Legend

30. Juli 2016 at 17:52

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„Me and my brother, we’re gonna rule London!“

 

 

 

Im London der 50er und 60er Jahre gehören die Zwillinge Reginald und Ronald Kray zu den aufstrebenden Gangstern der Stadt. Im Londoner East End beginnen sie den Aufbau ihres Imperiums, ihre Skrupellosigkeit beschleunigt ihren Aufstieg und schon bald zementiert ein lukrativer Deal mit der amerikanischen Mafia ihre Position nur noch weiter. Doch die ständigen, unkontrollierten Wutausbrüche des erst vor Kurzem aus der Psychiatrie entlassenen Ronald gefährden immer wieder ihre Geschäfte. Reginald hingegen heiratet bald die junge Frances und versucht besonnener zu agieren, was die Spannung zwischen den beiden Brüdern nur weiter zuspitzt, denn der eine sieht die Zukunft des Imperiums im Vorbild der Mafia in Las Vegas und der andere wünscht sich die gute alte Zeit zurück, als Probleme einfach mit Gewalt gelöst werden konnten. Als Reginald eine Haftstrafe antreten muss, eskaliert die Situation vollkommen.

 

Eines direkt vorweg: Ich empfand den Film als ausgesprochen ambivalent in seiner Inszenierung und schwankend in seiner Tonalität, aber Tom Hardy in seiner Doppelrolle ist zweifellos der größte Pluspunkt auf der Habenseite von Brian Helgelands fünften Film nach Payback, A Knight´s Tale, Sin Eater und dem Sportdrama 42. Ein Zitat des amerikanischen Filmkritikers Benjamin Lee beschreibt eines meiner größten Probleme mit Legend durchaus treffend: „Despite the fact that we’re dealing with all too real and relatively recent events, the entire film is given a brightly lit, cartoonish feel as if we’re watching an adaptation of a gaudy graphic novel.“ Tatsächlich wirkt der gesamte Look des Filmes seltsam artifiziell, alles fühlt sich sehr künstlich und unnatürlich an, wie Kulissen, beinahe so, als wären kaum Szenen an realen Schauplätzen gedreht worden, sondern ausnahmslos im Studio und manchmal kommen sogar ausgesprochen schlechte designte Computeranimationen zum Einsatz. Dazu ist Legend sehr episodenhaft erzählt und eilt von Plotpunkt zu Plotpunkt als würde Brian Helgeland lediglich eine Liste mit Ideen Stück für Stück abhaken, eine erzählerische Stringenz hingegen lässt der Film deutlich vermissen. Klammert man Tom Hardy in seiner Doppelrolle als Reginald und Ronald Kray einmal aus, dann sind sämtliche übrigen Charaktere in Legend sehr klischeehaft gezeichnet und scheinen direkt aus dem Baukasten für Gangsterthriller entsprungen zu sein. Hier bietet der Film nichts, was man nicht in ähnlichen Genrevertretern wie etwa GoodFellas, Casino, The Godfather oder vermutlich einem guten Dutzend weiteren Gangsterthrillern schon besser gesehen hat. Natürlich muss das nicht zwingend ein Nachteil sein, denn gut geklaut ist oft immer noch besser als schlecht erdacht, aber leider beschränkt sich Helgeland nicht nur allein auf den Großteil seiner Charaktere, sondern oft kommt einem auch der Szenenaufbau, manchmal sogar ganze Szenen und deren Abfolge sehr bekannt vor. So darf zum Beispiel die lange Kamerafahrt durch einen Nachtclub nicht fehlen, wenn Reginald mit Frances ausgeht und ihr seine Freunde und Bekannten vorstellt. Allzu offensichtlich kopiert Helgeland hier eine der stärksten Szenen in GoodFellas, macht das aber so sehr 1:1 am Film von Martin Scorsese, dass man schon kaum noch von einer Hommage sprechen kann, und solche Momente finden sich leider zu Hauf in Legend. Zudem fiel es mir immer wieder sehr schwer einen Bezug zu den Figuren und zum Film grundsätzlich aufzubauen. Immer, wenn ich das Gefühl bekam, jetzt hätte mich der Film auf seine Seite gezogen, dann passierte jedesmal, wirklich jedesmal sofort danach etwas, das mich wieder komplett aus dem Film riss. Und so unterhaltsam die Ausraster von Ronald anfangs auch sind, so inflationär setzt der Film sie ein. Wenn Joe Pesci seinen Tommy DeVito in GoodFellas ein oder zweimal  ausrasten lässt, dann hat das eine völlig andere, deutlich stärkere Wirkung als ein Ronald Kray, der gefühlt alle zehn Minuten vollkommen durchdreht und auf die beklopptesten Ideen kommt, wodurch sich diese Szenen sehr schnell abnutzen, vorhersehbar werden und letztlich einfach nur noch langweilig wirken.

 

Letztlich ist Legend zwar routiniert und solide inszeniert, aber irgendwie auch ein wenig lieblos umgesetzt und kämpft doch sehr um seine filmische Identität, denn zu viele Szenen und Charaktere kennt man bereits aus deutlich besseren  Gangsterthrillern und Helgeland vermag dem Genre kaum bis nichts neues abzugewinnen. Muss er auch nicht unbedingt, aber in der Form wie hier wirkt das manchmal ein bischen faul und nachlässig. Der Look wirkt seltsam künstlich und unecht, die Figuren sind formelhaft und eindimensional und das Drehbuch kommt sehr episodenhaft daher. Einzig Tom Hardy in seiner Doppelrolle als Reginald und Ronald Kray ragt aus all der Mittelmäßigkeit dann doch deutlich heraus und es ist auch seinem tollen Schauspiel geschuldet, dass Legend nicht vollends in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

6 von 10 Eseln im Smoking