A Prayer Before Dawn (2018)

25. März 2019 at 20:25

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Als der britische Amateurboxer Billy Moore in Bangkok wegen Drogenbesitz verhaftet wird und in einem berüchtigten thailändischen Knast landet, da öffnet sich ihm eine Hölle. Weder hat er Geld, noch spricht er die Sprache und am ganzen Körper tätowierte Mörder, überfüllte Schlafsäle, brutale Gefängnisrituale und Vergewaltigungen bestimmen fortan seinen Alltag. Doch Billy hat ein Talent: das Boxen. Und so gelingt ihm schließlich die Aufnahme in das hiesige Boxteam. Das bringt zwar gewisse Privilegien mit sich, aber auch hartes Training und brutale Muay Thai-Boxkämpfe.

 

Gerade der Knastthriller und das Boxerdrama sind ja oft ganz bestimmten Genre-Mechanismen unterworfen, doch Regisseur Jean-Stéphane Sauvaire (Johnny Mad Dog) interessiert sich bei seinem Film A Prayer Before Dawn herzlich wenig für derartige Strukturen und geht viel lieber ganz eigene Wege und vor allem dahin, wo es weh tut. Überhaupt verzichtet Sauvaire überwiegend auf eine herkömmliche Spannungskurve oder klassische Erzählmuster, wenn er ganz auf die Stärke des Moments vertraut. A Prayer Before Dawn ist sehr minimalistisch inszeniert und mit verengtem Blick bloß noch auf das Nötigste herunter gebrochen: Billy als vollkommener Außenseiter in einer gnadenlosen Umgebung, reduziert auf kaum mehr als seinen Körper. Ihm bleibt sonst nichts in dieser chaotischen Hölle. Ihn gilt es zu schützen und zu benutzen gleichermaßen. Sauvaire geht immerzu ganz nah dran, zeigt ungeschönt wie schonungslos den zehrenden Alltag voller Detailtreue und Authentizität und verleiht so A Prayer Before Dawn einen beinahe schon dokumentarischen Anstrich.

 

Dazu überträgt sich die pure Verzweiflung und die schiere Angst von Billy und die Fremdartigkeit dieser ganz eigen strukturierten Welt ganz hervorragend auf den Zuschauer, wenn Sauvaire nahezu immer auf Untertitel verzichtet und auch wir genau wie sein Protagonist seine Umwelt weder verstehen noch halbwegs begreifen können. Nur ganz selten und vereinzelt durchbrechen versprengte Brocken Englisch oder Französisch die thailändische Barriere und liefern zumindest bruchstückhafte Informationen, darüber hinaus bleibt nur das Körperliche zwischen Selbstzerstörung und Selbstbehauptung, um sich Ausdruck zu verleihen. Und doch blitzen zwischen all der brutalen Härte und rohen Gewalt manchmal winzige Momente der Zärtlichkeit auf, sind jedoch rar gesät und selten mehr als punktuelle und gleich wieder durch Gewalt erstickte Inseln der Ruhe. Sauvaire will keine strukturierte Geschichte erzählen, vielmehr ist ihm daran gelegen, dem Zuschauer eine möglichst rohe und direkte Erfahrung zugänglich zu machen, und das gelingt ihm mit seiner eher unkonventionellen Art der Inszenierung ganz hervorragend. So wird sein A Prayer Before Dawn zu einer schonungslosen wie eindringlichen Reise an einen wahrlich finsteren Ort, bestehend aus Momentaufnahmen eines grundlegenden Kampfes um ein buchstäbliches Überleben, gefochten von einem jungen Mann, der sein Leben eigentlich schon aufgegeben hatte.

