Venom (2018)

17. März 2019 at 18:04

 

 

© Sony Pictures Releasing/Quelle: IMDb

 

 

 

Look around at the world. What do you see? A planet on the brink of collapse. Human beings are disposable. But man and symbiote combined, this is a new race, a new species… a higher lifeform.“

 

 

 

Auf der Suche nach einer neuen Story kommt der Enthüllungs-Journalist Eddie Brock den fragwürdigen Machenschaften von Carlton Drake und dessen Life Foundation auf die Spur. Bei dem Versuch stichhaltige Beweise zu finden um Drake das Handwerk legen zu können, wird Brock mit einem außerirdischen Symbionten namens Venom infiziert. Drake jedoch setzt um jeden Preis alles daran, Venom wieder unter Kontrolle zu bekommen, und schon bald sieht sich Brock einer ganzen Heerschar von Verfolgern ausgesetzt, denen Venom nur liebend gern den Gar ausmachen möchte.

 

Eye, lungs, pancreas… so many snacks, so little time. Venom von Regisseur Ruben Fleischer (Zombieland, 30 Minutes or Less, Gangster Squad) wirkt in der Ära des MCU mit seinen Mega-Blockbustern seltsam deplatziert und irgendwie aus der Zeit gefallen. Er erinnert mich an eine Zeit, als noch nicht fünf bis acht Superheldenfilme im Jahr ins Kino kamen, alles etwas kleiner gehalten war und man sich als geneigter Fan nach Filmen wie The Phantom (1996), Spawn (1997) oder Blade (1998) – ungeachtet ihrer filmischen Qualitäten oder gar deren Mangel – die Finger leckte. So ist Fleischers Film dann auch von eher schlichtem Gemüt und begreift sich als launiges Spaßprodukt losgelöst vom erzählerischen Ballast irgendeinem ausschweifendem Universum gerecht werden zu müssen. Ganz bewusst genügsam reicht dann auch die infantil naive Prämisse von Venom, wenn sich eben außerirdische Parasiten mit Menschen symbiotisch verbinden und ihre Konflikte in CGI-Gewitter austragen.

 

Die Action ist dann auch ganz passabel geraten, visuell jedoch ist das alles mal okay, oft aber eher weniger gut gelungen, und besonders im überquellenden, unübersichtlichen und viel zu hastigen wie hektischen Finale verkommt alles wie so oft zu einem matschigen Brei ohne nennenswerte Differenzierung. Leider macht Venom immer mal wieder hoffnungsvoll blutige Versprechungen, welche jedoch dank des PG-13-Rating nicht eingelöst werden können. Den größten Reiz macht für mich letztlich dann auch die herrlich überdrehte Performance von Tom Hardy aus, der – einmal mit dem fiesen Parasiten infiziert – mit sichtlich viel Spaß buchstäblich alles gibt, und viel Unterhaltung aus dem Zusammenspiel zwischen Eddie Brock und Venom zu ziehen vermag. Leider bietet der Rest des zumindest auf dem Papier tollen Cast rund um Michelle Williams und Riz Ahmed kaum mehr als Dienst nach Vorschrift und kann den zugegeben schablonenhaften Figuren kaum Leben einhauchen. Unterm Strich braucht Venom etwas zu viel Zeit, um so richtig in die Gänge zu kommen, liefert viel standardisierte CGI-Action und traut sich zu wenig sein Potential voll auszuschöpfen, dennoch wurde ich über weite Strecken zumindest unterhalten. Auch, wenn da deutlich mehr drin war.

 

6 von 10 abgebissenen Köpfen

 

 

Dunkirk

12. August 2017 at 12:18

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„All we did is survive.“ – „That´s enough.“

 

 

 

