, findet er immer wieder extrem brachiale, zynische und erbarmungslose Motive, und gestaltet Sicario unglaublich desillusionierend. Es ist vielleicht nicht sein bester Film, denn das ist für mich aufgrund seiner emotionalen Wucht, Tragweite und Dringlichkeit immer noch Incendies, aber Sicario ist dennoch verdammt starkes Spannungskino der Extraklasse und ohne jeden Zweifel auch einer der besten Filme im letzten Jahr, der sich mühelos in die Top 3 meiner Lieblingsfilme 2015 hätte schieben können, hätte ich es doch nur früher geschafft ihn anzuschauen.

 

9 von 10 einbetonierten Leichen