Inside Out (Alles steht Kopf)

14. Februar 2016 at 19:22

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„Do you ever look at someone and wonder, „What is going on inside their head?“ Well, I know.“

 

 

 

Riley ist eine ganz normale Elfjährige. Sie liebt es, Eishockey zu spielen und hasst Broccoli. Doch als ihre Eltern mit ihr das beschauliche Minnesota verlassen und nach San Francisco ziehen, weil ihr Vater dort einen neuen Job antritt, regiert in der Gefühlswelt des kleinen Mädchens das Chaos und nichts ist mehr so, wie es mal war…

 

Endlich meldet sich Pixar nach all den Fortsetzungen der letzten Jahre wieder mit einer eigenständigen Idee zurück, wusste die Produktionsschmiede doch immer dann vollends zu überzeugen, wenn sie erzählerisches Neuland betraten. Das mit Peter Docter der Regisseur von Die Monster AG und Up bei Inside Out erneut mit an Bord ist, spricht für sich. Die Rückkehr von risikofrei kalkulierten Einspielergebnissen durch Sequels hin zu wieder mehr Mut und Kreativität zahlt sich aus, denn tatsächlich besitzt sein neuestes Werk so ziemlich alles, was ein gelungener Animations-Blockbuster braucht: Wärme, Witz und Charme, geradezu überbordenden Ideenreichtum, originelle Figuren, eine fantastische Optik und ein überraschend kluges Drehbuch. Allein der Mut von Pixar gehört belohnt, etwas zu visualisieren, das sich eigentlich gar nicht visualisieren lässt, nämlich der menschliche Verstand mit all seinen Ausprägungen, Mechanismen und Funktionsweisen. So entspinnt sich aus der eigentlich recht simpel gehaltenen und dennoch genialen Ausgangslage der Story eine irrwitzige, abenteuerliche und ungemein faszinierende Odyssee durch den menschlichen Verstand, vom Kontrollzentrum der Emotionen hin zum Langzeitgedächtnis, über das abstrakte Denken zum Fantasieland und imaginären Freunden, von den Traumstudios ins Unterbewusstsein und zum Friedhof der vergessenen Erinnerungen. Was sich die Macher von Inside Out alles haben einfallen lassen, um all diese Prozesse unseres Verstandes visuell auf die Leinwand zu bringen, ist einfach atemberaubend und selten war Pixar so kreativ wie hier. Vor allem wandeln sie enorm komplexe und zum Teil bis heute unerforschte, für Laien kaum verständliche Vorgänge in schlicht gehaltene und einfache Bilder und Motive, die einfach fantastisch funktionieren. Und so, wie Inside Out das Innenleben und die Emotionen der kleinen Riley als Thema hat, so bedient er sich auch geschickt der ganzen Palette an Gefühlsregungen, ist nicht immer nur witzig und temporeich, sondern eben auch traurig und melancholisch erzählt, ebenso komisch wie dramatisch, aber vor allem immer sehr warmherzig, nie kitschig und ganz nah am Leben und unseren eigenen Gefühlswelten, wodurch der Film für uns zu jeder Sekunde vollkommen nachvollziehbar wird. Zudem funktioniert Inside Out wie beinahe alle Filme von Pixar auf zwei verschiedenen Ebenen: zum einen werden auch hier die kindlichen Bedürfnisse bedient, der Film ist kurzweilig, spaßig, bunt und toll anzuschauen, aber für Erwachsene hält dieser visuelle Abenteuerspielplatz noch ganz andere Dinge bereit, ist enorm klug erzählt, weiß auch den Intellekt anzusprechen und regt zum Nachdenken an. Letztlich ist dann auch die vielleicht wichtigste Erkenntnis am Ende von Inside Out nämlich die, dass es vollkommen okay ist, nicht immer nur fröhlich zu sein, denn keine unserer Emotionen kann nur für sich allein stehen. Und es ist auch völlig in Ordnung, unsere Emotionen zu zulassen und ihnen Raum zu geben, statt sie zu unterdrücken. Louis CK sagte einmal sinngemäß, dass die Menschen viel zu oft versuchen, ihre Emotionen durch Ablenkung zu unterdrücken, was schade ist, sind sie doch das ehrlichste, was wir zu bieten haben. Wir haben ohnehin keine Kontrolle über unsere Gefühlswelt, aber wir können entscheiden, wie wir mit ihr umgehen wollen.

 

Mit Inside Out ist Pixar nach langer Durststrecke endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen, das nicht nur sehr gut unterhält, sondern auch einen intelektuellen wie emotionalen Mehrwert bietet und sich angenehm von der Masse der lieb – und ideenlos zusammengestückelten Animationsfilme abhebt. Pete Docter fackelt hier ein visuelles wie kreatives Feuerwerk ab, das mühelos an die besten Filme von Pixar erinnert und sich wahrlich nicht hinter Toy Story, Finding Nemo, Wall-E oder Up verstecken muss. Inside Out ist humorvoll und tiefgründig, lehrreich und auf seine Art weise, warmherzig und charmant, clever geschrieben und entfesselt ein wahres Panoptikum der inhaltlichen und visuellen Ideen. Ein kluger Film mit gehaltvoller Botschaft, dessen Anschauen sich unbedingt lohnt und der bei weitem nicht nur für Kinder geeignet ist.

 

8 von 10 unfreiwilligen Ohrwürmern