A Futile and Stupid Gesture (2018)

10. Februar 2018 at 19:53

 

 

© Netflix

 

 

 

„These last few days are among the happiest I´ve ever ignored.“

 

 

 

Anfang der 70er Jahre kommen die beiden Harvard-Studenten Doug Kenney und Henry Beard auf die Idee, ein Satire-Magazin zu gründen. Benannt nach dem erfolgreichen Harvard Lampoon nennen sie ihr neues Projekt National Lampoon. Doch der Weg ist lang und steinig: zunächst findet sich kein Verlag für ihre Idee, dann läuft der Lampoon nur schwerlich an und mit dem Erfolg kommen schon bald die Klagen ins Haus, wenn sich beinahe jeder von dem satirischen und Tabus brechenden Inhalten beleidigt fühlt.

 

Es gibt sie also doch noch: moderne Komödien jenseits von plattem Fäkalhumor. A Futile and Stupid Gesture ist ein unglaublich geistreicher Rückblick in die Entstehungsgeschichte von National Lampoon, der vor genialem Wortwitz nur so sprüht und irre pointierte Dialoge bietet. Doug Kenney dürfte den meisten kein Begriff sein, seine Filme jedoch schon, war er doch maßgeblich an den Drehbüchern zu Animal House und Caddyshack beteiligt und zusammen mit Henry Beard einer der Gründer von National Lampoon. Ich wusste nur ganz grob, was mich erwarten würde, aber schon nach wenigen Minuten hatte mich der Film und ließ mich nicht mehr los. Ein wenig fühlte ich mich an Man on the Moon mit Jim Carrey erinnert, wenn die Stimmung im weiteren Verlauf immer mehr ins Dramatische abgleitet. Regisseur David Wain (Wet Hot American Summer, 2001) bringt uns einen beinahe verloren geglaubten Humor vergangener Tage zurück, den ich schon für ausgestorben hielt: albern, klamaukig, teils wirr und manchmal buchstäblich sinnfrei, der sich aber auch aus oftmals klugen Alltagsbeobachtungen speist und Dinge überspitzt, die jeder von uns kennt. Egal, ob nun das College-Setting in Animal House, der Ferienjob in Caddyshack oder das Weihnachtsfest mit der ganzen Familie in Christmas Vacation.

 

Und so sieht sich das Drehbuch von John Aboud und Michael Colton auch in genau dieser Tradition und nimmt sich zum Glück selbst nicht allzu ernst, wenn es ein herrlich skurriles Bild der Comedy-Welt im New York der 70er und 80er voller allerhand schräger Typen zeichnet, die sich unter dem Dach von National Lampoon zusammen finden. Der Weg zum ersten Film ist noch weit, zunächst gilt es, das Magazin zu etablieren und später eine eigene Radioshow zu starten. Kenney übernimmt sich, entdeckt die Drogen, bricht zusammen, steigt aus, kehrt zurück, geht nach Hollywood. Beard geht nach fünf Jahren gleich ganz und beschreitet fortan seinen eigenen Weg. Alle kommen sie vor Bill Murray, Chevy Chase, Harold Ramis, Christopher Guest, John Belushi, Gilda Radner, Ivan Reitman, John Landis, Rodney Dangerfield, die ganze Clique. Nicht immer sind die Schauspieler ihren Vorbildern unbedingt ähnlich, dennoch spielen sie sie durch die Bank weg hervorragend getroffen: besonders Joel McHale als Chevy Chase ist da hervorzuheben. Und die Chemie zwischen Will Forte und Domhnall Gleeson, diese Wortgefechte zwischen ihnen, dieser schnelle Schlagabtausch, das macht alles unglaublich viel Spaß. Ein schöner und vor allem auch wirklich witziger Film voller geistreichem Wortwitz und einer Prise Wahnwitz. Und zum Schluss macht auch der merkwürdige Titel des Filmes plötzlich einen traurig-lustigen Sinn.

 

8 von 10 Hunden mit Pistole am Kopf

 

 

The Revenant

13. Januar 2016 at 19:56

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„As long as you can still grab a breath, you fight. You breathe… keep breathing.“

 

 

 

Der Trapper Hugh Glass befindet sich mit einigen anderen Männern unter der Führung von Captain Andrew Henry auf einer Expedition, um den Missouri River zu erforschen und Pelze für die Rocky Mountain Fur Company zu sammeln. Nicht nur immer wieder angreifende Indianer machen den Männern das Leben schwer, auch die Natur selbst kann sich schnell gegen sie wenden. Als Glass in einem unachtsamen Moment von einer Grizzlybärin angegriffen und schwer verletzt wird, ist er eine zusätzliche Belastung für die immer kleiner werdende Gruppe von Männern. Als die Last immer größer und Glass` Zustand immer schlechter wird, werden mit seinem indianischem Mischlingssohn Hawk, dem jungen Soldaten Bridger und John Fitzgerald drei Mann mit ihm zurückgelassen, um ihm ein würdevolles Begräbnis zu geben, sobald er tot ist. Fitzgerald jedoch hat andere Pläne und keine große Lust, noch tagelang mit den Indianern im Nacken im Schnee festzusitzen und darauf zu warten, dass Glass endlich stirbt. Es kommt zum Eklat in der Gruppe, Fitzgerald tötet Hawk, verscharrt Glass notdürftig in einem Loch und macht sich mit Bridger zusammen auf den Weg, den Rest ihrer Leute wiederzufinden. Doch Glass ist noch nicht vollends tot und der Mord an seinem Sohn gibt ihm die letzte Kraft, sich mit dem unerbittlichen Ziel der Rache nach und nach zurück ins Leben zu kämpfen…