Eben jener Dialog gegen Ende von Christopher Nolans zehntem Film fasst recht gut zusammen, was die Quintessenz von Dunkirk ausmacht. Das bloße Überleben bereits als Sieg, einem scheinbar übermächtigen Feind unter großen Verlusten abgerungen, ganz unvermittelt und direkt, überwiegend frei von Kitsch und Pathos. Nolan inszeniert die Evakuierung von rund 400.000 allierten Soldaten, welche 1940 in der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen in aussichtsloser Lage von den deutschen Streitkräften eingekesselt waren, keineswegs als herkömmlichen Kriegsfilm voller Action, Drama und Heldentum, ja, nicht mal als klassisches Erzählkino, sondern vielmehr als visuelles Erzählen, das in seiner Ausarbeitung extrem reduziert und beinahe schon abstrakt ist, so dass antrainierte Sehgewohnheiten hier gnadenlos unterlaufen werden. Viele herkömmliche Strukturen lässt Dunkirk einfach hinter sich: weder gibt es eine zusammenhängende Story im klassischen Sinne, noch viel Dialog oder ausgearbeitete Charaktere. Anstatt sich mit ausgewählten Figuren identifizieren und mitfiebern zu können, wird der Zuschauer so Teil dieser anonymen Masse an Soldaten, gestrandet in Dünkirchen, ausgelaugt und am Ende ihrer Kräfte, vor sich das Meer und beinahe greifbar die sichere Heimat, hinter sich den Feind und den unvermeidlichen Tod. Mitten im Geschehen statt einfach nur Betrachter von außerhalb. Auch die deutschen Soldaten bleiben kaum mehr als eine diffuse Bedrohung ohne Gesicht, sind zu jeder Zeit aber omnipräsent, was die Spannung nur noch weiter in die Höhe schraubt, wenn immerzu ein weiterer Angriff wie aus dem Nichts erfolgen kann. Christopher Nolan nimmt uns die Krücken, auf die wir uns für gewöhnlich stützen und dazu noch die Orientierung, wirft uns unmittelbar und ganz direkt mitten ins Geschehen, geht von Beginn an ein sehr hohes Tempo und gönnt keine Ruhephase, keine Pause, kein Durchatmen. Dazu inszeniert er Dunkirk räumlich wie zeitlich auf drei verschiedenen Ebenen und spielt mit deren Beschaffenheit, wenn einerseits Land, Wasser und Luft, andererseits drei verschiedene Zeitrahmen kollidieren, sich immer wieder begegnen, sich vermischen und sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Dank dieser nichtlinearen Erzählweise verschwindet jegliches Zeitgefühl und die Orientierungslosigkeit wird nur noch weiter gesteigert. Alles ist im Fluss, driftet auseinander, nähert sich wieder an und verschwimmt letztlich zu einem Erlebnis wie aus einem Guss. Was kompliziert klingt, das entwickelt auf der Leinwand schnell seine ganz eigene Dynamik und eine geradezu unwiderstehliche Sogkraft.

 

Auch audiovisuell ist Dunkirk unglaublich stark und entfaltet auf der Leinwand eine Kraft, die ihres Gleichen sucht. Nolans Kameramann Hoyte van Hoytema findet immer wieder unfassbare Bilder und zum Teil wunderschöne Einstellungen für die grausamsten Dinge und der Score von Hans Zimmer ist seine beste Arbeit seit Langem und gibt mal ganz unverhohlen offensichtlich, mal so zart im Hintergrund, dass man es kaum noch bemerkt, immerzu den Takt für den erzählerischen Rhythmus vor. Dazu gesellt sich ein überhaupt grandioses Sounddesign, welches ich in solcher Form noch nie habe erleben dürfen: jeder Schuss, jede Bombe, jede Explosion, ja sogar die Geräuschkulisse in den Cockpits der Flugzeuge ist von solch einschneidender Klarheit und Präzision, dass es durch Mark und Bein geht. Das lässt sich kaum in Worte fassen, das muss man erfahren. Erleben. Spüren. Es ist ungemein faszinierend zu sehen, wie hier Bild, Ton und Schnitt zu einer kaum noch zu trennenden Einheit verschmelzen und ein Erlebnis erschaffen, das weit über gewöhnliches Kino hinausgeht. Nolans Ideen sind oft erzählerisch und inszenatorisch innovativ, dennoch ist er handwerklich eher Traditionalist mit Hang zum Detail. Sicher kommen hin und wieder auch digitale Effekte zum Einsatz, aber Boote, Schiffe, Flugzeuge, Statisten und Explosionen sind allesamt echt. Egal, ob im Wasser, an Land oder in der Luft, wo es nur möglich ist, wird auch mit praktischen Effekten gearbeitet. Allein die Luftkämpfe sind atemberaubend spektakulär wie spannend und dennoch irgendwie beiläufig in Szene gesetzt und die Maschinen sind keineswegs dem Computer entsprungen, sondern restaurierte Originale. Auch auf der darstellerischen Ebene beschreitet Dunkirk andere Wege als man anhand des Cast vielleicht vermuten würde, der zwar namhafte Schauspieler wie Tom Hardy, Cillian Murphy oder Mark Rylance sowie das Schwergewicht Kenneth Branagh beinhaltet, sich aber den Luxus erlaubt, diesen kaum mehr als Nebenrollen zu zugestehen und eher unbekannte Jungdarsteller wie Fionn Whitehead, Aneurin Barnard oder Barry Keoghan in den Vordergrund rückt.

