Deadpool

12. Februar 2016 at 19:50

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„You’re probably thinking „This is a superhero movie, but that guy in the suit just turned that other guy into a fucking kebab.“ Surprise, this is a different kind of superhero story.“

 

 

 

Als bei dem Söldner Wade Wilson unheilbarer Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, kommt ihm ein mysteriöses Angebot sehr gelegen, das ihm verspricht, nicht nur den Krebs zu heilen, sondern auch einen Superhelden mit übermenschlichen Kräften aus ihm zu machen. Letztlich willigt er ein und verlässt die Liebe seines Lebens, nicht ahnend, welch furchtbare Prozedur voller Folter und Demütigung er durch den sadistischen Ajax erleiden muss. Wilson überlebt, kann nach der Zerstörung des geheimen Labors entkommen und befindet sich fortan voller Rachedurst auf der Suche nach seinem einstigen Peiniger….

 

Und schon wieder einer dieser unzähligen Superheldenfilme….. Halt, Stop! Nein, ganz sicher kein gewöhnlicher Superheldenfilm. Nicht Deadpool. Deadpool ist anders. Deadpool ist…. nun ja, Deadpool eben. Der Söldner im hautengen, roten Lederdress will auch überhaupt kein Held sein und genau das hebt ihn auf so erfrischende Art und Weise vom vergleichsweise langweiligen Rest ab. Da passt es ganz wunderbar in das Konzept des Filmes von Regieneuling Tim Miller, dass sich Deadpool von der allerersten bis zur allerletzten Sekunde nie wirklich ernst nimmt. Das beginnt schon mit dem in dieser Form wohl noch nie dagewesenem Vorspann und endet noch lange nicht mit den sogar noch abgedrehteren Credits (den Abspann bis ganz zum Ende anzuschauen lohnt sich übrigens unbedingt! 😉 ), immer und überall ist diese augenzwinkernde Lust an rabenschwarzem Humor und derben Späßen zu spüren. Und ich meine wirklich derbe Späße, denn politisch korrekt ist in diesem Film einfach mal gar nichts und die Spannbreite reicht von Fäkalhumor über plumpen Sexismus bis hin zu wirklich cleveren Wortspielen und unzähligen Referenzen an alle nur erdenklich möglichen Phänomene der Popkultur. Gerade ersteres kann man geschmacklos finden, aber eben auch wahnsinnig unterhaltsam. Gut, nicht jeder Witz zündet, manches ist zu infantil um wirklich witzig zu sein, manches will einfach nur provozieren, manches geht durch die Synchronisation verloren, obwohl man sich sichtlich bemüht hat, und einiges benötigt eine Gewisse Vorkenntnis diverser Comicwelten, um entschlüsselt werden zu können. Deadpool ist voller solcher Momente, scheinbar unzähligen sogar, er knallt einem in seinen 108 Minuten Laufzeit gefühlt mehr Anspielungen, Referenzen und Zitate auf alles mögliche um die Ohren als alle Filme von Quentin Tarantino zusammen. Der reinste Overkill, könnte man glauben, aber tatsächlich wird es nie langweilig oder gar nervend. Allerdings muss ein Teil davon beinahe zwangsläufig untergehen, denn es lässt sich kaum alles beim ersten Mal rezipieren, wodurch eine Zweit – und Drittsichtung sicherlich noch einige Überraschungen bereithalten werden. Zudem spielt Deadpool immer wieder mit einer Metaebene, die man so in einer Comicverfilmung erstmal nicht unbedingt vermuten würde, wenn man die Figur nicht kennt, um die es hier geht. Ständig durchbricht Deadpool die Vierte Wand und wendet sich an den Zuschauer selbst, manchmal sogar mitten in Actionszenen. Darüber hinaus ist sich Deadpool seiner Existenz als Superheld in einem Film durchaus bewusst und viele seiner Sprüche und Witze beziehen sich ganz konkret auf den Film selbst oder sogar auf Ryan Reynolds als Schauspieler, wodurch sich immer wieder herrlich skurrile Spielereien ergeben.