 

Was wurde nicht alles im Vorfeld über die Dreharbeiten zu The Revenant berichtet, über die enormen Strapazen der gesamten Crew, über den Perfektionismus des Regisseurs, der alle in den Wahnsinn trieb. Alejandro González Iñárritu drehte ausnahmslos bei natürlichem Licht und verzichtete auf jegliche künstlichen Beleuchtungsquellen, was oft bedeutete, dass nur wenige Stunden zum Drehen geeignet waren. Und das im tief winterlichen kanadischen Calgary und in Argentinien, oft an nur schwer zugänglichen Orten und bei Temperaturen im deutlich zweistelligen Minusbereich. Zudem drehte Iñárritu The Revenant in chronologischer Szenenabfolge, was nicht nur völlig untypisch ist, sondern auch deutlich zeitraubender und aufwendiger. Kurzum: die Dreharbeiten waren für alle Beteiligten eine Tortur, schnell lagen die Nerven blank und nicht wenige stiegen aus dem Projekt aus. Es gab Gerüchte von Streitereien und Handgemengen untereinander, und viele, auch DiCaprio selbst, gaben hinterher zu Protokoll, nicht selten an physische und psychische Grenzen gestoßen zu sein. Wäre nun The Revenant ohne diese Strapazen ein anderer Film geworden? Schwer zu sagen, aber eines ist gewiss: man spürt sie deutlich, die Belastung, die allen bei den Dreharbeiten abverlangt wurde.

 

Das dominierende Thema in The Revenant ist Leid. Physisches und psychisches Leid gepaart mit Wut, Trauer und einem unbändigen Durst nach Rache, aber überwiegend ist es Leid, dass Iñárritu in faszinierenden und oftmals geradezu hypnotischen Bildern auf die Leinwand bringt. Natürlich ist es hauptsächlich Hugh Glass der leidet, aber schnell überträgt sich das auch auf den Zuschauer, so intensiv ist die Inszenierung von Schmerz, Entbehrung und Verzweiflung. Bereits der Einstieg in den Film gestaltet sich als schwer zu ertragen und zeigt einen Indianerangriff auf das Lager der Expedition. Die Kamera ist mittendrin, gleitet anmutig im Kampfgetümmel umher, ruhig, schonungslos und unbarmherzig bildet sie in einer von noch vielen folgenden atemberaubenden Plansequenzen die erstaunlich konsequente Gewalt auf beiden Seiten ab. Dem Zuschauer wird die Rolle des passiven Beobachters genommen, er ist sofort Teil des Geschehens und wird regelrecht hinein gezogen. Jegliche Distanz und sämtliche Barrieren, die man aufbauen könnte, werden bereits in den ersten Minuten egalisiert und es ist ungemein schwer, sich all dem zu entziehen. Unbedingt erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang der Mann hinter der Kamera, Emmanuel Lubezki. Der Mexikaner ist buchstäblich ein Zauberer der Bilder, ein Meister der Plansequenzen und vielleicht der aktuell Beste seines Fachs. Schon seine Arbeiten bei Children of Men und Gravity von Alfonso Cuarón, bei The New World, Tree of Life, To the Wonder und Knight of Cups von Terrence Malick und natürlich auch bei Birdman von Alejandro González Iñárritu waren allesamt absolut fantastisch, aber in The Revenant übertrifft Lubezki sich selbst. Nicht nur gelingt es ihm immer wieder absolut spektakuläre Bilder von umwerfender Schönheit in dieser doch so kargen und feindlichen Welt zu finden, er lässt seine Kamera sich in einer Art und Weise bewegen, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Mit verblüffender Leichtigkeit, geradezu tänzelnd, aber nie verspielt oder gar selbstverliebt, sondern trotzdem immer sehr direkt und ganz nah am Geschehen, wird nahezu jedes Detail eingefangen. Ähnlich verhält es sich mit dem faszinierenden Soundtrack des japanischen Pianisten und Komponisten Ryûichi Sakamoto, der bekannt ist für seine Ausflüge in Jazz, Neoklassik und Avantgarde-Pop, und bei The Revenant von Bryce Dessner unterstützt wird, seines Zeichens Gitarrist und Songwriter bei der Band The National. Sakamoto entwirft (alb)traumhafte Bruchstücke statt eines geradlinigen Klangteppichs, fiebrig, treibend und aufpeitschend, oft dissonant und arhytmisch, manchmal verstörend, aber immer die Bilder von Lubezki perfekt untermalend. So ensteht ein ganz eigener, sogartiger, gelegentlich rauschhafter Rhythmus aus Bildern, Musik, Kampfgetümmel, Leid, Schmerz, Schreien, Keuchen und pochenden Herzschlägen.