 

Dunkirk ist mehr als nur Film, es ist ein Erlebnis, das ohne Umwege über den Kopf direkt in den Bauch zielt. Pures Überwältigungskino, so rauschhaft und bildgewaltig, eindringlich, intensiv und brachial wie ich es ehrlicher Weise noch nie erlebt habe. Nolans neuester Film ist unglaublich mitreißend und dicht inszeniert und verweigert sich dennoch oftmals tradierten Sehgewohnheiten. Klassische dramaturgische Elemente wie eine kohärente Story, ausgearbeitete Charaktere oder Dialog sucht man eher vergeblich und dennoch funktioniert das im Ergebnis ganz hervorragend. Von der ersten bis zur letzten Sekunde war ich permanent unter körperlicher Anspannung und niemals zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, Teil der Ereignisse auf der Leinwand zu sein statt einfach nur teilnahmsloser Betrachter. In Bezug auf die Immersion ist Dunkirk das vielleicht intensivste, aber auch anstrengendste Erlebnis, das ich jemals im Kino hatte. Und genau dort gehört er auch hin, auf die große Leinwand, um erlebt, gespürt und gefühlt zu werden. Es ist zu befürchten, dass der Film wie auch zuletzt Interstellar im Heimkino ein wenig an Wirkung und Faszination einbüßen wird, aber das ist okay, denn das unvergessliche Kinoerlebnis bleibt ja.

 

10 von 10… weil ich einfach keinen relevanten Kritikpunkt finden kann. Das kann sich irgendwann ändern – bestimmt sogar – aber für den Moment des Erlebnisses kann ich zu keiner anderen Wertung kommen

 

 

Legend

30. Juli 2016 at 17:52

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„Me and my brother, we’re gonna rule London!“

 

 

 

Im London der 50er und 60er Jahre gehören die Zwillinge Reginald und Ronald Kray zu den aufstrebenden Gangstern der Stadt. Im Londoner East End beginnen sie den Aufbau ihres Imperiums, ihre Skrupellosigkeit beschleunigt ihren Aufstieg und schon bald zementiert ein lukrativer Deal mit der amerikanischen Mafia ihre Position nur noch weiter. Doch die ständigen, unkontrollierten Wutausbrüche des erst vor Kurzem aus der Psychiatrie entlassenen Ronald gefährden immer wieder ihre Geschäfte. Reginald hingegen heiratet bald die junge Frances und versucht besonnener zu agieren, was die Spannung zwischen den beiden Brüdern nur weiter zuspitzt, denn der eine sieht die Zukunft des Imperiums im Vorbild der Mafia in Las Vegas und der andere wünscht sich die gute alte Zeit zurück, als Probleme einfach mit Gewalt gelöst werden konnten. Als Reginald eine Haftstrafe antreten muss, eskaliert die Situation vollkommen.