 

8 von 10 Stangen Zigaretten zur Überlebenssicherung

 

 

Molly´s Game (2018)

21. Dezember 2018 at 19:40

© STX Films/Quelle: IMDb

 

 

 

You know what makes you feel okay about losing? Winning.“

 

 

 

Molly Bloom hat als erfolgreiche Skifahrerin im Alter von 20 Jahren schon mehr erreicht als die meisten in ihrem ganzen Leben, als eine schwere Rückenverletzung ihrer Sportkarriere ein jähes Ende setzt. Ihr danach angestrebtes Jurastudium opfert sie später, weil sie über Umwege in die Welt des Underground-Pokers in Los Angeles eingeführt wird. Schnell erkennt sie ihr Talent in puncto Organisation und Ausrichtung solcher oft Tage andauernden Pokerspiele und dank ihrer neuerworbenen Kontakte bis in die höchsten Kreise aus Wirtschaft, Politik und Filmstars eröffnet sie schließlich ihre ganz eigene, enorm erfolgreiche Runde.

 

Aaron Sorkins (als Drehbuchautor unter anderem verantwortlich für Filme wie The Social Network, Moneyball oder Steve Jobs) Regiedebüt Molly´s Game ist die Verfilmung der gleichnamigen Biografie von Molly Bloom und eine Geschichte, derart absurd, wie sie nur das Leben selbst so schreiben kann. Die Ereignisse sind echt, nur die Namen der Beteiligten wurden geändert. Molly ist tough. Molly ist hoch intelligent, ein Multitalent, das Wissen in sich aufnimmt wie ein trockener Schwamm Wasser. Molly ist zielstrebig und ebenso hartnäckig wie ehrgeizig. Aber vor allem: sie weiß sehr genau, was sie will, und wie es erreichen kann.

 

Nicht nur ist Molly´s Game wie eigentlich alle Drehbücher von Aaron Sorkin stark dialoglastig gehalten und extrem pointiert geschrieben, die Dialoge sind sogar trotz des tollen Cast rund um Jessica Chastain, Idris Elba und Kevin Costner das eigentliche Glanzstück und absolutes Highlight. Sorkin erzählt seinen Film enorm temporeich, manchmal beinahe schon zu temporeich, und ähnelt mit Molly als Off-Erzählerin und den smarten, eloquenten und scharfsinnigen Stakkato-Dialogen Werken wie Wolf of Wall Street oder The Big Short, ohne jedoch jemals deren Klasse zu erreichen. Molly´s Game gibt über seine volle Laufzeit von rund 140 Minuten Vollgas ohne Unterlass, glänzt sowohl mit seinem guten Erzähltempo als auch dem gelungenem Pacing, vermag nie zu langweilen und ist beinahe durchgängig hochgradig unterhaltsam. Nur gegen Ende geht Sorkin überraschender Weise ein wenig die Luft aus und Molly´s Game gleitet unnötig in deplatzierten Kitsch ab. Eine unglaubliche Geschichte, spannend verfilmt, witzig und temporeich erzählt und von großem Unterhaltungswert, aber in keinem Moment auf dem Niveau eines Wolf of Wall Street. Dennoch: klare Empfehlung und absolut sehenswert.

 

7 von 10 Pokerchips mit eigenem Emblem

 

 

A Futile and Stupid Gesture (2018)

10. Februar 2018 at 19:53

 

 

© Netflix

 

 

 

„These last few days are among the happiest I´ve ever ignored.“

 

 

 

Anfang der 70er Jahre kommen die beiden Harvard-Studenten Doug Kenney und Henry Beard auf die Idee, ein Satire-Magazin zu gründen. Benannt nach dem erfolgreichen Harvard Lampoon nennen sie ihr neues Projekt National Lampoon. Doch der Weg ist lang und steinig: zunächst findet sich kein Verlag für ihre Idee, dann läuft der Lampoon nur schwerlich an und mit dem Erfolg kommen schon bald die Klagen ins Haus, wenn sich beinahe jeder von dem satirischen und Tabus brechenden Inhalten beleidigt fühlt.

