Dragged Across Concrete (2018)

26. August 2019 at 19:08

 

 

© Summit Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

I’m not racist. Every Martin Luther King Day, I order a cup of dark roast.“

 

 

 

Weil die Detectives Brett Ridgeman und Anthony Lurasetti einen hispanisch stämmigen Dealer bei der Verhaftung zu hart anfassen und dabei gefilmt werden, bleibt ihrem Vorgesetzten nur ihre Suspendierung ohne Gehalt. Doch die beiden brauchen das Geld dringend, weshalb sich Ridgeman über Kontakte nach einem Job jenseits der Legalität umsieht. Aber wohin sich der gegebene Tipp letztlich entwickelt, das hätte keiner der beiden Cops ahnen können.

 

Zuckerwatte und Anchovis. Nach seinen beiden Filmen Bone Tomahawk (2015) und Brawl in Cell Block 99 (2017) bleibt Regisseur und Autor S. Craig Zahler seiner bisherigen Linie konsequent treu und liefert mit seinem jüngsten Werk Dragged Across Concrete erneut knüppelhartes wie wuchtiges, geradezu nihilistisches Genre-Kino. Gewiss, Zahler polarisiert, und sicherlich provoziert er auch ganz bewusst, aber er sprengt auch Grenzen, wenn ihn herkömmliche Genre-Mechanismen schlicht nicht interessieren. Er pumpt frisches Blut in eine festgefahrene Kinolandschaft, vermag als einer der wenigen noch wirklich zu überraschen und stößt einen kontroversen Diskurs an. Seinen Hang zu einer entschleunigten und bedächtigen Erzählweise hat Zahler ja bereits zweimal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, doch Dragged Across Concrete hebt das mit einer Laufzeit von rund 160 Minuten auf ein geradezu behutsames Level, wenn er seine Szenen und Einstellungen ganz bewusst regelrecht zerdehnt. Zelebrierte Langsamkeit. Dabei verzahnt Zahler mit viel erzählerischem Geschick und einem erstaunlichen Gespür für seine Figuren die verschiedenen Handlungsstränge, bis sie in einem knallhart gnadenlosen Finale konsequent aufgelöst werden. Es mag dauern und Geduld erfordern, doch ist der Siedepunkt erst erreicht, dann eskalieren die Ereignisse derart schnell, dass nicht alle Beteiligten so ganz genau überblicken, in was sie da eigentlich hinein geraten sind.

 

Die Ambivalenz der Figurenzeichnung bringt Zahler an äußerster Front in Stellung, dreht den Provokations-Regler ganz bewusst auf Maximum und unterstreicht all das nochmals durch die Wahl seiner Hauptdarsteller. Sind die Motive von Ridgeman und Lurasetti noch weitest gehend verständlich bis nachvollziehbar, so sind ihre Methoden weit mehr als nur fragwürdig, was zu einer spannenden Wechselwirkung führt, welche den Zuschauer durchaus fordern kann. Zugleich lässt er es sich nicht nehmen, eben jene vermeintlich gefeierten und doch überkommenen Männlichkeitsideale zu dekonstruieren und zu karikieren. Vince Vaughn erreicht zwar nicht ganz seine stoische Präzision aus Brawl in Cell Block 99, macht seine Sache aber immer noch stark, doch Mel Gibson ist hier das klare Highlight. Ihn habe ich lange nicht so gut gesehen wie hier, vielleicht auch, weil ihm die Rolle des Ridgeman wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Dragged Across Concrete mag moralisch fragwürdig anmuten und lässt eine solche Auslegung durchaus zu, denn Zahler will bewusst provozieren, doch sein Film ist in vielen Aspekten ziemlich clever geraten, pointiert geschrieben und vor allem unglaublich präzise inszeniert in seiner grundlegenden Ambivalenz. Let´s hunt some lions.