 

Eines direkt vorweg: Ich empfand den Film als ausgesprochen ambivalent in seiner Inszenierung und schwankend in seiner Tonalität, aber Tom Hardy in seiner Doppelrolle ist zweifellos der größte Pluspunkt auf der Habenseite von Brian Helgelands fünften Film nach Payback, A Knight´s Tale, Sin Eater und dem Sportdrama 42. Ein Zitat des amerikanischen Filmkritikers Benjamin Lee beschreibt eines meiner größten Probleme mit Legend durchaus treffend: „Despite the fact that we’re dealing with all too real and relatively recent events, the entire film is given a brightly lit, cartoonish feel as if we’re watching an adaptation of a gaudy graphic novel.“ Tatsächlich wirkt der gesamte Look des Filmes seltsam artifiziell, alles fühlt sich sehr künstlich und unnatürlich an, wie Kulissen, beinahe so, als wären kaum Szenen an realen Schauplätzen gedreht worden, sondern ausnahmslos im Studio und manchmal kommen sogar ausgesprochen schlechte designte Computeranimationen zum Einsatz. Dazu ist Legend sehr episodenhaft erzählt und eilt von Plotpunkt zu Plotpunkt als würde Brian Helgeland lediglich eine Liste mit Ideen Stück für Stück abhaken, eine erzählerische Stringenz hingegen lässt der Film deutlich vermissen. Klammert man Tom Hardy in seiner Doppelrolle als Reginald und Ronald Kray einmal aus, dann sind sämtliche übrigen Charaktere in Legend sehr klischeehaft gezeichnet und scheinen direkt aus dem Baukasten für Gangsterthriller entsprungen zu sein. Hier bietet der Film nichts, was man nicht in ähnlichen Genrevertretern wie etwa GoodFellas, Casino, The Godfather oder vermutlich einem guten Dutzend weiteren Gangsterthrillern schon besser gesehen hat. Natürlich muss das nicht zwingend ein Nachteil sein, denn gut geklaut ist oft immer noch besser als schlecht erdacht, aber leider beschränkt sich Helgeland nicht nur allein auf den Großteil seiner Charaktere, sondern oft kommt einem auch der Szenenaufbau, manchmal sogar ganze Szenen und deren Abfolge sehr bekannt vor. So darf zum Beispiel die lange Kamerafahrt durch einen Nachtclub nicht fehlen, wenn Reginald mit Frances ausgeht und ihr seine Freunde und Bekannten vorstellt. Allzu offensichtlich kopiert Helgeland hier eine der stärksten Szenen in GoodFellas, macht das aber so sehr 1:1 am Film von Martin Scorsese, dass man schon kaum noch von einer Hommage sprechen kann, und solche Momente finden sich leider zu Hauf in Legend. Zudem fiel es mir immer wieder sehr schwer einen Bezug zu den Figuren und zum Film grundsätzlich aufzubauen. Immer, wenn ich das Gefühl bekam, jetzt hätte mich der Film auf seine Seite gezogen, dann passierte jedesmal, wirklich jedesmal sofort danach etwas, das mich wieder komplett aus dem Film riss. Und so unterhaltsam die Ausraster von Ronald anfangs auch sind, so inflationär setzt der Film sie ein. Wenn Joe Pesci seinen Tommy DeVito in GoodFellas ein oder zweimal  ausrasten lässt, dann hat das eine völlig andere, deutlich stärkere Wirkung als ein Ronald Kray, der gefühlt alle zehn Minuten vollkommen durchdreht und auf die beklopptesten Ideen kommt, wodurch sich diese Szenen sehr schnell abnutzen, vorhersehbar werden und letztlich einfach nur noch langweilig wirken.

 

Letztlich ist Legend zwar routiniert und solide inszeniert, aber irgendwie auch ein wenig lieblos umgesetzt und kämpft doch sehr um seine filmische Identität, denn zu viele Szenen und Charaktere kennt man bereits aus deutlich besseren  Gangsterthrillern und Helgeland vermag dem Genre kaum bis nichts neues abzugewinnen. Muss er auch nicht unbedingt, aber in der Form wie hier wirkt das manchmal ein bischen faul und nachlässig. Der Look wirkt seltsam künstlich und unecht, die Figuren sind formelhaft und eindimensional und das Drehbuch kommt sehr episodenhaft daher. Einzig Tom Hardy in seiner Doppelrolle als Reginald und Ronald Kray ragt aus all der Mittelmäßigkeit dann doch deutlich heraus und es ist auch seinem tollen Schauspiel geschuldet, dass Legend nicht vollends in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

6 von 10 Eseln im Smoking

 

 

The Revenant

13. Januar 2016 at 19:56

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„As long as you can still grab a breath, you fight. You breathe… keep breathing.“

 

 

 