 

Es gibt sie also doch noch: moderne Komödien jenseits von plattem Fäkalhumor. A Futile and Stupid Gesture ist ein unglaublich geistreicher Rückblick in die Entstehungsgeschichte von National Lampoon, der vor genialem Wortwitz nur so sprüht und irre pointierte Dialoge bietet. Doug Kenney dürfte den meisten kein Begriff sein, seine Filme jedoch schon, war er doch maßgeblich an den Drehbüchern zu Animal House und Caddyshack beteiligt und zusammen mit Henry Beard einer der Gründer von National Lampoon. Ich wusste nur ganz grob, was mich erwarten würde, aber schon nach wenigen Minuten hatte mich der Film und ließ mich nicht mehr los. Ein wenig fühlte ich mich an Man on the Moon mit Jim Carrey erinnert, wenn die Stimmung im weiteren Verlauf immer mehr ins Dramatische abgleitet. Regisseur David Wain (Wet Hot American Summer, 2001) bringt uns einen beinahe verloren geglaubten Humor vergangener Tage zurück, den ich schon für ausgestorben hielt: albern, klamaukig, teils wirr und manchmal buchstäblich sinnfrei, der sich aber auch aus oftmals klugen Alltagsbeobachtungen speist und Dinge überspitzt, die jeder von uns kennt. Egal, ob nun das College-Setting in Animal House, der Ferienjob in Caddyshack oder das Weihnachtsfest mit der ganzen Familie in Christmas Vacation.

 

Und so sieht sich das Drehbuch von John Aboud und Michael Colton auch in genau dieser Tradition und nimmt sich zum Glück selbst nicht allzu ernst, wenn es ein herrlich skurriles Bild der Comedy-Welt im New York der 70er und 80er voller allerhand schräger Typen zeichnet, die sich unter dem Dach von National Lampoon zusammen finden. Der Weg zum ersten Film ist noch weit, zunächst gilt es, das Magazin zu etablieren und später eine eigene Radioshow zu starten. Kenney übernimmt sich, entdeckt die Drogen, bricht zusammen, steigt aus, kehrt zurück, geht nach Hollywood. Beard geht nach fünf Jahren gleich ganz und beschreitet fortan seinen eigenen Weg. Alle kommen sie vor Bill Murray, Chevy Chase, Harold Ramis, Christopher Guest, John Belushi, Gilda Radner, Ivan Reitman, John Landis, Rodney Dangerfield, die ganze Clique. Nicht immer sind die Schauspieler ihren Vorbildern unbedingt ähnlich, dennoch spielen sie sie durch die Bank weg hervorragend getroffen: besonders Joel McHale als Chevy Chase ist da hervorzuheben. Und die Chemie zwischen Will Forte und Domhnall Gleeson, diese Wortgefechte zwischen ihnen, dieser schnelle Schlagabtausch, das macht alles unglaublich viel Spaß. Ein schöner und vor allem auch wirklich witziger Film voller geistreichem Wortwitz und einer Prise Wahnwitz. Und zum Schluss macht auch der merkwürdige Titel des Filmes plötzlich einen traurig-lustigen Sinn.

 

8 von 10 Hunden mit Pistole am Kopf

 

 

Hacksaw Ridge

18. August 2017 at 22:29

 

 

© Summit Entertainment

 

 

 

„I don’t know how I’m going to live with myself if I don’t stay true to what I believe.“

 

 

 

Desmond Doss ist gläubiges Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten und lehnt jegliche von ihm ausgehende Gewalt ab, will aber dennoch für sein Land in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Während seiner militärischen Ausbildung in der stößt er mit seiner Gesinnung nicht nur bei seinen Vorgesetzten auf teils erheblichen Widerstand, sondern auch bei seinen Kameraden. Dennoch gelingt es ihm sein Ziel zu erreichen und er ist als Sanitäter Teil der Gefechte auf der japanischen Insel Okinawa. Ziel ist es, das Felsplateau Maeda (Hacksaw Ridge) einzunehmen, doch die Amerikaner werden immer wieder zurück gedrängt und erleiden heftige Verluste. Als der Befehl zum Rückzug gegeben wird, aber noch unzählige Verletzte zurückbleiben, beschließt Doss, so viele der Männer wie möglich im Alleingang zu retten.