 

85 von 100 Prozent

 

 

Gallipoli (1981)

12. Februar 2018 at 15:28

 

 

© Roadshow Film Distributors

 

 

 

„It’s not our bloody war. It’s an English war. It’s got nothing to do with us.“

 

 

 

Australien, 1915. Aus unterschiedlichen Gründen wollen die beiden Freunde Archie Hamilton und Frank Dunne in die australische Armee eintreten, um im Ersten Weltkrieg auf der türkischen Halbinsel Gallipoli gegen die Türken zu kämpfen. Und das, obwohl sie nicht einmal genau wissen, warum oder wofür dort Krieg herrscht. Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichen sie schließlich Perth, wo sie sich endlich einschreiben können. Von dort aus geht nach Ägypten in ein Ausbildungslager der australischen Armee und dann schließlich nach Gallipoli, wo die beiden Freunde schnell feststellen müssen, was Krieg wirklich bedeutet.

 

Mit Gallipoli kann ich nun einen weiteren Film des australischen Regisseurs Peter Weir von meiner Liste streichen und erneut hat mich Weir nicht enttäuscht. Es sollte sein letzter rein australischer Film sein, denn danach wurde Hollywood auf ihn aufmerksam und auch für den noch jungen Mel Gibson sollte dieser Film der Sprung in die Traumfabrik bedeuten – Mad Max ließ bereits aufhorchen, doch Gallipoli bewies, dass er mehr konnte. Weir erzählt die abenteuerliche Geschichte der Freundschaft zweier junger Männer vor dem Hintergrund eines wohl eher in Vergessenheit geratenen Stückes australischer Geschichte: die Schlacht um Gallipoli im Ersten Weltkrieg, in welcher australische und britische Truppen gemeinsam gegen die mit Deutschland verbündeten Türken. Dennoch sehe ich Gallipoli in erster Linie nicht oder nur sehr bedingt als klassischen Kriegsfilm, steht doch lange die Freundschaft sowie die abenteuerliche wie oftmals beschwerliche Reise von Archie und Jack von Queensland aus quer durch die Wüste nach Perth, von dort nach Ägypten und letztlich zur türkischen Halbinsel im Mittelpunkt und das eigentliche Kriegsgeschehen rückt tatsächlich erst sehr spät in den Mittelpunkt. Dazu bedient sich Weir bei vielen Themen klassischer Kriegsdramen – wie etwa den scheinbar ewig währenden Hurra-Patriotismus junger Männer, das bedenkenlose Verheizen unzähliger Soldaten durch ihre Vorgesetzten oder die beinahe schon rassistische Herabwürdigung und Missachtung fremder Kulturen – reißt diese allerdings immer nur gekonnt an ohne sie je zum Leitmotiv zu erheben. Historisch mag das alles vielleicht nicht korrekt sein, dennoch überzeugt Weir mit der von ihm gewohnten leicht schrägen Art der Inszenierung und findet einige wirklich sehr schöne Bilder und Motive, wo man sie kaum vermuten würde. Am Ende bleibt kaum mehr als eine Medaille und eine Taschenuhr im türkischen Staub und zwei junge Leben, denen eine perspektivenreiche Zukunft in einem Krieg genommen wurde, welcher nicht einmal ihr Krieg war.

 

8 von 10 in Kairo gekaufte Esel

 

 

Hacksaw Ridge

18. August 2017 at 22:29

 

 

© Summit Entertainment

 

 

 

„I don’t know how I’m going to live with myself if I don’t stay true to what I believe.“

 

 

 

Desmond Doss ist gläubiges Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten und lehnt jegliche von ihm ausgehende Gewalt ab, will aber dennoch für sein Land in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Während seiner militärischen Ausbildung in der stößt er mit seiner Gesinnung nicht nur bei seinen Vorgesetzten auf teils erheblichen Widerstand, sondern auch bei seinen Kameraden. Dennoch gelingt es ihm sein Ziel zu erreichen und er ist als Sanitäter Teil der Gefechte auf der japanischen Insel Okinawa. Ziel ist es, das Felsplateau Maeda (Hacksaw Ridge) einzunehmen, doch die Amerikaner werden immer wieder zurück gedrängt und erleiden heftige Verluste. Als der Befehl zum Rückzug gegeben wird, aber noch unzählige Verletzte zurückbleiben, beschließt Doss, so viele der Männer wie möglich im Alleingang zu retten.