Der Trapper Hugh Glass befindet sich mit einigen anderen Männern unter der Führung von Captain Andrew Henry auf einer Expedition, um den Missouri River zu erforschen und Pelze für die Rocky Mountain Fur Company zu sammeln. Nicht nur immer wieder angreifende Indianer machen den Männern das Leben schwer, auch die Natur selbst kann sich schnell gegen sie wenden. Als Glass in einem unachtsamen Moment von einer Grizzlybärin angegriffen und schwer verletzt wird, ist er eine zusätzliche Belastung für die immer kleiner werdende Gruppe von Männern. Als die Last immer größer und Glass` Zustand immer schlechter wird, werden mit seinem indianischem Mischlingssohn Hawk, dem jungen Soldaten Bridger und John Fitzgerald drei Mann mit ihm zurückgelassen, um ihm ein würdevolles Begräbnis zu geben, sobald er tot ist. Fitzgerald jedoch hat andere Pläne und keine große Lust, noch tagelang mit den Indianern im Nacken im Schnee festzusitzen und darauf zu warten, dass Glass endlich stirbt. Es kommt zum Eklat in der Gruppe, Fitzgerald tötet Hawk, verscharrt Glass notdürftig in einem Loch und macht sich mit Bridger zusammen auf den Weg, den Rest ihrer Leute wiederzufinden. Doch Glass ist noch nicht vollends tot und der Mord an seinem Sohn gibt ihm die letzte Kraft, sich mit dem unerbittlichen Ziel der Rache nach und nach zurück ins Leben zu kämpfen…

 

Was wurde nicht alles im Vorfeld über die Dreharbeiten zu The Revenant berichtet, über die enormen Strapazen der gesamten Crew, über den Perfektionismus des Regisseurs, der alle in den Wahnsinn trieb. Alejandro González Iñárritu drehte ausnahmslos bei natürlichem Licht und verzichtete auf jegliche künstlichen Beleuchtungsquellen, was oft bedeutete, dass nur wenige Stunden zum Drehen geeignet waren. Und das im tief winterlichen kanadischen Calgary und in Argentinien, oft an nur schwer zugänglichen Orten und bei Temperaturen im deutlich zweistelligen Minusbereich. Zudem drehte Iñárritu The Revenant in chronologischer Szenenabfolge, was nicht nur völlig untypisch ist, sondern auch deutlich zeitraubender und aufwendiger. Kurzum: die Dreharbeiten waren für alle Beteiligten eine Tortur, schnell lagen die Nerven blank und nicht wenige stiegen aus dem Projekt aus. Es gab Gerüchte von Streitereien und Handgemengen untereinander, und viele, auch DiCaprio selbst, gaben hinterher zu Protokoll, nicht selten an physische und psychische Grenzen gestoßen zu sein. Wäre nun The Revenant ohne diese Strapazen ein anderer Film geworden? Schwer zu sagen, aber eines ist gewiss: man spürt sie deutlich, die Belastung, die allen bei den Dreharbeiten abverlangt wurde.

 

