Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

Star Wars: The Force Awakens

18. Dezember 2015 at 2:42

 

 

 

Star Wars: The Force Awakens (2015)
Star Wars: The Force Awakens poster Rating: N/A/10 (N/A votes)
Director: J.J. Abrams
Writer: Lawrence Kasdan, J.J. Abrams, Michael Arndt, George Lucas (characters)
Stars: Daisy Ridley, Carrie Fisher, Mark Hamill, Adam Driver
Runtime: 135 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Fantasy
Released: 18 Dec 2015
Plot: A continuation of the saga created by George Lucas and set thirty years after Star Wars: Episode VI - Return of the Jedi (1983).

 

 

 

„This will begin to make things right.“

 

 

 

An dieser Stelle muss ich auf die übliche, kurze Inhaltsangabe verzichten, denn diese Review soll frei von Spoilern bleiben, um niemanden um das Vergnügen zu bringen, all diese Dinge im Film selbst zu entdecken und zu erleben. Auf die Handlung selbst werde ich also nicht eingehen. Die größte Frage von allen dürfte wohl sein: kann der Film dem zum Teil auch künstlich erschaffenem, gigantischen Hype um ihn herum mit all den bereits im Vorfeld gebrochenen Vorverkaufsrekorden gerecht werden? Wohl kaum, wie sollte er auch? Muss er das überhaupt? Nein, auf keinen Fall! Wäre er dann gescheitert? Auch hier kann ich nur sagen: Nein, auf keinen Fall! Vorweg muss ich zugeben: ich bin Fanboy. Nicht einfach nur Fan, nicht bloß jemand, der die Filme und das Universum, welches sie erschaffen, mag. Ich liebe sie, habe sie so oft gesehen, dass ich gar nicht mehr weiß, wie oft eigentlich genau, und ganz sicher keine anderen Filme öfter. Vermutlich kann ich sie auswendig mitsprechen. Zumindest Episode IV bis VI. Über Episode I bis III…. nun ja, darüber möchte ich lieber nicht sprechen. Das Erbe also ist groß, die Messlatte weit oben und die Fallhöhe tief, dennoch will ich mich bemühen, so objektiv wie möglich zu bleiben und mich nicht von Hype und Nostalgie blenden zu lassen…

 

Dieser Tage erscheint also mit The Force Awakens die siebte Episode dieser Sternenkriegssaga und somit nicht nur der von mir, sondern vielmehr der weltweit seit Jahren wohl am sehnsüchtigsten erwartete Film überhaupt. Denn Star Wars ist mehr als nur eine erfolgreiche Filmreihe, es ist größer und bedeutsamer, als kaum ein anderer Film, überdauert seit Jahrzehnten, hat kaum von seiner Anziehungskraft eingebüßt und verbindet Generationen. Ein Phänomen, welches sich still und leise in unser Leben geschlichen hat, nicht einfach nur ein weltweit kulturelles Ereignis, das zum festen Bestandteil der Popkultur wurde, Star Wars ist schon längst in unserem Alltag angekommen, in unser kollektives Gedächtnis gesickert und durchdringt mittlerweile alles Mögliche auch fernab seines eigentlichen Ursprungs. Selbst Nichtkenner der Filme und der Materie sind die Charaktere und deren Namen, die ikonischen Bilder, die Dialoge oder die Musik ein Begriff und sogar sie sind dazu in der Lage, Anspielungen auf Inhalte zu erkennen und zu dekodieren, ohne diese jemals bewusst erlebt zu haben. Schon längst haben diese Filme die Grenze vom reinen Unterhaltungsprodukt hin zu etwas viel größerem überschritten, zu einem Mythos, für manchen sogar zu einer Art von Religion, und haben sich völlig aus ihrem Kontext gelöst, ein Eigenleben entwickelt, das so unmöglich absehbar war, als Episode IV das Licht der Kinos dieser Welt erblickte. Auch ist Star Wars nicht nur der Impulsgeber der modernen Filmvermarktung mit all dem Merchandise und den Millionen von Fanartikeln, wie wir es heute doch so gewohnt sind, es ist vielmehr die Blaupause schlechthin für die kommerzielle Filmauswertung, wie wir sie permanent erleben, Vorreiter und Musterbeispiel zu gleich. Und letztlich ist die Saga natürlich auch Ausdruck der Lust am Erzählen und am visuellen Spektakel und damit nicht weniger als die logische und konsequente Weiterentwicklung der ursprünglichen Kraft des Kinos und der bewegten Bilder. Eskapismus in Reinkultur, die Lust am Schauen des Unmöglichen, die kurze und zeitlich begrenzte Flucht in eine gänzlich andere Welt als die eigene. Niemand sollte das moderne Kino so sehr prägen wie George Lucas mit Star Wars, indem er einen Mythos erschuf, etwas, das aus seiner Vorstellungskraft heraus auf die Leinwand und von dort in die Köpfe von Millionen von Menschen gelang und nun nicht mehr wegzudenken ist.