 

Hacksaw Ridge ist der nun mehr fünfte Film von Mel Gibson und der erste nach Apocalypto und somit zehn Jahren Pause auf dem Regiestuhl. Auf seine diversen Eskapaden und Entgleisungen der letzten Jahre will hier nicht weiter eingehen, denn das haben andere an diversen Stellen bereits zur Genüge getan, aber wirklich verwundert bin ich nicht darüber, wie Hacksaw Ridge letztlich unter seiner Regie so ausgefallen ist. Heroisches Soldatentum und geradezu pathologische Gottesfurcht sind hier die treibende Kraft für das Geschehen. Dabei entbehrt das keineswegs eines gewissen Reizes, hat seine ganz eigene Dynamik, wenn ein konsequenter Pazifist dem Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt wird, und ist zweifellos der faszinierendste Aspekt am ganzen Film. Denn abgesehen von seiner interessanten Prämisse ist Hacksaw Ridge in seiner Form der Inszenierung doch sehr bieder, konventionell und formelhaft ausgefallen. Auch den zugegeben recht hohen Grad der Gewalt im Schlachtgetümmel empfand ich eher als aufgesetzt und als bloße Provokation und weniger als bewusst künstlerisches Stilmittel, denn auf der erzählerischen Ebene hat das dem Film nichts hinzuzufügen. Dass Krieg schrecklich brutal und grausam ist, das wissen wir auch so, aber gut: das ist bei Filmen von Mel Gibson nun ja nicht sonderlich überraschend angesichts seines Hanges zur religiösen Allegorie im Blutvergießen. Doch trotz dessen muss man festhalten, dass Hacksaw Ridge auf der handwerklichen Ebene absolut gelungen ist, audiovisuell großes Spektakel bietet und durchaus zu unterhalten weiß. Allerdings habe ich auch ein recht großes Problem mit der Hauptfigur Desmond Doss. So interessant wie ungewöhnlich sein absoluter Pazifismus mitten im Krieg auch sein mag, so schizophren empfinde ich das dem Film zu Grunde liegende erzählerische Konzept, wenn Doss zwar jegliche von sich selbst ausgehende und wie auch immer geartete Gewalt vollkommen ablehnt, die Gewalt an sich jedoch nicht nur nicht ablehnt, sondern auch gutheißt, ganz bewusst legitimiert und letztlich sogar einfordert. Er selbst beteiligt sich an den kriegerischen Handlungen als Sanitäter nur in helfender Funktion und nimmt nie eine Waffe auch nur in die Hand, weil es seinem Glauben gegenüber nicht akzeptabel ist, hat aber absolut kein Problem mit all der Gewalt, die seine Kameraden dem japanischen Feind entgegen bringen. Das mag der eine oder andere vielleicht als eher geringfügig bedeutsam empfinden, mich hingegen hat es tatsächlich massiv gestört innerhalb der erzählerischen Konstruktion von Hacksaw Ridge. Ein wenig schade ist das, denn zumindest für mich beraubt das dem Film der Möglichkeit zu größerem. Im Ansatz ist das eine wirklich spannende Idee, deren Umsetzung jedoch verkennt das eigentliche Potential dahinter. Über überschwänglichen Pathos, Heldenverehrung, Patriotismus und gnadenlose Schwarz/Weiß-Malerei kann ich mich kaum ärgern, denn diese Dinge habe ich so im Vorfeld durchaus erwartet.

 

Handwerklich ist Hacksaw Ridge trotz Kitsch, Pathos und Patriotismus zweifellos sehr gut geraten, aber das schizophrene Element innerhalb der grundlegenden Handlungskonstruktion stört und irritiert mich immerzu in einem Maße, dass ich mich mit dem jüngsten Werk von Mel Gibson schwerer tue, als ich es auf dem bloßen Papier müsste. So bleibt für mich letzten Endes ein hervorragend aussehendes und souverän gespieltes Kriegsdrama, welches es trotz seiner Prämisse verpasst, herausragend und bedeutsam zu sein. Unterhaltsam aber ist es alle mal.

 

6 von 10 zerfetzten Körpern auf dem Schlachtfeld

 

 

Blood Father

15. Februar 2017 at 13:49

 

 

  © SND Films

 

 

 

„You sure are a good girl. You sure are. You sure… are.“

 

 

 

John Link ist ein in die Jahre gekommener Ex-Sträfling und trockener Alkoholiker, der sein altes Leben hinter sich gelassen hat und nun zurückgezogen in einem Trailerpark lebt und seinen Lebensunterhalt als Tätowierer verdient. Als plötzlich seine Tochter, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, wird Link doch nochmal mit seiner eigentlich längst abgelegten Vergangenheit konfrontiert.