 

Hacksaw Ridge ist der nun mehr fünfte Film von Mel Gibson und der erste nach Apocalypto und somit zehn Jahren Pause auf dem Regiestuhl. Auf seine diversen Eskapaden und Entgleisungen der letzten Jahre will hier nicht weiter eingehen, denn das haben andere an diversen Stellen bereits zur Genüge getan, aber wirklich verwundert bin ich nicht darüber, wie Hacksaw Ridge letztlich unter seiner Regie so ausgefallen ist. Heroisches Soldatentum und geradezu pathologische Gottesfurcht sind hier die treibende Kraft für das Geschehen. Dabei entbehrt das keineswegs eines gewissen Reizes, hat seine ganz eigene Dynamik, wenn ein konsequenter Pazifist dem Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt wird, und ist zweifellos der faszinierendste Aspekt am ganzen Film. Denn abgesehen von seiner interessanten Prämisse ist Hacksaw Ridge in seiner Form der Inszenierung doch sehr bieder, konventionell und formelhaft ausgefallen. Auch den zugegeben recht hohen Grad der Gewalt im Schlachtgetümmel empfand ich eher als aufgesetzt und als bloße Provokation und weniger als bewusst künstlerisches Stilmittel, denn auf der erzählerischen Ebene hat das dem Film nichts hinzuzufügen. Dass Krieg schrecklich brutal und grausam ist, das wissen wir auch so, aber gut: das ist bei Filmen von Mel Gibson nun ja nicht sonderlich überraschend angesichts seines Hanges zur religiösen Allegorie im Blutvergießen. Doch trotz dessen muss man festhalten, dass Hacksaw Ridge auf der handwerklichen Ebene absolut gelungen ist, audiovisuell großes Spektakel bietet und durchaus zu unterhalten weiß. Allerdings habe ich auch ein recht großes Problem mit der Hauptfigur Desmond Doss. So interessant wie ungewöhnlich sein absoluter Pazifismus mitten im Krieg auch sein mag, so schizophren empfinde ich das dem Film zu Grunde liegende erzählerische Konzept, wenn Doss zwar jegliche von sich selbst ausgehende und wie auch immer geartete Gewalt vollkommen ablehnt, die Gewalt an sich jedoch nicht nur nicht ablehnt, sondern auch gutheißt, ganz bewusst legitimiert und letztlich sogar einfordert. Er selbst beteiligt sich an den kriegerischen Handlungen als Sanitäter nur in helfender Funktion und nimmt nie eine Waffe auch nur in die Hand, weil es seinem Glauben gegenüber nicht akzeptabel ist, hat aber absolut kein Problem mit all der Gewalt, die seine Kameraden dem japanischen Feind entgegen bringen. Das mag der eine oder andere vielleicht als eher geringfügig bedeutsam empfinden, mich hingegen hat es tatsächlich massiv gestört innerhalb der erzählerischen Konstruktion von Hacksaw Ridge. Ein wenig schade ist das, denn zumindest für mich beraubt das dem Film der Möglichkeit zu größerem. Im Ansatz ist das eine wirklich spannende Idee, deren Umsetzung jedoch verkennt das eigentliche Potential dahinter. Über überschwänglichen Pathos, Heldenverehrung, Patriotismus und gnadenlose Schwarz/Weiß-Malerei kann ich mich kaum ärgern, denn diese Dinge habe ich so im Vorfeld durchaus erwartet.

 

Handwerklich ist Hacksaw Ridge trotz Kitsch, Pathos und Patriotismus zweifellos sehr gut geraten, aber das schizophrene Element innerhalb der grundlegenden Handlungskonstruktion stört und irritiert mich immerzu in einem Maße, dass ich mich mit dem jüngsten Werk von Mel Gibson schwerer tue, als ich es auf dem bloßen Papier müsste. So bleibt für mich letzten Endes ein hervorragend aussehendes und souverän gespieltes Kriegsdrama, welches es trotz seiner Prämisse verpasst, herausragend und bedeutsam zu sein. Unterhaltsam aber ist es alle mal.

 

6 von 10 zerfetzten Körpern auf dem Schlachtfeld