 

 

 

„I’ve got a bad feeling about this.“

 

 

 

Genug drumherum geredet, kommen wir doch endlich zum eigentlichen Beweggrund für diese Review, die, das kann ich nicht leugnen, etwas umfassender ausfällt als gewohnt. Alle Spekulationen und Befürchtungen rund um Episode VII, die seit deren Ankündigung Fans und Nerds weltweit in Atem hielten, haben nun ein Ende. Es ist vollbracht, der Film ist da und wir alle dürfen aufatmen, denn er ist gut. Wirklich richtig gut. George Lucas selbst ist bekanntermaßen nicht mehr an Bord, dessen Vision seiner Prequel-Trilogie bei den Fans keinen Anklang finden konnte, zu seelenlos und steril waren all diese seltsamen Szenerien, zu sehr an den erzählerischen Geist einer Seifenoper angelehnt, und statt Schmutz, Dreck und Staub auf entfernten, exotischen Planeten und dem klassischen Kampf Gut gegen Böse gab es auf Hochglanz polierte Senatssäle und scheinbar endlose, politische Diskussionen über Handelsabkommen. Das aber größte Verbrechen war der Versuch, das Mystische zu entmystifizieren, indem Lucas durch die plötzlich eingeführten Midi-Chlorianer die Macht rational erklärbar machte. Der Schleier des Geheimnisvollen wurde von den Filmen genommen, denn etwas, das gar keiner Erklärung bedurfte und auch genau deswegen so faszinierend war, diese gewisse Magie, der Geist der alten Trilogie, war plötzlich nicht mehr vorhanden. Nun sitzt also J.J.Abrams auf dem Regiestuhl, der Mission Impossible wiederbelebte, mit Super 8 auf wundervolle Art und Weise dem Kino eines Steven Spielbergs huldigte und mit seinem Star Trek-Reboot Kirk und Spock sogar für Nicht-Fans interessant und unterhaltsam machte. Kaum jemandem sonst hätte ich zugetraut, Episode VII nicht vor die Wand zu fahren, denn der Mann ist glaubwürdig selbst Fan und hat verstanden, worum es geht und was es braucht, nämlich eine ausgewogene Balance aus Nostalgie und Moderne. Und genau das bietet The Force Awakens von der ersten bis zur letzten Minute.

 

J.J. Abrams gelingt es tatsächlich, das Kunststück, dieser schwierige Spagat zwischen beiden Polen, und er schafft es, sowohl die Fans zu befriedigen, die mit der alten Trilogie aufgewachsen sind, als auch das jüngere Publikum, das wohlmöglich die Prequel-Trilogie im Kino erlebt hat oder vielleicht sogar noch nie Kontakt mit Star Wars hatte. Das Gefühl ist zurückgekehrt ins Star Wars-Universum und es ist nicht einfach nur bloße Nostalgie um ihrer selbst willen, vielmehr atmet The Force Awakens genau den Charme, welcher die Reihe einst ausgemacht hat, und Abrams rettet das meiste liebenswerte dieser Filme, ihren Geist und vor allem ihre Atmosphäre, sehr gelungen hinüber in den neuen. Ein Gefühl wohliger Vertrautheit macht sich schon nach wenigen Minuten breit und Fans werden sich schnell heimisch fühlen. Alles fühlt sich wieder echter an und nicht mehr so klinisch und künstlich wie zuletzt, denn obwohl natürlich viel CGI eingesetzt wird, sind doch zum einen die Effekte wirklich atemberaubend gut und zum anderen so oft es geht mit handgemachten Masken und Modellen geschickt kombiniert, wodurch diese ganze Welt so viel authentischer, greifbarer, schmutziger, einfach überzeugender wirkt. Und visuell ist The Force Awakens über jeden Zweifel erhaben und absolut brilliant. Das erzählerische Tempo ist sehr hoch, es gibt viele beeindruckende Actionsequenzen und kaum Atempausen zum Verschnaufen, aber der Film wirkt nie gehetzt oder überstürzt und man verliert auch nie den Überblick über das Geschehen. Dazu ist The Force Awakens überraschend humorvoll geraten und stellenweise richtig witzig, vor allem aus den Charakteren und deren Beziehungen zueinander entsteht viel Situationskomik. Zwar kann man hin und wieder eine Szene vielleicht etwas albern finden, aber es ist nie dieser kindische Jar Jar Binks-Humor, der mit dem Vorschlaghammer daherkommt, sondern eher subtil und herzlich. Übrigens funktioniert die geschickte Kombination aus neu und alt nicht nur auf der atmosphärischen Ebene ganz hervorragend, auch beim Cast greift dieses Prinzip wie ein Uhrwerk. Der Generationenwechsel ist absolut gelungen und sowohl Charaktere wie Han Solo, Chewbacca, Luke Skywalker oder Leia Organa harmonieren wunderbar mit den neuen und ausgesprochen charismatischen Figuren wie etwa Rey, Finn oder Poe Dameron. Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac leisten an der Seite von Harrison Ford, Mark Hamill und Carrie Fisher wirklich gute und überzeugende Arbeit. Vor allem Daisy Ridley hat es mir irgendwie sehr angetan, die einfach nur sensationell wirkt mit ihrer entspannten und natürlichen Selbstverständlichkeit und genau dem richtigen Gefühl für ihre Figur.