 

Der französische Regisseur Jean-François Richet ist mir bisher nur durch sein eher mäßiges und vor allem unnötiges Remake von John Carpenters Assault on Precinct 13 und durch die beiden Filme L’instinct de mort und L’ennemi public n°1 mit Vincent Cassel als französische Gangster-Ikone Jacques Mesrine aufgefallen. An manchen Stellen war zu lesen, Blood Father würde im Schaffen von Mel Gibson einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie Taken in dem von Liam Neeson, ihm also als gealterten Actionhelden einen zweiten Karrierefrühling bescheren. Damit lässt man allerdings Get the Gringo außer Acht, der bereits 2012 ganz ähnlich angelegt war. Aber gut, sei´s drum. Richet hat mit Blood Father einen ziemlich guten, stimmungsvollen Genrefilm abgeliefert, der anfangs sehr gut und bedächtig seine beiden Hauptfiguren einführt und sich ausreichend Zeit nimmt, um seine offensichtliche B-Movie-Handlung sorgfältig vorzubereiten. Stilistisch vermengt Richet einige Elemente aus Western, Roadmovie und Drama, abgeschmeckt mit einer Prise Sons of Anarchy, zu einem zwar überraschungsarmen, aber dafür enorm kurzweiligen und straff wie schnörkellos inszenierten Thriller, dessen Schwerpunkt keineswegs auf seiner Action liegt. Wer hier ein temporeiches Spektakel erwartet, welches Actionszene an Actionszene reiht, der ist mit Blood Father falsch beraten. Sicher kracht und knallt oft genug in den angenehm kurzen 88 Minuten Laufzeit, aber der Film bietet auch immer wieder ruhige Momente zum Durchatmen und kann durch einen hervorragenden Rhythmus glänzen ohne jemals künstlich aufgeblasen zu werden. Auch auf überflüssigen Schnickschnack in der Inszenierung wird hier weitestgehend verzichtet, die Action ist überwiegend herrlich altmodisch handgemacht und auf CGI wird glücklicherweise verzichtet. Die Actionszenen sind allesamt kurz und knapp gehalten und bodenständig umgesetzt, wodurch sie eine deutliche Intensität entwickeln können, die Blood Father sehr gut zu Gesicht steht und sich angenehm vom üblichen Action-Einerlei abzuheben weiß.

 

John Link ist der Inbegriff eines Antihelden – trockener Alkoholiker und Ex-Sträfling mit bewegter Vergangenheit in einer Bikergang auf der Suche nach Absolution für früherer Verfehlungen. Eine Rolle, die Mel Gibson wie auf den Leib geschneidert ist und die er glaubhaft und so sehr voller Inbrunst verkörpert, dass sein geerdetes Schauspiel verhindert, dass Blood Father in die typischen Klischeefallen tappt. So ist Mel Gibson dann wohl auch die größte Stärke des Filmes, aber zugleich auch ein Schwachpunkt, denn er gefällt sich selbst ein wenig zu sehr in seiner Rolle des auf den rechten Pfad zurückgekehrten Saulus voller biblischem Zorn. Ansonsten gibt es an Blood Father nicht viel zu mäkeln. Der Film ist angenehm knackig kurz, entfaltet einen guten Rhythmus zwischen Drama getriebenen und Action getriebenen Szenen und hat eine starke Hauptfigur. Die Action selbst ist bodenständig, altmodisch und gekonnt inszeniert. Kurzum: ein guter und stimmungsvoller Actionthriller, der seinem Genre zwar nichts neues hinzufügen kann, aber zu jeder Zeit zu unterhalten weiß. Nur eines hat mich ein wenig irritiert: warum musste sich Richet in einer Szene in einem Kino selbst referenzieren, indem sein Assault on Precinct 13 dort auf der Leinwand zu sehen ist? Kein richtiger Kritikpunkt, merkwürdig fand ich es dennoch. Aber gut, sei´s drum.

 

7 von 10 kunstvollen Tätowierungen