Das dominierende Thema in The Revenant ist Leid. Physisches und psychisches Leid gepaart mit Wut, Trauer und einem unbändigen Durst nach Rache, aber überwiegend ist es Leid, dass Iñárritu in faszinierenden und oftmals geradezu hypnotischen Bildern auf die Leinwand bringt. Natürlich ist es hauptsächlich Hugh Glass der leidet, aber schnell überträgt sich das auch auf den Zuschauer, so intensiv ist die Inszenierung von Schmerz, Entbehrung und Verzweiflung. Bereits der Einstieg in den Film gestaltet sich als schwer zu ertragen und zeigt einen Indianerangriff auf das Lager der Expedition. Die Kamera ist mittendrin, gleitet anmutig im Kampfgetümmel umher, ruhig, schonungslos und unbarmherzig bildet sie in einer von noch vielen folgenden atemberaubenden Plansequenzen die erstaunlich konsequente Gewalt auf beiden Seiten ab. Dem Zuschauer wird die Rolle des passiven Beobachters genommen, er ist sofort Teil des Geschehens und wird regelrecht hinein gezogen. Jegliche Distanz und sämtliche Barrieren, die man aufbauen könnte, werden bereits in den ersten Minuten egalisiert und es ist ungemein schwer, sich all dem zu entziehen. Unbedingt erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang der Mann hinter der Kamera, Emmanuel Lubezki. Der Mexikaner ist buchstäblich ein Zauberer der Bilder, ein Meister der Plansequenzen und vielleicht der aktuell Beste seines Fachs. Schon seine Arbeiten bei Children of Men und Gravity von Alfonso Cuarón, bei The New World, Tree of Life, To the Wonder und Knight of Cups von Terrence Malick und natürlich auch bei Birdman von Alejandro González Iñárritu waren allesamt absolut fantastisch, aber in The Revenant übertrifft Lubezki sich selbst. Nicht nur gelingt es ihm immer wieder absolut spektakuläre Bilder von umwerfender Schönheit in dieser doch so kargen und feindlichen Welt zu finden, er lässt seine Kamera sich in einer Art und Weise bewegen, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Mit verblüffender Leichtigkeit, geradezu tänzelnd, aber nie verspielt oder gar selbstverliebt, sondern trotzdem immer sehr direkt und ganz nah am Geschehen, wird nahezu jedes Detail eingefangen. Ähnlich verhält es sich mit dem faszinierenden Soundtrack des japanischen Pianisten und Komponisten Ryûichi Sakamoto, der bekannt ist für seine Ausflüge in Jazz, Neoklassik und Avantgarde-Pop, und bei The Revenant von Bryce Dessner unterstützt wird, seines Zeichens Gitarrist und Songwriter bei der Band The National. Sakamoto entwirft (alb)traumhafte Bruchstücke statt eines geradlinigen Klangteppichs, fiebrig, treibend und aufpeitschend, oft dissonant und arhytmisch, manchmal verstörend, aber immer die Bilder von Lubezki perfekt untermalend. So ensteht ein ganz eigener, sogartiger, gelegentlich rauschhafter Rhythmus aus Bildern, Musik, Kampfgetümmel, Leid, Schmerz, Schreien, Keuchen und pochenden Herzschlägen.

 

 

 

„I ain’t afraid to die anymore. I’d done it already.“

 

 

 

Kommen wir zu dem im Vorfeld vielleicht am meisten diskutierten Aspekt von The Revenant, den schauspielerischen Leistungen der Darsteller. Auf das leidige Thema Leonardo DiCaprio und den Oscar will ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen, denn ich kann diese Diskussion nur bedingt nachvollziehen, ist dieser Preis doch mittlerweile ohnehin recht wertlos und hat beinahe keinerlei Aussagekraft mehr über Qualität. Und ja, DiCaprio ist überragend in The Revenant und ich wage sogar zu behaupten, dass er noch nie so gut war. Eine unglaublich intensive und kraftvolle Darbietung ist das, die ihn nun vielleicht endgültig den allerletzten Schritt nehmen lässt hin zu solch absoluten Legenden wie Daniel Day-Lewis. DiCaprio hat sehr wenig Text im Film, seine Figur des Hugh Glass ist enorm wortkarg und spricht selten ganze Sätze, ist er anfangs doch sehr mit stöhnen, grunzen oder gurgeln beschäftigt und später meist auf sich allein gestellt in der Wildnis. Aber Dicaprio braucht keine Worte, um dem Zuschauer zu jeder Sekunde sein Leid, seinen Schmerz, seine Wut und seine Trauer absolut überzeugend und vollkommen glaubwürdig zu vermitteln. Vielleicht ist das dann auch der Punkt, an dem sich der Perfektionismus von Iñárritu auszahlt, mussten die Darsteller während der Dreharbeiten ja tatsächlich auch an ihre Grenzen und bis zum Äußersten gehen. Aber so brilliant DiCaprio in The Revenant auch spielt und scheinbar alles dominiert, darf man keineswegs die auch hervorragende Leistung eines Tom Hardy vergessen, der seinen John Fitzgerald in einen knurrigen Unsympathen aller erster Güte verwandelt, ein nuschelndes, manchmal kaum zu verstehendes, geradezu ekelhaft zynisches Bündel aus Hass, Abscheu, Gewalt und gnadenlosem Egoismus. Eine weitere von vielen tollen Darbietungen des Briten in den letzten paar Jahren. Und auch Domhnall Glesson, der schon in Ex Machina und The Force Awakens im letzten Jahr große Auftritte hatte, ist auch hier vertreten. Der scheinbar steil aufstrebende Sohn von Brendan Glesson liefert als Captain Andrew Henry ebenfalls eine sehr gute Performance, nuanciert und gewissenhaft, quasi der ruhige Gegenpol zu Hardy´s Fitzpatrick.