 

 

 

„I ain’t afraid to die anymore. I’d done it already.“

 

 

 

Kommen wir zu dem im Vorfeld vielleicht am meisten diskutierten Aspekt von The Revenant, den schauspielerischen Leistungen der Darsteller. Auf das leidige Thema Leonardo DiCaprio und den Oscar will ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen, denn ich kann diese Diskussion nur bedingt nachvollziehen, ist dieser Preis doch mittlerweile ohnehin recht wertlos und hat beinahe keinerlei Aussagekraft mehr über Qualität. Und ja, DiCaprio ist überragend in The Revenant und ich wage sogar zu behaupten, dass er noch nie so gut war. Eine unglaublich intensive und kraftvolle Darbietung ist das, die ihn nun vielleicht endgültig den allerletzten Schritt nehmen lässt hin zu solch absoluten Legenden wie Daniel Day-Lewis. DiCaprio hat sehr wenig Text im Film, seine Figur des Hugh Glass ist enorm wortkarg und spricht selten ganze Sätze, ist er anfangs doch sehr mit stöhnen, grunzen oder gurgeln beschäftigt und später meist auf sich allein gestellt in der Wildnis. Aber Dicaprio braucht keine Worte, um dem Zuschauer zu jeder Sekunde sein Leid, seinen Schmerz, seine Wut und seine Trauer absolut überzeugend und vollkommen glaubwürdig zu vermitteln. Vielleicht ist das dann auch der Punkt, an dem sich der Perfektionismus von Iñárritu auszahlt, mussten die Darsteller während der Dreharbeiten ja tatsächlich auch an ihre Grenzen und bis zum Äußersten gehen. Aber so brilliant DiCaprio in The Revenant auch spielt und scheinbar alles dominiert, darf man keineswegs die auch hervorragende Leistung eines Tom Hardy vergessen, der seinen John Fitzgerald in einen knurrigen Unsympathen aller erster Güte verwandelt, ein nuschelndes, manchmal kaum zu verstehendes, geradezu ekelhaft zynisches Bündel aus Hass, Abscheu, Gewalt und gnadenlosem Egoismus. Eine weitere von vielen tollen Darbietungen des Briten in den letzten paar Jahren. Und auch Domhnall Glesson, der schon in Ex Machina und The Force Awakens im letzten Jahr große Auftritte hatte, ist auch hier vertreten. Der scheinbar steil aufstrebende Sohn von Brendan Glesson liefert als Captain Andrew Henry ebenfalls eine sehr gute Performance, nuanciert und gewissenhaft, quasi der ruhige Gegenpol zu Hardy´s Fitzpatrick.

 

Klingt also alles nach einem Meisterwerk, nicht wahr? Nun, nicht ganz, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Ist das erste Drittel von The Revenant noch an Intensität kaum zu überbieten, ergeht sich Iñárritu gerade im Mittelteil ein wenig zu sehr im Leid des Hugh Glass, reizt es komplett aus und beginnt, sich erzählerisch im Kreis zu drehen. Irgendwie will der Regisseur einfach nicht ablassen von seinem tragischen Antihelden und die körperliche Grenzerfahrung an sich scheint ihm nicht zu genügen, vielmehr bauscht es sie künstlich auf und lässt seinen Protagonisten immer und immer wieder neue Extremsituationen durchleben. Das wird irgendwann repetitiv, nutzt sich ab und untergräbt letztlich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Ereignisse. Der Film verliert dadurch so einiges an Kompaktheit, die man gerade im etwas zähen und unnötig in die Länge gezogenen Mittelteil zu vermissen beginnt. Der Verzicht auf die eine oder andere peinigende Qual des Hugh Glass hätte The Revenant an diesen Stellen vermutlich gut getan, kommt doch unweigerlich der Punkt, an dem der Zuschauer zwar verstanden hat, was der Mann unsägliches durchleben muss, Iñárritu seine Qualen aber regelrecht zu zelebrieren beginnt und man dem durchaus überdrüssig werden kann. Zudem leistet sich der Mexikaner immer mal wieder leichte spirituelle Einsprengsel und driftet in etwas esoterische Bereiche ab, wenn man so will, die zwar durchweg absolut stimmungsvoll umgesetzt sind, erzählerisch aber nur bedingt dazu beitragen, The Revenant voran zu bringen. Ist der Mittelteil noch von diversen erzählerischen Längen durchsetzt und manchmal von Leerlauf geprägt, zieht dann aber das Tempo wieder an und das zweifellos grandiose und buchstäblich biblische Finale kommt seltsam plötzlich und irgendwie zu schnell. Der Weg dorthin wirkt eigenartig gerafft, gerade auch im Gegensatz zum mittleren Drittel des Films. Dafür fährt Iñárritu dann aber am Schluss wirklich nochmal alles auf, was er zu Beginn von The Revenant so fantastisch etablieren konnte und lässt den Zuschauer versöhnt aus seinem Film.