 

 

 

„I didn’t ask to be super, and I’m no hero. But when you find out your worst enemy is after your best girl, the time has come to be a fucking superhero.“

 

 

 

Deadpool beginnt mit einem fantastischen Standbild in der Mitte der Handlung und erzählt dann die Vorgeschichte zu dieser Szene und auch die des unfreiwilligen Superhelden Stück für Stück in Rückblenden. Diese nicht lineare Struktur in der Erzählweise hebt den Film dann auch noch ein wenig weiter ab vom genretypischen Einheitsbrei und katapultiert den Zuschauer gleich mitten ins blutige Geschehen. Das Tempo ist hoch, aber die Action selbst spielt sich in einem deutlich kleineren Rahmen ab als bei The Avengers und Co. Deadpool fällt nicht übermäßig spektakulär oder bombastisch aus, alles ist eine Nummer kleiner, irgendwie intimer, vor allem aber auch dreckiger, grimmiger und realistischer. Den inszenatorischen Größenwahn üblicher Comicverfilmungen sucht man hier vergeblich. Was nun keineswegs bedeuten soll, es gäbe keine gut inszenierte Action in Deadpool, ganz im Gegenteil sogar, aber es müssen ja nicht immer gleich ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt werden. Allerdings merkt man dem Film zuweilen schon sein vergleichsweise niedriges Budget an, was aber der spürbare Enthusiasmus aller Beteiligten wieder ausgleicht. Also, fast aller. Ryan Reynolds jedenfalls ist mit Haut und Haaren dabei, das merkt man seinem absoluten Herzensprojekt an, hat er doch 11 Jahre darum gekämpft, Deadpool in einer seiner würdigen Version realisieren zu können und nicht wie noch 2009 in X-Men Origins: Wolverine. Zugegeben, schauspielerisch hat er nicht allzu viel zu tun, trägt Reynolds doch meist seine Maske, aber auch die Momente ohne weiß er gelungen zu gestalten, sogar die wenigen etwas ernsteren Szenen wirken glaubhaft. Zudem geben die beiden X-Men Colossus und Negasonic Teenage Warhead („Negasonic Teenage… what the shit?“) einen guten Sidekick ab. Vor allem Colossus bildet mit seiner ruhigen und kultivierten Art einen wunderbaren Gegenpol zum überdrehten, fluchenden und sich durch seine Gegnerreihen metzelnden Deadpool. Auf der Seite der Bösewichte kann der Film leider kaum bis gar nicht überzeugen. Ed Skrein als Ajax spielt furchtbar blass und uninspiriert, zudem ist seine Figur auch sehr eindimensional und klischeehaft angelegt und wirkt wie aus dem Grundlagenhandbuch für Superheldenbösewichte abgeschrieben. Wirkliche Bedrohlichkeit verströmt Ajax zu keiner Sekunde, seinen sadistischen Wahnsinn allerdings kann Skrein mit seinem limitierten Mienenspiel auch nicht glaubwürdig darbieten. Gina Carano als Angel Dust ist da kaum besser, darf aber wenigstens in ein oder zwei Actionszenen zumindest einen Hauch ihrer MMA-Fertigkeiten zeigen.

 

Tatsächlich hebt sich Deadpool ebenso wie seine Comicvorlage in vielerlei Hinsicht von den üblichen Superhelden sehr ab. Tim Miller inszeniert seinen Film temporeich und ausgesprochen dynamisch und scheut sich glücklicherweise auch nicht davor, mit dem einen oder anderen Witz auch mal die Schmerz- und Schamgrenze zu überschreiten, denn diese gelegentliche Respektlosigkeit braucht Deadpool. So ist der Film anarchisch und provokant, aber auch ungemein unterhaltsam, zu keiner Sekunde langweilig und stellenweise sogar regelrecht klug und vor allem immer enorm selbstreflexiv. Insgesamt eine sehr gut gelungene Mischung, auch wenn nicht immer jeder Witz und jedes inszenatorische Experiment funktionieren. So bleibt Deadpool ein sehr kontroverser Held wie Film, zynisch, voller schwarzem Humor und reichlich Gewalt, kompromisslos und herrlich politisch unkorrekt. Ein frischer neuer Wind im angestaubten Genre, dem aber wohl nicht jeder etwas wird abgewinnen können.

 

8,5 von 10 Chimichangas