 

Klingt also alles nach einem Meisterwerk, nicht wahr? Nun, nicht ganz, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Ist das erste Drittel von The Revenant noch an Intensität kaum zu überbieten, ergeht sich Iñárritu gerade im Mittelteil ein wenig zu sehr im Leid des Hugh Glass, reizt es komplett aus und beginnt, sich erzählerisch im Kreis zu drehen. Irgendwie will der Regisseur einfach nicht ablassen von seinem tragischen Antihelden und die körperliche Grenzerfahrung an sich scheint ihm nicht zu genügen, vielmehr bauscht es sie künstlich auf und lässt seinen Protagonisten immer und immer wieder neue Extremsituationen durchleben. Das wird irgendwann repetitiv, nutzt sich ab und untergräbt letztlich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Ereignisse. Der Film verliert dadurch so einiges an Kompaktheit, die man gerade im etwas zähen und unnötig in die Länge gezogenen Mittelteil zu vermissen beginnt. Der Verzicht auf die eine oder andere peinigende Qual des Hugh Glass hätte The Revenant an diesen Stellen vermutlich gut getan, kommt doch unweigerlich der Punkt, an dem der Zuschauer zwar verstanden hat, was der Mann unsägliches durchleben muss, Iñárritu seine Qualen aber regelrecht zu zelebrieren beginnt und man dem durchaus überdrüssig werden kann. Zudem leistet sich der Mexikaner immer mal wieder leichte spirituelle Einsprengsel und driftet in etwas esoterische Bereiche ab, wenn man so will, die zwar durchweg absolut stimmungsvoll umgesetzt sind, erzählerisch aber nur bedingt dazu beitragen, The Revenant voran zu bringen. Ist der Mittelteil noch von diversen erzählerischen Längen durchsetzt und manchmal von Leerlauf geprägt, zieht dann aber das Tempo wieder an und das zweifellos grandiose und buchstäblich biblische Finale kommt seltsam plötzlich und irgendwie zu schnell. Der Weg dorthin wirkt eigenartig gerafft, gerade auch im Gegensatz zum mittleren Drittel des Films. Dafür fährt Iñárritu dann aber am Schluss wirklich nochmal alles auf, was er zu Beginn von The Revenant so fantastisch etablieren konnte und lässt den Zuschauer versöhnt aus seinem Film.

 

Das erhoffte und vielleicht auch erwartete Meisterwerk ist The Revenant letztlich nicht geworden, denn dafür gibt es phasenweise zuviel erzählerischen Leerlauf in einer ohnehin schon nicht sehr komplexen Rachestory um Schuld und Sühne. Was aber nun keineswegs bedeuten soll, The Revenant wäre ein schlechter oder langweiliger Film geworden, das nun wirklich nicht, es ist nämlich immer noch ein verdammt guter, nur eben kein Meisterwerk. In seinen besten Momenten ist The Revenant treibendes, pulsierendes und immer wieder auch verstörendes Kino in unglaublich schönen und zugleich auch grausamen Bildern, eingefangen durch die wohl beste Kameraarbeit seit sehr langer Zeit. Ein spürbar gewaltiger Kraftakt, den Alejandro González Iñárritu auf die Leinwand bringt und der sich schon bald schonungslos auf den Zuschauer überträgt, der aber auch ein wenig zu repetitiv geraten ist und seinen esoterischen Unterbau nur bedingt braucht. Alles in allem zweifellos ein absolut sehenswerter Film, vor allem auch und unbedingt im Kino, aber auch ein Film, an dem die breite Masse vielleicht nicht immer Geschmack finden wird, unterläuft seine Erzählstruktur doch gerne Mal festgefahrene Sehgewohnheiten.

 

8 von 10 gesammelten Skalps