 

Das erhoffte und vielleicht auch erwartete Meisterwerk ist The Revenant letztlich nicht geworden, denn dafür gibt es phasenweise zuviel erzählerischen Leerlauf in einer ohnehin schon nicht sehr komplexen Rachestory um Schuld und Sühne. Was aber nun keineswegs bedeuten soll, The Revenant wäre ein schlechter oder langweiliger Film geworden, das nun wirklich nicht, es ist nämlich immer noch ein verdammt guter, nur eben kein Meisterwerk. In seinen besten Momenten ist The Revenant treibendes, pulsierendes und immer wieder auch verstörendes Kino in unglaublich schönen und zugleich auch grausamen Bildern, eingefangen durch die wohl beste Kameraarbeit seit sehr langer Zeit. Ein spürbar gewaltiger Kraftakt, den Alejandro González Iñárritu auf die Leinwand bringt und der sich schon bald schonungslos auf den Zuschauer überträgt, der aber auch ein wenig zu repetitiv geraten ist und seinen esoterischen Unterbau nur bedingt braucht. Alles in allem zweifellos ein absolut sehenswerter Film, vor allem auch und unbedingt im Kino, aber auch ein Film, an dem die breite Masse vielleicht nicht immer Geschmack finden wird, unterläuft seine Erzählstruktur doch gerne Mal festgefahrene Sehgewohnheiten.

 

8 von 10 gesammelten Skalps

 

 

Ex Machina

28. Dezember 2015 at 19:58

 

 

 

Ex Machina (2015)
Ex Machina poster Rating: 7.7/10 (194,256 votes)
Director: Alex Garland
Writer: Alex Garland
Stars: Domhnall Gleeson, Corey Johnson, Oscar Isaac, Alicia Vikander
Runtime: 108 min
Rated: R
Genre: Drama, Mystery, Sci-Fi
Released: 24 Apr 2015
Plot: A young programmer is selected to participate in a groundbreaking experiment in artificial intelligence by evaluating the human qualities of a breathtaking female A.I.

 

 

 

„One day the AIs are going to look back on us the same way we look at fossil skeletons on the plains of Africa. An upright ape living in dust with crude language and tools, all set for extinction.“

 

 

 

Der junge Programmierer Caleb gewinnt eine interne Lotterie seiner Firma. Sein Preis: sieben Tage Aufenthalt im sehr abgelegenen Haus seines zurückgezogen lebenden Chefs Nathan. Was Caleb zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist, dass er dort eigentlich an einem großen Experiment teilnehmen und mit der ersten, wahren künstlichen Intelligenz der Welt interagieren soll, um herauszufinden, ob sie wirklich ein Bewusstsein entwickelt hat. Schnell werden tiefgehende Fragen aufgeworfen und schon bald entwickelt sich eine eigenartige Beziehung zwischen den Dreien…

 

Ex Machina ist das Regiedebüt des Schriftstellers und Drehbuchautos Alex Garland, der hauptsächlich bekannt ist für seine Arbeiten mit dem Regisseur Danny Boyle, für den er die Drehbücher zu The Beach (basierend auf seinem eigenen Roman), 28 Days Later… und Sunshine schrieb. Nun verfilmt er für Ex Machina also gleich sein eigenes Skript selbst. Es ist immer etwas heikel, wenn sich Leute hinter die Kamera begeben, die eigentlich aus anderen Bereichen kommen. So hat beispielsweise letztes Jahr selbst Wally Pfister den Schritt vom Kameramann zum Regisseur gewagt und seinen Transcendence mit Johnny Depp in der Hauptrolle gewaltig an die Wand gefahren, weil er den Stoff einfach nicht in den Griff bekam. Ironischerweise ist Ex Machina thematisch zwar ähnlich gelagert, aber der bei weitem bessere Film geworden und benötigt mit seinen Produktionskosten von rund 11 Millionen Dollar lediglich ein gutes Zehntel des Budgets von Transcendence. Und tatsächlich ist Garland ein beinahe makelloser Film gelungen, ein brillantes Kammerspiel, intelligent, düster und pessimistisch, mit unglaublich klugen Dialogen gespickt mit lauter Anspielungen und Verweisen auf Kunst, Kultur, Philosophie, Religion, Musik, Film und Literatur, voller wunderbaren Ideen und Gedankenspielen. Das prometheische Thema mitsamt dem zugehörigen Gottkomplex ist gewiss nichts neues, aber indem Garland die Interaktion nur auf Caleb, Nathan und die K.I. Ava beschränkt, entwickelt sich ein faszinierendes und soghaftes Zusammenspiel, angetrieben von den sehr starken Leistungen seiner Darsteller und dem überraschend ausgeklügelten Drehbuch. Dazu ist der Look des Films unglaublich gelungen, zurückhaltend, aber ästhetisch bis ins allerkleinste Detail durchdacht, gleichzeitig kühl und modern und dennoch immer wieder auch warm und mit fantastischen Bildern ausgestattet. Das beginnt schon bei Nathan´s Haus, abgeschieden in mitten einer atemberaubend schönen Naturkulisse, auf den ersten Blick scheinbar sehr strukturiert, aber auch voller Ungereimtheiten, wenn man genauer hinsieht. Eine seltsam fremdartige Konstruktion aus Stahl, Glas und Holz, die fasziniert und gleichzeitig Unbehagen verströmt. Permanent ist da dieses unterschwellige Gefühl, das irgendetwas dort nicht stimmt, und von Beginn an ist Ex Machina beherrscht von einer ganz eigenartigen Atmosphäre, beunruhigend und bedrohlich, aber auch seltsam unfokussiert, denn es lässt sich nur schwerlich ausmachen, was genau denn nun nicht stimmt.