 

 

 

„Hope is not lost today… it is found.“

 

 

 

Aber vielleicht ahnt ihr es bereits, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Die dunkle Seite, wenn man so will. Leider ist die Geschichte an sich, die eigentliche Handlung von The Force Awakens, nämlich sehr formelhaft erzählt und wenig innovativ. Wirkliche Neuerungen sucht man hier vergeblich, denn dafür orientiert sich die Story dann doch zu sehr an den Mustern der alten Trilogie, meist an Episode IV, und nur ganz selten wagt man sich aus der erzählerischen Sicherheit des puren Fan-Service heraus und testet Grenzen aus. Das ist schade und wirkt ein wenig so, als wollte man nicht allzu große Risiken eingehen, um niemanden zu verprellen und lieber auf Nummer sicher gehen. Ein wenig mehr Mut hätte dem Film gelegentlich ganz gut getan. Und dann ist da noch Kylo Ren, den The Force Awakens als Bösewicht aufbaut und etabliert, der aber etwas zu blass bleibt und nicht wirklich bedrohlich wirkt, denn diese Aura des puren Bösen, die vermag Adam Driver nicht so recht auszustrahlen. Da hinterlässt Domhnall Gleeson als General Hux in seiner zwar übersteigerten, aber auch befremdlichen Performance schon einen etwas anderen Eindruck, und wenn er eine flammende Ansprache vor seinen Truppen hält, dann kommen einem unweigerlich ganz bestimmte Vergleiche und Bilder in den Sinn. Dennoch muss man feststellen, dass die dunkle Seite der Macht in The Force Awakens nicht immer so überzeugend wirkt wie die der Helden. Ebenfalls ein wenig seltsam, weil überraschend dünn, fällt die erneut von John Williams geleitete musikalische Untermalung aus. Zwar gelingt es immer wieder dezent, geschickt und erstaunlich homogen, bekannte Themen aus der alten Trilogie mit den neuen Kompositionen zu verschmelzen, doch gerade die neuen Stücke bleiben eher wenig einprägsam, keines von ihnen will sich so richtig im Kopf festsetzen. Aber all das ist natürlich Jammern auf sehr hohem Niveau.

 

Am Ende schenkt J.J. Abrams den Fans und damit auch mir genau den Film, den ich mir schon 1999 von George Lucas gewünscht hätte. Und selbstverständlich kann The Force Awakens dem gigantischen Hype um ihn nicht gerecht werden, aber dennoch ist es ein verdammt guter Film geworden. Temporeich und mit einem relativ hohen Anteil an Action, humorvoll und warmherzig und genau mit dem nötigen Geist der alten Filme und gleichzeitig auch modernen Elementen ausgestattet, um nicht einfach nur stumpf nostalgisch zu wirken, sondern angenehm ausbalanciert. Nicht alles funktioniert zwar immer einwandfrei und kleinere Abstriche muss man in Kauf nehmen, aber The Force Awakens lässt mich wieder ausgesprochen positiv in die Zukunft meiner liebsten Filmreihe blicken und macht mich glücklich. Geist, Seele und Magie sind wieder zurückgekehrt ins Star Wars-Universum. Ein wundervoller Abschluss für das Filmjahr 2015. Möge die Macht mit uns sein.

 

8,5 von 10 Gesprächen mit BB-8

 

EDIT 16.12.2016: Nach nunmehr annähernd einem Jahr mit Star Wars: The Force Awakens und inzwischen auch zahlreichen Sichtungen im beinahe zweistelligen Bereich muss ich zugeben, dass ich den Film heute etwas nüchterner sehe als noch damals. Das Abebben der anfänglichen, vielleicht etwas überschwänglichen Euphorie des glühenden Fanboys in mir und das Erkennen des einen oder anderen Strukturproblems führen letztlich zu einer etwas anders gelagerten Gewichtung meiner Eindrücke und korrigieren die abschließende Note letztlich auf 7,5 von 10.