 

 

 

„Isn’t it strange, to create something that hates you?“

 

 

 

Braucht es überhaupt einen weiteren Film, der sich mit dem Thema künstlicher Intelligenz auseinandersetzt? Nach 2001, nach Blade Runner, nach A.I., nach Her, Transcendence und vielen anderen? Ich kann nur sagen: wenn er uns so sehr zum selbstständigem Denken anregt wie Ex Machina, dann unbedingt! Der Film stellt nicht nur immer wieder wichtige Fragen rund um das Thema Mensch und künstliche Intelligenz, er stellt vor allem immer auch genau die richtigen Fragen, geht sogar noch sehr geschickt auch auf sexuelle Komponenten dieser Fragen ein. Thematisch geht das über die üblichen Gedankenspiele weit hinaus, es geht eben nicht nur um Fragen, die andere Filme auch schon gestellt haben. Was macht uns menschlich? Was unterscheidet unsere Schöpfung von uns? Wo sind die Grenzen? Was ist Bewusstsein? Vielmehr stellt der Film die Frage, warum wir solche Angst davor haben? Vielleicht, weil wir unbewusst wissen, dass eine Ava der erste Schritt in unsere Auslöschung ist? Die nächste Stufe der Evolution? Das schöne ist, der Film stellt all diese Fragen, aber er beantwortet sie nicht für uns. Das muss der Zuschauer ganz allein für sich selbst übernehmen und sich zu dem Thema positionieren, Antworten vorgekaut bekommt man hier zu keiner Sekunde. Was harmlos als gedankliches Experiment beginnt, entwickelt sich schnell zu einem aufreibenden und verzehrenden Konflikt zwischen allen drei Charakteren um Lug, Betrug, Arglist, Täuschung und Manipulation. Sehr elegant gelingt es Alex Garland, den Zuschauer bis zum ausgesprochen zynischen Schluss im Unklaren darüber zu lassen, was sich nun eigentlich genau vor dessen Augen abspielt, mehr noch, er spielt mit dieser Idee, wenn er das sogar Thema des Films werden lässt, Täuschung durch Ablenkung, der profane Trick eines Zauberers. Darüber hinaus wird Ex Machina getragen von seinen Figuren und deren Zusammenspiel untereinander, die Charakterentwicklung erfolgt wunderbar schlüssig beinahe überwiegend durch die Dialoge, und die schauspielerische Leistung ist schlicht weg grandios. Egal, ob Oscar Isaac als Nathan, Domhnall Gleeson als Caleb oder die wunderbare Alicia Vikander als Ava, alle drei tragen das so komplexe wie fragile Konstrukt des Drehbuchs mühelos auf ihren Schultern. Isaac ist schwer zu durchschauen und spielt geradezu rätselhaft, irgendwo zwischen seltsam zugänglich und rüde abweisend. Nathan ist zweifellos ein absolutes Genie auf seinem Gebiet, aber auch genauso ein menschlicher Totalausfall, arrogant, selbstverliebt, cholerisch, unberechenbar. Genie und Wahnsinn gehen bei ihm Hand in Hand, manchmal wirkt er regelrecht schizophren und ist zu allem Überfluss mit einem handfesten Alkoholproblem gesegnet. Oscar Isaac treibt seinen kometenhaften Aufstieg seit seiner Hauptrolle in Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern immer weiter voran, allein in diesem Jahr zeigte er exzellente Leistungen in A Most Violent Year, Ex Machina und The Force Awakens. Er ist extrem vielseitig und kann immer auch seinen Rollen seine individuelle Note aufdrücken. Für mich ohne jeden Zweifel der Mann des Jahres 2015. Domhnall Glesson (der mit Isaac zusammen auch in The Force Awakens spielte) liefert auch eine starke Leistung als junger Programmierer Caleb, der totale Gegenentwurf zu Nathan, eher ruhig und besonnen, ebenfalls hoch intelligent, vielleicht ein bisschen naiv, einsam und verletzlich, aber seinem Chef keineswegs immer einfach nur unterlegen. Sein Spiel ist ebenso unaufdringlich wie sein Charakter und es ist wunderbar mit anzusehen, wie Isaac und Gleeson sich perfekt ergänzen. Trotz sehr starker Leistungen wird den beiden dennoch von Alicia Vikander hemmungslos die Show gestohlen. Als Ava ist sie atemberaubend und den sehr, sehr schwierigen Drahtseilakt zwischen der kalten Berechnung einer K.I. und gleichzeitig menschlicher Wucht meistert sie mühelos und beeindruckend. Nie ist wirklich sicher, was nun genau in ihr vorgeht, was man von ihr halten soll, weiß man einfach nicht. Sie lässt sich kaum einordnen, ist rätselhaft und anziehend zu gleich, extrem faszinierend und dennoch irgendwie abstoßend.

 

So geht intelligente Science Fiction und Alex Garland erschafft mit seinem Regiedebüt Ex Machina den vielleicht besten Vertreter dieses Genre der letzten zehn Jahre oder mehr. Ein minimalistisches Kammerspiel, das gekonnt die richtigen Fragen aufwirft, es dem Zuschauer aber selbst überlässt, die Antworten dazu zu finden. Extrem intelligent geschrieben und visuell einfach nur atemberaubend bebildert, hinterfragt Ex Machina elegant die menschliche Existenz und lotet all ihre hellen und dunklen Seiten aus. Garlands Art der Inszenierung erinnert stellenweise an Stanley Kubrick, visionär, innovativ, ebenso mutig wie intellektuell, kühl und gleichzeitig menschlich in seiner Ästhetik und zutiefst moralisch. Ex Machina ist kein Film für zwischendurch, keiner zur bloßen Berieselung, er zwingt zum Zuhören und Nachdenken gleichermaßen und belohnt mit einer fantastisch umgesetzten Geschichte, die noch lange nachhallt und beschäftigen wird. Faszinierend, erschreckend, berauschend und verstörend zugleich. Ein Meisterwerk mindestens innerhalb der Grenzen seines Genre, und immer noch ein herausragender Film darüber hinaus, der, hätte ich ihn vielleicht etwas früher in diesem Jahr sehen können, mein Film des Jahres hätte werden können. So aber muss sich dieser Monolith erst noch vollständig setzen bei mir, zu sehr beschäftigt mich all das immer noch und will verarbeitet werden. Abschließend bleibt nur noch eine Frage zu stellen: sind es letztlich wirklich nur Lug und Betrug, die uns zum Menschen machen? Ihr ahnt es, Antworten darauf liefert uns Ex Machina jedenfalls nicht…

 

9 von 10 schweren Katern nach durchzechten Nächten

 

 

Star Wars: The Force Awakens

18. Dezember 2015 at 2:42

 

 

 

Star Wars: The Force Awakens (2015)
Star Wars: The Force Awakens poster Rating: N/A/10 (N/A votes)
Director: J.J. Abrams
Writer: Lawrence Kasdan, J.J. Abrams, Michael Arndt, George Lucas (characters)
Stars: Daisy Ridley, Carrie Fisher, Mark Hamill, Adam Driver
Runtime: 135 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Fantasy
Released: 18 Dec 2015
Plot: A continuation of the saga created by George Lucas and set thirty years after Star Wars: Episode VI - Return of the Jedi (1983).

 

 

 

„This will begin to make things right.“

 

 

 

An dieser Stelle muss ich auf die übliche, kurze Inhaltsangabe verzichten, denn diese Review soll frei von Spoilern bleiben, um niemanden um das Vergnügen zu bringen, all diese Dinge im Film selbst zu entdecken und zu erleben. Auf die Handlung selbst werde ich also nicht eingehen. Die größte Frage von allen dürfte wohl sein: kann der Film dem zum Teil auch künstlich erschaffenem, gigantischen Hype um ihn herum mit all den bereits im Vorfeld gebrochenen Vorverkaufsrekorden gerecht werden? Wohl kaum, wie sollte er auch? Muss er das überhaupt? Nein, auf keinen Fall! Wäre er dann gescheitert? Auch hier kann ich nur sagen: Nein, auf keinen Fall! Vorweg muss ich zugeben: ich bin Fanboy. Nicht einfach nur Fan, nicht bloß jemand, der die Filme und das Universum, welches sie erschaffen, mag. Ich liebe sie, habe sie so oft gesehen, dass ich gar nicht mehr weiß, wie oft eigentlich genau, und ganz sicher keine anderen Filme öfter. Vermutlich kann ich sie auswendig mitsprechen. Zumindest Episode IV bis VI. Über Episode I bis III…. nun ja, darüber möchte ich lieber nicht sprechen. Das Erbe also ist groß, die Messlatte weit oben und die Fallhöhe tief, dennoch will ich mich bemühen, so objektiv wie möglich zu bleiben und mich nicht von Hype und Nostalgie blenden zu lassen…

 

Dieser Tage erscheint also mit The Force Awakens die siebte Episode dieser Sternenkriegssaga und somit nicht nur der von mir, sondern vielmehr der weltweit seit Jahren wohl am sehnsüchtigsten erwartete Film überhaupt. Denn Star Wars ist mehr als nur eine erfolgreiche Filmreihe, es ist größer und bedeutsamer, als kaum ein anderer Film, überdauert seit Jahrzehnten, hat kaum von seiner Anziehungskraft eingebüßt und verbindet Generationen. Ein Phänomen, welches sich still und leise in unser Leben geschlichen hat, nicht einfach nur ein weltweit kulturelles Ereignis, das zum festen Bestandteil der Popkultur wurde, Star Wars ist schon längst in unserem Alltag angekommen, in unser kollektives Gedächtnis gesickert und durchdringt mittlerweile alles Mögliche auch fernab seines eigentlichen Ursprungs. Selbst Nichtkenner der Filme und der Materie sind die Charaktere und deren Namen, die ikonischen Bilder, die Dialoge oder die Musik ein Begriff und sogar sie sind dazu in der Lage, Anspielungen auf Inhalte zu erkennen und zu dekodieren, ohne diese jemals bewusst erlebt zu haben. Schon längst haben diese Filme die Grenze vom reinen Unterhaltungsprodukt hin zu etwas viel größerem überschritten, zu einem Mythos, für manchen sogar zu einer Art von Religion, und haben sich völlig aus ihrem Kontext gelöst, ein Eigenleben entwickelt, das so unmöglich absehbar war, als Episode IV das Licht der Kinos dieser Welt erblickte. Auch ist Star Wars nicht nur der Impulsgeber der modernen Filmvermarktung mit all dem Merchandise und den Millionen von Fanartikeln, wie wir es heute doch so gewohnt sind, es ist vielmehr die Blaupause schlechthin für die kommerzielle Filmauswertung, wie wir sie permanent erleben, Vorreiter und Musterbeispiel zu gleich. Und letztlich ist die Saga natürlich auch Ausdruck der Lust am Erzählen und am visuellen Spektakel und damit nicht weniger als die logische und konsequente Weiterentwicklung der ursprünglichen Kraft des Kinos und der bewegten Bilder. Eskapismus in Reinkultur, die Lust am Schauen des Unmöglichen, die kurze und zeitlich begrenzte Flucht in eine gänzlich andere Welt als die eigene. Niemand sollte das moderne Kino so sehr prägen wie George Lucas mit Star Wars, indem er einen Mythos erschuf, etwas, das aus seiner Vorstellungskraft heraus auf die Leinwand und von dort in die Köpfe von Millionen von Menschen gelang und nun nicht mehr wegzudenken ist.

 

 

 

„I’ve got a bad feeling about this.“

 

 

 

Genug drumherum geredet, kommen wir doch endlich zum eigentlichen Beweggrund für diese Review, die, das kann ich nicht leugnen, etwas umfassender ausfällt als gewohnt. Alle Spekulationen und Befürchtungen rund um Episode VII, die seit deren Ankündigung Fans und Nerds weltweit in Atem hielten, haben nun ein Ende. Es ist vollbracht, der Film ist da und wir alle dürfen aufatmen, denn er ist gut. Wirklich richtig gut. George Lucas selbst ist bekanntermaßen nicht mehr an Bord, dessen Vision seiner Prequel-Trilogie bei den Fans keinen Anklang finden konnte, zu seelenlos und steril waren all diese seltsamen Szenerien, zu sehr an den erzählerischen Geist einer Seifenoper angelehnt, und statt Schmutz, Dreck und Staub auf entfernten, exotischen Planeten und dem klassischen Kampf Gut gegen Böse gab es auf Hochglanz polierte Senatssäle und scheinbar endlose, politische Diskussionen über Handelsabkommen. Das aber größte Verbrechen war der Versuch, das Mystische zu entmystifizieren, indem Lucas durch die plötzlich eingeführten Midi-Chlorianer die Macht rational erklärbar machte. Der Schleier des Geheimnisvollen wurde von den Filmen genommen, denn etwas, das gar keiner Erklärung bedurfte und auch genau deswegen so faszinierend war, diese gewisse Magie, der Geist der alten Trilogie, war plötzlich nicht mehr vorhanden. Nun sitzt also J.J.Abrams auf dem Regiestuhl, der Mission Impossible wiederbelebte, mit Super 8 auf wundervolle Art und Weise dem Kino eines Steven Spielbergs huldigte und mit seinem Star Trek-Reboot Kirk und Spock sogar für Nicht-Fans interessant und unterhaltsam machte. Kaum jemandem sonst hätte ich zugetraut, Episode VII nicht vor die Wand zu fahren, denn der Mann ist glaubwürdig selbst Fan und hat verstanden, worum es geht und was es braucht, nämlich eine ausgewogene Balance aus Nostalgie und Moderne. Und genau das bietet The Force Awakens von der ersten bis zur letzten Minute.

 

J.J. Abrams gelingt es tatsächlich, das Kunststück, dieser schwierige Spagat zwischen beiden Polen, und er schafft es, sowohl die Fans zu befriedigen, die mit der alten Trilogie aufgewachsen sind, als auch das jüngere Publikum, das wohlmöglich die Prequel-Trilogie im Kino erlebt hat oder vielleicht sogar noch nie Kontakt mit Star Wars hatte. Das Gefühl ist zurückgekehrt ins Star Wars-Universum und es ist nicht einfach nur bloße Nostalgie um ihrer selbst willen, vielmehr atmet The Force Awakens genau den Charme, welcher die Reihe einst ausgemacht hat, und Abrams rettet das meiste liebenswerte dieser Filme, ihren Geist und vor allem ihre Atmosphäre, sehr gelungen hinüber in den neuen. Ein Gefühl wohliger Vertrautheit macht sich schon nach wenigen Minuten breit und Fans werden sich schnell heimisch fühlen. Alles fühlt sich wieder echter an und nicht mehr so klinisch und künstlich wie zuletzt, denn obwohl natürlich viel CGI eingesetzt wird, sind doch zum einen die Effekte wirklich atemberaubend gut und zum anderen so oft es geht mit handgemachten Masken und Modellen geschickt kombiniert, wodurch diese ganze Welt so viel authentischer, greifbarer, schmutziger, einfach überzeugender wirkt. Und visuell ist The Force Awakens über jeden Zweifel erhaben und absolut brilliant. Das erzählerische Tempo ist sehr hoch, es gibt viele beeindruckende Actionsequenzen und kaum Atempausen zum Verschnaufen, aber der Film wirkt nie gehetzt oder überstürzt und man verliert auch nie den Überblick über das Geschehen. Dazu ist The Force Awakens überraschend humorvoll geraten und stellenweise richtig witzig, vor allem aus den Charakteren und deren Beziehungen zueinander entsteht viel Situationskomik. Zwar kann man hin und wieder eine Szene vielleicht etwas albern finden, aber es ist nie dieser kindische Jar Jar Binks-Humor, der mit dem Vorschlaghammer daherkommt, sondern eher subtil und herzlich. Übrigens funktioniert die geschickte Kombination aus neu und alt nicht nur auf der atmosphärischen Ebene ganz hervorragend, auch beim Cast greift dieses Prinzip wie ein Uhrwerk. Der Generationenwechsel ist absolut gelungen und sowohl Charaktere wie Han Solo, Chewbacca, Luke Skywalker oder Leia Organa harmonieren wunderbar mit den neuen und ausgesprochen charismatischen Figuren wie etwa Rey, Finn oder Poe Dameron. Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac leisten an der Seite von Harrison Ford, Mark Hamill und Carrie Fisher wirklich gute und überzeugende Arbeit. Vor allem Daisy Ridley hat es mir irgendwie sehr angetan, die einfach nur sensationell wirkt mit ihrer entspannten und natürlichen Selbstverständlichkeit und genau dem richtigen Gefühl für ihre Figur.

 

 

 

„Hope is not lost today… it is found.“

 

 

 

Aber vielleicht ahnt ihr es bereits, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Die dunkle Seite, wenn man so will. Leider ist die Geschichte an sich, die eigentliche Handlung von The Force Awakens, nämlich sehr formelhaft erzählt und wenig innovativ. Wirkliche Neuerungen sucht man hier vergeblich, denn dafür orientiert sich die Story dann doch zu sehr an den Mustern der alten Trilogie, meist an Episode IV, und nur ganz selten wagt man sich aus der erzählerischen Sicherheit des puren Fan-Service heraus und testet Grenzen aus. Das ist schade und wirkt ein wenig so, als wollte man nicht allzu große Risiken eingehen, um niemanden zu verprellen und lieber auf Nummer sicher gehen. Ein wenig mehr Mut hätte dem Film gelegentlich ganz gut getan. Und dann ist da noch Kylo Ren, den The Force Awakens als Bösewicht aufbaut und etabliert, der aber etwas zu blass bleibt und nicht wirklich bedrohlich wirkt, denn diese Aura des puren Bösen, die vermag Adam Driver nicht so recht auszustrahlen. Da hinterlässt Domhnall Gleeson als General Hux in seiner zwar übersteigerten, aber auch befremdlichen Performance schon einen etwas anderen Eindruck, und wenn er eine flammende Ansprache vor seinen Truppen hält, dann kommen einem unweigerlich ganz bestimmte Vergleiche und Bilder in den Sinn. Dennoch muss man feststellen, dass die dunkle Seite der Macht in The Force Awakens nicht immer so überzeugend wirkt wie die der Helden. Ebenfalls ein wenig seltsam, weil überraschend dünn, fällt die erneut von John Williams geleitete musikalische Untermalung aus. Zwar gelingt es immer wieder dezent, geschickt und erstaunlich homogen, bekannte Themen aus der alten Trilogie mit den neuen Kompositionen zu verschmelzen, doch gerade die neuen Stücke bleiben eher wenig einprägsam, keines von ihnen will sich so richtig im Kopf festsetzen. Aber all das ist natürlich Jammern auf sehr hohem Niveau.

 

Am Ende schenkt J.J. Abrams den Fans und damit auch mir genau den Film, den ich mir schon 1999 von George Lucas gewünscht hätte. Und selbstverständlich kann The Force Awakens dem gigantischen Hype um ihn nicht gerecht werden, aber dennoch ist es ein verdammt guter Film geworden. Temporeich und mit einem relativ hohen Anteil an Action, humorvoll und warmherzig und genau mit dem nötigen Geist der alten Filme und gleichzeitig auch modernen Elementen ausgestattet, um nicht einfach nur stumpf nostalgisch zu wirken, sondern angenehm ausbalanciert. Nicht alles funktioniert zwar immer einwandfrei und kleinere Abstriche muss man in Kauf nehmen, aber The Force Awakens lässt mich wieder ausgesprochen positiv in die Zukunft meiner liebsten Filmreihe blicken und macht mich glücklich. Geist, Seele und Magie sind wieder zurückgekehrt ins Star Wars-Universum. Ein wundervoller Abschluss für das Filmjahr 2015. Möge die Macht mit uns sein.

 

8,5 von 10 Gesprächen mit BB-8

 

EDIT 16.12.2016: Nach nunmehr annähernd einem Jahr mit Star Wars: The Force Awakens und inzwischen auch zahlreichen Sichtungen im beinahe zweistelligen Bereich muss ich zugeben, dass ich den Film heute etwas nüchterner sehe als noch damals. Das Abebben der anfänglichen, vielleicht etwas überschwänglichen Euphorie des glühenden Fanboys in mir und das Erkennen des einen oder anderen Strukturproblems führen letztlich zu einer etwas anders gelagerten Gewichtung meiner Eindrücke und korrigieren die abschließende Note letztlich auf 7,5 von 10.